La cruda sorte

Der allseits gefürchtete »Penneslutscher«
Der allseits gefürchtete »Penneslutscher«

Es ist schon ein wirklich hartes Schicksal, wenn so ein Teenager meint, im Bus seinen eklatanten Mangel an Bildung selbst bei den banalsten Provokationsversuchen zur Schau stellen zu müssen. Aber für den Rest der Mitfahrer hält es zumindest das Versprechen eines kurzen Zuckens der Mundwinkel bereit. Auch nett!

 

Gehört: „Cotton Reloaded: Ebene Null“

Cotton Reloaded 32
Cotton Reloaded 32: „Ebene Null“ von Christian Weis/Weiß (wer weiß?)

Vor ein paar Wochen beschloss ich – nach dem Genuss der ca. 51 Stunden „Es“ – erst einmal eine kleine Pause bei den Stephen King-Hörbüchern einzulegen. Das ist zum Glück ja nicht schwer, denn gute Unterhaltungsliteratur gibt es in rauen Mengen. Also suchte ich bei iTunes nach neuem Hörfutter – und wurde (welch Wunder!) fündig: „Transport“ von Phillip P. Peterson (eine Empfehlung des PRBC) und „Cotton Reloaded (#32): Ebene Null“ von Christian Weis (lustigerweise in iTunes einmal als „Weis“ und „Weiß“ aufgeführt – siehe Bild).

Ganz ehrlich: Ich hatte faktisch keine Ahnung, worauf ich mich einließ. Das Hörbuch dauert ca. 3 Stunden, kostet nicht einmal 2 €, da kann man nicht viel falsch machen – die Entscheidung fiel mir leicht. Da ich den Autor ein ganz kleines bisschen kenne – er bloggt auch bei WordPress und ist ein eifriger Kommentator anderer Artikel –, war ich besonders interessiert und zog dieses Hörbuch vor. Sehr zu meinem Vorteil, denn ich wurde nicht enttäuscht.

„Ebene Null“ ist ein klassischer Agenten-Thriller, der davon lebt, etablierte Charaktere (die mir vorher aber völlig unbekannt waren) in neue Abenteuer zu schicken. Eine ausführliche Charakter-Entwicklung wird ausgelassen, dafür geht es drei Stunden am Stück mit vollem Tempo zur Sache. Wie herrlich! Da ich meist beim Seilspringen am frühen Morgen meine Hörbücher genieße, ist eine gewisse Action schlicht unverzichtbar. Bei „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende konnte ich nicht vernünftig seilspringen, denn das war nicht spannend genug. Es ist ein grandioses Buch, die Geschichte ist wunderbar geschrieben, wird von Gert Heidenreich wie immer toll vorgelesen und sprüht nur so vor fantastischen Einfällen, aber es taugt einfach nicht zum Seilspringen. Ganz anders „Ebene Null“ – und ich habe ohne irgend eine noch so geringe Übertreibung jede einzelne Minute genossen.

Die Ausgangssituation ist schnell erklärt: Durch Zufall werden bei einer Verkehrskontrolle Waffen entdeckt, die von der Armee bereits für die Verschrottung vorgesehene waren. Nun werden diese anscheinend (über düstere Kanäle) wieder einer – selbstverständlich illegalen – Verwendung zugeführt. Die Protagonisten beginnen zunächst eine routiniert wirkende Spurensuche, die alsbald zu mehreren Gewalttaten und einer rasant ansteigenden Spannungskurve führt. Mehr darf ich leider nicht verraten, sonst halte ich am Ende noch jemanden davon ab, sich diesem Nervenkitzel in Buch- oder Hörbuch-Form zu stellen. Und es lohnt sich, denn sowohl die Handlung als auch der Vorleser (Tobias Kluckert) vermitteln durch die Mischung aus coolem Understatement und punktuell aufbrandender Dramatik eine geradezu James Bond-eske Atmosphäre vom Feinsten!

Ich für meinen Teil kam voll auf meine Kosten, gerade im Gegensatz zur meist epischen Charakterentwicklung bei Stephen King war es angenehm erfrischend, ein in so hohem Tempo verfasstes Buch mit einer grundsoliden und dennoch fintenreichen Geschichte zu hören. Beim Seilspringen habe ich an den zwei Tagen glatt 15-25 Prozent an Leistung zugelegt, so spannend war es. Hoffentlich schreibt Christian Weis noch ein paar „Cotton Reloaded“-Folgen, ich wäre sofort wieder mit von der Partie!

 

(Mehrfach) gelesen: „Strangers“ von Dean Koontz

Auch wenn es ein Frühwerk war, gehört „Strangers“ für mich zum Besten, das Dean Koontz jemals geschrieben hat. Klar, ich kenne die Odd Thomas-Reihe und habe schon vier der Bücher gelesen, aber die sind immer noch kein Vergleich für diese fantastische Geschichte.

Begleiter über eine lange Zeit

Zum ersten Mal las ich sie auf Deutsch unter dem Titel „Schwarzer Mond“ Ende der 1980er Jahre, also vor etwas mehr als 25 Jahren. Bereits da packte mich die Geschichte völlig, im Anschluss habe ich das Buch mehrfach an Freunde in der Schule verliehen, die es allesamt ebenso genossen — nur kam es von einer dieser Verleih-Aktionen nicht mehr zurück.

Mitte der 1990er Jahre war ich zum letzten mal mit meinen Eltern im Urlaub, damals in den USA, wo ich mir in San Francisco (wo sonst?) eine schöne Paperback-Ausgabe auf Englisch zulegte, die ich natürlich auch gleich auf der Reise wieder komplett durchlesen musste. Auch später habe ich es mindestens noch einmal durchgepflügt.

iBook

Vor ein oder zwei Jahren kam das Buch dann bei iBooks heraus, und wieder wurde mein Geldbeutel erleichtert (altersbedingt dieses Mal aber nur noch ein wenig). Auch dieses Mal verschlang ich das Buch, obwohl ich im Prinzip ganz genau wusste, was mich erwartete. Und dennoch: Die Länge des Buchs, das allmähliche Entrollen der Geschichte im Hintergrund, die alle nacheinander betrachteten Personen miteinander in Verbindung setzt und sich Zeit nimmt, die Vergangenheit (und Gegenwart) jedes Charakters zu beleuchten, gegen Ende dann aber in einem wahren Spannungssog, der mehr als hundert Seiten umfasst und eine höllisch spannende Schlussklimax präsentiert — all das lässt mich das Buch jedes mal aufs Neue genießen.

Hörbuch

Vor ca. einem Jahr entdeckte ich das Hörbuch (ca. 30 Stunden Hörzeit) auf Englisch bei iTunes. Und ich war standhaft. Geradezu heldenhaft. Bis letzte Woche konnte ich widerstehen. Dann verließen die hart erarbeiteten Euronen virtuell meinen Geldbeutel, seitdem genieße ich wieder. Und es ist ein Trip solch unvergleichlicher Nostalgie, ein gutes Stück hinunter auf meiner „Memory Lane“, dass ich die Ausgabe absolut nicht bedaure. Dieses Hörbuch werde ich sicher noch etliche Male anhören.

Strangers (Cover)
Das Cover des Hörbuchs

Inhalt

Nun habe ich euch lange genug vorgeschwärmt und den Mund ordentlich wässrig gemacht. Hehe. Worum geht es also in diesem für mich so faszinierenden Buch? Jetzt wird es knifflig, denn verrate ich zuviel, hat keiner mehr den Impetus, das Buch zu lesen, verrate ich zu wenig, kommt vermutlich nur geringes Interesse auf. Wie dem auch sei, ich wage es!

Zu Beginn des „angenehm dicken Wälzers“ lernen wir Dominick Corvaisis kennen, einen Autor, der ganz am Anfang einer vielversprechenden Karriere steht. Er hat gerade seinen ersten Roman an einen Verlag verkauft, die Vorab-Kritiken sind exzellent, die Auflage wird noch vor der Veröffentlichung mehrfach erhöht, seine gesamte aktuelle Situation verheißt für die nächste Zukunft Erfolg und Zufriedenheit. Und in diese zu erwartende Ruhe und Entspannung hinein verfällt er urplötzlich dem Schlafwandeln. Nacht für Nacht erwacht er an einem anderen Versteck in seinem Haus, das er während des Schlafs von innen verbarrikadiert hat, vor Angst nassgeschwitzt, bewaffnet, zitternd.

Wir springen über die Hälfte des nordamerikanischen Kontinents und treffen Ginger Weiss, eine junge und außerordentlich erfolgreiche Ärztin, die kurz davor steht, eine mit jahrelanger harter Arbeit vorbereitete Karriere als Chirurgin zu beginnen. Beim Einkaufen stößt sie mit einem ihr unbekannten Mann zusammen, dessen schwarze Lederhandschuhe in ihr einen übermächtigen Fluchtreflex auslösen. Noch tut sie das als eine momentane Überreizung und als ein Symptom für den Stress der letzten Zeit ab, doch binnen weniger Tage erleidet sie weitere Anfälle dieser Art, die ihr letztlich sogar das Ausüben ihres Berufs unmöglich machen.

In Chicago verliert Brendan Cronin, ein hingebungsvoller Priester, von einer Woche auf die nächste seinen Glauben. Aber nicht durch Zweifel, nicht durch traumatische Erlebnisse, die ihn an der Existenz eines gütigen Gottes zweifeln lassen, der Glaube löst sich einfach in ihm auf — und stürzt ihn dadurch in eine existenzielle Krise.

Und wieder an einem anderen Platz in den USA lernen wir Jack Twist kennen, der nach einer Karriere bei einer Spezialeinheit der Armee eine noch viel erfolgreichere Laufbahn als professioneller Dieb eingeschlagen hat. Das Planen und Ausführen von heiklen Diebstählen (z.B. mehrere Millionen Dollar aus einem Mafia-Umschlagplatz zu entwenden) übte über viele Jahre einen ungeheuren Reiz auf ihn aus. Doch plötzlich zieht er keinerlei Befriedigung mehr daraus, eine seltsame Rastlosigkeit ergreift Besitz von ihm…

Es werden noch mehr Charaktere eingeführt, z.B. Ernie Block, ein ehemaliger Marine, der urplötzlich eine ungeheure Angst vor der Dunkelheit entwickelt, Jorja Monatella, eine Kellnerin, deren Tochter von einem Tag auf den nächsten unerklärliche Angstattacken erleidet — und eben noch einige andere.

Und dann erhalten sie alle Post. Andeutungen, dass die Wurzel für ihre aktuellen Probleme in ihrer Vergangenheit liege. Ohne voneinander zu wissen, begeben sich alle auf die Suche nach dieser Wurzel. Als sie sich treffen, löst sich ein geradezu ungeheuerliches Rätsel in einem Reigen von kaum zu ertragender Spannung und überraschend intensiver Action auf, sodass es einem als Leser (ich bin hier der Beurteilungsmaßstab) schier unmöglich ist, das Buch auch nur kurz beiseite zu legen.

Also wer jetzt nicht scharf auf diese Geschichte ist, dem kann ich auch nicht helfen.

 

„YOLO“ – Jugendsprech vs. Sinn

Vorab eine kleine Begriffserläuterung, für jene, die „YOLO“ noch nie gesehen oder gehört haben: YOLO ist „Jugendsprech“, ein Akronym für „You Only Live Once“ („Du lebst nur einmal“). Die Einsatzmöglichkeiten sind im Prinzip vielfältig, ganz oft erlebe ich als Lehrer den Spruch aber wie ein trotzig hingerotztes „Na und?“, wenn mal wieder jemand einen Test oder eine Klassenarbeit mit suboptimalen Leistungen abgeliefert hat.

Ganz oft schon juckte es mich in den Fingern, ein ganz großes „Leider!“ darunter zu setzen. Denn tatsächlich leben wir nur einmal, der effektive Gegenbeweis steht noch aus. Wäre es dann nicht sinnvoller, diesen Spruch unter besonders gute Leistungen zu setzen, aus jeder sich bietenden Möglichkeit das Maximum herauszuholen? So sehe ich die Sache jedenfalls. Ich habe Spaß am Unterrichten und an vielen anderen Dingen. Oft genug ärgere ich mich darüber, wenn ich den Tag nicht auf 30 oder 36 Stunden verlängern kann, um allen — vor allem selbst gesteckten — Wünschen gerecht zu werden.

Unter die nicht befriedigenden, halb unfertig gebliebenen Dinge möchte ich kein YOLO setzen, unter alles, was mir gelungen ist, mich befriedigt oder eventuell sogar andere begeistert hat, jederzeit. Denn dann fühle ich mich auch wie jemand, der aus der spärlichen Zeit, die ihm nun einmal bleibt, das Beste gemacht hat.

In diesem Sinne: In einer Woche beginnt ein neues Schuljahr, da geht es wieder darum, das Maximum herauszuholen. Dann setze ich auch gerne ein YOLO darunter.