Gehört: „Finderlohn“ von Stephen King

Finderlohn

Stephen King: »Finderlohn«

Vor einer ganzen Weile hörte ich „Mr. Mercedes“, mit dem Stephen King sich weitgehend vom Horror-Genre abwendet, um eine ganz und gar fesselnde Kriminalgeschichte über einen Psychopathen, dessen Werdegang und neuesten makabren Plan zu schreiben. Und es war eine überragend gut erzählte Geschichte, wofür Stephen King meines Wissens auch viel Beachtung fand.

Verbindung zu älteren Werken

Noch dazu wurden ein paar sehr überzeugende und sympathische Charaktere geschaffen, die im neuesten King, „Finderlohn“ (engl. „Finders Keepers“), wieder auftreten dürfen. Auch sonst werden viele kleine Referenzen an andere King-Bücher untergebracht (um nur ein Beispiel zu nennen: In einer Szene beobachtet einer der beiden Protagonisten eine Krähe, die auf einem Telefonmast sitzt – die Art der Beschreibung und die ganze Szenerie sind für King-Fans sofort als Anspielung auf „The Stand“ zu erkennen). Gestern habe ich nun „Finderlohn“ zu Ende gehört – und es ist meiner Meinung nach ein überaus würdiger Nachfolger.

Inhalt

Die Geschichte beginnt mit einer (fiktiven) Rückblende ins Jahr 1978, die durch den Mord an einem bekannten Autor der Ausgangspunkt für alle weiteren Handlungen wird. Dann werden im ersten Teil des Romans allmählich die verschiedenen (neuen) Hauptfiguren etabliert, um im zweiten Teil durch die altbekannten Figuren aus „Mr. Mercedes“ ergänzt zu werden. Die häufigen Perspektivenwechsel lassen die beiden Protagonisten sehr anschaulich werden und heizen dadurch die Spannung enorm an. Im Hörbuch sind die letzten zweieinhalb Stunden derart fesselnd, dass ich nur mit viel Mühe die letzte Stunde verschieben konnte (doch da stand noch ein Arbeitstag an).

Interessant war für mich, dass sich die gesamte Geschichte eigentlich um die Liebe zur Literatur dreht, wenngleich beide Protagonisten es ein klein wenig „zu gut“ damit meinen, wodurch dann eben die Probleme erwachsen, die die Handlung am Laufen halten:

  • Der ältere Protagonist ist der Mörder des gealterten Autors, den er einst verehrte, ihm aber die Entwicklung seines beliebten Roman-Charakters nicht vergeben konnte. Nach Jahrzehnten kommt er auf Bewährung wieder aus dem Gefängnis frei (wo er wegen eines anderen Verbrechens einsaß, niemand hat ihn in Verbindung mit dem Mord gebracht), nun möchte er unbedingt die damals gestohlenen und vergrabenen Moleskine-Kladden des gealterten Autors wieder in seinen Besitz bringen, um endlich die Fortsetzungen der Romane lesen zu können.
  • Der jüngere Protagonist ist ebenfalls ein glühender Fan des zu dem Zeitpunkt schon lange toten Autors, offenbar sprechen die zwei frühen Romane vor allem das jugendliche Rebellentum der Teenager an. Nur durch Zufall gerät er an die Diebesbeute des mörderischen älteren Protagonisten: einen vergrabenen Koffer voller Geld und handschriftlich gefüllter Moleskine-Kladden. Als er seiner Schwester den Zugang zum College finanzieren möchte, die Familie das Geld aber nicht aufbringt (da ist die Geschichte ganz eng mit „Mr. Mercedes“ verknüpft), entschließt er sich, ein paar der Moleskine-Notizbücher des toten Autors für möglichst viel Geld über einen schmierigen Antiquar an zahlungskräftige Sammler verkaufen, doch genau das bringt den Mörder auf seine Spur…

Cover-Gestaltung

Wenn man diese Informationen besitzt und nun noch einmal einen Blick auf das oben sichtbare Umschlagbild wirft, dann fällt sofort der geschmackvoll hergestellte Zusammenhang auf: Der gealterte Autor hat handschriftlich seine neuen Romane verfasst (schwarze Tinte), doch die weiteren Geschehnisse sind von Gewalt geprägt (rote Tinte). Mir gefällt das.

Fazit

Spannend, gell? Aber mehr verrate ich jetzt nicht, sonst verderbe ich ja allen die Spannung. Und dieses Buch ist lesens-/hörenswert – selten erlebt man einen King-Roman, bei dem zwar die epische Breite in gewohnter Weise erhalten bleibt, es aber so gut wie nie auch nur einen müde wirkenden Abschnitt gibt – hier herrscht die ganze Zeit ein hohes Tempo, das den Hörer absolut in seinen Strudel zieht. Dieser Geschichte kann man sich nicht entziehen. Wer den Vorgänger mochte, kommt hier unter Garantie auch auf seine Kosten.

Sollte einer meiner Leser diesen Roman (oder das Hörbuch) bereits ebenfalls genossen haben, würde ich mich über Rückmeldungen freuen. (Darüber freue ich mich natürlich auch, wenn jemand das Buch noch nicht gelesen/gehört hat…).

One more thing…

Aber eine Kleinigkeit habe ich noch: Mir ist wie schon bei „Mr. Mercedes“ ein eigenartiges Phänomen aufgefallen: Das Hörbuch als komplette (=ungekürzte) Lesung kostet weniger als das iBook (und vermutlich auch als die Druckausgabe). Das ist doch ein Missverhältnis, denn die komplette Lesung beinhaltet ja das Buch und noch dazu die Leistung des Sprechers, doch kostet „Finderlohn“ als iBook 18,99 €, als Hörbuch nur 12,99 €. (Weil ich gerade nachgesehen habe: Mittlerweile hat sich das Verhältnis bei „Mr. Mercedes“ normalisiert: iBook 6,99 €, Hörbuch 10,99 €, damals war es im Verhältnis genau wie „Finderlohn“). Gestört hat mich das nicht, denn beim Sporteln sind mir die Hörbücher lieber, aber erstaunlich fand ich das schon…

 

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11 Gedanken zu „Gehört: „Finderlohn“ von Stephen King

  1. Ich quäle mich momentan eher durch den Roman, als dass er mich spannend unterhält (was teilweise vielleicht auch an Dingen liegt, die mit dem Roman selbst nichts zu tun haben).

    Für mich kommt hier wieder einmal das (mein) Problem mit der King’schen Weitschweifigkeit durch. Der Anfang ist packend, aber die gesamte Vorgeschichte ist mir mit 200 von 540 Seiten zu lang. Da sind immer wieder langatmige Nebensächlichkeiten drin, die es meiner Meinung nach für die Charakterisierung der Personen nicht unbedingt braucht. Und so geht es danach weiter – durchaus spannende Passagen wechseln sich mit solchen ab, bei denen ich ins Überfliegen der Absätze komme, weil mich einige der breitgetretenen Details nicht so brennend interessieren.

    Aber mal sehen, ich hab erst ungefähr 330 Seiten.

    • solera1847 sagt:

      Ja und nein. Ich kann das Problem mit der Weitschweifigkeit sehr gut nachvollziehen, aber gerade weil King dort so viele (kaum verhohlene) Referenzen an seine anderen Bücher unterbringt, fand ich diese Passagen eher unterhaltsam. Der Aufstieg Morris Bellamis im Knast ist ja eine fast exakte Spiegelung der »Karriere«, die Andy Dufresne in »Die Verurteilten« hinlegt.

      Möglicherweise liegt mein Vergnügen auch daran, dass das Hörbuch die etwas monotone sportliche Betätigung aufpeppt. Aber die meisten Fäden, die in den langen Passagen ausgelegt werden, verknüpft King gegen Ende noch. Wie gesagt, mir hat das gut getaugt. Aber mir hat auch »Revival« gefallen, was ja beim Publikum nicht durchweg gut ankam.

      Wenn ich mein nächstes (das aktuell letzte) Cotton Reloaded-Hörbuch durchhabe, was heute noch im Verlauf des Vormittags geschehen wird, gibt es aktuell noch kein neues Futter, dann MUSS ich mich wohl Biom Alpha zuwenden… 😉

      • Ist das Hörbuch ungekürzt? Ich mag diese Kürzungen im Allgemeinen nicht, aber hier könnte es die Story tatsächlich so verdichten, dass sie auch für mich durchgehend spannend rüberkommt.

        „Die Verurteilten“ war besser, insofern brauch ich diese Referenz an sich nicht. 😉
        Aber es gibt tatsächlich viele, sogar die Zimmernummer 217 kommt vor. 😀

        Bei „Revival“ haben mir die ersten und die letzten hundert Seiten gut gefallen, den Mittelteil fand ich auch zu weitschweifig und langatmig. Es kommt aber immer drauf an, was King in seine Ausflüge in Nebenhandlungen reinpackt. In „Joyland“ gab es die auch, aber den Roman fand ich insgesamt ziemlich fesselnd.

        „Biom Alpha“ ist kürzer, für zu viel Weitschweifigkeit ist da – ich hoffe, es kommt auch so an – kein oder weniger Platz. 😀

      • solera1847 sagt:

        Hehe, bin schon gespannt!

      • solera1847 sagt:

        Ach! Ich habe vorhin ganz vergessen, auf deine erste Frage zu antworten: Das Hörbuch dürfte ungekürzt sein (~15 Stunden), ganz eindeutig steht es aber nicht dabei.

        Allerdings werden die King-Bücher fast immer als Komplett-Lesungen herausgegeben. Bei allen anderen hatte ich vorher das Buch gelesen. Kürzungen in mehr als minimalstem Maßstab wären mir sicher aufgefallen.

      • solera1847 sagt:

        Und »Joyland« ist damit auch in meinen Fokus gerückt, da ich bislang noch nicht so an der Story interessiert war. Danke! 👍🏻

      • Allerdings gibt’s auch da Leser, denen es zu langweilig war. Ich fand das Setting und die Atmosphäre klasse, außerdem gab es sehr interessante Figuren und eine Hintergrundgeschicht, die irgendwie immer präsent war.

  2. […] 18. Oktober bekam ich von ihm noch eine ganze Reihe von Kommentaren auf meinen „Finderlohn“-Artikel, danach gar nichts mehr. Auch auf seinem Blog hat sich seit dem Artikel über „Alice im […]

  3. […] eine spannende Kriminalgeschichte entfaltet – durchaus zu vergleichen mit „Mr. Mercedes“ oder „Finderlohn“. Wenn noch ein paar Wochen oder Monate vergangen sind, werde ich mir das Hörbuch noch einmal […]

  4. […] veröffentlicht, dann kam mit „Finderlohn“ eine mehr als würdige Fortsetzung heraus (hier meine Rezension). Vor ein paar Monaten erschien der beinahe schmerzlich ersehnte Abschluss der Trilogie auf […]

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