Alltagsfaszination

Hin und wieder bemerkt man ja so Dinge, an denen man sonst einfach vorbeigeht, ohne ihnen auch nur das kleinste bisschen Aufmerksamkeit zu schenken. Heute war wieder einmal ein solcher Moment: Beim Gang zum Spielplatz, um die versammelte Kinderschar auszulüften – fünf Kinder, von denen vier nur acht oder weniger Lenze zählen, entwickeln in geschlossenen Räumen eine gewisse Eigendynamik, die der Erholung der anwesenden Erwachsenen eher abträglich ist – sah ich unter den Leitplanken neben der Eisenbahntrasse eine ganz genau parallel im Boden verlaufende Linie.

Die Tropflinie
Mysteriöse Linie unter der Leitplanke

Die Erklärung dafür ist simpel: Entlang dieser Linie tropft Tag für Tag der Morgentau herunter. Wären die Leitplankenstücke nicht erst vor relativ kurzer Zeit eingesetzt worden, wodurch auch der Boden frisch angelegt werden musste, hätte ich das sicherlich nicht bemerken können, denn dann wäre dort garantiert ein dichter Grasbewuchs. So aber war die Linie unübersehbar. Hach! Und wieder einmal eine Kleinigkeit entdeckt, die mich für einen Moment faszinieren konnte.

 

Faszinierende Fliegerei

Heute war einer der stressigsten Tage des ganzen Kalenderjahres, denn morgen steht unser Adventskonzert in der Schule an. Nach zwei Stunden Unterricht wurde eilig alles an Instrumenten, Notenständern und -mappen in den angemieteten Transporter geladen und dann zur Kirche transportiert. Dann alles reintragen und aufbauen. Das funktionierte immerhin einigermaßen, sodass die verbliebene Probenzeit gut genutzt werden konnte.

Für uns Lehrer ist so ein Anlass aber immer extrem stressig, denn wir müssen ganze Schülerhorden durch die Gegend dirigieren und davon abhalten, das Equipment dort abzuladen, wo dann eigentlich alles für die Probe geordnet aufgebaut werden sollte. Und wo ein Schüler pragmatisch und intelligent handelt, so verliert sich diese Fähigkeit zunehmend mit der Menge an Personen. Sobald einer aus Unsicherheit einfach mal ein Teil abstellt, gruppieren auch alle anderen ihre Sachen darum – und das ist meistens mitten im Weg.

Egal, für mich als Lehrer ist so etwas immer ein Tag, an dem ich sehr viel hin und her rennen, unzählige (meist überflüssige) Fragen beantworten und ständig als „Mädchen für alles“ fungieren muss. Meine Nike Fuel-Übersicht für den heutigen Tag spricht eine deutliche Sprache (die weißen Punkte stehen für Stunden, in denen ich mich viel bewegt habe):

Ein voller und bewegungsreicher Tag!
Ein voller und bewegungsreicher Tag!

Nachdem der Vormittag auf diese Weise vergangen war, sang ich meinen Oberstufenkurs im Klassenzimmer ein, dann gingen wir ebenfalls zur Kirche (das sind zum Glück nur ein paar Meter), wo wir die Akustik austesteten. So befreit man sich als Sänger bei dieser monumentalen Überakustik auch immer fühlen mag, für das Textverständnis ist der Raum mit seiner sehr hohen Decke und dem langgezogenen Kirchenschiff tödlich.

Nochmals egal, denn ändern kann ich daran nichts. Aber – und hier komme ich auf die Überschrift zurück – auf dem Weg zur Kirche gab es ein faszinierendes Schauspiel am Himmel zu sehen. Ein paar Kunstflieger waren wohl am Ausprobieren neuer Formationen. Leider gibt das Foto nicht die filigrane Ästhetik der durchaus wohlgeschwungenen Streifen am Himmel wieder. Aber sie flogen zuerst eine ganze Weile direkt nebeneinander, sodass man (rechte Bildhälfte) nur einen großen Kondensstreifen sah, erst als sie sich trennten, war es klar, dass zwei Flieger am Werk waren. Das hat mir den Nachmittag ziemlich versüßt. Nun kann ich mich auf das Konzert morgen freuen. Wer Lust hat: Salvator-Kirche Aalen, 19:00 h, Eintritt frei.

Faszinierende Formationen am Aalener Himmel
Faszinierende Formationen am Aalener Himmel

 

Klimakonferenz – ich bleibe skeptisch

Gerade habe ich auf heute.de einen quasi euphorischen Bericht über die Einigung zum Klimaschutz gelesen und gesehen. Ganz ehrlich: Was soll man davon halten? Grundsätzlich ist am Klimaschutz gar nichts auszusetzen, ich befürworte ihn eindeutig. Doch dieses Abkommen hat solange keinerlei Effekt auf das Weltklima, bis alle Länder auch wirklich anfangen, es praktisch umzusetzen. Und wie jeder weiß, liegen Welten zwischen einer politischen Absichtserklärung (und nichts weiter war das heute) und einer tatsächlich erfolgten Gesetzesinitiative oder gar praktisch ergriffener Schritte.

Unsere eigene Bundesministerin für Umwelt, Barbara Hendricks, sieht es im Videobericht als bahnbrechend an, dass sich die Länder auf eine maximale Erwärmung von 2,7 Grad Celsius geeinigt haben. Seltsam, ich dachte immer, dass wir bereits bei 2,0 Grad Celsius ein ziemliches Problem am Hals hätten. Warum ist es dann nicht möglich, hier gleich Nägel mit Köpfen zu machen? So ist es doch schon wieder ein fauler Kompromiss.

Und dann die hohlen Kommentare der diversen Interessensverbände, deren Peinlichkeit allerdings noch immer weit hinter der Idiotie der Arbeitgeber-Verbände zurückbleibt, die sich sogleich besorgt zeigen, dass Europa durch diese neue Regelung wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten könnte. Herrje!

Ich kann es kaum erwarten, wie Volker Pispers und/oder Urban Priol sich verbal über das Klimaschutzabkommen hermachen.

 

Lektorenschwund und die Folgen

In den letzten Jahren wurde es immer deutlicher, momentan bestehen absolut keine Zweifel mehr: Viele Buchverlage verzichten auf Lektoren. Woran merkt man das? Ganz einfach: Beim Lesen der jeweils veröffentlichten Bücher taumelt man von einem Tipp- zum nächsten Satzbau- oder Sinnfehler.

Früher beschäftigten alle Verlage eine ganze Reihe von Lektoren, die sich darauf konzentrierten, Grammatik und Verständlichkeit des Textes zu wahren. Gut, bei dem einen oder anderen furchtbar trockenen Fachbuch ist das mit der Verständlichkeit eher nicht gelungen, dafür fand man derbe Rechtschreib- und Grammatikfehler (damals noch den Unterschied zwischen „daß“ und „das“, heute natürlich „dass“ und „das“) wirklich äußerst selten.

Aber diese Lektoren kosteten natürlich immer ihr Geld, vermutlich auch nicht allzu wenig, denn es mussten ja gut ausgebildete Menschen mit einem Gespür für die Sprache und — je nach Einsatzgebiet — einem breiten Fachwissen in dem geforderten Gebiet sein. Da heute meist der niedrigste Preis gewinnt, verzichten immer mehr Verlage auf Lektoren, andere Autoren veröffentlichen gleich im Eigenverlag — nicht immer zur Freude der Leser.

Gerade seit Einzug der eBooks scheint sich der Druck auf die Verlage deutlich erhöht zu haben, noch sparsamer zu sein, denn in den letzten fünf Jahren ist der Qualitätsstandard hinsichtlich Orthographie und Grammatik bei vielen solcher digital veröffentlichter Bücher auf ein sehr niedriges Niveau gesunken. Für den Leser ist das manchmal geradezu schmerzlich.

Bei iBooks habe ich mir vor ein paar Wochen einen Episoden-Guide für „The Big Bang Theory“ in zwei Bänden gekauft. Die enthaltenen Informationen sind völlig in Ordnung, aber die Orthographie treibt mir nicht selten fast schon Tränen in die Augen. Der Autor unterscheidet nicht immer korrekt zwischen „dass“ und „das“, hin und wieder werden Redewendungen falsch eingesetzt, sodass der eigentliche Sinn völlig verdreht wird. Natürlich stirbt man daran nicht, andererseits ist es schon eine spürbare Minderung des Genusses.

Schlimm waren auch einige Kinderbücher, die ich meinen größeren beiden Kindern in ihren ersten Jahren zum Einschlafen vorgelesen habe. Da gab es schon Stellen, bei denen durch das technisch ungeschickte Einfügen eines Bildes der Textfluss völlig zerrissen wurde. Manchmal wurden Satzteile gelöscht, sodass ein Satz auf halber Strecke endete. Dann wiederum gab es Stellen, bei denen mehrere Satzteile gleich zwei oder drei Mal hintereinander vorkamen. Sicher lag das an der Unkenntnis im Umgang mit der noch recht jungen eBook-Technik. Dennoch ist es für einen Verlag peinlich, dass ganz offensichtlich niemand die Endfassung des Buchs noch einmal durchgesehen hat. Die meisten dieser Fehler konnte man unmöglich übersehen.

Sehr vorbildlich ist die erst vor ein paar Tagen neu herausgekommene Luxus-Edition der „Harry Potter“-Bücher. Mit großem Genuss kann ich hier von einem exzellenten Lektorat Zeugnis ablegen. Mir ist noch nicht ein einziger Rechtschreibfehler aufgefallen, zusätzlich wurden mit viel Geschmack zusätzliche Anmerkungen in den Text eingebaut, aber so unaufdringlich, dass man sie bei Interesse mit einer Fingerberührung abrufen bzw. wieder verschwinden lassen kann. Hier waren Menschen mit Können und Geschmack am Werk, das spürt man als Leser deutlich.

Nun bin ich mir nicht sicher, wen das überhaupt interessiert, aber ich würde für ein Buch gerne einen Euro mehr zahlen, wenn ich wüsste, dass es einem ordentlichen Lektorat unterzogen wurde. Der erste Band der Harry Potter-Reihe hat ja nun schon einige Jährchen auf dem Buckel, dennoch kostet diese von mir gerade so hoch gelobte Edition rund zehn Euro pro Band. Aber die zahle ich gerne, wenn ich dafür diese Qualität an Lektorat und diese spürbare Liebe zum Detail bekomme. Denn so ein Buch öffne ich auch in ein paar Jahren sicher immer wieder gerne.

 

Unterricht Beethoven-Style

Der alte Griesgram
Ludwig van Beethoven, mein Vorbild in der Not...

Vor zwei Wochen war ich erkältet, dabei geht mir erfahrungsgemäß ziemlich häufig die Stimme „verloren“, nach zwei oder drei Tagen Erholung (und Ruhe) kommt sie üblicherweise wieder. Also war ich am Mittwoch und Donnerstag der betroffenen Woche daheim, um mich entsprechend auszukurieren. Am Freitag unterrichtete ich wieder (es war nur eine Klasse und die Big Band-Probe).

Letzten Dienstag verflüchtigte sich meine Stimme allmählich wieder im Verlauf des Vormittags, also sagte ich meine Privatschüler am Nachmittag ab, um am nächsten Tag (mein 40.) wieder fit zu sein. Das klappte sogar.

Am Samstag bemerkte ich ein leichtes Kratzen im Hals, schonte mich, alles gut. Sonntag nichts. Montag Nachmittag beim Singen mit meinem Oberstufen-Kurs merkte ich, dass ich die Tonhöhe nicht gut kontrollieren konnte. Kein gutes Vorzeichen, aber erst einmal abwarten. Abends schonte ich mich und schlief ziemlich bald ein. Heute früh war die Stimme auch ok, aber ich merkte schon, dass ich sie nicht sonderlich belasten durfte. Eigentlich bemühte ich mich auch, lutschte nebenher eine gefühlte Unmenge an Hustenbonbons (den Geschmack kann ich schon nicht mehr ausstehen), denn immerhin halten sie einen am permanenten Schlucken, wodurch die Stimmlippen immer wieder neu angefeuchtet werden.

Dennoch: In der letzten Doppelstunde war es soweit: Feierabend für meine Stimme. Und zwar endgültig. Da kam nur noch Krächzen, zum Teil gar nichts mehr.

Zum Glück konnte ich mich an einen großen Musiker der Vergangenheit erinnern: Ludwig van Beethoven. Er führte nach seiner sehr frühen Ertaubung sog. Konversationsbücher. Ich kehrte sein erfolgreich getestetes Prinzip um, denn wo er sich von seinen Gesprächspartnern ins Buch schreiben ließ, was diese sagen wollten, nahm ich mein iPad, schloß es an den Beamer an und tippte meine Erläuterungen und Arbeitsanweisungen für meine Schüler. Zum Glück kann ich recht zügig tippen, daher ging das gut. Ein Schüler besaß sogar die Vermessenheit, sich das noch öfter zu wünschen.

Aus der Not habe ich hier wohl für den Moment eine Tugend gemacht, aber oft möchte ich mich einer solchen Situation trotzdem nicht aussetzen. Als Lehrer fühlt man sich schon sehr hilflos, wenn man vor 29 oder 30 Schülern in der Pubertät steht und keine Stimme zur Verfügung hat. Nun bleibt mir nur auf ein Wunder zu hoffen, damit ich morgen wieder bei Stimme bin. Euch allen einen schönen Dienstag!

 

Ratgeber gibt es viele…

Literatur zum Thema
Meine private Bibliothek zu diesem Themenkomplex

Wenn man sich in Buchläden, bei Amazon oder iBooks umguckt, scheint es eine nie versiegende Anzahl von Ratgebern zu allen möglichen Themen zu geben. Auch das weite Themenfeld der Musik, insbesondere das Üben, werden dabei nicht ausgespart. Ich persönlich habe keine besonders große Affinität zu dieser Art von Ratgebern, denn Papier ist geduldig, schreiben kann man viel, wenn der Tag lang ist – und vor allem: ob das, was sich in gedruckter Form gut liest, dann auch in der Praxis umsetzen lässt, ist wiederum eine ganz andere Geschichte.

Inventur im eigenen Bücherregal

Dennoch wollte ich mal kurz Inventur machen: In meinem Bücherschrank im Arbeitszimmer fand ich immerhin vierzehn Bücher mit einem direkten Bezug zum Üben (gemeint ist: Üben, Proben und/oder Auftreten ist das hauptsächliche Thema des jeweiligen Buchs) und nochmals vier, die das Thema zumindest deutlich anschneiden (z.B. ein Buch über die „Psychologie des Instrumentalunterrichts“). Das ist dann doch eine ganze Menge zu einem vermeintlich einfachen Thema.

Ich beschränke mich bei den folgenden Ausführungen erst einmal auf die vierzehn erstgenannten Bücher, denn diese sind ja direkt auf das Üben bezogen. Diese vierzehn Bücher könnten kaum unterschiedlicher sein: Das kürzeste Exemplar ist die komprimierte Kurzfassung einer Studie (Umfang: 33 Seiten im Din A5-Format), das längste ist ein gebundenes Buch in englischer Sprache (Umfang: 271 Seiten).

Erfahrungen mit den Büchern

Ich habe in alle Bücher zumindest hineingelesen. Manche waren faszinierend geschrieben, die konnte man sowohl anwenden als auch leicht lesen, andere waren geradezu krampfhafte Ansammlungen chaotisch zusammengewürfelter Tipps und Ratschläge, die sich gegenseitig widersprachen (z.B. wenn auf der linken Buchseite steht: „Immer im Originaltempo üben, damit man sich dieses möglichst intensiv einprägt!“ und die rechte Seite dagegen hält: „Unbedingt langsamer üben, um immer die volle Kontrolle über jeden Teil der Bewegungsausführung zu behalten!“ – wie soll man das nun anwenden?), andere waren in ihrer Herangehensweise schlicht zum Kaputtlachen (für Kenner: „Effortless Mastery“ von Kenny Werner, schon der Titel ist ein Widerspruch allererster Güte, fast so gut wie „Die McDonalds-Diät“) oder aber auf ästhetischer Ebene sehr ansprechend (so hatte man schon allein aufgrund der Aufmachung des Buchs Lust, es immer wieder in die Hand zu nehmen).

Persönliches Fazit

Interessant ist, dass bei allem, was da geschrieben steht, eine innere Überzeugung in mir gereift ist, die bislang keiner der Autoren widerlegen oder „ausstechen“ konnte: Wenn es was werden soll, muss man sich hinsetzen und so lange daran arbeiten/üben, bis es klappt. Nichts anderes hilft.

Klingt nach Pädagogik pur, gell? Jetzt aber mal Spaß beiseite: Hat schon mal jemand von einem erfolgreichen Musiker gehört, der besonders viele Bücher über das Üben gelesen hat? Eher nicht so. Wohl aber haben etliche Leute schon von Musikern gehört und gelesen, die Tag für Tag etliche Stunden Übezeit abgerissen haben. Und das ist nun einmal das Rezept zum Erfolg: Harte Arbeit.

Anekdoten-Zeit

Eine kleine Anekdote aus meinem eigenen Leben: Ungefähr in der zehnten Klasse war bei mir der Entschluss gereift, die Musik zum Zentrum meines beruflichen Lebens zu machen. Ab da übte ich Tag für Tag mindestens drei Stunden, während der Kollegstufe, damals also Klasse 12 und 13, kam ich auf ca. vier bis fünf Stunden. Im Studium stieg das auf z.T. über sieben Stunden an. Jeden Tag. Und komischerweise hatte ich während des ganzen Studiums keinen Bedarf für derlei Ratgeber über das Üben. Wenn etwas nicht ging, blieb ich einfach so lange stur dabei, bis es ging.

Einmal im Unterricht nahm mein Professor ein herumliegendes Übetagebuch (auch eine Sache, die ich nie führen musste, um meine Ziele zu erreichen) eines Kommilitonen zur Hand, blätterte interessiert und durchaus belustigt darin. Plötzlich legte er es weg und sagte nur: „Der übt zu wenig.“ Der Kollege, um den es ging, war absolut kein schlechter Trompeter, aber er litt gerade zu der Zeit an ein paar Ansatzproblemen. Üben und Spielen waren für ihn dadurch etwas mühsamer als für die meisten anderen – eine frustrierende Situation. Aber der einzig sinnvolle Weg aus dieser Krise war nun einmal, viel zu üben und zu spielen. Nur so konnte sich der Körper auf die veränderten Bedingungen einstellen und sie so verinnerlichen, dass sie auch „live“, unter Druck und ohne zusätzlichen gedanklichen Aufwand abrufbar wurden. Und dafür übte er damals zu wenig.

Streichholzmethode

Sollte einer meiner vielen Leser auch ein Musiker sein, kann ich eine Übemethode vorschlagen, die wirklich garantiert funktioniert (vorausgesetzt, man schaltet auch das Hirn ein):

  • Man nehme eine Packung Streichhölzer und leere sie auf den Tisch aus, die leere Packung stelle man sich hin.
  • Dann wird geübt, zuerst nur in dem Tempo, in dem die Stelle, um die es geht, auf jeden Fall funktioniert.
  • Für jeden erfolgreichen Durchgang wandert ein Streichholz in die leere Schachtel hinein. Bei jedem fehlerhaften Durchgang fliegt eines (verschärft: zwei oder drei, für die ganz Harten: alle) wieder raus.

Ich garantiere: Wenn die Packung voll ist, läuft die Stelle. Und damit es nicht heißt: „Ja, auf dem (virtuellen) Papier klingt das ja immer toll, wie schaut es mit der Praxis aus?“ Ich habe diese Methode für mich selbst schon oft angewandt, auch einige Schüler mussten schon da durch — es fühlt sich im jeweiligen Moment katastrophal an, aber so wird die frisch angelegte Spur im Gehirn gleich so durchlässig gemacht, dass es dann wirklich gut sitzt.

Klingt ein bisschen nach „Holzhammer“, ist es sicher auch – dafür klappt’s damit auch wirklich.

 

NotateMe und der Stylus

Unten die Handschrift, oben das konvertierte Ergebnis
Unten die Handschrift, oben das konvertierte Ergebnis — nicht schlecht!

Vor ein paar Wochen habe ich ja schon einmal berichtet, dass ich mir zwei Stylus-Modelle für mein iPad zugelegt habe. In den letzten Tagen hatte ich mehrere Stunden lang genug Zeit, die Anwendung eines dieser Geräte in einer Musik-App namens NotateMe auszuprobieren. Und ich habe dabei so einiges gelernt – über mich, über den Stylus und über die App.

Was ist „NotateMe“?

NotateMe ist eine Software, die die per Hand notierten Noten und einige spezielle musikalische Zeichen erkennt und in eine genormte Notenschrift („Notensatz“) überführt. Auf meinem iMac benutze ich Sibelius, an das ich mich bereits im Studium gewöhnt habe. Aber unterwegs habe ich das iPad, von Sibelius gibt es keine iOS-Version, daher muss ich mir anders behelfen. NotateMe füllt diese Lücke zwar nicht ganz, aber zumindest in Teilen aus.

Unterschied zwischen Fingern und Stylus

Mit den Fingern habe ich schon etliche Male mit der App gearbeitet, doch die Ergebnisse waren bestenfalls mittelmäßig. Entweder sind meine Finger etwas zu dick (das wäre aber ganz schlecht, denn ich kenne noch etliche Menschen mit kräftigeren Fingern) oder die Eingabe bedarf schlichtweg einer höheren Präzision.

Und um eine sonst ellenlange Geschichte kurz zu machen: Mit dem Stylus geht es gut. Noch immer nicht perfekt, aber deutlich besser als mit meinen Fingern.

Am meisten beeindruckte mich die Geschwindigkeit der Eingabe. Mit den Fingern war das eine recht mühsame Sache, da die Fingerspitze den Eingabebereich auf dem Bildschirm während des Notierens verdeckt. Gerade bei einer Notationsweise, die ganz exakter Platzierung bedarf (der Notenkopf darf nur genau die Notenlinie kreuzen oder muss zwischen zwei Notenlinien liegen – aber nicht beides zugleich), waren die Finger dem Auge soweit im Weg, dass die Ergebnisse prinzipiell darunter leiden mussten. Das ist mit dem Stylus definitiv viel besser geworden (aber auch noch nicht ganz perfekt).

Zeitvergleich

Ich habe bei dem einen Stück insgesamt 62 Takte inklusive vieler Bindebögen, etlicher unterschiedlicher Akzente, Portato-Striche, Staccato-Punkte, crescendo- und decrescendo-Klammern, Wiederholungszeichen etc. innerhalb von etwas weniger als zwei Schulstunden (=90 Minuten) perfekt fertig notiert. Mit Sibelius auf dem Mac und dem MIDI-Keyboard wäre das gleiche Ergebnis in ca. 20 bis 25 Minuten erreicht gewesen, was ohne jeden Zweifel deutlich kürzer ist. Dafür hätte ich aber noch meinen Mac und das Keyboard gebraucht, und beides steht nun einmal ein paar Kilometer von der Schule entfernt. Mich erfreut daran, dass ich mit etwas mehr Übung auch garantiert noch schneller werde – und dann ist NotateMe zumindest eine akzeptable Alternative, wenn mein Mac nicht zur Hand ist.

Fazit

Wenn ich daheim bin, werde ich die Notationsarbeit sicher immer am Mac mit Sibelius ausführen. Unterwegs stellt NotateMe in Kombination mit einem geeigneten Stylus aber eine akzeptable Alternative dar, die auch ohne große Zusatzgeräte funktioniert. Der Stylus hat sich in diesem Kontext für mich als probat erwiesen – weitere Erfahrungsberichte folgen alsbald.

 

La cruda sorte

Der allseits gefürchtete »Penneslutscher«
Der allseits gefürchtete »Penneslutscher«

Es ist schon ein wirklich hartes Schicksal, wenn so ein Teenager meint, im Bus seinen eklatanten Mangel an Bildung selbst bei den banalsten Provokationsversuchen zur Schau stellen zu müssen. Aber für den Rest der Mitfahrer hält es zumindest das Versprechen eines kurzen Zuckens der Mundwinkel bereit. Auch nett!

 

Sextanerblase

Haltung bewahren!
Im Unterricht gilt: Haltung bewahren!

Per Definition kann ein Mensch mit einer sog. „Sextanerblase“ nur schwer seinen Drang zum Wasserlassen bezähmen. Anscheinend leidet ein gutes Drittel einer meiner Klassen darunter. Das konnte ich heute empirisch feststellen. Wie es dazu kam? Also…

Heute war die letzte Stunde des Schuljahres in dieser Klasse, da in der kommenden Woche Projekttage sind, in der Woche darauf endet der Unterricht bereits am Mittwoch, es schließen sich die lange ersehnten (und – was mich betrifft – auch wohlverdienten) Sommerferien an. Da ich meist etwas geizig mit dem Medium „Film“ im Unterricht bin (soll heißen: ich zeige selten Filme im Unterricht, allenfalls kurze, wenige Minuten dauernde Ausschnitte aus Filmen), wollte ich die Klasse in ihrer letzten Stunde belohnen.

Von Arte hatte ich eine sehr interessante Dokumentation über den Zusammenhang zwischen dem aktiven Musizieren und den neuronalen Entwicklungen beim Menschen aufgenommen. Meiner Meinung nach ein spannendes Thema. Die Schüler sahen es offensichtlich anders. Bei ca. 30 anwesenden Schülern mussten ab der Mitte des Films – da scheint die Langeweile für manche angesichts des herben Mangels an „Action“ unerträglich geworden zu sein – fast alle Jungs aufs Klo. Da ich weiß, dass man auf einer Toilette gerne mal einen längeren Plausch abhalten, auf dem Weg noch das halbe Schulhaus erkunden und alle Aushänge an allen Schwarzen Brettern lesen kann/muss, erlaube ich den Gang zur Toilette nur einzeln und nacheinander. So auch heute.

Tatsächlich benötigte einer satte acht Minuten, um die ca. 60 Meter vom Klassenzimmer zur Toilette (und die gleiche Strecke zurück) zu meistern. Aber das war zweitrangig. Mir fiel nur einfach die Zahl der Schüler auf: 11 von 30. Mehr als ein Drittel. Und ausschließlich Jungs. Einigen kaufe ich auch ab, dass sie aufs Klo mussten, anderen war klar anzusehen, dass etwas Bewegung und Ferne vom gar zu quälend bildenden Film erwünscht war.

Da aber der Beschluss, den zumindest außerhalb der Pausenzeiten meist stillen Ort aufzusuchen, in verdächtiger Nähe zum gleichen Entschluss anderer Schüler der selben Klasse erfolgte, muss ich ja eigentlich schon fast auf ein überproportional häufiges Auftreten der sog. Sextanerblase bei den männlichen Mitgliedern dieser Runde schließen. Oder wie seht ihr als meine wissenschaftlichen Kollegen das? Ich freue mich auf Kommentare…

Das Foto oben zeigt übrigens einen der schwer vom Film gezeichneten Schüler, der schon drauf und dran war, seine beiden Arme zu verlieren. Vorsichtshalber verstaute er sie in seinem T-Shirt. Immerhin blieb er so sitzen statt noch einmal zum Klo zu rennen…

 

Abgelenkt ohne Ende

Vor ein paar Wochen hatte ich zwei Unterstufen-Klassen hintereinander, jeweils eine Doppelstunde lang. Dabei sind mir ein paar Dinge aufgefallen, und das mit einer erschreckenden Deutlichkeit, die mich unter anderen an der Effektivität der Grundschulausbildung, vorrangig aber auch an der Erziehung im jeweiligen Elternhaus zweifeln lassen.

Kurz zur Situation, die mich so ins erneute Nachdenken über diese schon häufiger im Kopf gewälzte Situation versetzte: Insgesamt muss ich einem überwiegenden Teil der aktuellen Unterstufenschüler leider eine weitgehende Unfähigkeit dahingehend attestieren, eine angebrachte Prioritätensetzung für die Unterrichtssituation vorzunehmen.

Was meine ich damit? Ganz einfach: Wenn mir in meiner Schulzeit (1982-1995, vor allem aber während der gymnasialen Jahre von 1986-1995) ein Lehrer den Auftrag gab, beispielsweise beim folgenden Musikbeispiel ganz genau auf ein bestimmtes Element, z.B. den Einsatz einer gerade besprochenen Spieltechnik bei einem Instrument, zu achten, dann bedeutete dies implizit für mich auch: „Stelle während des Hörens alle anderen Aktivitäten ein, konzentriere dich auf diese eine Sache, nur sie ist für die nächsten Minuten wichtig.“

Implizit deswegen, weil uns das kaum jemals ein Lehrer sagen musste. Und wenn wir gegen diese weitgehend unausgesprochenen, aber dennoch gültigen Regeln verstießen, gab es auch richtigen Ärger in Form von unmissverständlicher, sehr deutlicher und zum Teil auch harscher Lehrerschelte. Das war alles andere als angenehm, steckte aber einen glasklaren Orientierungsrahmen für uns Kinder. Und der ist wichtig.

Zurück zur Situation in den beiden Doppelstunden, die mich dazu brachten, diesen Blogeintrag zu schreiben: Zuerst einmal sind die meisten Kinder mit einem halben Schreibwarengeschäft ausgestattet. Ein derartiges Aufgebot an Farben und unterschiedlichen Arten von Stiften sowie anderem Handwerkszeug kannten wir damals nicht. Nun könnte man ja meinen, dass besonders gut ausgestattete Schüler auch besonders gut arbeiten können. Genau das Gegenteil ist meiner aktuellen Einschätzung nach der Fall, denn je mehr Equipment mit sich geführt wird, desto heftiger steigt die Wahrscheinlichkeit, dass permanent daran herumgeräumt oder -gebastelt wird. Wie oft ich manche Schüler (beiderlei Geschlechts) schon dabei beobachtet habe, wie sie innerhalb einer einzigen Doppelstunde ihre Stifte herausziehen, in einer anderen Reihenfolge wieder einsortieren, sie dann wieder herausnehmen, um sie nochmals anders einzusortieren — es ist absolut absurd!

Noch entscheidender: Es erfüllt überhaupt keinen Zweck. Es ist eine reine Beschäftigungstherapie für die Finger.

Die Aufmerksamkeit der Kinder wird dadurch ständig geteilt zwischen der eigentlichen Hauptsache, dem Unterricht (also dem Vermitteln und Erlangen von Wissen und Kompetenzen), und dem mehr als mächtigen Spieltrieb. Und es bedarf absolut keines Genies, um herauszufinden, wer hierbei üblicherweise den Kürzeren zieht. Wie sollen auch schulische Inhalte gegenüber bunten und luxuriösen Stiften (=Spielsachen) in der Aufmerksamkeit bestehen können? Das meinte ich mit der eingangs genannten „nicht erfolgten Prioritätensetzung“.

Meiner Meinung nach ist es die Aufgabe der Grundschule, im Verlauf der Klassen 3 und 4 den Kindern eine konzentrierte Arbeitshaltung beizubringen. Doch das findet anscheinend immer weniger statt. Ich sehe meine Äußerungen hier nicht in erster Linie als Kritik an den Grundschullehrern, denen in den letzten Jahren immer mehr grundlegende Erziehungsaufgaben zugeschustert wurden, die eigentlich die Eltern/Familien zu übernehmen hätten. Dennoch gehört das Fit-Machen für die weiterführenden Schulen in den Aufgabenbereich der Grundschulen. Und dieser Aufgabe werden sie — ob entschuldigbar oder nicht — einfach nicht mehr in vollem Ausmaß gerecht. Wenn ich mich an meinem Gymnasium im Lehrerzimmer umhöre, teile ich diese Meinung ganz offensichtlich mit einer sehr großen Anzahl von Kolleginnen und Kollegen.

Zurück zur konkreten Unterrichtssituation: An besagtem Tag vor ein paar Wochen gab es tatsächlich ein kurzes Hörbeispiel, dem konzentriert gelauscht werden sollte, um danach konkrete Aussagen über mehrere vorher von mir bestimmte Charakteristika tätigen zu können. Während dieses kurzen Hörbeispiels fielen gefühlt fünf Scheren und zehn Stifte an unterschiedlichen Punkten im Klassenzimmer herunter.

Wie bitte konnte das passieren? (Ja, die Schwerkraft, ich weiß. Schlauberger sitzen bei mir übrigens gleich in der letzten Reihe und werden aus Prinzip nicht aufgerufen. Basta!)

Die Frage ist aber wirklich ernst gemeint. Denn bei einem derart konkreten Hörauftrag gab es eigentlich für niemanden in der Klasse einen Anlass, die Schere herauszuholen, noch viel weniger einen, damit herumzuspielen, und noch einmal weniger einen, so fahrlässig damit zu hantieren, dass das Teil auch noch herunterfällt. Gleiches gilt für die Stifte, denn ich hatte vorher speziell darauf hingewiesen, dass es unnötig sei, sich Notizen zu machen, weil das Ergebnis am Ende ohnehin an der Tafel für alle notiert würde und dann abgeschrieben werden müsste.

Und dennoch taten es offensichtlich eine ganze Reihe von Schülern. Problematisch ist die Sache für mich deswegen, weil ich, um dieses nervige Verhalten abzustellen, jeglichen Unterrichtsfluss aufgeben müsste. Konsequent wäre es, ein paar Stunden lang jeden Schüler, der so etwas bringt, einen ein- oder zweiseitigen Aufsatz schreiben zu lassen, warum dieses Verhalten nicht angebracht ist. Eventuell käme dann eine gewisse Einsicht in die Köpfe. Andererseits ist das schlicht und einfach nicht realistisch, denn am Ende bekäme ich von der Mehrzahl aller Unterstufenschüler über kurz oder lang mindestens einen solchen Aufsatz (und es fühlt sich an, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen).

In der Stunde bei einer Parallelklasse, achtete ich von Anfang an darauf, dass dieses ständige Herumspielen nicht gleich wieder einriss, aber als ein einziger Lehrer befand ich mich gegenüber ca. 30 vom Spieltrieb erfassten Frühpubertierenden auf einem recht schwachen Posten.

Noch etwas war anders: Ich zeigte den Kindern einen Filmausschnitt, in dem es um die Aufgaben eines Dirigenten beim Proben mit einem Orchester ging. Es gab eine konkrete Aufgabenstellung, um Ruhe und Konzentration hatte ich gebeten. Mit wenigen Ausnahmen (klar, wenn Musik gespielt wird, muss man doch mit zwei Stiften bei voller Lautstärke im Rhythmus gegen die Tischkante schlagen, oder? Oder?) wurde diese auch eingehalten.

Doch dann passierten drei Dinge, die mir schlagartig die Lust auf ein weiteres Ansehen von Dokumentationen in dieser Klasse dämpften:

  1. Zuerst klatschte die ganze Klasse beim Anfangs-Applaus im Film mit. Wozu? Es handelte sich schließlich um einen Film (noch dazu eine Dokumentation), kein Live-Konzert. Geht der Herdentrieb bei den Gymnasiasten mittlerweile soweit, dass man stupide solche Aktionen ausführen muss, ob es nun passend ist oder nicht?
  2. Dann legte ein Mädel aus der letzten Reihe beide Beine (Schuhe natürlich noch an den Füßen) auf ihren Tisch, rutschte mit ihrem Gesäß vor zur Stuhlkante und benahm sich wie in ihrem eigenen Wohnzimmer. Ich wies sie zurecht, sie folgte widerwillig. Aber: So etwas erzeugt Unruhe, stört alle anderen im Raum — und ist völlig unnötig, da von vornherein jedem Schüler hätte klar sein müssen, dass dieses Verhalten inakzeptabel und unangemessen ist. („Hätte, hätte, Fahrradkette…“)
  3. Dann fragte sie mich mehrfach innerhalb eines maximal fünf Minuten dauernden Zeitfensters, wann denn der Film „endlich“ vorbei sei. Und erboste sich lautstark, als ihr am Ende auffiel, dass ich mich beim ersten Schätzen (warum ich ihr überhaupt eine Antwort gegeben habe, ist mir jetzt schleierhaft) um ca. eine Minute verschätzt hatte… Da fehlen mir schon fast die Worte.

Aber nur fast, deswegen könnt ihr gerade diese Zeilen lesen. Ich will nicht über Gebühr lamentieren, es gibt genügend Klassen, in denen Unterricht „ganz normal“ funktioniert, manchmal geht das sogar bei diesen Klassen. Gleichzeitig fühlt man sich als Gymnasiallehrer immer häufiger in die Rolle eines Dompteurs versetzt: Sind die Kunststückchen toll, macht die Klasse gut mit, sind sie nicht ganz so aufregend, verliert man sofort den Kampf gegen die Buntstifte und andere Spielsachen (von Handys und Smartphones fange ich gar nicht erst an). Über die Benotung kann man das regeln, es hinterlässt aber immer einen schalen Geschmack — und hält bei den wenigsten lange vor. Andererseits müssen alle Schüler lernen, sich bei einer konkreten Aufgabenstellung auf diese (und nichts anderes) zu konzentrieren. Und ich werde sie immer weiter triezen, dies zu tun. Basta!