Song des Tages (211) – 2017-04-11

Jeden Tag empfehle ich einen Song als den „Song des Tages“. Ich bin kein großer Musical-Fan, nein, wirklich nicht. Die Male, an denen ich im Jahr ein Musical aus ureigenstem Interesse über meine Kopfhörer jage, kann ich fast immer an einer Hand abzählen. Gleichzeitig kenne ich schon allein aus beruflichen Gründen ein paar Musicals, und ein paar Stücke daraus gefallen mir sehr wohl. So auch der heutige Song des Tages, denn der entstammt einem sehr berühmten Musical („Evita“) von Andrew Lloyd Webber. Es handelt sich um die nicht ganz unumstrittene Fassung mit Madonna, Antonio Banderas und Jonathan Pryce, die ich dennoch für ganz gelungen halte. Der Song, den ich für heute ausgewählt habe, heißt: „Oh What A Circus“:

Die verspielten lateinamerikanischen Gitarren (ab der zweiten Strophe auch in Kombination mit der Percussion) machen einen Großteil des Reizes aus, aber auch Antonio Banderas, der – erstaunlich (?) – gut singt. Hach, man könnte glatt ins Schwärmen geraten.

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Song des Tages (72) – 2016-11-22

Jeden Tag empfehle ich einen Song als den „Song des Tages“. Heute wird’s ein wenig sentimental. Es mag am windigen Wetter der letzten Tage/Wochen liegen, irgendwie wünscht man sich da – zumindest für den einen oder anderen Moment – einen schwülen Sommertag herbei, an dem das Leben langsam und zähflüssig dahinkriecht. Und kein Song kann dieses Gefühl besser vermitteln als die Version von „Summertime“, die Ella Fitzgerald und Louis Armstrong auf dem Porgy & Bess-Album aufgenommen haben.

Das gesamte Album ist von derart hoher Qualität, man kann es nicht oft genug anhören. Die CD hatte ich mal, dann habe ich sie verliehen – und anscheinend teilte der Entleiher meine hohe Meinung von der Qualität, deshalb habe ich sie seit Jahren nicht mehr… Aber der iTunes Store hat vor einigen Jahren Abhilfe für dieses Problem geschaffen.

Am schönsten an dieser Fassung von „Summertime“ ist eine von Satchmos liebenswertesten Marotten: Er „grunzte“ immer schon los, bevor er eigentlich singen musste. Hört euch mal die Stelle ab 2:30 an. Noch bevor er mit seiner Strophe einsetzt, vernimmt man ganz deutlich dieses tief aus dem Hals kommende, beinahe schon monströse Räuspern. Es klingt vielleicht abfällig, aber genau deswegen liebe ich Louis Armstrong als Sänger – niemand sonst hätte so etwas auf die Platte gelassen, er schon.

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Song des Tages (46) – 2016-10-27

Jeden Tag empfehle ich einen Song als den „Song des Tages“. Einer der besten Musikfilme aller Zeiten ist meiner Meinung nach „Singin‘ In The Rain“ aus dem Jahr 1952. Er ist vollgepackt mit guten Songs (wenngleich das leider nur für die englischsprachige Version gilt, denn die Übertragung ins Deutsche ist derart peinlich, dass man diese leider nicht empfehlen kann) und atemberaubenden Choreographien (noch dazu in für heutige Verhältnisse gar nicht mehr realisierbar langen Kameraeinstellungen: da musste dann eine zwei- bis dreimonatige Stepptanz-Nummer mit nur drei oder vier Takes komplett im Kasten sein).

Der heutige Song des Tages stammt auch aus diesem Film, doch geht es hierbei um eine der fantastischen Wortwitz-Nummern, die im Deutschen so gar nicht funktionieren: „Moses“ aus „Singin‘ In The Rain“:

Im Wikipedia-Artikel zu diesem Film steht völlig zu Recht das folgende Zitat:

Der Film stellt einen Höhepunkt des Genres dar, das zu Beginn der 1950er Jahre seine Blüte im Hollywood Studio-System erlebte. Die temperamentvollen Tanz- und Musikszenen ergeben eine perfekte Symbiose aus spielerischer Präzision, ironischer Brechung und übermütigem Elan. Das Musical spielt seine überbordenden Möglichkeiten an Sets und Dekors lustvoll aus und entführt die Zuschauer durch die Verlegung der Handlung zu einem wichtigen Augenblick der Filmgeschichte.

Besser kann man es nicht ausdrücken.

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Kreativität

Erste Partiturseite der „Leichenbraut“

Von 2008 bis 2009 habe ich ein Musical mit dem Titel „Die Leichenbraut” komponiert, das im Sommer 2009 an unserer Schule uraufgeführt wurde. Schon über ein Jahr vorher hatte mich ein (mittlerweile ehemaliger) Kollege angesprochen, ob ich Lust hätte, mit ihm gemeinsam die Sache zu stemmen — uns beiden war klar, dass es wahnsinnig viel Arbeit werden würde. Nach einigen weiteren Vorbesprechungen ging es los, er traf sich mit einer kleinen Horde beigeisterter Schüler und lieferte mir ungefähr im Wochenrhythmus neue Texte, ich sah sie durch, sortierte sie um und „bastelte“ nach und nach die dazu passenden Musikstücke.

Es dauerte natürlich ziemlich lange, da man so ein Mammutprojekt (es ging ja um insgesamt ca. 60 Minuten Musik) bei einer vollen Stelle mit Unterricht, Nachmittags-, Abend- und Wochenenddiensten und dergleichen nicht „einfach nebenher” erledigen kann. Im August 2008 war das erste Stück, die Titelnummer, fertig, die letzten Takte komponierte ich in den Osterferien 2009 — zusammen also ca. acht Monate.

Über die letzten Jahre hinweg habe ich meine eigene Arbeitsweise in vielen unterschiedlichen Situationen beobachtet, mittlerweile weiß ich, dass ich an kreativen Projekten einfach nicht kontinuierlich arbeiten kann. Ein tägliches Pensum darauf zu verwenden, widerstrebt mir innerlich zutiefst. Ich brauche vielmehr einige wenige, dafür aber extrem intensive Durcharbeitephasen, in denen ich mich in mein Arbeitszimmer zurückziehe, nicht gestört werden darf und einfach nur die Ideen, an denen es glücklicherweise nicht mangelt, ausarbeiten kann.

Dieser letzte Punkt ist meines Erachtens der langwierigste, schwierigste, oft zäheste und somit unangenehmste Teil der Arbeit – die Ergebnisse bedeuten mir aber auch mehr als jene, die mir „einfach so zufliegen”. Deshalb ist die intensive und ununterbrochene Arbeit ja so wichtig: Würde ich nur alle zwei Tage für 30 Minuten komponieren wollen, käme dabei kaum etwas heraus. Wenn ich mich an ein Stück setze, dann wird es am besten, wenn ich morgens anfange, mittags fast alles fertig habe und über den Nachmittag die „Ecken abrunde“. Durch das stringente Durcharbeiten erhält das Stück einen unglaublich starken inneren Zusammenhang, denn über diese Zeitspanne kann ich die Stimmung des Stücks in mir am „Schwingen“ halten. Einmal darüber geschlafen, puff! Weg ist sie!

Für mich zählt dabei vor allem der Fluss eines Stückes, dieser darf nicht behindert werden. Gerade an Übergängen zwischen Abschnitten verbringe ich die meiste Zeit. Und aus diesem Grund höre ich mir das Stück in Sibelius (das ist das Notensatzprogramm, mit dem ich seit über zehn Jahren arbeite) immer wieder an, oft von ganz vorne, wenn es dann länger ist, nur noch abschnittsweise.

Ich kann nicht in den Kopf eines Nicht-Musikers hineinsehen. Doch wenn der Fluss für mich stimmt, dann gehe ich einfach immer davon aus, dass auch jemand, der das Stück nicht schon zum zweihundertsten sondern zum ersten und vielleicht einzigen Mal hört, sich „einschwingen“ kann. Je mehr Brüche und stilistische Unverträglichkeiten man als Komponist stehen lässt, desto mehr verbaut man den Zuhörern den Weg „in das Stück hinein“.