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Trumps zweite Amtszeit

Heute mal noch eine kleine politische Prophezeiung: Ich bin mir relativ sicher, dass es hinsichtlich des amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika eine von zwei Meldungen geben wird: Entweder wird Donald Trump ziemlich bald seines Amtes enthoben (aus meiner persönlichen Sicht heraus wünschenswert, aber derzeit nicht ernsthaft zu erwarten), oder er schafft es tatsächlich in eine zweite Amtszeit.

Den ersten Punkt muss ich nicht elaborieren, denn durch die Medien geistern täglich neue Meldungen über Fehltritte und (mehr oder weniger grobe) Schnitzer des Präsidenten. Kombiniert man das noch mit den Anschuldigungen hinsichtlich seiner vielen Russland-Verbindungen, die in der amerikanischen Seele ja immer noch eine ganz bestimmte Glocke zum Klingen bringen, müsste es eigentlich langsam sehr eng werden – ob es das wirklich tut, wird die Zeit zeigen müssen. Bislang habe ich nicht den Eindruck.

Erstaunlich ist nur, dass die Republikaner noch nicht gemerkt haben, dass sie im Falle eines erfolgreichen Impeachment Trumps als seine Steigbügelhalter ebenso „den Bach runter gehen“ würden wie ihr ungeliebter Präsident. Von den Demokraten erwarte ich im Moment nicht wesentlich mehr als das, was sie aktuell tun: Nichts bzw. fast nichts. In den ersten Wochen nach der Wahl konnte man das durchaus einer gewissen Schockstarre zuschreiben, mittlerweile ist es schlicht unentschuldbar. Trotzdem bekommen sie keine gerade Linie in ihren Widerstand gegen die aktuelle Regierung – echte „Opposition“ sieht anders aus.

Aber für den Moment möchte ich einfach mal davon ausgehen, dass es kein erfolgreiches Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump geben wird. Und für diesen Fall rechne ich mittlerweile mit einer zweiten Amtszeit. Das klingt vielleicht etwas provokant, ich habe aber Gründe, die ich nun darlegen möchte.

Pro-Trump-Wähler leben in ihrer eigenen Welt

Ein Großteil der Trump-Wähler ist schlicht und einfach nicht gebildet genug, um die platten Statements als das zu erkennen, was sie sind: heiße Luft. In diversen in- und ausländischen Nachrichtenformaten wurde nach 100 Tagen Amtszeit zusammengefasst, was von Trumps angekündigten Veränderungen umgesetzt wurde: Nichts (siehe Bild unten). Bei seinen überzeugten Wählern hat dies jedoch keinerlei Auswirkungen gehabt, ihre Unterstützung ist im weiterhin sicher. Der Grund liegt auf der Hand: Er erzählt ihnen genau, was sie hören wollen. Die Umsetzung der vielen Versprechen ist mittlerweile gar nicht mehr nötig, nur versprochen muss es werden, garniert mit einem zünftigen „Make America GREAT AGAIN!“

Tweets wie diese geistern bereits seit Wochen täglich durch alle „sozialen“ Medien.

Tweets wie diese geistern bereits seit Wochen täglich durch alle „sozialen“ Medien.

Genau genommen hat Donald Trump aber auch noch nicht wirklich etwas auf die Beine stellen können in seiner Amtszeit – in dieser Hinsicht bleibt er weit hinter seinen vollmundigen Versprechungen zurück.

Genau genommen hat Donald Trump aber auch noch nicht wirklich etwas auf die Beine stellen können in seiner Amtszeit – in dieser Hinsicht bleibt er weit hinter seinen vollmundigen Versprechungen zurück.

Postfaktische Neuigkeitsblasen

Wir sind definitiv im Zeitalter des Postfaktischen angekommen. Damit meine ich nicht nur die einzelnen Nachrichtensender, die ausschließlich positiv über den Präsidenten und seine Parteikollegen berichten. Mir geht es eher um die auf den jeweiligen Nutzer maßgeschneiderten News-Bubbles, wie sie die modernen sozialen Netzwerke erlauben. Neuigkeiten, die einem nicht in den Kram passen, werden stumm geschaltet („mute“) oder der Verfasser gleich ganz geblockt. Noch nie war es so einfach, sich eine eigene Welt voll von ausschließlich „genehmen“ Nachrichten zu basteln. Bereits vor Jahren (zu Zeiten der „Tea-Party“ um Sarah Palin) war das deutlich erkennbar, doch das Ausmaß ist derart angewachsen, dass es immer schwerer wird, zu den Menschen innerhalb einer solchen maßgeschneiderten Blase von Neuigkeiten, die derjenige an sich heranlässt, vorzudringen. Und wenn ein absoluter Trump-Anhänger sich so seine eigene Realität einmal gebastelt hat, ist es schier unmöglich, ihn oder sie wieder mit rationalen Argumenten auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen. Beweis gefällig? Hier.

Fazit

Zusammengefasst können wir also festhalten, dass es auf der einen Seite in den USA eine schwache Opposition gibt, die ihre Zeit in den letzten Monaten zu stark mit einer eigenen verzweifelten Suche nach Lösungen für ihre internen Probleme verbracht hat: Würden Trump und sogar noch Pence durch ein hypothetisches Impeachment schon morgen aus dem Amt gejagt, wer sollte denn als demokratischer Kandidat einspringen? Da ist einfach kein charismatischer Kandidat, der bereit steht – selbst Hillary Clinton war ja nicht wirklich beliebt (und Bernie Sanders würde es nach dem letzten Wahlkampf vermutlich nicht noch einmal wagen, anzutreten).

Auf der anderen Seite stellen die Trump-Wähler eine große gesellschaftliche Gruppe dar, die sich wenig Sorgen um die Erfüllung der vollmundigen Versprechungen macht, solange man die Versprechungen in der passenden Rhetorik („MAKE AMERICA GREEEEAAAAT AGAAAAAAAIIIN!“) nur immer wieder laut genug wiederholt. Gleichzeitig wird medial zwar über alles berichtet, doch je nach Fernsehsender oder sozialen Medien haben sich die Lager klar einsortiert, sodass man als Angehöriger der einen oder anderen Gruppe oft nur noch die „gewünschten“ Fakten zu Gesicht bekommt1.

Der nächste Wahlkampf wird eine reine Schlammschlacht werden, doch Donald Trump lebt seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten in genau dieser Welt und beherrscht dieses Spiel mit einer gnadenlosen Rücksichtslosigkeit wie kein Zweiter. Genau deshalb wird Trump meiner Einschätzung nach auch wieder gewählt werden und eine zweite Amtszeit im Weißen Haus absolvieren. Und die Amerikaner werden – auch wenn es sich „hart“ anhört – ihn verdienen. Doch das muss ich an anderer Stelle noch einmal aufgreifen, denn für heute habe ich genug über Politik geschrieben.

Nachtrag 1 (31.7.2017, 20:10):

Vorhin habe ich bei Twitter den folgenden Link entdeckt, der mittels eines Zitats angekündigt wurde – passt perfekt zum Thema, gerade zum Kommentar von Robert.

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Sehr passend, schon in der kurzen Zusammenfassung.

Nachtrag 2 (5.8.2017, 17:15):

Gerade heute früh hat jemand bei Twitter (siehe Bild) ebenfalls diese News-Bubble schön treffend erwähnt:

IMG_1392.jpg

Grob übersetzt: Nicht nur Dschihadisten werden online radikalisiert. [Es gibt] so viele Twitter-Subkulturen mit ihrem eigenen Ansichten-Set und der sich selbst verstärkenden Empörung.

  1. Darüber muss ich mich an anderer Stelle auch noch einmal auslassen, denn das politische System der USA unterscheidet nur noch zwischen zwei Lagern, somit gibt es nur noch: „Bist du nicht für mich, bist du gegen mich!“ – Kompromisse, wie sie in der Politik unvermeidlich sind, werden dadurch aber unmöglich gemacht.
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Der himmlische Mute-Knopf

In den letzten Tagen ging es in Hamburg ja ziemlich rund. Dazu möchte ich mich aber gar nicht äußern, meine Meinung wäre ohnehin redundant, denn die Berichterstattung und Meinungsmache lief bei allen beteiligten Akteuren auf Hochtouren, kein denkbarer Standpunkt wurde ausgelassen. Und wie so oft hieß das Motto: „Es wurde zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem.“

Genau genommen lief die Hysterie auf derart hohen Touren, dass mir vollkommen die Lust verging, mir weitere überdrehte (oft in feinster Trump-Manier durchweg in Großbuchstaben verfasste…) Pro-/Contra-Meldungen über die üblichen Nachrichtenkanäle oder meine Twitter-Timeline anzusehen.

Besonders auffällig war für mich, dass im Verlauf der Eskalation die Einstellung vieler Personen einen Wandel um 180 Grad durchlief. Erst waren die Polizisten, die Sicherheitsorgane, die Staatschefs und der Staat selbst die „Bösen“, dann brannten mehrere Nächte am Stück die Autos völlig unbeteiligter Menschen, wurden Geschäfte geplündert und Straßenzüge verwüstet – und auf einmal war der pöbelnde Mob, der vorher noch wie ein Trupp Heilsbringer (oder zumindest moderner Che Guevaras) gefeiert worden war, das „personifizierte Böse“.

Da es vielen modernen Mediennutzern aber anscheinend nicht möglich ist, sich differenziert zu äußern, sie viel lieber in Hysterie, mit marktschreierischer Aufmerksamkeitssucht und vor allem in oft unangebracht diffamierender bzw. unflätiger Weise ihren (manchmal nur für kurze Zeit gültigen) Standpunkt in die Welt hinausposaunen (die Silbe „Po“ in der Mitte ist übrigens sehr passend…), wählte ich den Weg, der mir am besten taugte.

Beim Öffnen der Timeline hatte ich heute früh gut 800 ungelesene Tweets vor mir. Konsequent mutete (für die Nichteingeweihten: muten=stummschalten) ich alle Tags, die sich auf G20 bezogen. Zusätzlich noch einen Nutzer, der sein Fähnchen in den letzten Tagen ständig nach dem Wind gedreht hatte. Binnen zweier Minuten war die Timeline auf 200 Tweets zusammengeschrumpft, die konnte ich in ein paar Minuten in Ruhe überfliegen und genießen.

Die Stummschaltung gilt noch bis morgen, dann werde ich mal sehen, ob ich nochmal die virtuellen Maulkörbe verteilen muss. Für heute habe ich jedenfalls himmlische Ruhe – mein herzlicher Dank gilt dem Mute-Knopf!

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Song des Tages (22) – 2016-10-03

Jeden Tag empfehle ich einen Song als den „Song des Tages“. Heute ist der Tag der deutschen Einheit. Wenn man den Nachrichten auch nur mit einem halb geöffneten Auge folgt, so entsteht fast unweigerlich der Eindruck, dass es mit der deutschen Einheit nicht allzu gut steht. Zwischen einigen der sog. „neuen“ Bundesländern (seit der Wiedervereinigung sind ja nun schon 26 Jahre vergangen) und den alten Bundesländern klafft mental eine teils erhebliche Kluft.

Erschreckend finde ich vor allem den nicht in ein recht enges Weltbild passenden Personen entgegengebrachten Hass, der sich nachweislich vor allem in den neuen Bundesländern entlädt.

Rechte Gewalt in Deutschland

Frisch von Twitter: Rechte Gewalt in Deutschland

Oft von einem völligen Missverständnis oder einer absichtlichen Ignoranz gegenüber bestehenden Tatsachen geleitet, wird der gesamte Frust an der eigenen Existenz auf ausgerechnet jene Menschen projiziert, die im Gegensatz zu denen, die ihnen hier Schaden zufügen (oder zufügen wollen), tatsächliche Not, echtes Risiko für Leib und Leben durchlebt haben und unter unsäglichen Mühen eine neue Zukunftsperspektive suchen. Mehr dazu später.

Der heutige Tag ist ein bundesweiter Feiertag, die meisten Menschen in unserem Land können sich den Tag völlig frei einteilen – ein luxuriöser Zustand, ein Privileg, das nicht viele Menschen auf der Welt mit uns teilen. Aber sicher denken heute weit weniger Menschen über den Anlass für diesen Feiertag nach als noch vor 20 Jahren. Ich habe in den letzten Tagen einige Gedanken zu diesem Thema gewälzt, was mich am Ende dazu brachte, einen ganz speziellen Song als den heutigen „Song des Tages“ auszuwählen, der sich mit keiner Silbe direkt auf unsere Situation in Deutschland bezieht, sich aber bei genauerem Hinsehen unglaublich einfach darauf übertragen ließe: „The Ghost of Tom Joad“ von Bruce Springsteen:

Die Original-Version kommt in ihrer musikalischen Schlichtheit der Geschichte, auf die sie sich bezieht, näher. Außerdem mag ich sie aufgrund ihres hervorragenden Sounds lieber (da ist dann natürlich ein für das Streaming optimiertes, sprich: mit niedriger Datenrate komprimiertes, YouTube-Video nicht das Maß aller Dinge – ich genieße das Stück am liebsten mit Kopfhörern, denn dann kann der Einsatz des Basses die Gänsehaut auf meine Arme jagen). Deswegen habe ich diesen Link an die erste Stelle gesetzt.

Die folgende Live-Version wird dagegen begleitet von einem kurzen politischen Statement des „Boss“, wodurch sie auch für die Situation in den USA einige Relevanz gewinnt:

Soweit der Teil, der für alle gleichermaßen geeignet ist, jetzt packe ich den Lehrer aus, denn unter der Oberfläche steckt in diesem Song so unglaublich viel mehr, das kann und darf ich nicht unerwähnt lassen…

John Steinbeck: „Die Früchte des Zorns“

Bruce Springsteen bezieht sich mit dem Titel auf Tom Joad, den Protagonisten des Romans „Früchte des Zorns“ des amerikanischen Autors John Steinbeck. Ohne Kenntnis der Geschichte ist es kaum möglich, die Tragweite zu erfassen, daher gebe ich nachfolgend eine kurze Zusammenfassung (der Roman ist je nach Layout zwischen 600 und 700 Seiten lang).

In dessen Verlauf begleitet der Leser eine Farmerfamilie aus Oklahoma, die nach einigen zu mageren Jahren ihr gesamtes Land (das ohnehin schon nur noch gepachtet war) und ihren Hof an einen großen Landwirtschaftskonzern verloren hat. Auf Handzetteln haben sie von angeblich tausenden verfügbarer und gut bezahlter Jobs in Kalifornien gelesen. Da ihnen ohnehin nichts anderes bleibt, als ihr Land zu verlassen, begeben sie sich mit der gesamten Großfamilie auf den beschwerlichen Weg nach Kalifornien.

Schon sehr bald sterben die mitgenommenen Großeltern, die die neue Situation schlicht nicht verkraften konnten. Weitere Familienmitglieder wie der Schwiegersohn setzen sich bei erstbester Gelegenheit ab, die Familie droht immer weiter zu zerbrechen. Als sie schließlich in Kalifornien anlangen, erleben sie in gewisser Weise die „Hölle auf Erden“: Natürlich gibt es tausende Jobs, aber auf jeden einzelnen Job kommen hunderte Bewerber, denn die bereits erwähnten Handzettel wurden anscheinend im ganzen Süden der USA verteilt. Hunderttausende Menschen sind nach Kalifornien geströmt, um dort Arbeit zu finden. Ein mörderischer Konkurrenzkampf um die wenigen verfügbaren Jobs beginnt.

Kurzer Exkurs: Kommt uns die bisherige Inhaltsangabe irgendwie bekannt vor? Menschen, die vor dem Aus stehen, begeben sich auf beschwerlichem Weg in eine unsichere Zukunft, weil sie für sich und ihre Familie eine Sicherung der bloßen Existenz suchen? Für mich klingt das sehr vertraut. Und auch die nun folgenden Ereignisse des Romans erscheinen mir auf die unangenehmste Weise gar nicht neu…

Die Bevölkerung Kaliforniens wehrt sich gegen die vielen Arbeitssuchenden, man schottet sich ab, verschanzt sich hinter Zäunen und Mauern, verfällt in einem parolenhafte, simplifizierte Weltanschauung (wir: gut, die: schlecht), versichert sich gegenseitig, „besser“ als die „Okies“ zu sein, die ja als „Schmarotzer“ und „nur zum Stehlen“ gekommen seien. Das eigentlich verfügbare Geld wird nicht etwa investiert, um eine funktionierende Infrastruktur zur sinnvollen Unterstützung der Arbeitssuchenden aufzubauen, vielmehr werden Camps geschaffen, in denen diese wie in einem Ghetto zusammengepfercht und zum Teil ihrer Grundrechte beraubt werden. Jobs werden nur an jene vergeben, die am wenigsten Geld dafür verlangen.

Zusammenschlüsse der Arbeitssuchenden in gewerkschaftsähnliche Strukturen werden in „Nacht und Nebel“-Aktionen mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Im Zuge einer solchen Aktion, bei der Tom Joad mit ansehen muss, wie einer seiner Freunde erschlagen wird, begeht er, der zu Beginn des Romans gerade erst aus dem Gefängnis heimgekehrt war, einen erneuten Affektmord. Um seine Familie zu schützen, taucht er ab, um im Untergrund für die Rechte der Unterdrückten zu kämpfen.

Der Roman endet in einer dramatischen Situation: Das Flüchtlingslager ist nach einem sintflutartigen Regen überflutet, alle Bewohner strömen desillusioniert und unterm Strich noch schlechter gestellt als vor ihrem Aufbruch nach Kalifornien auseinander. Einzig die Menschlichkeit, die sich jene erweisen, die selbst nichts zu verlieren haben, lässt den Leser noch geringe Hoffnung schöpfen.

Schreibstil und Zitat

John Steinbeck schrieb realistisch und geradlinig – und doch neben der kraftvollen Art auch immer sehr lyrisch. Aus vielen ganz alltäglichen Beobachtungen konnte er durch seine geschickte Erzählweise beim Leser einen hochgradigen ästhetischen Genuss erzeugen. Neben „Früchte des Zorns“ habe ich vor allem „Von Mäusen und Menschen“ sowie die lose als Trilogie zusammenhängenden Romane „Tortilla Flat“, „Straße der Ölsardinen“ und „Wonniger Donnerstag“ genossen – stilistisch sind sie sich recht ähnlich.

Ein Zitat direkt aus dem Roman möchte ich hier einbinden, das Steinbecks kraftvollen Schreibstil zur Geltung bringt.

Im Westen entstand eine Panik, als die Wanderer auf den Straßen sich mehrten. Die Besitzer fürchteten um ihren Besitz. Menschen, die noch nie Hunger gehabt, sahen die Augen der Hungrigen. Menschen, die noch nie etwas dringend gebraucht, sahen die Not in den Augen der Wandernden. Und die Leute in den Städten und dem flachen Vorstadtland taten sich zusammen, um sich zu verteidigen, und sie versicherten sich gegenseitig, dass sie gut seien und die Eindringlinge schlecht, wie ein Mensch es eben tun muss, bevor er kämpft. Sie sagten: „Diese gottverdammten Okies sind Diebe. Sie stehlen alles. Sie haben keinen Sinn für Eigentumsrecht.“ Und das stimmte, denn wie kann ein Mann ohne Besitz die Schmerzen eines Besitzers verstehen? Und die Leute, die sich verteidigen mussten, sagten: „Sie bringen Krankheiten mit, sie sind schmutzig. Wir können sie nicht in unsere Schulen lassen. Sie sind Fremde. Würdest du etwa deine Schwester mit einem von ihnen ausgehen lassen?“ Und die Leute zwangen sich zur Grausamkeit. (…) Der Verkäufer dachte: „Ich verdiene fünfzehn Dollars die Woche. Angenommen, so ein gottverdammter Okie würde für zwölf arbeiten!“ Und der kleine Krämer dachte: „Wie kann ich’s mit einem Mann aufnehmen, der keine Schulden hat?“ Und das wandernde Volk strömte auf den Straßen herein, und in den Augen der Menschen stand der Hunger und stand die Not. (…) Wenn es Arbeit gab für einen, kämpften ihrer zehn darum – kämpften mit niedrigem Lohn. „Wenn der da für dreißig Cents arbeitet, arbeite ich für fünfundzwanzig.“ „Nein, ich – ich habe Hunger. Ich arbeite für fünfzehn.“ „Ich arbeite auch für’n bisschen Essen. Die Kinder. Du solltest sie nur sehn. Überall kommen kleine Geschwüre raus, und sie können nicht rumlaufen.“ (…) „Ich arbeite für’n kleines Stückchen Fleisch.“ Die Felder waren voller Früchte, und über die Straßen zogen hungernde Menschen. Die Kornkammern waren voll, und die Kinder der Armen waren rachitisch, und auf ihren Rippen schwollen Aussatzgeschwüre an. Die großen Gesellschaften wüssten nicht, dass es von Hunger zu Empörung nur ein kurzer Schritt ist. Und das Geld, das für die Löhne hätte verwendet werden können, wurde für Gas, für Gewehre, für Agenten und Spitzel, für schwarze Listen, fürs Exerzieren ausgegeben. Über die Straßen krochen gleich Ameisen die Menschen und suchten nach Arbeit, nach Essen. Und die Empörung begann zu gären.

„Brennend“ aktuell

So manchen Abschnitt könnte man glatt auf unsere aktuelle Situation in Deutschland übertragen. Vor allem das ganz vage Gefühl einer völlig unkonkreten Bedrohung, das vor allem jene Menschen empfinden, die von den Flüchtlingen überhaupt nicht bedroht werden, diese irrationale Angst, die sich vor allem aus dem fremdartigen Aussehen und dem Unvertrautsein mit der Kultur der Flüchtlinge speist, die finde ich bemerkenswert.

Ein Beispiel, man könnte es auch ein Gedankenspiel nennen: Ein beliebiger Hartz IV-Empfänger hat was genau von einem Flüchtling zu befürchten?

  • Dass ihm seine Sozialhilfe gestrichen wird? Sicher nicht.
  • Dass sie weniger wird? Sicher nicht.
  • Dass ihm ein Job weggenommen wird? Wohl kaum, denn so schnell bekommt kein Flüchtling eine Arbeitserlaubnis.
  • Dass er aus der Wohnung ausziehen muss? Wenn das der Fall sein sollte, dann hat es sicher nichts mit Flüchtlingen zu tun.

Und dennoch wird auf genau dieser Angst-Schiene seit über einem Jahr gegen die Flüchtlinge Front gemacht. Pegida, AfD, NPD, alle haben sie ein Problem damit, dass hilfsbedürftige Menschen, die nicht aus eigener Schuld in Not geraten sind, bei uns Schutz suchen. Bei uns, einem der reichsten Länder der Welt! Wir können in der Mehrheit locker etwas abgeben, ohne wirklichen Verzicht ausüben zu müssen. Und dennoch jammern einige Teile der Bevölkerung herum, als würde jeder Flüchtling ihnen persönlich Schaden zufügen. Völlig inakzeptabel.

Und wer dann noch Perspektiv- und Arbeitslosigkeit als Entschuldigung für das Anzünden von Flüchtlingsunterkünften heranzieht, der verspielt sich auch noch jenes letzte Fitzelchen Würde, das er vielleicht vorher noch hatte. Beispiel gefällig? Hier:

Gerade heute Nacht bei Twitter gesehen, keine Erfindung, kann jeder einsehen...

Gerade heute Nacht bei Twitter gesehen, keine Erfindung, kann jeder einsehen…

Ich kann dem „Bundesamt für magische Wesen“, einem Account, der sonst eher auf humorige Inhalte ausgerichtet ist, hier nur zustimmen (als Lehrer muss ich natürlich das fehlende „n“ monieren, aber das ist ebenfalls Jammern auf hohem Niveau). Es gibt in einer solchen Situation keine Entschuldigung. Die eigene Perspektivlosigkeit ist kein Grund, die Unterkunft jugendlicher Flüchtlinge anzuzünden. Das kann und darf niemals ein mildernder Umstand sein.

Zurück zum „Boss“

Bruce Springsteen hat seinem Song, der bereits 1995 veröffentlicht wurde, ebenfalls eine damals aktuelle, zusätzliche Perspektive verliehen, indem er ihn auf die Immigranten aus Mexiko ummünzte. (Exkurs: Das bringt uns gleich wieder zur politischen Aktualität dieses Themas: Trump und seine Mauer, für die die Mexikaner ja zahlen sollen…). Da der Boss leider fürchterlich nuschelt, ist das Verständnis des Songtexts nicht immer einfach, also habe ich die Lyrics hier noch eingefügt:

Men walkin‘ ‚long the railroad tracks
Goin‘ someplace there’s no goin‘ back
Highway patrol choppers comin‘ up over the ridge
Hot soup on a campfire under the bridge
Shelter line stretchin‘ round the corner
Welcome to the new world order
Families sleepin‘ in their cars in the southwest
No home no job no peace no rest

The highway is alive tonight
But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes
I’m sittin‘ down here in the campfire light
Searchin‘ for the ghost of Tom Joad

He pulls prayer book out of his sleeping bag
Preacher lights up a butt and takes a drag
Waitin‘ for when the last shall be first and the first shall be last
In a cardboard box ’neath the underpass
Got a one-way ticket to the promised land
You got a hole in your belly and gun in your hand
Sleeping on a pillow of solid rock
Bathin‘ in the city aqueduct

The highway is alive tonight
But where it’s headed everybody knows
I’m sittin‘ down here in the campfire light
Waitin‘ on the ghost of Tom Joad

Now Tom said Mom, wherever there’s a cop beatin‘ a guy
Wherever a hungry newborn baby cries
Where there’s a fight ‚gainst the blood and hatred in the air
Look for me, Mom, I’ll be there
Wherever there’s somebody fightin‘ for a place to stand
Or decent job or a helpin‘ hand
Wherever somebody’s strugglin‘ to be free
Look in their eyes Mom you’ll see me.

The highway is alive tonight
But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes
I’m sittin‘ down here in the campfire light
With the ghost of old Tom Joad

(Ich finde es sehr spannend, wie man derart nuscheln kann, wenn es einem doch offensichtlich so wichtig ist, die Botschaft des Songs „an den Mann“ zu bringen…)

Fazit

John Steinbeck hat seinen Roman 1939 veröffentlicht – seine bis heute ungebrochene literarische Kraft wie auch die völlig akkurate Schilderung der Reaktionen der jeweils ortsansässigen Bevölkerung, zu der die Flüchtlinge gelangen, wird seither quasi permanent neu bestätigt. Erschreckend.

Bruce Springsteen hätte sich als Rockstar schon lange auf sein Altenteil zurückziehen können. Doch er steht nach wie vor mehrere hundert Mal im Jahr auf der Bühne und nutzt diese, um seine politische wie auch menschliche Überzeugung zu verbreiten. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, beeindrucken darf es einen aber durchaus – stets aufs Neue.

So, genug für heute, für einen Song des Tages ist dieser Beitrag ohnehin recht lang geworden. Doch das Thema verdient meiner Meinung nach durchaus eine etwas tiefer gehende Betrachtung.

Alle Songs in meiner freigegebenen Apple Music-Playlist.

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Wartezimmergespräche der Sorte „Nein, danke!“

Seit 1980 heißt „Rhodesien“ schon „Zimbabwe“, doch das ist noch nicht überall angekommen...

Seit 1980 heißt „Rhodesien“ schon „Zimbabwe“, doch das ist noch nicht überall angekommen…

Heute musste ich zum Arzt. Da ich keinen Termin vereinbart hatte, musste ich etwa 20 Minuten warten – was immer noch recht zügig war, denn selbst mit Termin muss man bei der einen oder anderen Praxis unter Umständen ganz schön lange warten (mein trauriger Rekord liegt bei mehr als drei Stunden für ein knapp viertelstündiges Beratungsgespräch).

Während der Wartezeit las ich auf dem iPhone, war aber aufgrund der Schmerzen etwas unkonzentriert und hörte zwangsläufig mit, was drei ebenfalls wartende Herren – durchaus gehobenen Jahrgangs – so von sich gaben. Und das war derart absurd, wäre es nicht so furchtbar dumm und unangebracht gewesen, hätte ich eigentlich nur laut über so viele unbegründete und kaum nachvollziehbare Vorurteile, wie man sie höchstens in einem AfD- oder NPD-Parteiprogramm finden sollte, lachen können. Doch eben zu diesem Lachen war mir nicht zumute, denn in besagtem Gespräch brachten die drei Herren innerhalb weniger Minuten unter vielen anderen auch die folgenden Punkte zum Ausdruck:

  • Saddam Hussein war zwar ein böser Diktator, aber er hat sein Volk wenigstens unter Kontrolle gehabt. Da gab es keine Aufstände, da herrschte noch Zucht und Ordnung. Das waren noch gute Zeiten, natürlich gut für uns, weil dementsprechend auch keine Flüchtlinge aus dem Irak nach Europa hinüber geschickt wurden.
  • Afrika ging es im Zustand als Kolonie der europäischen Kolonialmächte viel besser. Das Argument dafür könnte ich jetzt wieder aus dem vorigen Punkt herauskopieren, müsste nur halt den Saddam weglassen: Unter der Herrschaft der Briten, Franzosen, Deutschen, Niederländer usw. ging es „denen da unten“ ja eigentlich viel besser, weil denen dann endlich einmal jemand gesagt hat, wo’s langgeht. Seitdem diese alten Herrschaftsstrukturen weg sind, zerfällt das Land. Als Resultat der Kriege kommen haufenweise Flüchtlinge nach Deutschland, die hier herumschmarotzen.
  • Am wirklich amüsantesten war das Beispiel, das einer der Herren (locker Ende 60, eher Mitte 70) wählte: Rhodesien. Rhodesien??? Das Land ist seit 1980, also seit 36 Jahren, unabhängig von Großbritannien. Seitdem heißt es nicht mehr Rhodesien sondern Simbabwe (oder Zimbabwe). Der Typ argumentierte also tatsächlich mit einem Zustand von vor fast 40 Jahren!

Ganz klarer Fall: Diese drei Herren haben komplett verpasst, dass unsere Welt etwas vernetzter und komplizierter geworden ist und sich – mit den Worten Roland Deschains – „weiterbewegt“ hat. Am liebsten würden Sie die Zeit wieder zurückdrehen zu den einfacheren Zeiten von damals, als es noch die D-Mark gab, als die DDR uns noch die Ein-Euro-Jobber vom Hals gehalten hat, als VW noch einen Ruf als Erbauer umweltfreundlicher Autos hatte, als die Rente noch luxuriös hoch war, kurz: als wir noch die (vermeintlichen) Herren der Welt waren.

Zum Glück wurde ich da auch schon aufgerufen und von diesem hohlen Geschwätz erlöst. Am schlimmsten für mich war die Erkenntnis, dass genau solche Menschen in Großbritannien für den Brexit gestimmt hatten. Käme es in Deutschland jemals zu einer solchen Volksentscheidung, ob wir ein Teil Europas bleiben wollen oder nicht, diese Typen würden sofort für Donald Trump, äh, nein, das war etwas anderes… Also: Diese drei Herren würden sicher gegen einen Verbleib Deutschlands in der EU stimmen. Denn nur so könnte ihre Rente schnell wieder auf das Niveau von vor 30 Jahren steigen. Ganz sicher. Gaaaanz sicher.

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Meine Reaktion auf das starke Abschneiden der AfD

In aller Kürze: Ich bin kein Anhänger der AfD, doch wurde die Partei heute auf demokratischem Weg mit teils erschreckend hohen Prozentzahlen in diverse Landtage gewählt, deswegen muss – meiner Meinung nach leider – der Wille der Wähler respektiert werden.

Was ich nun aber von den Politikern der übrigen Parteien, die sich auf keinen Fall auf eine irgendwie geartete Zusammenarbeit mit der AfD einlassen wollen, erwarte, ist es, persönlich und politisch Haltung zu bewahren und eben nicht mit eingezogenem Schwanz auf die AfD-Wähler zuzugehen. Gerade jetzt, in einer verfahrenen politischen Situation, die über die kommenden fünf Jahre ausgebadet werden muss, ist es geradezu die moralische Pflicht der anständigen Politker, Rückgrat zu beweisen. Rückgrat in der Sache.

Protestwähler

Protestwähler – eine der unsinnigsten Eigenschaften, die ich mir vorstellen kann...

Wer jetzt einknickt und auf die „Protestwähler“ (siehe Screenshot aus der Wahlsendung des ZDF) zugeht, dem geht es in erster Linie um einen Rückgewinn der Stimmen für die eigene Partei/Person. Aber dieser „Kampf“ muss mit Argumenten gewonnen werden, nicht mit Anbiederung. Wer sich anbiedert, wertet die stets wankende Meinung der Protestwähler – zu maulen und zu motzen gibt es immer etwas – über Gebühr auf.

Aus dieser Wahl können vor allem die ehemals großen Parteien etwas lernen: Die Zeit, in der eine große Partei mit einem kleinen Junior-Partner (CDU & FDP) ein (Bundes-)Land über Jahrzehnte hinweg regieren konnte, ist seit ein paar Jahren vorbei. Seit heute ist sie definitiv Geschichte. Es gibt einige Punkte, die das eindrucksvoll belegen:

  • Selbst mit Angela Merkel, die sicherlich das stärkste Zugpferd der CDU im letzten Wahlkampf war, ergab sich keine so starke Mehrheit, dass sie allein hätte regieren können.
  • Die SPD hat in den letzten Jahren so viele ihrer früheren Kernthemen zugunsten einer Annäherung an die politische Mitte, die bereits von der CDU eingenommen wird, aufgegeben, dass sie aufgrund eines Mangels an konkurrenzfähigen Spitzenpolitikern nicht mehr in dieser Liga spielen kann.
  • Und die Tatsache, dass die Grünen in einem erzkonservativen Bundesland wie Baden-Württemberg die stärkste Partei darstellen, dürfte diese Auflistung perfekt abrunden.

Die Konsequenz für alle Parteien lautet daher ganz einfach: Argumente und Überzeugungskraft, keine kraftlosen Parolen, anders wird man in fünf Jahren auch nicht besser abschneiden. Ich hoffe, viele der heutigen „Protestwähler“ werden in fünf Jahren desillusioniert nach einer wirklichen Alternative für die „Alternative für Deutschland“ suchen und sie auch finden. Aber bis dahin fließt leider noch viel Wasser den Neckar hinunter…

 

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Befindlichkeiten

Eine kurze Vorbemerkung. Diesen Artikel habe ich schon am Mittwoch geschrieben, doch abends war ich zu müde, um die Sätze auf ihre Sinnhaftigkeit hin zu kontrollieren, daher kommt er jetzt erst.

Heute ist der 27. Januar, ein sehr geschichtsträchtiger Tag, zumindest aus deutscher Sicht. Zum zweiten Mal veranstaltet unsere Schule an diesem Datum einen speziellen Gedenktag, bei dem allerlei unterschiedlichen Themen – sei es die Zeit der Nationalsozialisten und aller Arten von Widerstandsbewegungen dagegen, die DDR oder auch Kinderrechte – auf unterschiedliche Weise (und auf Kosten des regulären Unterrichts) nachgegangen wird.

Georg Elser Gedenkstätte in Königsbronner

Georg Elser Gedenkstätte in Königsbronn

Ich schloss mich zwei Kolleginnen an, die mit fast 60 Schülern nach Königsbronn (einem kleinen Ort zwischen Oberkochen und Heidenheim) zur Georg Elser Gedenkstätte fuhren. Von Aalen aus ist man mit dem Regionalzug in weniger als 15 Minuten am Königsbronner Bahnhof angekommen, dann läuft man ungefähr fünf Minuten bis zur Gedenkstätte, die direkt neben Rathaus und „Brenztopf“ (so heißt der Ursprung der Brenz) gelegen ist. Begrüßt wurden wir von zwei sehr kompetenten Führern (ein durchaus heikler Begriff in diesem Zusammenhang, ist mir klar…).

Falls einem meiner Leser Georg Elser kein Begriff ist, würde mich das nicht wundern, denn mir ging es vor dem heutigen Tag genauso. Leider wird um ihn bislang immer noch nicht viel Aufhebens gemacht, obwohl er sicher zu den bedeutenden heroischen Gestalten des innerdeutschen Widerstands gegen Hitler gehört – und er hat seinen privaten Widerstand wirklich ganz allein durchgezogen, völlig ohne äußere Unterstützung. Bemerkenswert.

Georg Elser hat aus einem inneren Antrieb heraus die Kriegstreiberei der NS-Führung verurteilt und beschlossen, durch einen gezielten Bombenanschlag zumindest Hitler, nach Möglichkeit aber auch Göring und Goebbels (oder so viele führende Nazi-Funktionäre wie möglich) zu töten. Er wartete eine wiederkehrende Veranstaltung ab, bei der die ganze Führungsriege anwesend sein würde, installierte nach wochenlanger geheimer Vorarbeit eine Bombe in der Säule hinter dem Rednerpult – und verpasste am Ende Hitler nur um ein paar Minuten. Entgegen dessen Gewohnheit, ausufernde und lange Reden zu halten, zog ihn die Kriegsvorbereitung zurück nach Berlin, daher fasste er sich ungewohnt kurz. Viel Unheil hätte der Welt erspart bleiben können, wäre er an diesem Tag nicht so ungewohnt wortkarg gewesen.

Kurz vor der Schweizer Grenze wurde Elser auf der Flucht gefangen genommen, inhaftiert, überführt und gefoltert, gekrönt wurde die „Ermittlungsarbeit“ mit einem Geständnis. Von da an lebte er noch bis kurz vor Kriegsende im KZ, wo er wenige Tage vor der Befreiung durch die Alliierten per angeordnetem Genickschuss hingerichtet wurde (der Hinrichtungsbefehl mit der strikten Anweisung zur sofortigen Vernichtung des Dokuments ist in der Gedenkstätte zu besichtigen). Vermutlich sollte er kein Zeugnis von seinen Erkenntnissen mehr ablegen können.

Zurück zur Gedenkstätte: Zu Beginn sahen wir einen etwa halbstündigen Dokumentarfilm, der das gesamte Leben Georg Elsers zusammenfasste – sehr gelungen, leider mit vielen (mindestens 15-20) Aussetzern, denn der Windows 10-Rechner war mit dem Abspielen einer handelsüblichen DVD ganz offensichtlich überfordert. Danach in sehr geraffter, aber vielleicht dadurch gerade besonders eindringlicher Form Hitlers Weg weg von der Demokratie hin zur Diktatur in Form der „Ermächtigungsgesetze“ (immer wieder neu erschreckend, wie schnell das ging – ein großes Lob an die exzellent zusammengestellte Präsentation), wonach sich ein paar Minuten Pause an der frischen Luft anschlossen.

Dann tauschten die beiden Schülergruppen (die Räume sind nicht für 60 Personen ausgelegt), jetzt offenbarte ein französischer Experte (mit wundervoll klingendem Akzent) in einem etwa anderthalbstündigen Vortrag eine herausragend kompakte und dennoch überzeugend schlüssige Zusammenfassung der Ereignisse, die zu Hitlers Machtergreifung und den Gründen für Elsers Anschlag auf ihn führten. Die Schüler konnten sich bei solchen Input-Mengen oftmals nur noch ins Gähnen retten, ich verdenke Ihnen das nicht, denn in dem Alter wäre ich dabei glatt im Stehen eingeschlafen. Heute jedoch war von Müdigkeit keine Spur, die Ausführungen sprachen mich wirklich sehr an. Auch die Kollegin, die mit mir bei dieser Schülergruppe geblieben war, fand ihn sehr überzeugend.

Das Georg Elser-Denkmal am Königsbronner Bahnhof

Das Georg Elser-Denkmal am Königsbronner Bahnhof

Als die Schüler dann gegangen waren, um sich vor der Haustür zu versammeln, kamen eben jene Kollegin und ich mit dem französischen Führer ins Gespräch. Dabei erwähnte er die sehr diffizile Lage der Befindlichkeiten im Heimatort eines solchen Helden. Natürlich war auch Königsbronn in der NS-Zeit in vielerlei Hinsicht gleichgeschaltet worden: HJ, BDM und alle typischen weiteren Vereinigungen gab es auch dort. Nach dem missglückten Attentat wurde ein Großteil der Bevölkerung über Wochen strengen (und fast ausnahmslos brutalen) Verhören unterzogen. Dann griff die Propaganda-Maschine, die Elser als Marionette eines ausländischen (in diesem Fall britischen) Geheimdienstes hinstellte (völliger Unfug, aber dafür ist Propaganda ja nun einmal zuständig), ein. Wirklich fundierte Aufklärung über alle Details fand erst ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre statt, bis sie breiteren Bevölkerungsschichten bekannt wurde, hatten bereits die 1990er Jahre begonnen.

Die Gedenkstätte wurde gegen Ende des letzten Jahrtausends eingerichtet – gegen teils heftigen Widerstand der ansässigen Bevölkerung. Die lange zurückliegende Propaganda hatte teilweise ihre Wirkung getan, außerdem gab es haufenweise Probleme mit den individuellen Befindlichkeiten von Familien, die in diesem Zusammenhang nicht erwähnt werden wollten. Alles ein sehr heikles Geflecht von sozialen Fäden, die man besser nicht entwirren sollte, wenn am Ende irgendwann einmal eine echte Aufklärung für alle erreichen möchte.

Mich beeindruckten vor allem das Fingerspitzengefühl für die gerade dargelegten sozialen Befindlichkeiten und die Fachkompetenz der beiden Führer. In ein paar Jahren werde ich da sicherlich wieder hingehen, vielleicht ja wieder mit einer Schülergruppe. Wer einmal in die Gegend kommt, sollte sich diese Gedenkstätte unbedingt ansehen. Der Eintrittspreis ist lächerlich gering, die Details sind über die Homepage der Gedenkstätte einfach zu erfahren.

 

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Political Correctness & Disneyfication – nein danke!

Gestern habe ich das oben abgedruckte Bild bei Twitter entdeckt. Und – ohne dass ich jetzt eine konkrete Quelle angeben könnte – erinnere ich mich an einen schönen Artikel eines US-amerikanischen Bloggers darüber, dass die überall eingeforderte „politische Korrektheit“ eine „echte eigene Meinung“ zunehmend unterdrückt. Im Sinne einer „Disneyfication“ gilt nur noch als akzeptabel, was niemanden „aus der jeweiligen Komfortzone“ herausreißt – somit wird jede Äußerung weichgespült und immer nur dann geäußert, wenn man sich als Autor sicher sein kann, niemanden auch nur andeutungsweise anzugreifen bzw. (im Umkehrschluss) möglichst viele „Likes“ zu generieren.

Als ich den Artikel gelesen hatte, reifte in mir der Entschluss, in der Zukunft von meinen Schülern durchaus in der im Bild angedeuteten Richtung wesentlich mehr zu verlangen.

Schon jetzt lasse ich mich im Beruf nicht von Überlegungen leiten, die mir „mehr Beliebtheit“ bei den Schülern versprechen, denn gibt man dieser Versuchung erst einmal nach, wird es sehr schwierig, später wieder einen konfrontativen Kurs einzuschlagen. Und gerade Teenager auf der Höhe der Pubertät benötigen einen knüppelharten Widerpart, an dem sie sich reiben und ihre private Revolution ausleben können. Keiner behauptet, dass sich das für beide Seiten gut anfühlt, aber auf dem Weg zu einer eigenständigen Persönlichkeit ist diese aufrührerische Phase unumgänglich.

Wenn man sich mal vor Augen führt, wie lange der Zustand der Adoleszenz sich heute ausdehnt (oft bis Mitte/Ende Zwanzig), so mag einer der Gründe dafür darin zu suchen sein, dass den Jugendlichen immer mehr Möglichkeiten genommen werden/wurden, kontrovers zu sein. In den 1960er Jahren konnten die Teenager die Rolling Stones hören (nur als ein schönes Beispiel) und sich sicher sein, dass die Eltern strikt dagegen waren. Das beschwor Konflikte herauf, dringend notwendige Konflikte, dafür waren die jungen Erwachsenen dann auch schon früher gereifte(re) Persönlichkeiten.

Vergleichen wir die Situation damals (Rolling Stones) mit heute: Die meisten Eltern hören weitgehend die gleiche Musik wie ihre Kinder, zumindest gibt es immer weniger substantielle Unterschiede. Das Radio hat mit seinem dreieinhalb-Minuten-Diktat für eine weitgehende Angleichung der Popularmusik gesorgt. Klar, man findet immer noch Nischen, bei denen sich die Eltern sicher genervt abwenden. Aber es wird immer schwieriger, die Nischen werden immer kleiner.

Ich lehne mich nun ein wenig aus dem Fenster: Das Erstarken extrem rechter und extrem linker politischer Ansichten sowie deren gewaltbereites/-volles Ausleben könnte auch eine Folge der zunehmend unmöglich gewordenen Revolutionsphase in der Pubertät sein. Unter Garantie spielen da noch etliche andere Faktoren eine gewichtige Rolle, nicht zuletzt Bildungsgrad (des Jugendlichen wie auch der Eltern), soziale und geographische Herkunft, persönliche Vorerfahrungen und vieles mehr. Aber ich denke, dass es ein zwingender Teil des Erwachsenwerdens ist, sich eine Zeit lang mit allem und jedem um sich herum anzulegen, die Grenzen aktiv auszutesten. Und jedes Unterbinden dieser Möglichkeit verlängert den Abnabelungsprozess bzw. hinterlässt ungelöstes Konfliktpotenzial, das später dann unter Umständen wieder an die Oberfläche drängt.

Zurück zur Ausgangssituation: Warum sollte nun also der Lehrer immer nur einen auf „Kuschelkurs“ machen und seinen Schülern nicht grundsätzlich mehr abverlangen, als sie in ihrer „Komfortzone“ zu leisten bereit sind? Also: Macht euch auf etwas mehr Stress in den kommenden Monaten gefasst!

 

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Läuft gerade: „1984“ von George Orwell

Und da ist er auch schon, der versprochene weitere Beitrag, denn es wird dringend Zeit, hier wieder etwas Aktivität in mein Blogger-Dasein zu hauchen…

Ein kurzer Eintrag, der das Thema nur anreißt, aber ich sitze gerade neben einem Kind, das alleine nicht einschlafen will, sobald die junge Dame weggedämmert ist, möchte ich fertig sein…

Klassiker der Dystopien

Vor ein paar Monaten habe ich mir „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley angehört. Einige Passagen vor allem nach der Etablierung der Hauptfiguren waren zwar leicht langatmig, aber insgesamt hat das Werk seinen Platz in der Geschichte der Literatur absolut verdient, da kommen bei mir keine noch so geringen Zweifel auf.

Bei „1984“ ist es so, dass ich das Buch bereits vor über zwanzig Jahren gelesen habe und entsprechend begeistert war. Orwells Stil ist glasklar und gnadenlos brillant. Das dystopische Thema ist perfekt durchgezogen und sucht in der Geschlossenheit des Gedankengebäudes seinesgleichen. Während des Studiums habe ich sogar eine Arbeit darüber geschrieben, allerdings nur in einem kleinen Nebenfach, mit dem ich nichts mehr zu tun habe.

Verfilmung und Teenagerdasein

Die weithin bekannte Verfilmung gefällt mir, geht mir aber zu keinem Punkt so tief unter die Haut wie das Buch. Als Teenager hatte ich den Film gesehen und war ganz offen gesagt von der vielfach gezeigten Nacktheit der weiblichen Hauptdarstellerin wesentlich mehr vereinnahmt worden als von den inhaltlichen Dimensionen, die Orwell so perfekt vorausgesehen hat.

Das Hörbuch

Nun höre ich seit ein paar Tagen das (ungekürzte) Hörbuch, nachdem ich mit „Killer aus dem Jenseits“ (Episode 37) den letzten aktuell als Hörbuch verfügbaren „Cotton Reloaded“ durchgehört hatte. Dabei war ich wie sonst auch beim Sporteln, denn aktuell taste ich mich Stück für Stück wieder an meine Form von vor ein paar Wochen heran, bevor meine Zwangspause einsetzte.

Das Hörbuch „1984“

Sehr empfehlenswerte Lektüre bzw. sehr empfehlenswertes Hörfutter!

Die Zeit verflog nur so, weil mir so viele Passagen in „1984“ so absurd real für unsere heutige Zeit vorkamen. Vieles, was Orwell sicher im Bewusstsein, es damit (absichtlich) völlig zu überziehen, geschrieben hat, gilt heute als ganz normal. Dazu gehören meiner bescheidenen Einschätzung nach die Kontrolle der großen Masse durch die Medien, die gezielte Lenkung einer (oder aller) Nationen durch eine künstlich geschürte (und dabei eigentlich fast völlig irrelevante) Kriegsangst und die völlig offensichtliche Bespitzelung weiter Teile der Bevölkerung zur Einschüchterung und Gefügigmachung. Bei Orwell ist das in so klarer Sprache („das Buch“) niedergeschrieben, beim Hören läuft mir nicht selten ein alles andere als wohliger Schauer über den Rücken.

So, die junge Dame schläft. Das Thema ist spannend, ich greife es gleich wieder auf, wenn ich durch das Hörbuch durch bin, das dürfte nur noch ein oder zwei Tage dauern.

 

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Liebster Blog-Award

In den letzten Wochen flatterten mir (virtuell, versteht sich) zwei Nominierungen für den „Liebster Award“ ins Postfach. Vielen Dank dafür, ich fühle mich sehr geehrt!

Ein paar der Blogs, denen ich folge, wurden in den letzten Wochen bereits nominiert, sodass ich gleich wusste, worum es dabei ging. Und ich kann nicht verhehlen, dass ich auch einen gewissen Stolz empfinde, in dieser „Liga“ mitspielen zu dürfen.

Gleichzeitig ist es so, dass die Annahme eines solchen Awards wiederum an die Nominierung anderer Blogs gekoppelt ist. Und allzu viele kenne ich nicht. Mir fehlt auch — ganz ehrlich — die Zeit, jetzt groß auf die Suche zu gehen, nur um hier ausreichend weitere Empfehlungen geben zu können. Diesem Punkt muss ich mich also leider einfach entziehen.

Es ist ganz einfach so, dass ich mir die Zeit nehme, die Beiträge der Blogs, denen ich folge, in der Regel ganz zu lesen. Wenn sie mir gefallen, besterne ich, wenn ich etwas dazu zu sagen/schreiben habe, tue ich das. Das kostet Zeit. Die gebe ich gerne, aber es gibt halt Grenzen. Und hier gilt für mich: Weniger (Blogs zu folgen) ist für mich mehr (weil ich dann mehr Zeit habe, die ich in Qualität und die Intensität bei der Beschäftigung mit den anderen Blogs investieren kann).

Auf die Fragen, deren Beantwortung nun einmal dazu gehört, antworte ich aber gerne.

Die Fragen von LifeHag

LifeHag hat die folgenden Fragen gestellt, die Antworten folgen jeweils auf dem Fuße.

Warum hast du mit deinem Blog angefangen?

Es gab (und gibt bis heute) mehrere Gründe:

  1. Der Blog ist für mich ein Ventil, um einen Platz für die Gedanken, die mir ständig durch den Kopf flitzen, zu haben. Dort kann ich die Ideen abladen, entweder reifen sie dann noch weiter (das ist gut), oder ich kann sie dann beruhigt vergessen (das ist noch besser). Alles in allem blogge ich also aus Gründen einer gewissen mentalen Hygiene.

  2. Je länger ich dabei bin, desto mehr interessante andere Blogs lerne ich kennen (hier und da habe ich ja auch schon einmal einen entsprechenden Eintrag dazu verfasst). Und auch dieses Zusammentreffen von Leuten, die sich in den meisten Fällen viel Zeit nehmen, um gute Artikel zu schreiben (meine Frau sprach von der Analogie zu „Brieffreundschaften“, was ich für ganz und gar passend halte), motiviert mich, die Qualität der eigenen Einträge immer wieder zu hinterfragen.

Meinen ersten Blog hatte ich bereits um das Jahr 2007 oder 2008, da habe ich angefangen, weil mich das Medium Weblog an sich interessiert hat (und weil iWeb die einfache Möglichkeit gewährte, einen solchen Blog zu erstellen und zu publizieren). Allerdings war dieser erste Versuch weder von Qualität noch für viele Menschen lesenswert. Am Ende habe ich ihn ziemlich überhastet eingestellt und ein Jahr (auf den Tag genau) pausiert.

Seit Frühjahr 2012 läuft dieser Blog, am Anfang eher zögerlich, mittlerweile komme ich zumindest auf mehrere Einträge pro Woche (im Schnitt, nicht dass ihr hier plötzlich Ansprüche stellt…). Viel mehr wird es nur in den Ferien, denn da habe ich meist etwas mehr freie Zeit bzw. bin ausgeruhter und kann auch spät abends noch ein paar Zeilen tippen.

Wie wichtig sind dir Follower?

Das ist eine schwierige Frage, denn einerseits schätze ich es, mehr Leser zu haben, das belebt den Blog, bringt neue Themen ein und sorgt für mehr Lebendigkeit. Andererseits würde ich nicht „alles“ tun, nur um weitere neue Leser dazuzugewinnen. Der Blog ist ein Hobby, ein angenehmes zwar, aber eben auch nur ein Hobby.

Was macht dir am Bloggen am meisten Spaß?

Das Tippen auf den „Veröffentlichen“-Button in der Blogsy-App. Und damit verbunden das mentale Abhaken der Gedanken. Manchmal reifen sie dadurch eben noch weiter, häufig räumen sie aber auch einfach das Feld und ermöglichen neue kreative Einfälle.

Laptop oder Desktop-Pc?

Das ist einfach zu beantworten: iMac, wenn ich am Schreibtisch arbeite, ansonsten iPad (alle Veröffentlichungen laufen darüber, s.o.). Unterwegs mache ich manchmal Notizen auf dem iPhone, aber zum Veröffentlichen habe ich das meines Wissens noch nie benutzt (dazu tippe ich darauf zu schlecht).

Iphone oder anderes Smartphone (wenn ja, welches)?

Ganz klar: iPhone (in meinem Fall ein 5S).

Wie viele Stunden investierst du täglich in deinen Blog?

Völlig unterschiedlich, sowohl von Tag zu Tag als auch von Woche zu Woche stark schwankend – immer in Abhängigkeit von der Arbeitsbelastung und anderen Terminen. Manchmal schreibe ich schon ein bis zwei Stunden an einem großen Artikel, manchmal öffne ich (leider) nicht einmal die WordPress-App, weil einfach zu viel anderes zu tun ist.

Liest du die Kommentare die deine Follower abgeben?

Jeden einzelnen. Ich bemühe mich, auf so ziemlich alle zu antworten oder zumindest einen Stern als Dankeschön zu vergeben – es sei denn, der Kommentar stört mich (was aber noch nie vorkam).

Deine Lieblingssportart?

Seilspringen. Ich persönlich springe jeden Tag mit mehreren Seilen (die nutzen sich so schnell ab, im letzten Jahr habe ich acht geschafft), Joggen ist aber auch nicht schlecht (das ruht im Moment aber etwas), Basketball im Hof vor dem haus genieße ich ebenfalls bei schönem Wetter. Von Zeit zu Zeit mache ich eine Runde Yoga, dann gibt es noch dieses „7-Minute-Workout“, das bei ausreichend Zeit gleich nach dem Seilspringen angehängt werden kann. Aber Seilspringen toppt schlicht alles.

Welche Blogs liest du gerne?

Ich folge einerübersichtlichen Reihe von Blogs und entscheide kaum zwischen den einzelnen Posts in meiner Reader-Ansicht. Manchmal lasse ich einen Eintrag aus, der mir zu lang(atmig) erscheint, aber üblicherweise lese ich alles. Wenn mir etwas dazu einfällt, kommentiere ich, wenn es mir gefällt, gibt’s einen Stern. Fertig.

P.S.: Die Blogs von simplifyme72 und Private Readers Book Club lese ich garantiert immer komplett.

Wieso benutzt du WordPress?

Es funktioniert. Und es ist völlig plattformunabhängig, was ich schätze, denn so könnte ich sogar aus dem abgeschiedensten Hinterland noch bloggen, auch wenn da nur ein gammliger Windows-Rechner stünde.

Was darf in keinem Blog fehlen?

Der persönliche Bezug. Ich selbst bemühe mich, nicht zu viel von mir zu offenbaren, manches geht ja schlicht und ergreifend niemanden etwas an, aber ohne persönlichen Bezug, ohne das Ergreifen einer eigenen Position, das Äußern einer Meinung, das Ausleben des eigenen Humors (so schlecht er – wie in meinem Fall – auch sein möge), was wäre ein Blog da schon?

Die Nominierungen

Eigentlich soll man ja elf weitere Blogs (mit je weniger als 100 Followern) nominieren. Doch wie oben beschrieben, kenne ich nicht allzu viele Blogs, noch dazu schätze ich sie eigentlich alle, denn jeder hat seine Eigenheiten. Man verzeihe mir dieses Abweichen von der Konvention, aber ich verzichte auf weitere Nominierungen.

Die Fragen von Buchherz – Der Bücherblog

Was ist deine Motivation beim Bloggen?

Mentale Hygiene (Gedanken loslassen können, nachdem sie ausformuliert wurden) und Spaß daran, wie andere auf diese Gedanken reagieren.

Was war für dich der ausschlaggebende Moment, um mit dem Bloggen anzufangen?

Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung. Es hat einfach Spaß gemacht und hilft mir bei der mentalen Hygiene.

Worauf bist du am meisten stolz bei deinem Blog?

Dass es offensichtlich Leute gibt, die ihn interessant genug finden, um ihm (bzw. mir) zu folgen, die Kommentare schreiben und Sterne vergeben. Nicht immer kann ich gleich darauf reagieren, aber ich freue mich jedes einzelne Mal.

Schätz mal: Wie viele Bücher besitzt du? (E-Books zählen mit)

Das Zählen dauert zu lange, ich schätze, dass die Zahl jenseits der 2.000 liegen muss. Und ich habe viele Bücher, von denen ich weiß, dass ich sie nicht noch einmal lesen werde, bei Amazon oder Momox weiterverkauft — das mache ich immer so, Stauraum ist kostbar. Daher schwankt die Zahl immer wieder. Aber allein im Arbeitszimmer habe ich vier volle Regale, dazu etliche iBooks, im Keller stehen noch ein paar Kisten mit den Büchern, die nostalgischen Wert besitzen, aber nicht ständig in meiner Nähe sein müssen…

Schläfst du lieber bei geöffnetem oder geschlossenem Fenster?

Ganz einfach: Solange es keine Minus-Grade draußen hat, liebe ich die frische Luft. Also: November-Februar/März: Fenster zu. März/April-Oktober: Fenster auf.

Wie startest du morgens deinen Tag?

  • 4:50 h Wecker
  • 4:51 h Gang zur Toilette, dort dann noch im Halbschlaf auf dem iPhone nach App-Updates sehen, die Things To-Do-Liste ansehen (und ignorieren), WordPress-App öffnen und kurz Überblick verschaffen, je nach Uhrzeit Twitter-Timeline überfliegen
  • 4:58 h Ab in den Keller, Hörbuch an, Schuhe binden
  • 5:00 h Nike+ Fuel-Session und Stoppuhr starten, Seilspringen (80-90 Minuten)
  • 6:30 h Schuhe ausziehen, rauf ins Bad, Rasur, ab in die Dusche
  • 7:00 h Anziehen, Aufhübschen (bis die Frisur sitzt…), Rucksack packen, dann ab zur Schule, Kinder quälen, yee-hah!

Du hast genau eine Frage, die du irgendjemandem auf der Welt stellen kannst und diese Person muss dir ehrlich antworten. Wem würdest du diese Frage stellen?

Lieber Barack Obama (und alle Vorgänger/Nachfolger)!
Wäre es nicht viel einfacher, den gesamten Militär-Etat (500.000.000.000 Dollar/Jahr) der USA (und sei es nur der Militär-Etat eines einzigen Jahres) in die Länder der sog. Dritten Welt zu investieren, um tatsächlich einmal einen längerfristigen Frieden auf unsere Welt zu bringen? Ist die Wahrscheinlichkeit, dass das viel mehr hilft, als immer nur auf kriegerischem Wege die Symptome der krassen Ungleichverteilung auf der Welt zu bekämpfen, nicht astronomisch hoch?

Von welchem Song kriegst du nie genug und kannst ihn dir immer wieder anhören?

Diese Frage ist für einen Musiker vermutlich die größte Qual, denn es gibt nicht den einen Song. Ich habe eine Liste mit Lieblingssongs, die laut iTunes „1,1 Tage“ lang ohne jede Wiederholung laufen kann. Eine ganz kleine Auswahl aus meiner Favoriten-Liste:

  • Axel F (Harold Faltermeyer)
  • Alien Shore (Rush)
  • Alles Neu (Peter Fox)
  • Anyway The Main Thing Is (Patty Larkin)
  • Augenbling (Seeed)
  • Back in Black (AC/DC)
  • Beyond The Sea (Robbie Williams)
  • Bravado (Rush)
  • Brothers in Arms (Dire Straits)
  • Doubleback (ZZ Top)
  • Down Under (Men At Work)
  • Drive (R.E.M.)
  • Du Doof (Wise Guys)
  • Easter (Marillion)
  • Every Little Thing She Does Is Magic (The Police)
  • Fields Of Gold (Sting)
  • Finish What Ya Started (Van Halen)
  • Fly By Night (Rush)
  • Gospel (March Fourth Marching Band)
  • Hamlet (Wise Guys)
  • The Heat Is On (Glenn Frey)
  • Hey Laura (Gregory Porter)
  • Highway To Hell (AC/DC)
  • Home On The Strange (Geddy Lee)
  • Honky Tonk Women (The Rolling Stones)
  • I Left My Heart In San Francisco (Tony Bennett)
  • I Need A Dollar (Aloe Blacc)
  • I See You (Leona Lewis)
  • I Shot The Sheriff (Bob Marley)
  • Imagine (John Lennon)
  • It’s Still Rock & Roll To Me (Billy Joel)
  • Java Jive (The Manhattan Transfer)
  • A Kind Of Magic (Queen)
  • Lady In Black (Uriah Heep)
  • Limelight (Rush)
  • Loch Lomond (Runrig)
  • Marie (Herbert Grönemeyer)
  • Mary’s Place (Bruce Springsteen)

Hmmmmm, ich glaube, es ist Zeit, die Liste mal abzubrechen, sonst wird’s peinlich. Da kämen noch ein- oder zweihundert Titel. Die kann ich alle — immer je nach Stimmung — von morgens bis abends rauf und runter hören.

Welches Buch liest du gerade und wie lautet der 5. Satz auf S. 163?

Stephen King: „Sie“. Der Satz lautet: „Darin verbrachte Misery ein ausgelassenes Wochenende auf dem Lande, wo sie Growler, Ians geliebten Irish Setter, bumste.“

(Ich habe das nicht ausgesucht, ich wurde gezwungen!!!)

Was möchtest du in deinem Leben noch unbedingt erreichen?

Da gibt es einiges:

  • Einen 100 Kilometer-Lauf vorbereiten und durchziehen. Oder zumindest einen Marathon…
  • Mindestens ein halbes Jahr in San Francisco wohnen.
  • Irgendwann einmal so gut organisiert sein, dass ich jede Nacht zu ausreichend Schlaf komme, um dann den Tag über entspannt und ausgeglichen zu sein.
  • Meine Kinder Eltern werden sehen und sie bei den ersten Schritten in diese für sie neue Welt unterstützen.

Fazit

Ich danke für die beiden Nominierungen, habe die Fragen gerne und hoffentlich nicht zu ausführlich beantwortet. Gleichzeitig drücke ich mich ja vor der Nominierung weiterer Blogs. Ich hoffe, das stört nicht zu viele Leser. Genießt den schönen Nachmittag noch, ich stelle mir jetzt ein leckeres Getränk kühl, um es dann heute Abend vor dem Fernseher auszutrinken. Das solltet ihr auch tun.

 

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Die Crux mit der Demokratie

Vor ein paar Monaten fand an meiner Schule eine festliche Veranstaltung statt: Wir wurden eine mitarbeitende UNESCO-Schule. Mir geht es in diesem Blog-Eintrag nicht um den UNESCO-Anteil. Hängen geblieben ist mir von der Veranstaltung vor allem ein Satz aus der Festrede des Ehrengastes:

„Demokratie lernen heißt:

Lernen, sich der Mehrheit zu beugen,

auch wenn es einem nicht gefällt.“

Schöner hätte er es nicht formulieren können. Mir hat an der Formulierung gefallen, dass sie geradlinig den Kern der Sache trifft. Demokratie heißt eben nicht, nur zwischen den genehmen Optionen zu wählen oder sich die beste Möglichkeit herauszupicken. Ganz im Gegenteil: Demokratie kann auch heißen, das geringste Übel zu wählen. Oder noch unangenehmer: Man kann eine wohlfundierte Meinung haben und dennoch in der Minderheit sein –– und dementsprechend überstimmt werden. Aber: So funktioniert unsere Gesellschaft. Das muss man begreifen (lernen). Und dieser Prozess kann anstrengend sein.

Ein wunderbares Beispiel aus der Schule fällt mir dazu ein: Im letzten Schuljahr war ich Verbindungslehrer, somit war ich auch für die SMV (SchülerMitVerantwortung) verantwortlich. Dabei fiel mir auf, dass an unserer Schule die Oberstufenschüler einen sehr bestimmenden Einfluss in der SMV hatten. Gemeinsam mit meinem Stellvertreter regten wir daher einen strukturellen Wandel an: Aus jeder Stufe (5-7, 8-10, 11-12/13) sollten jeweils ein oder zwei Schüler als Vertreter für ihre jeweiligen Interessen gewählt werden. Denn die Bedürfnisse von Unter- und Mittelstufenschülern unterscheiden sich häufig von denen der Oberstufenschüler.

Wir arbeiteten das Konzept aus, bastelten ein Diagramm, das die geänderte Struktur verdeutlichte und stellten dies in einer SMV-Vollversammlung vor. Selbstverständlich gab es Gegenwind, das war zu erwarten und störte uns nicht. Demokratie heißt ja nun einmal, dass man sich über die Inhalte streitet, die gegenseitigen Positionen abklopft und nach Möglichkeiten sucht, sich auf einer gemeinsamen Ebene zu treffen. Die Abstimmung wurde auf zwei Wochen später terminiert, damit alle genug Zeit hätten, sich über unseren Vorschlag Gedanken zu machen, dann beendeten wir die Sitzung.

Ein Oberstufenschüler kam auf uns zu und war so richtig sauer. Er bezeichnete unsere Vorgehensweise als undemokratisch und grollte beim Hinausgehen noch, dass er „Schritte dagegen einleiten werde“. Wir Verbindungslehrer sahen uns etwas hilflos an, denn wesentlich demokratischer als einen Vorschlag einzubringen und den dann zwei Wochen später allen Beteiligten zur Abstimmung zu übergeben, ging es unserer Meinung nach nicht.

Um nun den Bogen zu schließen: Diesem Schüler war die Demokratie anscheinend als ein System erschienen, in dem man nur zwischen angenehmen Optionen wählen muss. Tatsächlich ging es hier aber um zwei Optionen: Es gab ja nur…

  • …das neue System, bei dem alle Altersstufen gleichmäßig repräsentiert wären, oder…
  • …das alte System, bei dem die Oberstufe „das Sagen“ hätte. Und das neue System hätte natürlich einen Statusverlust für die Oberstufenschüler bedeutet.

Aber es handelte sich nur um einen Vorschlag. Und den Ausgang konnten wir nicht bestimmen, denn die Schüler (und nur sie) hatten ja die Wahl. Klar hatten wir unsere Position verdeutlicht und die Unter- und Mittelstufenschüler ermutigt, das neue System als Chance zu verstehen. Aber die Wahl lag bei den Schülern.

Letztendlich geschah etwas ganz Passables: Das neue System wurde angenommen, aber weder ich noch mein Stellvertreter wurden wieder gewählt. Besonders gestört hat es mich nicht, allerdings wäre es durchaus schön gewesen, noch die ersten Schritte in das neue System hinein begleiten zu können. Sei’s drum – aus meiner Sicht haben wir unsere Mission erfüllt.

Und das auf demokratischem Wege.

 

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