Album der Woche – Episode 9 – 2017-11-12

Jede Woche präsentiere ich ein Album, das mir persönlich gut gefällt. Im Vorfeld höre ich es noch einmal (oder häufiger) durch und bemühe mich dann, es allen Interessierten „schmackhaft“ zu machen.

James Newton Howard: „The Village (Soundtrack)“

Eine der besten Filmmusiken, die ich jemals zu hören bekam – ohne „Wenn“ und „Aber“!
Eine der besten Filmmusiken, die ich jemals zu hören bekam – ohne „Wenn“ und „Aber“!

Heute weiche ich ein wenig von meinen sonst hier geschilderten Vorlieben, die ja eher im Pop-/Rock-Bereich liegen, ab. Dennoch könnte es für Interessierte ein sehr faszinierendes Hörerlebnis werden.

2004 kam „The Village – Das Dorf“ in die Kinos. Vermarktet wurde der Film als eine Art Suspense- oder Horror-Film, wobei der Film ungefähr in der Mitte eine ganz drastische Wende nimmt, die – zumindest für mich beim ersten Ansehen – wirklich unvorhersehbar war. Und damit ändert sich auch der Charakter des Films auf grundlegende Weise (aus meiner Sicht zum Guten). So überrascht wurde ich selten. Leider mag meine Frau den Film überhaupt nicht, weshalb ich ihn seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr angesehen habe.

Die Musik ist dafür einer der absoluten Gipfel dessen, was jemals ein Komponist als musikalische Umrahmung einer Filmhandlung geschrieben hat. Es gibt ja viele Menschen, die John Williams, Ennio Morricone oder Hans Zimmer für den oder die besten Filmmusikkomponisten halten. Seit dem Genuss dieses Films und der dazugehörigen Musik steht James Newton Howard für mich an erster Stelle, ziemlich dicht gefolgt von Michael Giacchino („The Incredibles“, die neueren Star Trek-Filme, „Jurassic World“ und noch viele mehr).

Die Stücke:

Insgesamt beinhaltet das Album 13 Stücke mit einer Gesamtspielzeit von 43 Minuten – wobei es selbstverständlich auch ein paar Stücke gibt, die – der Dramaturgie des Films geschuldet – allein für sich nur einen begrenzten Reiz ausüben, zumindest geht es mir so. Doch andere Stücke sind derartig hochwertige „Juwelen“, dass man nur in Demut das Haupt neigen kann sowohl vor der kompositorischen (James Newton Howard) als auch vor der interpretatorischen (Hilary Hahn) Leistung.

What Are You Asking Me?

Vorsicht, ich muss ein wenig spoilern, sonst kann ich die immense emotionale Wirkung dieses Stücks nicht annähernd umreißen.

In der Handlung gibt es eine junge Frau namens Ivy Walker (phänomenal gespielt von Bryce Dallas Howard), die Lucius Hunt (vom nicht minder genialen Joaquin Phoenix dargestellt) liebt – und er liebt sie. Er ist jedoch schüchtern und wagt es zu Beginn des Films noch nicht, seine Liebe einzugestehen. In einer überaus romantischen Szene, in der sich beide nach einigem verbalen Abtasten („endlich“) ihre Liebe gestehen, kann man die Schüchternheit beider nicht übersehen. Dieses Stück, das die Frage, die dem gesamten Dialog zugrunde liegt, als Titel trägt, zeigt dieses fragile Verhältnis zweier Menschen, die innerlich schon lange füreinander brennen, sich dies aber sowohl aufgrund ihrer Mitmenschen und deren antizipierter Reaktion als auch durch ihre generelle Schüchternheit bedingt kaum trauen.

Und dieses Herantasten kann man schon in den ersten Sekunden des Stücks so wundervoll nachempfinden, wenn das Klavier zögerlich mit zwei Sechzehnteln und einer Achtelkette einsetzt (für Leute vom Fach: so nimmt der Komponist die Betonung aus dem ersten Ton bzw. dem Taktbeginn heraus, was die Zaghaftigkeit noch weiter unterstützt). Mit dem Einsatz der Geige kann man fast schon die zwei Liebenden in ihrem scheuen Tanz um die Wahrheit herum vor Augen sehen. Es ist ein unglaublich ergreifendes Stück – sowohl als Musik wie auch als Szene im Film.

The Vote

Die entscheidende Stelle im Film, an der sich die für das Dorf Verantwortlichen entscheiden müssen, ob ihnen das Leben des allerseits als zukünftigem Anführer erdachten Lucius wichtiger ist als die Aufrechterhaltung ihres raffinierten Coups (mehr spoilere ich nicht, basta!), muss natürlich auch musikalisch mit äußerster Dramaturgie umgesetzt werden.

Im Zentrum dieser Entscheidung steht Ivy Walker, die im Film um die zwanzig Jahre alt sein soll. Das Geigenthema, das mit ihr assoziiert ist, wurde von Hilary Hahn (leider nicht mit mir verwandt…) eingespielt, die zum damaligen Zeitpunkt ungefähr genauso alt war – was die Gestaltung des Stücks auf die bestmögliche Weise unterstützte. Auch im Making of äußern sich Komponist und Regisseur dazu, was man sich in diesem Video ansehen kann.

Die inständige Bitte an die Dorfältesten, ihrem Antrag stattzugeben, sie ziehen zu lassen, um für ihren schwer verletzten Verlobten Medizin zu holen, das Flehen um die Ausnahme von der eisernen Regel, all das wird musikalisch so intensiv dargeboten, dass mir bei jedem Anhören neu der Atem stockt. Alles an diesen sechs Minuten ist wunderbar, die zweite Hälfte davon jedoch noch etwas himmlischer. Unbedingt mit einer guten Anlage oder Kopfhörern anhören, um jedes Details der Musik voll auskosten zu können!

Fazit

Neben diesen zwei Stücken sind von den elf übrigen natürlich noch weitere Stücke hörenswert, doch jedes einzelne Mal, wenn ich das Album anhöre, sind die beiden meine Anlaufpunkte, mit ihnen beginne ich, mit ihnen ende ich. (Geht es nur mir so, oder schreibe ich heute wirklich extrem „salbungsvoll“?)

Auch wer mit klassischer Musik üblicherweise nichts am Hut hat, sollte sich diese paar Minuten nehmen, und die beiden Stücke – mit gutem Sound-Equipment – anhören. Jede Sekunde lohnt sich. Garantiert.

Ein kleiner Nachgedanke: Wie ich gerade heute auf dieses Album kam, ist mir selbst schleierhaft, denn in der Pipeline habe ich noch etliche rockige Gegenstücke. Möglicherweise ist es der Herbst mit den entlaubten Bäumen, die auch im Film einen Teil der mysteriösen, düsteren Stimmung zu Beginn ausmachen. Gegen Ende meines heutigen Morgenlaufs ging die Sonne auf und ich konnte die kahlen Bäume um mich herum mit jenem deutlichen Kontrast erkennen, denn es nur früh am Morgen und kurz vor Sonnenuntergang gibt. Vermutlich hat das mein Unterbewusstsein auf die Spur geführt.

Hotarus Filmchallenge – Oktober 2016

Wer noch nicht weiß, was mit „Hotarus Filmchallenge“ gemeint ist, der sollte bitte hier klicken.

Ich bin zugegebenermaßen etwas zu spät dran für den Oktober, doch beim letzten Punkt musste ich erst eine ganze Weile suchen, um einen Film zu finden, der mir tatsächlich zu diesem Stichwort einleuchten wollte. Die November-Stichwörter werde ich mir dafür schon recht bald zu Gemüte führen, damit sie noch in diesem Monat veröffentlicht werden können.

  • (40) Koffer: Pulp Fiction (weitere Infos) – Natürlich fielen mir sofort alle möglichen „Airport“-Filme, „Einsame Entscheidung“ und der zweite Teil von „Stirb Langsam“ ein, denn selbstverständlich werden am Flughafen viele Koffer abgewickelt und im Flugzeug transportiert. Doch die Koffer spielen dabei faktisch keine Rolle. Also musste ein anderer Film her, in dem ein – vielleicht sogar der – Koffer eine hervorgehobene Stellung innehat. Und dann kam die Erleuchtung: Gab es jemals noch einen Film neben Pulp Fiction, in dem das Geheimnis um den Inhalt eines Koffers im Verlauf des Films trotz der erzeugten Spannung beim Publikum nicht gelöst wurde? Falls dem so sein sollte, ist es mir nicht bekannt. Daher passt dieser Film wie die Faust aufs Auge zum gestellten Thema.
  • (41) Tanz: Footloose (weitere Infos) – Einen heftigen Konkurrenten gab und gibt es: „Singin‘ in the Rain“, doch meine Begeisterung für „Footloose“ hat mich damals selbst überrascht, denn sonst konnte ich mit Tanzfilmen nie viel anfangen – das war/ist einfach nicht meine Welt. Diesen Film mag ich jedoch, weil er so wundervoll den klassischen Generationenkonflikt, hier sogar noch durch eine religiöse Komponente verschärft, darstellt – und eine interessanterweise (mehr oder weniger) glaubwürdige Lösung anbietet. Außerdem durfte Kevin Bacon (der Nachname ist doch wirklich eine Strafe, oder?) dort ausnahmsweise mal einen „Guten“ spielen, sonst habe ich ihn oft nur als Fiesling oder Bösewicht in Filmen wahrgenommen.
  • (42) Behinderung: The Village (weitere Infos) – Im ersten Moment musste ich sofort an „Rainman“ denken, doch mir ist der Film etwas zu langatmig. Noch dazu mag ich Tom Cruise als Schauspieler nicht wirklich. Gerade in diesem Film trägt er (wie meistens) einfach zu dick auf. Stattdessen habe ich mich für „The Village“ entschieden, denn die Protagonistin dieses Films ist blind. Dennoch nimmt sie für ihre große Liebe eine schier unlösbare Aufgabe auf sich. Noch dazu ist der Film mit der vermutlich besten aller Filmmusiken unterlegt, die ich in den letzten 30 Jahren zu hören bekam. Wer die DVD des Films besitzt, sollte sich unbedingt einmal das Special zur Filmmusik (mit der wundervollen Hilary Hahn) ansehen. Umwerfend!
  • (43) Angst: Shining (weitere Infos) – Das Hörbuch war schon sehr starker Tobak, den ich nur im Tageslicht bei der Gartenarbeit im Sommer hören konnte. Die Verfilmung des Stephen King-Romans kann ich mir aber auf gar keinen Fall am Stück ansehen, sie ist mir schlicht und einfach zu gruselig. Kein anderer Film hat mir jemals so viel Angst gemacht. Und das Thema des Films ist ja auch die Angst, sowohl in irrealer Form (Lagerkoller) als auch in reeller Form (Angst vor dem an Lagerkoller leidenden Psychopathen). Da kommen Gleich und Gleich in Perfektion zusammen. Ich verstehe nur zu gut, warum Stephen King diese Verfilmung nicht mochte…
  • (44) Familie: Jumanji (weitere Infos) – Der Film ist derart faszinierend, dass ich ihn bestimmt schon vier- oder fünfmal angesehen habe. Seit dem Tod von Robin Williams konnte ich mich noch nicht wieder überwinden, doch der Tag wird auch kommen. Beide in diesem Film dargestellten Familien werden durch Unglück(e) auseinandergerissen und können nur durch die Überwindung größter Mühen und Gefahren am Ende wieder glücklich vereint werden. Der Zuschauer durchlebt eine intensive Katharsis, die den Abschluss des Films so entzückend erleichternd erscheinen lässt. Leider können meine Kinder den Film frühestens in ein paar Jahren ansehen, im Moment würden sie alle vor lauter Aufregung schreiend aus dem Wohnzimmer rennen…

Hörtipp: In 27 Pieces – The Hilary Hahn Encores

Cover des Albums
Hilary Hahn: »In 27 Pieces«

Vor ein paar Tagen gönnte ich mir relativ spontan ein Album bei iTunes: „In 27 Pieces – The Hilary Hahn Encores“, eine Sammlung von der Geigerin neu bei 27 verschiedenen (aber noch lebenden, sorry, der Wortwitz musste sein…) Komponisten in Auftrag gegebener „kleiner“ Stücke als Zugaben (eben „Encores“).

Ich bin kein Streicher, obwohl ich in der zweiten Hälfte meines Schulmusikstudiums satte vier Semester Unterricht an der Violine genoss. Doch war ich da schon Mitte Zwanzig, und da ist es einfach etwas zu spät für derlei feingliedrige Geschichten. Normalerweise höre ich nicht viel Streichermusik, es sei denn, es handelt sich um symphonische Musik, und da sind ja meist Bläser dabei.

Dennoch fiel mir Hilary Hahn schon einmal außerordentlich positiv auf, als sie vor einigen Jahren (da war sie gerade einmal 24 Jahre alt) den Solo-Violin-Part in der Filmmusik von „The Village“ übernahm. Man kann den Film mögen oder hassen, die Musik von James Newton-Howard ist meiner persönlichen Einschätzung nach auf jeden Fall eine der großartigsten Neukreationen der letzten Jahre: Eine sehr ausgewogene Mischung post-romantischer und minimalistischer Elemente, starker Melodien und wundervoller Klangfarbenkombinantionen, die aus der jugendlichen Spielweise der Solistin einen ganz eigenen Charme schöpfen — und auf diese Weise dem Film (mit einer Hauptdarstellerin im gleichen Alter) eine angenehme Tiefe verleihen.

Zurück zu den 27 Encores: Hilary Hahn sprach eine große Anzahl zeitgenössischer Komponisten an, ob sie bereit wären, kurze Stücke für Violine und Klavier zu schreiben. Ganz offensichtlich genießt sie auch in Komponistenkreisen einen hervorragenden Ruf, denn die Stücke kamen.

Und aufgrund dieser Entstehungsgeschichte darf es nicht verwundern, dass das Album eine sehr bunte Mischung unterschiedlichster Stile ist. Jeder Komponist wählte eine eigene Tonsprache, manche eher traditionell, andere geradezu avantgardistisch, häufig eine technische Brillanz höchsten Ausmaßes einfordernd, gelegentlich aber auch von einer geradezu überraschend einfach anmutenden lyrischen Spielweise geprägt.

Auf YouTube findet sich ein von der Deutschen Grammophon produzierter Trailer zum Album, in dem die Entstehungsgeschichte in größerem Detailreichtum als hier dargestellt wird. Sehr zu empfehlen, vor allem weil das Ansehen des Trailers noch mehr Lust auf das Genießen des Albums macht.

Ist man dann ohnehin schon im YouTube-Kanal von Hilary Hahn gelandet, entdeckt man gleich auch noch die Video-Chats, die die Geigerin mit den Komponisten führte, um sich über die Stücke auszutauschen. Viel näher an den Entstehungsprozess einer solchermaßen beeindruckenden Platte kommt man selten.

Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich schon ein paar persönliche Favoriten auf dem Album entdeckt:

  • Hilary’s Hoedown (Track 17): Von der nordamerikanischen Folklore und einigen Bluegrass-Elementen inspiriert gehört dieses Stück auf jeden Fall zu den beschwingten Stimmungsstücken, das am Ende eines Konzerts als „Rausschmeißer“ geeignet wäre.
  • Aalap and Tarana (Track 19): Von starken asiatischen Einflüssen geprägt könnte dies aus eine geeignete Alternative zur exzellenten Filmmusik von „Tiger and Dragon“ darstellen. Eindringlich gespielt, schöne Effekte im Klavier (manuelles Anzupfen der Saiten am Anfang), sehr gelungen!
  • Coming To (Track 15): Der Titel suggeriert schon, was musikalisch zu erwarten ist: Das zu Bewusstsein kommen, entweder nach einem Traum oder einer anderen Art von Bewusstlosigkeit. Nach einer leicht desorientierten Einstiegssequenz kann man gut nachvollziehen, wie sich Traum und Realität noch um die Vorherrschaft streiten. Eindrucksvoll!

Das ist nur eine erste Auswahl nach einem Hördurchgang, doch viele andere Stücke sind mindestens ebenso gut, nur eben auf einer anderen Ebene. Wer hier also auf den Geschmack gekommen ist, sollte sich dieses musikalische Kleinod gönnen.