Befindlichkeiten

Eine kurze Vorbemerkung. Diesen Artikel habe ich schon am Mittwoch geschrieben, doch abends war ich zu müde, um die Sätze auf ihre Sinnhaftigkeit hin zu kontrollieren, daher kommt er jetzt erst.

Heute ist der 27. Januar, ein sehr geschichtsträchtiger Tag, zumindest aus deutscher Sicht. Zum zweiten Mal veranstaltet unsere Schule an diesem Datum einen speziellen Gedenktag, bei dem allerlei unterschiedlichen Themen – sei es die Zeit der Nationalsozialisten und aller Arten von Widerstandsbewegungen dagegen, die DDR oder auch Kinderrechte – auf unterschiedliche Weise (und auf Kosten des regulären Unterrichts) nachgegangen wird.

Georg Elser Gedenkstätte in Königsbronner
Georg Elser Gedenkstätte in Königsbronn

Ich schloss mich zwei Kolleginnen an, die mit fast 60 Schülern nach Königsbronn (einem kleinen Ort zwischen Oberkochen und Heidenheim) zur Georg Elser Gedenkstätte fuhren. Von Aalen aus ist man mit dem Regionalzug in weniger als 15 Minuten am Königsbronner Bahnhof angekommen, dann läuft man ungefähr fünf Minuten bis zur Gedenkstätte, die direkt neben Rathaus und „Brenztopf“ (so heißt der Ursprung der Brenz) gelegen ist. Begrüßt wurden wir von zwei sehr kompetenten Führern (ein durchaus heikler Begriff in diesem Zusammenhang, ist mir klar…).

Falls einem meiner Leser Georg Elser kein Begriff ist, würde mich das nicht wundern, denn mir ging es vor dem heutigen Tag genauso. Leider wird um ihn bislang immer noch nicht viel Aufhebens gemacht, obwohl er sicher zu den bedeutenden heroischen Gestalten des innerdeutschen Widerstands gegen Hitler gehört – und er hat seinen privaten Widerstand wirklich ganz allein durchgezogen, völlig ohne äußere Unterstützung. Bemerkenswert.

Georg Elser hat aus einem inneren Antrieb heraus die Kriegstreiberei der NS-Führung verurteilt und beschlossen, durch einen gezielten Bombenanschlag zumindest Hitler, nach Möglichkeit aber auch Göring und Goebbels (oder so viele führende Nazi-Funktionäre wie möglich) zu töten. Er wartete eine wiederkehrende Veranstaltung ab, bei der die ganze Führungsriege anwesend sein würde, installierte nach wochenlanger geheimer Vorarbeit eine Bombe in der Säule hinter dem Rednerpult – und verpasste am Ende Hitler nur um ein paar Minuten. Entgegen dessen Gewohnheit, ausufernde und lange Reden zu halten, zog ihn die Kriegsvorbereitung zurück nach Berlin, daher fasste er sich ungewohnt kurz. Viel Unheil hätte der Welt erspart bleiben können, wäre er an diesem Tag nicht so ungewohnt wortkarg gewesen.

Kurz vor der Schweizer Grenze wurde Elser auf der Flucht gefangen genommen, inhaftiert, überführt und gefoltert, gekrönt wurde die „Ermittlungsarbeit“ mit einem Geständnis. Von da an lebte er noch bis kurz vor Kriegsende im KZ, wo er wenige Tage vor der Befreiung durch die Alliierten per angeordnetem Genickschuss hingerichtet wurde (der Hinrichtungsbefehl mit der strikten Anweisung zur sofortigen Vernichtung des Dokuments ist in der Gedenkstätte zu besichtigen). Vermutlich sollte er kein Zeugnis von seinen Erkenntnissen mehr ablegen können.

Zurück zur Gedenkstätte: Zu Beginn sahen wir einen etwa halbstündigen Dokumentarfilm, der das gesamte Leben Georg Elsers zusammenfasste – sehr gelungen, leider mit vielen (mindestens 15-20) Aussetzern, denn der Windows 10-Rechner war mit dem Abspielen einer handelsüblichen DVD ganz offensichtlich überfordert. Danach in sehr geraffter, aber vielleicht dadurch gerade besonders eindringlicher Form Hitlers Weg weg von der Demokratie hin zur Diktatur in Form der „Ermächtigungsgesetze“ (immer wieder neu erschreckend, wie schnell das ging – ein großes Lob an die exzellent zusammengestellte Präsentation), wonach sich ein paar Minuten Pause an der frischen Luft anschlossen.

Dann tauschten die beiden Schülergruppen (die Räume sind nicht für 60 Personen ausgelegt), jetzt offenbarte ein französischer Experte (mit wundervoll klingendem Akzent) in einem etwa anderthalbstündigen Vortrag eine herausragend kompakte und dennoch überzeugend schlüssige Zusammenfassung der Ereignisse, die zu Hitlers Machtergreifung und den Gründen für Elsers Anschlag auf ihn führten. Die Schüler konnten sich bei solchen Input-Mengen oftmals nur noch ins Gähnen retten, ich verdenke Ihnen das nicht, denn in dem Alter wäre ich dabei glatt im Stehen eingeschlafen. Heute jedoch war von Müdigkeit keine Spur, die Ausführungen sprachen mich wirklich sehr an. Auch die Kollegin, die mit mir bei dieser Schülergruppe geblieben war, fand ihn sehr überzeugend.

Das Georg Elser-Denkmal am Königsbronner Bahnhof
Das Georg Elser-Denkmal am Königsbronner Bahnhof

Als die Schüler dann gegangen waren, um sich vor der Haustür zu versammeln, kamen eben jene Kollegin und ich mit dem französischen Führer ins Gespräch. Dabei erwähnte er die sehr diffizile Lage der Befindlichkeiten im Heimatort eines solchen Helden. Natürlich war auch Königsbronn in der NS-Zeit in vielerlei Hinsicht gleichgeschaltet worden: HJ, BDM und alle typischen weiteren Vereinigungen gab es auch dort. Nach dem missglückten Attentat wurde ein Großteil der Bevölkerung über Wochen strengen (und fast ausnahmslos brutalen) Verhören unterzogen. Dann griff die Propaganda-Maschine, die Elser als Marionette eines ausländischen (in diesem Fall britischen) Geheimdienstes hinstellte (völliger Unfug, aber dafür ist Propaganda ja nun einmal zuständig), ein. Wirklich fundierte Aufklärung über alle Details fand erst ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre statt, bis sie breiteren Bevölkerungsschichten bekannt wurde, hatten bereits die 1990er Jahre begonnen.

Die Gedenkstätte wurde gegen Ende des letzten Jahrtausends eingerichtet – gegen teils heftigen Widerstand der ansässigen Bevölkerung. Die lange zurückliegende Propaganda hatte teilweise ihre Wirkung getan, außerdem gab es haufenweise Probleme mit den individuellen Befindlichkeiten von Familien, die in diesem Zusammenhang nicht erwähnt werden wollten. Alles ein sehr heikles Geflecht von sozialen Fäden, die man besser nicht entwirren sollte, wenn am Ende irgendwann einmal eine echte Aufklärung für alle erreichen möchte.

Mich beeindruckten vor allem das Fingerspitzengefühl für die gerade dargelegten sozialen Befindlichkeiten und die Fachkompetenz der beiden Führer. In ein paar Jahren werde ich da sicherlich wieder hingehen, vielleicht ja wieder mit einer Schülergruppe. Wer einmal in die Gegend kommt, sollte sich diese Gedenkstätte unbedingt ansehen. Der Eintrittspreis ist lächerlich gering, die Details sind über die Homepage der Gedenkstätte einfach zu erfahren.

 

Richtung geben, nicht einengen

Gerade einmal vor drei Tagen stand ich im Reichstagsgebäude in Berlin. Mehr noch, gemeinsam mit der bereits erwähnten Schulklasse genoss ich eine wirklich exzellente Führung, die eine sehr ausgewogene Mischung darstellte: Einerseits handelte es sich natürlich um eine Art Geschichtsstunde, gleichzeitig erfuhren wir aber etliche wissenswerte Details über die Architektur und den Prozess, den die Planung des Umbaus in den 1990er Jahren durchlaufen hat — und das war der interessanteste Teil für mich. Auch wenn ich sicher nicht mehr alle Details zusammenbringe, versuche ich eine Kurzfassung:

Der britische Architekt Norman Foster, der den Wettbewerb um den Auftrag für die Neugestaltung des Reichstagsgebäudes für sich entscheiden konnte, wehrte sich lange und vehement gegen eine Kuppel, doch stimmten die Parlamentarier dafür (in der Führung wurde dies nett als „wünschten sich die Parlamentarier“ formuliert) — und so konnte er irgendwann nicht mehr anders. Faszinierend daran ist nicht, dass er zuerst eine bzw. mehrere andere Ideen für die Gestaltung des Dachs gehabt hatte. Entscheidend ist vielmehr, dass er in eine gänzlich andere Richtung gedrängt, darin aber nicht weiter gegängelt wurde (zumindest konnte ich dafür keine Anhaltspunkte erkennen).

Komprimiert heißt das für mich: Ihm wurde die Richtung vorgegeben, nicht jedoch der genaue Weg, der dorthin führen sollte. Und ganz offensichtlich hat er diese ungenaue Anweisung perfekt zu nutzen gewusst. Wenn man sich diese geniale Konstruktion der Kuppel aus der Nähe ansieht, die vielen brillianten Ideen bestaunt, muss man die herausragende Leistung des Architekten wirklich bewundern. Und meine kleine Bildercollage oben kann nur einen minimalen Einblick in die überwältigende Präsenz dieser Konstruktion gewähren, wenn man sich innerhalb dieser Kuppel aufhält, ist das fantastisch.

Hut ab vor Herrn Foster!

 

Klassenfahrt einmal anders…

Ein abendlicher Blick auf den Fernsehturm.

Gestern kam ich von einer fünftägigen Klassenfahrt nach Berlin zurück. Und ich muss sagen, dass es ein wundervolles Erlebnis war, mit 18 Schülern (genau hälftig nach Geschlechtern getrennt) unterwegs zu sein, die offensichtlich gerade dabei (oder schon fertig damit) sind, die anstrengenden Seiten der Pubertät abzulegen.

Normalerweise sind Klassenfahrten für die begleitenden Lehrer extrem stressig, da man rund um die Uhr im Einsatz sein muss. Die Schüler sind aus ihrer gewohnten Umgebung — und vor allem dem direkten Einflussbereich ihrer Eltern — entfernt. Üblicherweise ist das ein Garant für kollektives Ausflippen. Meist müssen Männlichkeit durch exzessives Saufen, Weiblichkeit durch grassierenden Zickenterror, Unabhängigkeit vom Lehrer durch möglichst öffentlichkeitswirksames Missachten der Regeln (und so weiter) bewiesen werden. Kein Wunder, dass es reihenweise Kollegen gibt, die keinerlei Lust haben, auf solche Klassenfahrten zu gehen!

Um so angenehmer war es, dass es bei dieser Fahrt überhaupt nicht dazu kam. Ich habe heute mit dem Klassenlehrer, einigen anderen Kollegen, sogar einem Mitglied der Schulleitung über das außergewöhnlich gute Verhalten der Klasse während der gesamten Fahrt gesprochen. Und zwar: Weil ich so begeistert war!

Während der gesamten Fahrt gab es keinen Zoff, es gab nur ganz selten Gemotze (und das war beispielsweise, als wir schon ca. 6-8 Kilometer bei warmem Wetter hungrig durch Berlin gelaufen waren und die Füße allmählich schmerzten), wenn wir Zeiten vereinbarten, erschienen alle pünktlich, meist sogar fünf bis zehn Minuten vor der Zeit. Abends gaben wir der Klasse Ausgang bis 22:30 h — erwartet hatten wir, dass es dann noch mindestens eine halbe Stunde dauern würde, bis alle angekommen und in ihre Zimmer „verräumt“ wären. Doch weit gefehlt, denn zur angegebenen Uhrzeit warteten alle schon auf uns. Ohne Maulen gingen sie auf ihre Zimmer, wir konnten ungestört schlafen — Luxus!

Die ganze Lobhudelei darf nicht verdecken, dass es nicht einfach nur brave Schüler waren. Mein Eindruck war vor allem, dass es glückliche und reife (zumindest gereifte) Schüler (beiderlei Geschlechts) waren. Das Kulturprogramm war nicht zu voll, bot aber einigen Anreiz, auch das Shopping wurde nicht vergessen. Es gab gute Führungen — und die gesamte Organisation hatte in den Händen der Schüler gelegen (zwei junge Damen haben sich hierbei besonders hervorgetan). Ich hoffe inständig, dass ich noch mehr Klassenfahrten wie diese erleben darf. Welch ein Privileg!

Kleiner Nachtrag (18. Mai 2013): Auf der Berlin-Fahrt habe ich hin und wieder Geld vorgestreckt, z.B. für die Gruppentickets (S- und U-Bahn) oder die Bowling-Bahn am letzten Abend. Am Freitag (17.5.) hatte ich die Klasse in der fünften Schulstunde. Da gab ich die Rechnungen an die Organisatorin. Einen Tag später war das Geld schon auf meinem Konto (heute ist es Samstag, also muss das Geld sogar noch gestern eingegangen sein…). Deluxe!