Halloween — bitte abschaffen!

Vor ein paar Wochen war Halloween, leider. Es gibt nur ganz wenige Tage im Kalenderjahr, die ich noch weniger mag als diesen einen.

Exkurs in meine Kindheit

Eigentlich gab es diesen Brauch in meiner Kindheit nur in den USA. Da ich in der Nähe von Würzburg aufgewachsen bin, wo es über Jahrzehnte hinweg mehr als eintausend dauerhaft stationierte amerikanische Soldaten gab, sah man natürlich schon ein bisschen davon. Aber: Wir nahmen daran nicht teil, von uns Kindern wäre auch keiner auf die Idee gekommen, sich Ende Oktober zu verkleiden und von Haus zu Haus zu ziehen, um dort nach Süßigkeiten zu fragen.

In unserer Straße in Estenfeld wohnte eine Familie namens Bennett, die mich und meinen besten Kumpel aus Kindheitstagen sogar mal zu einer Halloween-Feier in der Schule der Leighton-Barracks mitnahm. Für uns zwei 13- oder 14-Jährige war das ganz außergewöhnlich und somit schlichtweg fantastisch. Davon konnten wir erzählen, wir konnten als zwei „Eingeweihte“ in diesen besonderen Erinnerungen schwelgen, denn die auf dem Fest gezeigten Kostüme waren für unsere deutschen Verhältnisse schon sehr realistisch und mit wesentlich mehr Mühe gemacht (oder mit mehr Geld gekauft), als es bei uns an Fasching üblich war.

Transfer nach Europa

Mittlerweile ist der Brauch, an Halloween von Haus zu Haus zu ziehen, leider auch bei uns angekommen, allerdings hat er hier keine Tradition, daher verkommt der Brauch meiner Erfahrung nach zu einem „Heute lass ich die Sau raus!“-Tag für Pubertierende.

Einige schaffen es ja wenigstens noch, sich ordentlich zu kostümieren und einen einigermaßen kunstvollen Spruch aufzusagen. Da gebe ich auch gerne etwas her. Gelegentlich klingeln an meiner Tür auch Kids, die mit Mühe und Not drei Worte ausspucken: „Süßes oder Saures!“ Das wirkt so lahm, dass ich gerade mit Fleiß in unserem Vorratsbeutel neben der Tür nach den unattraktivsten und kleinsten Süßigkeiten suche. Wer es nicht schafft, sich ein klein wenig Mühe zu geben, bekommt auch keine außergewöhnlichen oder tollen Leckereien.

Party

Mein Sohn hat das Glück/Pech, am Heilig Abend geboren zu sein, weshalb es da erfahrungsgemäß schwierig wird mit einer Geburtstagsparty. Also feiern wir seit Jahren vor. Letztes Jahr lief die Party an Halloween ganz gut, also wollte er dieses Jahr wieder eine, die wir ihm auch gewährten. Der Personenkreis war überschaubar, leider kamen auch zwei Jungs, die eigentlich nichts anderes taten, als mit ihren Spielzeugpistolen in einer Tour zu knallen. Ohne Munition, nur dieses trockene, aber recht schneidende Geräusch, wenn die Metall- oder Kunststoffteile mit Karacho aufeinander knallen. Nach zwei Minuten war es störend, nach 30 Minuten richtig enervierend, nach zwei Stunden hätte ich die Pistolen am liebsten einkassiert und in den Mülleimer oder die Mülltonne entsorgt.

Doch zusätzlich zum Knallen richteten sie die Waffen — zwar nur im Spiel, aber doch mit viel gespieltem Ernst — immer und immer wieder auf die anwesenden Personen, natürlich auch mich. Und das mag ich überhaupt nicht. Wenn schon knapp Zehnjährige dauernd so enthemmt sind, dass sie permanent Kopfschüsse simulieren, dann läuft da irgend etwas falsch. Da verrutschen mir persönlich zu sehr die Wertmaßstäbe.

Später mussten wir natürlich auch noch um die Häuser ziehen, wonach die Süßigkeiten gleichmäßig auf alle verteilt wurden. Dazu warfen alle ihre „Beute“ in der Mitte auf einen Haufen, dann würde reihum jeweils ein großes oder zwei bis drei kleine Teile weggenommen. Dabei fiel dann von einem der beiden Knarrenträger mehrfach der Spruch: „Wenn du das XY (hier bitte beliebigen Süßigkeitsnamen einsetzen) genommen hättest, hätte ich dich umgebracht!“

So setzt sich diese Enthemmung gleich einmal fort. Für mich gänzlich inakzeptabel. Wären sie nicht Geburtstagsgäste gewesen, hätte ich sie noch in dem Moment aus meinem Haus geworfen. Möglicherweise hätte sie das zum Nachdenken gebracht, was sie da eigentlich die ganze Zeit unreflektiert von sich geben.

Mir ist klar, dass ich hier mehrere ganz unterschiedliche Dinge in einen Topf geworfen habe: Meine Abneigung gegen Halloween in Deutschland und mein Erschrecken über das offen gewaltverherrlichende Verhalten zweier Zehnjähriger. Dennoch musste das einfach mal raus. Über Kommentare würde ich mich freuen, vielleicht verleihen diese dem Artikel die noch fehlende Tiefe…

 

„Einzig“ kann nicht mehr gesteigert werden

Ich sitze mal wieder an Korrekturen. An einem ziemlich großen Haufen: für dieses Wochenende ca. 65+ Arbeiten. Das ist zu bewältigen, kostet aber mal wieder Zeit und Sitzfleisch. Doch das stört mich gar nicht so sehr, denn es handelt sich um die letzten Zuckungen dieses Schuljahres. Bald ist das alles wieder ein Teil der Vergangenheit, die Sommerferien bieten Möglichkeiten zur ungestörten Entfaltung und — vor allem — Erholung. Genügend Schlaf soll ja angeblich ganz angenehm sein…

Aber ich schweife ab vom eigentlich geplanten Mikro-Blogeintragsthema: Das Wort „einzig“ in jeglicher Form kann nicht mehr gesteigert werden. Schüler sind aber sehr wohl dieser Meinung. Zumindest musste ich mich heute schon mehrfach davon überzeugen lassen. Dachten die! Aber ich streiche es trotzdem jedes einzelne Mal an. Es gibt nun einmal kein „einzigst“, zumindest nicht in dem Deutsch, das ich in meiner Schulzeit und aus unzähligen gelesenen Büchern gelernt habe.

Das Unmögliche wird wahr
Hier versucht es schon wieder ein verzweifelter Eleve...

Also: Bitte hört auf, das einzige Wort, das wirklich unsteigerbar ist, weiter steigern zu wollen. Ich glaube euch, dass ihr es sehr ernst meint, dass es hier um ein absolutes Alleinstellungsmerkmal geht. Aber es ist dennoch falsch, falsch, falsch. Basta.

 

„YOLO“ – Jugendsprech vs. Sinn

Vorab eine kleine Begriffserläuterung, für jene, die „YOLO“ noch nie gesehen oder gehört haben: YOLO ist „Jugendsprech“, ein Akronym für „You Only Live Once“ („Du lebst nur einmal“). Die Einsatzmöglichkeiten sind im Prinzip vielfältig, ganz oft erlebe ich als Lehrer den Spruch aber wie ein trotzig hingerotztes „Na und?“, wenn mal wieder jemand einen Test oder eine Klassenarbeit mit suboptimalen Leistungen abgeliefert hat.

Ganz oft schon juckte es mich in den Fingern, ein ganz großes „Leider!“ darunter zu setzen. Denn tatsächlich leben wir nur einmal, der effektive Gegenbeweis steht noch aus. Wäre es dann nicht sinnvoller, diesen Spruch unter besonders gute Leistungen zu setzen, aus jeder sich bietenden Möglichkeit das Maximum herauszuholen? So sehe ich die Sache jedenfalls. Ich habe Spaß am Unterrichten und an vielen anderen Dingen. Oft genug ärgere ich mich darüber, wenn ich den Tag nicht auf 30 oder 36 Stunden verlängern kann, um allen — vor allem selbst gesteckten — Wünschen gerecht zu werden.

Unter die nicht befriedigenden, halb unfertig gebliebenen Dinge möchte ich kein YOLO setzen, unter alles, was mir gelungen ist, mich befriedigt oder eventuell sogar andere begeistert hat, jederzeit. Denn dann fühle ich mich auch wie jemand, der aus der spärlichen Zeit, die ihm nun einmal bleibt, das Beste gemacht hat.

In diesem Sinne: In einer Woche beginnt ein neues Schuljahr, da geht es wieder darum, das Maximum herauszuholen. Dann setze ich auch gerne ein YOLO darunter.