Gehört: „Sleeping Beauties“ von Stephen King

Ein überraschend erfrischender Roman, der so manchem „Prachtmann“ einen Spiegel vorhält...
Ein überraschend erfrischender Roman, der so manchem „Prachtmann“ einen Spiegel vorhält…

Der „Stephen King“-Stil

Stephen King ist (neben John Scalzi) der Autor, den ich in den letzten Jahren am meisten gelesen habe. Hin und wieder gibt es eine Phase, in der mir seine etwas weitschweifigen Erläuterungen ein bisschen zu viel sind, meistens aber ist sein Stil ganz genau „mein Ding“. Er etabliert binnen kurzer Zeit eine starke Vertrautheit mit den Figuren seiner Romane und lässt die Geschichte dann in ruhigem Erzähltempo „einfach laufen“ – was nicht heißt, dass es nicht von Zeit zu Zeit auch einmal heftig zur Sache geht und das Tempo massiv angezogen wird.

Ich kenne einige Leser, die mit dieser sehr ausführlichen, im bereits erwähnten „lockeren Gesprächstempo“ gehaltenen Art des Autors einfach nicht gut zurechtkommen: Das Lesen eines King-Romans ist ihnen zu ausführlich, zu lang(wierig) und vielleicht auch zu umständlich, bis sich der Höhepunkt dann endlich mal aus dem Wust an einzelnen Erzähl-Fäden herauskristallisiert. Verstehe ich, gelegentlich geht’s mir ja ebenso, doch mir gefällt’s nun einmal fast immer.

Roman + Hörbuch = doppelter Genuss

Ich lese fast ausnahmslos erst das Buch, danach gönne ich mir das Hörbuch, was bei den langen Romanen durchaus mal 40-50 Stunden umfassen kann („Es“ ist beispielsweise etwas mehr als 51 Stunden lang). Doch gerade das Anhören, nachdem man den Roman schon gelesen hat, ist eine sehr vertiefende Angelegenheit, die für mich oft erst noch eine Qualitätsebene draufpackt: Immerhin kenne ich den Ausgang und die Figuren schon, beim Hördurchgang kann ich also auf die ganzen Feinheiten achten, die mir beim ersten Lesen eventuell „durchgeschlüpft“ sind.

Im Falle des „Dunklen Turms“, einer insgesamt auf acht teils sehr umfangreiche Romane verteilten Geschichte, waren die wiederholten Hörbuch-Repetitionen äußerst hilfreich, um die unzähligen kleinen Verknüpfungen zwischen den einzelnen Teilen, aber auch etlichen anderen King-Romanen immer wieder aufgezeigt zu bekommen. So entsteht eine noch intensivere Dynamik, die gesamte Stimmung ist dichter gepackt, die Charaktere werden noch lebendiger und ihre Motive ziehen mich tiefer und tiefer in die Geschichte hinein. Aktuell bin ich zu zwei Dritteln mit dem siebten (und die Handlung eigentlich abschließenden) Band fertig, das Hörbuch liegt bereit, ebenso wie der wesentlich später ergänzte achte Band („Wind“), der allerdings zwischen den anderen Teilen angesiedelt ist und nur noch einzelne kleinere Lücken schließen soll.

Nur Hörbuch – selten, aber auch gut

Selten kommt es auch vor, dass ich statt des Lesens gleich zum Hörbuch vorstoße, meistens liegt das am Preis – jaaaa, das Schwabentum hat mich gepackt, ich gestehe es! Aber den Roman für zehn oder zwölf Euro zu kaufen, wenn ich das Hörbuch für 13 oder 14 Euro haben kann, gelegentlich ist das Hörbuch sogar günstiger als das „normale Buch“ (bei mir ja ohnehin immer in der digitalen Version bei iBooks) – in diesem Fall spare ich mir manchmal den Umweg über die Lese-Variante. Ganz besonders gilt das für die Hörbücher, die vordringlich zum Laufen gedacht sind, denn da brauche ich häufig neues Futter. Zwar höre ich auch alte Hörbücher immer wieder mal an – alle fünf Teile von John Scalzis „Krieg der Klone“ habe ich mindestens schon dreimal angehört (aber auch vorher gelesen) – aber „variatio delectat“, Abwechslung erfreut.

„Sleeping Beauties“

Einer der jüngeren King-Romane ist „Sleeping Beauties“, genau genommen ist es ein „doppelter“ King-Roman, denn Stephen King hat ihn gemeinsam mit seinem Sohn Owen (King) geschrieben. Schon sehr bald nach dem Erscheinen gab es auch eine Hörbuch-Fassung, die von David Nathan, einem der besten King-Leser aller Zeiten, vorgetragen wird und – Achtung: Schwabe am Werk! – „preislich attraktiv“ war, also griff ich zu. Über die folgenden Wochen hörte ich bei meinen morgendlichen Läufen (und in zunehmendem Maße auch in der übrigen Zeit) eine faszinierende Geschichte, die sich über fast 28 Stunden durch meine Ohren in mir ausbreitete.

Ich will auf keinen Fall etwas spoilern, doch muss ich von einer Sache berichten, dazu komme ich nach dem „Klappentext“ des Buchs (von Amazon):

Die Welt sieht sich einem faszinierenden Phänomen gegenüber: Sobald Frauen einschlafen, umhüllt sie am ganzen Körper ein spinnwebartiger Kokon. Wenn man sie weckt oder das unheimliche Gewebe entfernen will, werden sie zu barbarischen Bestien. Sind sie im Schlaf an einem schöneren Ort? Die zurückgebliebenen Männer überlassen sich zunehmend ihren primitiven Instinkten. Eine Frau allerdings, die mysteriöse Evie, scheint gegenüber der Pandemie immun zu sein. Ist sie eine genetische Anomalie, die sich zu Versuchszwecken eignet? Oder ist sie ein Dämon, den man vernichten muss? Schauplatz und Brennpunkt ist ein kleines Städtchen in den Appalachen, wo ein Frauengefängnis den größten Arbeitgeber stellt…

Die „bösen“ Männer…

Wie sowohl Titel als auch Klappentext schon andeuten, haben es die Männer in dieser Geschichte nicht einfach, denn nicht selten stehen sie als die Bösewichte dar, das reicht von „Mansplaining“ über typisch dominierendes Verhalten in diversen gesellschaftlichen Alltagssituationen bis hin zum Ausüben von physischer (und im Extremfall sexueller) Gewalt gegenüber Frauen. Beim Hören dachte ich mir immer wieder: Interessant, dass das Buch gerade von zwei Männern geschrieben wurde…

Der Teufel steckt oft auch im Detail, denn so manches im Roman beschriebene (und sicher auch im Alltag permanent auftretende) Verhalten, das sicher nicht „böse“ gemeint ist, kann aber als typisch männlich dominantes Verhalten klassifiziert werden, das die eine oder mehrere andere (oder alle anderen) Frauen in eine vergleichsweise benachteiligte Position zwingt. Hin und wieder fühlte ich mich beim Anhören genötigt, mir an die eigene Nase zu fassen, so erkannte ich eigene unreflektierte Verhaltensweisen, die mir Tag für Tag völlig selbstverständlich „von der Hand gehen“. Das kam in dieser Häufigkeit und Deutlichkeit noch bei keinem anderen Roman vor – Hut ab!

Fazit

Das war für die männlichen Leser jetzt vielleicht ein bisschen viel, dennoch: Der Roman ist spannend und höchst faszinierend, ich habe ihn beim Hören genossen und im Anschluss meiner Frau empfohlen, die ihn sich auch angehört und ebenfalls für gut befunden hat. Wer also Interesse daran hat, mal einen „etwas anderen“ King-Roman zu lesen/hören, ist hier sicher an der richtigen Adresse. Das Hörbuch kostet bei iTunes nicht viel (ich glaube, es waren ca. 15 Euro), daher kann ich das nicht zuletzt wegen des genialen David Nathan wärmstens empfehlen.

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Gehört: „Der Mann, der zu träumen wagte“ von Graeme Simsion

Vor beträchtlicher Zeit hatte ich das enorme Vergnügen, mir zuerst den Roman und anschließend das Hörbuch von „Das Rosie-Projekt“ des australischen Autors Graeme Simsion zu Gemüte zu führen (hier), später folgte noch die Fortsetzung „Der Rosie-Effekt“, mit dem ich nicht ganz so glücklich war – vor allem, weil die Schilderungen der Ehe-Probleme so überaus realistisch waren, dass es mir beim Hören geradewegs „an die Nieren“ ging… (hier). Vor kurzem entdeckte ich bei Apple Music in der Hörbuch-Sparte ein neues Hörbuch von Graeme Simsion mit dem Titel „Der Mann, der zu träumen wagte“ (Link).

Mental immer noch in einer über 20 Jahre alten Erinnerung an eine damals abgebrochene Beziehung gefangen stolpert Adam kopfüber in ein erneutes Aufflammen der Liebe zu der „Frau von damals“.
Mental immer noch in einer über 20 Jahre alten Erinnerung an eine damals abgebrochene Beziehung gefangen stolpert Adam kopfüber in ein erneutes Aufflammen der Liebe zu der „Frau von damals“.

Überlegen musste ich nicht lange, geladen war‘s gleich (der Schwabe in mir jubilierte, weil das im Abo-Preis inbegriffen war). Gestern habe ich es zu Ende gehört – und das mit großem Genuss!

Handlung

Ich fasse kurz zusammen, in welche Richtung sich die Geschichte bewegt, verschweige aber die wichtigsten Entwicklungen, die nach der Vorstellung der Personen und ihrer jeweiligen Vorgeschichte einsetzen.

Adam ist ein Datenbank-Architekt, der in seiner Freizeit in einer Bar in Melbourne Klavier spielt. Dort lernt er eines Tages Angelina kennen, die noch verheiratet, aber von ihrem Ehemann gefrustet und mit ihrem Leben im Allgemeinen unzufrieden. Gemeinsam musizieren sie, kommen sich näher – und nach einigen Wochen beginnt eine intensive Beziehung. Adams Arbeitsvertrag zwingt ihn jedoch nach wenigen Monaten, Australien zu verlassen. Angelina kann als Schauspielerin in einer Sitcom nicht weg. Sie verlieren sich aus den Augen.
Adam heiratet einige Zeit später, doch im Verlauf von gut 20 Ehejahren leben er und seine Frau Claire sich allmählich auseinander. Gerade an dem Punkt, als Adam und seine Frau gleichzeitig in einer beruflichen Umbruchsphase stecken, sie beide schon in getrennten Schlafzimmern nächtigen und kaum mehr als eine punktuelle Zweckgemeinschaft darstellen, meldet sich seine alte Flamme Angelina urplötzlich per Email, was Adam auf eine wahre emotionale Achterbahnfahrt schickt…

Mehr gebe ich hier nicht preis, denn sonst ist die angenehme Spannung dahin. Und wenn man schon weiß, wie die Geschichte endet, verlieren viele Handlungselemente ihren Reiz.

Fazit

Graeme Simsion hat einen kurzen und sehr unterhaltsamen Roman abgeliefert, der vor allem für Menschen jenseits der 30 attraktiv sein wird, da er einige eigene Lebenserfahrung voraussetzt, um die Motive der Hauptpersonen vollends würdigen und somit die eine oder andere Entscheidung gutheißen zu können. Der Schreibstil ist sehr flüssig, oft witzig-humorvoll, gelegentlich deftig erotisch, manchmal beißend sarkastisch, in diesem Fall zusätzlich angereichert mit unzähligen Musik-Titeln (oder Anspielungen darauf), die der Protagonist am Klavier spielt und singt – ein Element, das mir den Hörgenuss noch deutlich erhöht hat. Normalerweise mache ich einen großen Bogen um Bücher, die sich primär um „Beziehungskisten“ drehen, „Der Mann, der zu träumen wagte“ war jedoch eine äußerst positive Überraschung, das Hörbuch muss ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal anhören.

Song des Tages (339) – 2017-08-17

Jeden Tag empfehle ich einen Song als den „Song des Tages“. Ich bin ein Mann, was mir einige charakteristische Verhaltensweisen auf natürliche Weise mitgibt oder mir durch mein soziales Umfeld mehr oder weniger aufzwingt. Dass „Männer“ etwas ganz Besonderes sind, hat auch Herbert Grönemeyer schon vor etlichen Jahren bemerkt und in Form eines sehr erfolgreichen Songs der Öffentlichkeit kundgetan – und heute ist es der Song des Tages:

Wie so oft: Herbie ist und bleibt eine umstrittene Figur, doch ich mag seine abgehackte, fast schon deklamatorische Art zu singen. Als Typ kenne ich ihn zu wenig und beschäftige mich auch nicht weiter mit ihm, um mich da zu positionieren, als Musiker respektiere ich ihn, denn er ist seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich in einem heiß umkämpften Markt – und das kommt nicht von allein.

Alle Songs in meiner freigegebenen Apple Music-Playlist.

Der 1.001. Beitrag!

Heute früh durfte ich ausschlafen, was sehr angenehm war. Pünktlich um kurz vor sechs rief mein Körper aber: „He, du liegst schon anderthalb Stunden länger als sonst hier herum, jetzt wird’s dringend Zeit, aufzuwachen!“ Gleich darauf piepste meine Apple Watch mit der Mitteilung, mein Beitrag Song des Tages sei veröffentlicht worden, dicht gefolgt von einer weiteren Mitteilung, dass dies mein 1.000. Beitrag auf diesem WordPress-Konto sei:

Tatsächlich: Ich habe mit dem einen von heute früh schon 1.000 Beiträge auf diesem Blog veröffentlicht! (Dieser ist der 1.001.!)
Tatsächlich: Ich habe mit dem einen von heute früh schon 1.000 Beiträge auf diesem Blog veröffentlicht! (Dieser ist der 1.001.!)

Derart beflügelt drehte ich mich um und ruhte noch eine ganze Weile. Dann stand ich auf, spülte alles, was ich gestern Abend nicht mehr wegräumen wollte, fort und ging dann Laufen. Das Wetter spielte ganz gut mit, also lief ich einfach immer weiter, am Ende wurden es 22,42 Kilometer, also etwas mehr als ein Halbmarathon:

Huuuiiiiii! Heute war ich richtig schnell!
Huuuiiiiii! Heute war ich richtig schnell!

In den letzten Wochen lief ich immer mit einem Tempo von etwa 6:10/km bis 6:30/km, heute hatte ich – vermutlich bedingt durch einen wahren Schokoladen-Fressanfall gestern Abend und den langen Nachtschlaf – unglaubliche Energiereserven, wodurch ich die letzten Kilometer mit 4:50/km absolvierte. Das beeindruckte mich selbst, weil es vollkommen unerwartet war.

Zur Belohnung erhielt ich noch eine Aktivitäts-Medaille auf meiner Apple Watch, die schön, aber nicht allzu bedeutsam ist. Ich war zwar vor vielen Jahren im Yellowstone-Nationalpark, ziehe aber Yosemite eindeutig vor…

Die heute gewonnene Herausforderung (bzw. die dazugehörige Trophäe): Schick, aber nicht wirklich nötig, gelaufen wäre ich ohne den Anreiz auch.
Die heute gewonnene Herausforderung (bzw. die dazugehörige Trophäe): Schick, aber nicht wirklich nötig, gelaufen wäre ich ohne den Anreiz auch.

Und damit habe ich die 2.900 Kilometer in diesem Kalenderjahr überwunden, nähere mich nun allmählich den 3.000 Kilometern an.

Der aktuelle Zwischenstand, nach wie vor keine Aussetzer in diesem Kalenderjahr. Wie sagt man so schön: „Es läuft...“
Der aktuelle Zwischenstand, nach wie vor keine Aussetzer in diesem Kalenderjahr. Wie sagt man so schön: „Es läuft…“

Ohne gutes Schuhwerk, AirPods und Hörbücher (sowie geeignete Kleidung) wäre das nicht drin gewesen. Noch dazu treibt mich der Wille, für meine Frau in Form zu bleiben, mindestens ebenso an…

Gehört: „Der Rosie-Effekt“ von Graeme Simsion

Lustig und unangenehm zugleich: „Der Rosie-Effekt“ von Graeme Simsion.
Lustig und unangenehm zugleich: „Der Rosie-Effekt“ von Graeme Simsion.

Selten war ich über ein Hörbuch so zwiegespalten wie in diesem Fall. Dass ich innerlich so uneins bin, hat natürlich seine Gründe, die ich nun darzulegen versuche.

Hörbuch

Das Hörbuch an sich ist in hervorragender Qualität produziert, es gibt keine Aussetzer, die Audio-Auflösung ist so hoch, dass ich beim Hören mit den AirPods keinerlei nennenswerte Artefakte oder Verzerrungen feststellte. Der Sprecher, Oliver Kube, ist der gleiche wie beim ersten Teil – und er war da schon perfekt gewählt, denn sein Tonfall vermittelt genau die Akkuratesse, die man auch von Don Tillman erwarten würde. Viele der lustigsten Stellen werden gerade erst durch die Trockenheit seiner Sprechweise ins rechte Licht gerückt. Aus dieser Perspektive ist das Hörbuch auf jeden Fall makellos.

Handlung

Der Anreißer-Text zum Hörbuch bei iTunes liest sich wie folgt:

O Baby! Für Don, den unwahrscheinlichsten romantischen Helden, den es je gab, geht’s nach dem Happy-End geht’s erst richtig los.
Don Tillmans »Ehefrau-Projekt« hat geklappt. Er lebt mit Rosie in New York. Und Rosie ist schwanger. Don will natürlich der brillanteste werdende Vater aller Zeiten sein, stürzt sich in die Forschung und entwickelt einen wissenschaftlich exakten Schwangerschafts-Zeitplan für Rosie.
Aber seine ungewöhnlichen Recherchemethoden führen erstmal dazu, dass er verhaftet wird. Was Rosie auf keinen Fall erfahren darf, um ihre Beziehung nicht zu belasten. Also muss Don improvisieren, seinen Freund Gene einspannen und Lydia, die Sozialarbeiterin, davon überzeugen, dass er ein Superdad sein wird. Bei alledem übersieht er fast das Wichtigste: seine Liebe zu Rosie und die Gefahr, sie genau dann zu verlieren, wenn sie ihn am meisten braucht.

Und der Anreißer-Text lügt nicht, genau diese Elemente kennzeichnen die Handlung. Viele skurrile Situationen, die durch Dons eigentümliche Wahrnehmung der Realität und seine oft standhafte Weigerung, etwas anderes als Logik als Argumentationsmittel einzusetzen, sorgen für amüsiertes Kopfschütteln.

Die Unkenntnis diverser sozialer Gepflogenheiten erreicht in der Schilderung nicht selten Schenkelklopfer-Qualitäten. Don wird (s.o.) verhaftet, auf der Polizeiwache wird er verhört, wobei sein Gegenüber zum Glück schnell merkt, dass er völlig harmlos und nur ein etwas verschrobener Kauz ist. Nach einem längeren Gespräch wird Don also gefragt, ob er etwas zu trinken wünsche – selbstverständlich in der Erwartung, nach Wasser oder Kaffee zu verlangen. Doch Don „bestellt“ bei dem Polizeibeamten einen Tequila. Als dieser erstaunt nachfragt, ob er nicht lieber einen Cocktail möchte, antwortet Don völlig ernsthaft, dass ihm der Tequila völlig genüge, da er das Vorhandensein frischer Cocktail-Zutaten im Polizeirevier bezweifle. Viele weitere Stellen sind in diesem Stil geschrieben – das liebe ich an diesem Hörbuch!

Unangenehm

Und dennoch waren mir von den fast exakt elf Stunden Hörbuch mindestens vier oder fünf geradezu zuwider. Es lag nicht am Schreibstil, denn dieser ist einheitlich auf gleich gutem Niveau, vielmehr ist es etwas, das auch in Filmen heute relativ häufig eingesetzt wird, um am Ende eine stärkere Erleichterung beim Zuschauer zu erreichen: Das Dilemma wird konsequent und bis ins schier Unerträgliche gesteigert. Und ich hasse das.

Vor Jahren habe ich ein einziges Mal den Film „Butterfly Effect“ gesehen. Auch in diesem wird die Unerträglichkeit so lange gesteigert, dass ich ganz kurz davor war, den Film auch noch zehn Minuten vor seinem Ende abzubrechen. Auf jeden Fall war mir das zu viel bzw. emotional zu anstrengend. Ich habe den Film seither nicht mehr angesehen, werde es auch nie wieder tun. Zumindest nicht freiwillig.

Mit dem Hörbuch ist es zum Glück nicht ganz so schlimm, aber irgendwie rührten viele der geschilderten Probleme, denen Don sich ausgesetzt sieht, an Erinnerungen aus meinem eigenen Leben. Ein paar Situationen, die verständlich, aber doch auch (aus meiner Sicht) schwer verdaulich waren:

  • Wie aus dem Anreißer-Text schon ersichtlich wurde, ist Rosie schwanger. Sie überfällt Don, von dessen emotionalen Einschränkungen sie ja nun ausreichend wissen müsste, mit der Nachricht und ist dann erbost (und äußerst nachtragend), dass er nicht in gleichem emotionalen Maße wie sie reagiert. Das ist mir nicht passiert, aber ungleiche emotionale Reaktionen gibt es häufig – und sie führen fast immer zu Spannungen in der Beziehung. Diese dann literarisch ausgebreitet zu bekommen, ist nicht zwingend „angenehm“ zu nennen.
  • Rosie informiert Don über den Termin für die erste Ultraschall-Untersuchung, gibt aber mit keinem Wort zu verstehen, dass sie ihn dabei haben will. Also kommt er auch nicht mit. Sein Argument ist die Logik, denn er würde es als anmaßend oder gar belästigend gegenüber der Gynäkologin empfinden, sich mit seiner eigenen Meinung bzw. seinen eigenen Nachfragen einzumischen. Noch dazu vertraut er darauf, dass die Gynäkologin die Expertin ist und er als Vater keinen nennenswerten Beitrag leisten könnte. Kurzum: Sein Argument ist logisch, Rosies Reaktion emotional (wieder einmal erbost und nachtragend). Gerade diese Stelle empfand ich persönlich als besonders unangenehm, denn Rosie hätte wissen müssen, dass das regulär zu erwartende Verhaltensmuster eben nicht dem entspricht, was von Don zu erwarten wäre. Den zu vermutenden Ärger über ihr eigenes Versäumnis bzw. die Enttäuschung darüber, dass er eben doch keine Gedanken lesen kann, lastet sie aber gnadenlos ihm an.
  • Egal, was Don auch unternimmt, sei es die Bestellung des sichersten Kinderwagens (der nur leider eher einem Kleinpanzer ähnelt) oder das Aufstellen eines ausgeklügelten Ernährungsplans (gegen den die sprunghaften Gelüste der Schwangeren rebellieren), alles wird am Ende gegen ihn ausgelegt. Was er auch macht, in Rosies Augen macht er es falsch. Meine Frau hat mir während der Schwangerschaften nicht das Gefühl gegeben, alles falsch zu machen, deplatziert fühlt man sich als Mann aber doch immer wieder, denn das heranwachsende Kind ist dem Einfluss des Vaters nun einmal weitgehend entzogen. Und dieses Gefühl der Hilflosigkeit, das gerade bei dem emotional sehr gehemmten Don noch wesentlich drastischer ausfällt, wurde durch das Hörbuch auf die schärfste Weise in mir wachgerufen. Ich war gestern beim Hören dieser Abschnitte völlig in meiner eigenen Welt versunken und wälzte viele vergleichbare Erinnerungen, die in den letzten Jahren allmählich auf Tauchstation im Unterbewusstsein gegangen waren.
  • Auch die unterschiedliche Herangehensweise von Mann und Frau – Don als Mann erkennt ein Problem und sucht eine pragmatische (und oft schnelle) Lösung, Rosie als Frau möchte einfach nur ihre Emotionen dazu äußern bzw. sich mit dem Partner darüber austauschen – sorgen immer wieder dafür, dass aus „gut gemeint“ genau das Gegenteil von „gut“ wird. Mir war zwar permanent bewusst, dass es sich um einen Roman handelt, doch leuchteten so viele kleinere und größere Parallelen zum wirklichen Leben auf, dass das ein wirklicher „Stimmungskiller“ war…

Weiter möchte ich in dieser Hinsicht gar nicht ins Detail gehen. Aber ich denke, dass auch ich in dieser Hinsicht nicht allein dastehe mit der Auffassung, dass diese Abschnitte nicht gerade „angenehm unterhaltend“ sind.

Fazit

Eine klare Stärke dieses zweiten Teils ist die Einführung neuer und in der Darstellung ihrer Persönlichkeit sehr gelungener Charaktere wie George und Lydia, der Spiegel, der unserer heutigen Gesellschaft bezüglich des Umgangs mit der Schwangerschaft (vor allem der beinahe schon hysterisch zu nennenden Übervorsicht und der vielen unreflektiert weitergetragenen Mythen) vorgehalten wird, sowie die zähe Verbissenheit Dons, der sich partout nicht geschlagen geben will, selbst als die Logik ihm eigentlich schon nahelegt, das Ende der Beziehung zu Rosie einfach zu akzeptieren und zu seinem wesentlich simpleren Lebensstil als Single zurückzukehren.

Auf jeden Fall werde ich mir das Hörbuch nach einer gewissen Pause noch einmal anhören, immerhin habe ich den Schluss, der nach der langen Stressphase zu einer Happy End-Katharsis führt, ja nun auch intus. Aber die unbeschwerte Lustigkeit des ersten Teils kann diese Fortsetzung für mich einfach nicht im gleichen Maße zustande bringen. Schade.

Die Welt braucht mehr Liebe – Blogger spielen Liebeslieder

Arabella hatte eine wundervolle Idee – nur ich bin (wie so oft) ein wenig spät dran... Dafür aber um so enthusiastischer!
Arabella hatte eine wundervolle Idee – nur ich bin (wie so oft) ein wenig spät dran… Dafür aber um so enthusiastischer!

Arabella hatte am vergangenen Woche zu einer sehr schönen Aktion aufgerufen, bei der mich sofort die Lust überkam, teilzunehmen und einen Beitrag zu schreiben. Leider war die Zeit unter der Woche chronisch zu knapp, daher komme ich erst heute dazu…

John Dowland war ein Komponist der Renaissance, um den sich bis heute diverse Gerüchte ranken, von denen einige sehr gewagt sind. Gleichzeitig muss er als Musiker einen wirklich guten Ruf gehabt haben – etliche seiner Stücke werden bis heute immer wieder gesungen. Nicht zuletzt von mir und meinen Schülern: Mit meinem letzten vierstündigen Musik-Kurs (früher nannte man so etwas „LK“ oder „Leistungskurs“) habe ich das wundervoll romantische und gleichzeitig so überaus durchtriebene Liebeslied „Come Again“ einstudiert, ich erinnere mich noch daran, dass die Schüler es auch ein halbes Jahr später immer wieder gerne gesungen haben und es häufig einforderten. Diesem Wunsch kam ich natürlich überaus gerne nach, gehört es doch zu meinen Dowland-Favoriten.

2006 veröffentliche der von mir so geschätzte Sting das Album „Songs from the Labyrinth“, auf dem ausschließlich Dowland-Songs mit ihm als Sänger und einer Lauten-Begleitung (Edin Karamazov) zu hören sind. Obwohl sich viele fürchterlich über seinen Stimmklang aufgeregt haben, so muss ich doch sagen, dass mir seine Version dieses Stücks so unglaublich gut gefällt, eben weil sie nicht perfekt, nicht makellos ist. Als ob in der Renaissance-Zeit nur perfekte Sänger herumgelaufen wären…

Daher ist mein Beitrag zu Arabellas wundervoller Aktion dieses gleichzeitig sehnsuchtsvolle wie auch augenzwinkernd auffordernde Liebeslied: „Come Again“:

https://m.youtube.com/watch?v=g_eIhDY6uag

Möge es euch ein wenig Liebe in den Tag zaubern! Ich höre es mir gleich noch einmal an.

Song des Tages (156) – 2017-02-14

Jeden Tag empfehle ich einen Song als den „Song des Tages“. Joe Cocker galt ja schon seit Jahren als Urgestein der Popmusik, immerhin hat er durch seine intensive stimmliche Präsenz bei allen Hörern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Tolle Stücke hat er zuhauf hinterlassen, natürlich bin ich nicht davor gefeit, einige davon zu meinen Favoriten zu zählen. Der heutige Song des Tages ist einer der wirklich bekannten, man kann ihn gar nicht oft genug anhören: „You Can Leave Your Hat On“ von Joe Cocker:

(Lustigerweise führen die ersten paar Treffer bei YouTube – Suche: „Joe Cocker You Can Leave Your Hat On“ – zu einem etwas eigenartigen Filmausschnitt mit einer Blondine, die mit Handschellen und anderen Gegenständen herumfuchtelt. Nun bin ich kein Kostverächter, einen ästhetisch ansprechenden Ausblick weiß ich zu schätzen. Doch so ganz war das bei den Clips nicht gegeben. Dann doch lieber die Fassung mit den unspektakulären Plattencovern…)

Alle Songs in meiner freigegebenen Apple Music-Playlist.