Gehört: „Der Rosie-Effekt“ von Graeme Simsion

Lustig und unangenehm zugleich: „Der Rosie-Effekt“ von Graeme Simsion.

Lustig und unangenehm zugleich: „Der Rosie-Effekt“ von Graeme Simsion.

Selten war ich über ein Hörbuch so zwiegespalten wie in diesem Fall. Dass ich innerlich so uneins bin, hat natürlich seine Gründe, die ich nun darzulegen versuche.

Hörbuch

Das Hörbuch an sich ist in hervorragender Qualität produziert, es gibt keine Aussetzer, die Audio-Auflösung ist so hoch, dass ich beim Hören mit den AirPods keinerlei nennenswerte Artefakte oder Verzerrungen feststellte. Der Sprecher, Oliver Kube, ist der gleiche wie beim ersten Teil – und er war da schon perfekt gewählt, denn sein Tonfall vermittelt genau die Akkuratesse, die man auch von Don Tillman erwarten würde. Viele der lustigsten Stellen werden gerade erst durch die Trockenheit seiner Sprechweise ins rechte Licht gerückt. Aus dieser Perspektive ist das Hörbuch auf jeden Fall makellos.

Handlung

Der Anreißer-Text zum Hörbuch bei iTunes liest sich wie folgt:

O Baby! Für Don, den unwahrscheinlichsten romantischen Helden, den es je gab, geht’s nach dem Happy-End geht’s erst richtig los.
Don Tillmans »Ehefrau-Projekt« hat geklappt. Er lebt mit Rosie in New York. Und Rosie ist schwanger. Don will natürlich der brillanteste werdende Vater aller Zeiten sein, stürzt sich in die Forschung und entwickelt einen wissenschaftlich exakten Schwangerschafts-Zeitplan für Rosie.
Aber seine ungewöhnlichen Recherchemethoden führen erstmal dazu, dass er verhaftet wird. Was Rosie auf keinen Fall erfahren darf, um ihre Beziehung nicht zu belasten. Also muss Don improvisieren, seinen Freund Gene einspannen und Lydia, die Sozialarbeiterin, davon überzeugen, dass er ein Superdad sein wird. Bei alledem übersieht er fast das Wichtigste: seine Liebe zu Rosie und die Gefahr, sie genau dann zu verlieren, wenn sie ihn am meisten braucht.

Und der Anreißer-Text lügt nicht, genau diese Elemente kennzeichnen die Handlung. Viele skurrile Situationen, die durch Dons eigentümliche Wahrnehmung der Realität und seine oft standhafte Weigerung, etwas anderes als Logik als Argumentationsmittel einzusetzen, sorgen für amüsiertes Kopfschütteln.

Die Unkenntnis diverser sozialer Gepflogenheiten erreicht in der Schilderung nicht selten Schenkelklopfer-Qualitäten. Don wird (s.o.) verhaftet, auf der Polizeiwache wird er verhört, wobei sein Gegenüber zum Glück schnell merkt, dass er völlig harmlos und nur ein etwas verschrobener Kauz ist. Nach einem längeren Gespräch wird Don also gefragt, ob er etwas zu trinken wünsche – selbstverständlich in der Erwartung, nach Wasser oder Kaffee zu verlangen. Doch Don „bestellt“ bei dem Polizeibeamten einen Tequila. Als dieser erstaunt nachfragt, ob er nicht lieber einen Cocktail möchte, antwortet Don völlig ernsthaft, dass ihm der Tequila völlig genüge, da er das Vorhandensein frischer Cocktail-Zutaten im Polizeirevier bezweifle. Viele weitere Stellen sind in diesem Stil geschrieben – das liebe ich an diesem Hörbuch!

Unangenehm

Und dennoch waren mir von den fast exakt elf Stunden Hörbuch mindestens vier oder fünf geradezu zuwider. Es lag nicht am Schreibstil, denn dieser ist einheitlich auf gleich gutem Niveau, vielmehr ist es etwas, das auch in Filmen heute relativ häufig eingesetzt wird, um am Ende eine stärkere Erleichterung beim Zuschauer zu erreichen: Das Dilemma wird konsequent und bis ins schier Unerträgliche gesteigert. Und ich hasse das.

Vor Jahren habe ich ein einziges Mal den Film „Butterfly Effect“ gesehen. Auch in diesem wird die Unerträglichkeit so lange gesteigert, dass ich ganz kurz davor war, den Film auch noch zehn Minuten vor seinem Ende abzubrechen. Auf jeden Fall war mir das zu viel bzw. emotional zu anstrengend. Ich habe den Film seither nicht mehr angesehen, werde es auch nie wieder tun. Zumindest nicht freiwillig.

Mit dem Hörbuch ist es zum Glück nicht ganz so schlimm, aber irgendwie rührten viele der geschilderten Probleme, denen Don sich ausgesetzt sieht, an Erinnerungen aus meinem eigenen Leben. Ein paar Situationen, die verständlich, aber doch auch (aus meiner Sicht) schwer verdaulich waren:

  • Wie aus dem Anreißer-Text schon ersichtlich wurde, ist Rosie schwanger. Sie überfällt Don, von dessen emotionalen Einschränkungen sie ja nun ausreichend wissen müsste, mit der Nachricht und ist dann erbost (und äußerst nachtragend), dass er nicht in gleichem emotionalen Maße wie sie reagiert. Das ist mir nicht passiert, aber ungleiche emotionale Reaktionen gibt es häufig – und sie führen fast immer zu Spannungen in der Beziehung. Diese dann literarisch ausgebreitet zu bekommen, ist nicht zwingend „angenehm“ zu nennen.
  • Rosie informiert Don über den Termin für die erste Ultraschall-Untersuchung, gibt aber mit keinem Wort zu verstehen, dass sie ihn dabei haben will. Also kommt er auch nicht mit. Sein Argument ist die Logik, denn er würde es als anmaßend oder gar belästigend gegenüber der Gynäkologin empfinden, sich mit seiner eigenen Meinung bzw. seinen eigenen Nachfragen einzumischen. Noch dazu vertraut er darauf, dass die Gynäkologin die Expertin ist und er als Vater keinen nennenswerten Beitrag leisten könnte. Kurzum: Sein Argument ist logisch, Rosies Reaktion emotional (wieder einmal erbost und nachtragend). Gerade diese Stelle empfand ich persönlich als besonders unangenehm, denn Rosie hätte wissen müssen, dass das regulär zu erwartende Verhaltensmuster eben nicht dem entspricht, was von Don zu erwarten wäre. Den zu vermutenden Ärger über ihr eigenes Versäumnis bzw. die Enttäuschung darüber, dass er eben doch keine Gedanken lesen kann, lastet sie aber gnadenlos ihm an.
  • Egal, was Don auch unternimmt, sei es die Bestellung des sichersten Kinderwagens (der nur leider eher einem Kleinpanzer ähnelt) oder das Aufstellen eines ausgeklügelten Ernährungsplans (gegen den die sprunghaften Gelüste der Schwangeren rebellieren), alles wird am Ende gegen ihn ausgelegt. Was er auch macht, in Rosies Augen macht er es falsch. Meine Frau hat mir während der Schwangerschaften nicht das Gefühl gegeben, alles falsch zu machen, deplatziert fühlt man sich als Mann aber doch immer wieder, denn das heranwachsende Kind ist dem Einfluss des Vaters nun einmal weitgehend entzogen. Und dieses Gefühl der Hilflosigkeit, das gerade bei dem emotional sehr gehemmten Don noch wesentlich drastischer ausfällt, wurde durch das Hörbuch auf die schärfste Weise in mir wachgerufen. Ich war gestern beim Hören dieser Abschnitte völlig in meiner eigenen Welt versunken und wälzte viele vergleichbare Erinnerungen, die in den letzten Jahren allmählich auf Tauchstation im Unterbewusstsein gegangen waren.
  • Auch die unterschiedliche Herangehensweise von Mann und Frau – Don als Mann erkennt ein Problem und sucht eine pragmatische (und oft schnelle) Lösung, Rosie als Frau möchte einfach nur ihre Emotionen dazu äußern bzw. sich mit dem Partner darüber austauschen – sorgen immer wieder dafür, dass aus „gut gemeint“ genau das Gegenteil von „gut“ wird. Mir war zwar permanent bewusst, dass es sich um einen Roman handelt, doch leuchteten so viele kleinere und größere Parallelen zum wirklichen Leben auf, dass das ein wirklicher „Stimmungskiller“ war…

Weiter möchte ich in dieser Hinsicht gar nicht ins Detail gehen. Aber ich denke, dass auch ich in dieser Hinsicht nicht allein dastehe mit der Auffassung, dass diese Abschnitte nicht gerade „angenehm unterhaltend“ sind.

Fazit

Eine klare Stärke dieses zweiten Teils ist die Einführung neuer und in der Darstellung ihrer Persönlichkeit sehr gelungener Charaktere wie George und Lydia, der Spiegel, der unserer heutigen Gesellschaft bezüglich des Umgangs mit der Schwangerschaft (vor allem der beinahe schon hysterisch zu nennenden Übervorsicht und der vielen unreflektiert weitergetragenen Mythen) vorgehalten wird, sowie die zähe Verbissenheit Dons, der sich partout nicht geschlagen geben will, selbst als die Logik ihm eigentlich schon nahelegt, das Ende der Beziehung zu Rosie einfach zu akzeptieren und zu seinem wesentlich simpleren Lebensstil als Single zurückzukehren.

Auf jeden Fall werde ich mir das Hörbuch nach einer gewissen Pause noch einmal anhören, immerhin habe ich den Schluss, der nach der langen Stressphase zu einer Happy End-Katharsis führt, ja nun auch intus. Aber die unbeschwerte Lustigkeit des ersten Teils kann diese Fortsetzung für mich einfach nicht im gleichen Maße zustande bringen. Schade.

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Ein Gedanke zu „Gehört: „Der Rosie-Effekt“ von Graeme Simsion

  1. […] den letzten Blog-Einträgen über Hörbücher war nicht alles Gold, was glänzt (hier und hier), bzw. auch wenn die Hörbücher an sich makellos produziert und vorgelesen waren, trafen […]

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