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Gehört: „Ulysses“ von James Joyce

Liebevoll und aufwändig produziert: „Ulysses“ von James Joyce als Hörbuch.

Liebevoll und aufwändig produziert: „Ulysses“ von James Joyce als Hörbuch.

„Ulysses“ gehört zu den literarischen Werken, die mich aufgrund ihres Bekanntheitsgrades, des Autors (von dem ich in meiner Schul- und Studienzeit bereits drei andere Bücher gelesen und genossen hatte) und der Erzähltechnik („Stream of Consciousness“) schon lange faszinierten.

Weg mit dem (gedruckten) Buch

Die gedruckte Buchfassung hatte ich gut 20 Jahre im Regal stehen, bis mir klar wurde, dass ich sie nie lesen würde, schon gar nicht in dieser Darreichungsform. Meine Lesegewohnheiten sind in den letzten sieben Jahren derart stark auf iPhone und iPad umgemünzt worden, dass ich mich mit einem „normalen“ Buch in der Hand zwar nicht unwohl fühle, mir aber sofort klar ist, dass ich es eben nicht ständig (im Sinne von 24 Stunden am Tag) bei mir trage. Und in dieser Hinsicht schlägt das iPhone alle anderen Lesegeräte. Noch dazu ist der Kontrast auf dem Bildschirm derart hoch, dass ich auch schon seit gut fünf Jahren meine Lesebrille nicht mehr benötige. Zurück zum Buch: Die Druckfassung habe ich über Momox im letzten Jahr verkauft, aber das Interesse an „Ulysses“ als Werk blieb ungebrochen. Also langte ich vor ein paar Wochen tief in meine Taschen und leistete mir für gut 38 € im iTunes Store das beinahe 40 Stunden lange Hörbuch – pro Stunde ungefähr ein Euro, das ist aus meiner Sicht akzeptabel.

Hörbuch deluxe

Es ist eine wirklich grandios produzierte ungekürzte Fassung mit ca. 40 unterschiedlichen Sprechern (allerlei Geschlechts), die sich teils in kurzen Abschnitten, teils in wirklich langen Passagen abwechseln. Auch handwerklich ist das Hörbuch äußerst gut gemacht, denn es spielt – beim Laufen habe ich das durch die AirPods natürlich sehr deutlich gemerkt – auch mit dem Panorama: Bei Passagen, in denen sich die Sprecher in kurzem zeitlichen Versatz ergänzen, wird mehrfach zwischen linkem und rechtem Kanal hin und her gewechselt. Nötig wäre das natürlich nicht, aber ein interessanter Effekt ist es allemal.

Fazit: Die Hörbuch-Produktion ist sowohl hinsichtlich der Sprecher als auch der Audio-Qualität absolut makellos und ihr Geld zweifelsohne wert.

Das „Werk“

Vorwarnung: Ich „oute“ mich gleich als völliger Kulturbanause.

Anders als die Hörbuch-Produktion konnte mich das Werk – vielleicht auch aufgrund einer gewissen Reife, die ich mir mittlerweile schamlos zugestehen darf – nur wenig mitreißen. In den letzten Monaten/Jahren habe ich sehr viel gelesen und noch mehr gehört. Wenn mir etwas gefiel, habe ich darüber gebloggt, wodurch den Lesern meines Blogs ziemlich leicht fallen dürfte, meine literarischen Interessensgebiete einzugrenzen:

  • Unmengen an Science Fiction (z.B. „Krieg der Klone“ von John Scalzi oder die „Space Troopers“-Reihe von P. E. Jones)
  • viel Action (z.B. die „Cotton Reloaded“-Serie)
  • (leichter) Horror (vor allem die späteren Werke von Stephen King wie „Die Arena“ oder auch „Dreamcatcher“)
  • viel Humor (z.B. „Das Rosie-Projekt“ von Graeme Simsion)
  • gerne auch alles in Kombination
  • oder natürlich Fachbücher über sportliche oder Gesundheits-Themen.

Gerade bei den Romanen und Kurzgeschichten geht es mir aber darum, die Charaktere in ihrer Interaktion zu erleben, Anteil an ihren Motiven und den Umständen, die sie zum Handeln zwingen, zu nehmen, sie zu verstehen und meist auch innerlich zu bewerten – das macht Literatur ja so großartig: Sie kann uns unterhalten, uns bewegen und zum Nachdenken anregen. Außerdem schätze ich es sehr, wenn die Handlung zügig vorangetrieben wird.

„Ulysses“ dagegen ist – oberflächlich betrachtet – die Verkörperung der Banalität, denn es geht letztlich um nichts. Das sage ich nicht verächtlich, eher bedauernd. Faktisch folgt die Geschichte (es ist ja noch nicht einmal eine richtige Geschichte…) einen Tag (für die Puristen: einen Tag und ein Stück des folgenden Morgens) lang einer Person („Leopold Bloom“), zeigt seine Interaktionen mit einer Vielzahl anderer Menschen, dessen Gedanken und die der anderen Personen auf – vermag aber mit wenigen Ausnahmen kaum, mich zu interessieren. Der Grund ist die bereits erwähnte Banalität. Der Schluss des Buchs ist ja ein gut 40 Druckseiten langer innerer Monolog der Ehefrau („Molly Bloom“). James Joyce hat versucht, einen tatsächlichen Gedankenstrom nachzustellen, was ihm sicher auch gelungen ist. Doch leider sind unsere alltäglichen Gedanken mit Unmengen an Banalitäten angefüllt. Viele Menschen – ich sicher eingeschlossen – denken ziemlich oft an ganz normale körperfunktionale Dinge (z.B. „Ich muss demnächst mal wieder auf’s Klo…“ und dergleichen). Es ist ja schön, das einmal exemplarisch zu begreifen, wenn aber ein gut zweieindreiviertel Stunden langer Abschnitt eines Hörbuchs fast nur um derlei Themen kreist (und es ist wirklich so, dass Molly sich in diesem langen Abschluss-Gedankenstrom nur über Sex, die Gestaltung ihrer Wohnung, Sex, Shopping, Sex, Toilettengänge, Sex, Körperpflege, ihre eigene verschrobene Selbstwahrnehmung, Sex und dergleichen Gedanken macht) nimmt es die Wirkung einer Tortur an.

In „Geisterbrigaden“ lässt John Scalzi einen ähnlichen Gedankengang ablaufen:

Passt irgendwie perfekt, oder?

Passt irgendwie perfekt, oder?

Beim Laufen war es sogar noch viel schlimmer. Der schleppend langsame Verlauf dieses einen Tages (literarisch ja nun auf 38 Stunden ausgedehnt) zieht sich gefühlt doppelt so lange hin, wenn man sich des Morgens durch die noch recht düstere Ostalb bewegt. Mit dem richtigen Hörbuch „fliege“ ich (gefühlt) nur so über die Straßen und Wege, mit „Ulysses“ kroch ich wie eine Schnecke.

Die Erzähltechnik und die Wortwahl sowie der unverkennbar gebildete Ansatz, der nicht zuletzt durch die eingesetzten mindestens fünf Sprachen (ich konnte Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Latein erkennen) zutage tritt, sind die Elemente, die mich begeistern konnten. Hier und da schuf James Joyce sogar geradezu brüllend komische Passagen, wie zum Beispiel die Kutschfahrt nach dem Requiem für Paddy Dignam, bei der die Fahrgäste sich in einen wahren Lachrausch hineinsteigern.

Wie ich schon geschrieben habe: Ich bin wohl ein Kulturbanause. Denn selbstverständlich ist mir völlig klar, dass ein derart fähiger Autor wie James Joyce niemals in seinem Leben so viel Zeit und Mühe dafür geopfert hätte, nur Banalitäten anzusammeln. Das Werk ist durchzogen von einem feinen Netz literarischer, sozialer und historischer Anspielungen. Mein Banausentum besteht nun darin, dass mir das – geradeheraus gesagt – scheißegal ist. Momentan mag ich Bücher, die ich in die Hand nehmen und mich selbst für eine Weile darin verlieren kann. Ich suchte Unterhaltung und fand Bildung. Und genauso spröde, wie das klingt, war es leider auch.

Fazit:

Das Werk ist faszinierend, aber nicht für mein aktuelles Ich. Dieses sucht nach Unterhaltung, die das Werk in der für mich attraktiven Form nicht oder nur an wenigen Stellen zu bieten vermag. Dass ich mir die volle Länge gegönnt habe, zeigt, dass es mir durchaus ernst mit dem Buch war, doch ist mir jetzt eindeutig nach leichterer Kost, die meinem simplen Geist eher entgegen kommt. In einigen Jahren gibt es einen erneuten Anlauf, vielleicht sogar in Form eines iBooks mit zusätzlicher Sekundärliteratur, denn faszinierend ist das Werk nach wie vor auf einer intellektuellen Ebene – nur weiß ich, dass ich in den kommenden Jahren erst einmal kein Verlangen habe, mich dem Werk noch einmal so zu nähern.

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Gesehen: „Monuments Men“

Gestern gab es mal wieder frisches Filmfutter in der Casa Solera: „Monuments Men“, ein teils ernster, teils heiterer Film, der zwar in einem gewissen Maß als „Kriegsfilm“ einzuordnen ist, den Fokus aber weder auf das Kämpfen noch auf den sonstigen Gräueln des Krieges legt. Vielmehr geht es in dem fast zweistündigen Film mit absoluter Starbesetzung (George Clooney, Matt Damon, John Goodman, Bill Murray, Cate Blanchett und viele andere) darum, wie ein kleiner Trupp von Amerikanern sich – teils in Zusammenarbeit mit einer Französin – um den Erhalt bzw. die Rettung unzähliger Kunstwerke vor der Gier bzw. Zerstörungswut der Nazis bemüht. Nicht immer sind sie erfolgreich, nicht alle überleben die Aktion, doch mir imponierte sehr, dass durch diesen Film eventuell auch jungen Leuten wieder die Augen für den Wert der Bildenden Kunst geöffnet werden könnten – und das gänzlich ohne den Anspruch, ein „Bildungsfilm“ zu sein, denn das ist er ganz und gar nicht. Es handelt sich definitiv über weite Strecken um eine Action-Komödie, hier und da wird es auch einmal romantisch („Paris!“) und ernst (z.B. der Tod der beiden „Monuments Men“ oder der Wettlauf mit den Russen, wer die Kunstwerke als erster erreicht und somit retten oder als Kriegsbeute konfiszieren kann).

Faszinierend ist, wie meine Frau während des Films herausfand, dass es diese „Monuments Men“ wohl tatsächlich gab. Dazu muss ich heute Abend gleich noch ein wenig Recherche betreiben. Der Film ist auf jeden Fall empfehlenswert, auch wenn die Altersgrenze (FSK) mit 12 Jahren durchaus angebracht ist.

Darüber hinaus muss ich ganz einfach die Filmmusik lobend erwähnen, denn in den letzten Jahren drängte sich mir zunehmend der Verdacht auf, dass es nur noch eine äußerst kleine Gruppe von Komponisten gibt, die dieses Geschäft untereinander aufteilen (was ich nicht den Komponisten zum Vorwurf machen würde, eher den Filmemachern und Studios). Hier jedoch stammt die Musik von Alexandre Desplat, von dem ich vorher noch keine Notiz genommen hatte. Seine Tonsprache ist wundervoll, unverbraucht und äußerst gelungen. Der Film gewinnt durch seine gekonnte Untermalung derart an Qualität, dass ich mir kaum vorstellen könnte, wie er mit einer der bereits in ihren Grundzügen so gut bekannten Musik eines schon lange in Hollywood etablierten Komponisten wirken würde. Allein der Musik wegen ist der Film empfehlenswert!

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Kuba

Vor fast exakt 15 Jahren, im Oktober 2001, besuchte ich als Teil einer Studentengruppe der Hochschule für Musik Würzburg Kuba. Eine Woche lang gab es ein allgemeines Kulturprogramm, die zweite Woche über erhielten wir an der ISA, der Staatlichen Musikhochschule in Havanna, Unterricht in Musikgeschichte, Klavier und diversen Rhythmus-Instrumenten. Organisiert und begleitet wurde die Fahrt von Prof. Dr. Andreas C. Lehmann, der bis heute an der Musikhochschule in Würzburg unterrichtet.

Kuba! Heute wäre der Halbmast wohl eher angebracht...

Kuba! Heute wäre der Halbmast wohl eher angebracht…

Der zwar nicht ganz unerwartete, doch keinesfalls erwünschte Tod von Fidel Castro hat mich veranlasst, diesen Blog-Eintrag, den ich schon sehr lange im Hinterkopf erwogen hatte, endlich in Angriff zu nehmen. Er wird mit etlichen Bildern von damals gespickt werden, die ich aus unserem „analogen“ Fotoalbum abfotografiert habe, daher darf man in dieser Hinsicht leider keine hochauflösenden Qualitätsschüsse erwarten.

Politik

Wer die Einleitung aufmerksam gelesen hat, mag bemerkt haben, dass das Datum unserer Fahrt nur wenige Wochen nach dem tragischen 11. September 2001 lag. Entsprechend aufregend war es für uns, am 1. Oktober in den Flieger zu steigen, um dann 13 Stunden lang gen Kuba zu fliegen. Eigentlich hätte der Flug ja auch nur elf Stunden dauern sollen, doch die USA verweigerten damals allen Flugzeugen, die nicht auf US-amerikanischem Boden landen wollten, den Überflug. Der Flug über das Meer führte zu mehr Wind und Wetter und verzögerte unsere Ankunft auf der kubanischen Insel um gute zwei Stunden.

Die Anschläge und der während unseres Aufenthalts auf Kuba beginnende (zweite) Irak-Krieg bestimmten somit auch das politische Klima dieser zwei Wochen. Unser Prof, dessen Frau eine US-Amerikanerin ist, dürfte noch wesentlich stärker als wir Studenten von den Ereignissen mitgenommen worden sein. Mit eiserner Disziplin zog er aber die ganze Fahrt als charmanter und kompetenter Verantwortlicher durch. Hut ab! Da ich in den letzten Jahren ja immer wieder mit Musikensembles oder Schülergruppen unterwegs war, weiß ich, wie dünnhäutig man schon bei Kleinigkeiten werden kann (und die summieren sich ja schnell bei einer größeren Gruppe).

Auch die Kubaner reagierten auf die Anschläge und den Krieg, indem sie überall in den großen Städten (Santiago de Cuba und Havanna) deutlich sichtbare Schilder aufstellten:

Kuba – Gegen den Terrorismus und gegen den Krieg!

Kuba – Gegen den Terrorismus und gegen den Krieg!

Die gleiche Positionierung, nur ohne Fidel.

Die gleiche Positionierung, nur ohne Fidel.

Land und Leute

Die erste Woche verbrachten wir in und um Santiago de Cuba, einer fantastischen Stadt, die ich jederzeit Havanna vorziehen würde (auch wenn dort kulturell noch mehr los ist). Und wie überall zeigte Kuba seine gespaltene Natur: Kulturelle und historische Schätze einerseits, Mangel und Verfall andererseits.

Ein ganz banales, aber möglicherweise unterhaltsames Beispiel sind die folgenden Fotos, die zwei nebeneinander aufgestellte Parkbänke (bzw. deren Überreste) in einem typisch kubanischen Zustand zeigen:

Im ersten Fall fehlt glücklicherweise „nur“ die Rückenlehne, im zweiten Fall, nun ja...

Im ersten Fall fehlt glücklicherweise „nur“ die Rückenlehne, im zweiten Fall, nun ja…

Doch die Kubaner sind ein außerordentlich lebenslustiges, geduldiges und erfinderisches Volk. Wer den Bus nehmen will, weiß, dass er nicht zwingend pünktlich kommt. Und wenn er kommt, wollen statt der üblichen 50-80 Personen locker 120-150 mitfahren. Erstaunlicherweise passen die auch alle da hinein:

Kubanischer Personennahverkehr – mit einer gelassenen Disziplin und der Gewissheit, dass alle mitfahren werden.

Kubanischer Personennahverkehr – mit einer gelassenen Disziplin und der Gewissheit, dass alle mitfahren werden.

Auch beim Wohnen sind die Kubaner in erster Linie eines: genügsam. Darüber hinaus beweisen sie in ihren häufig bescheidenen Verhältnissen ein sicheres Gespür für Eleganz, wie man an diesem Überblick über ein Wohnviertel Santiagos erkennen kann (links unten bin ich gerade noch mit eingefangen worden):

Trotz vieler Mängel und (aus unserer Sicht) fragwürdiger Sicherheitsstandards blitzt immer wieder auch die schlichte kubanische Eleganz durch.

Trotz vieler Mängel und (aus unserer Sicht) fragwürdiger Sicherheitsstandards blitzt immer wieder auch die schlichte kubanische Eleganz durch.

Kultur-Programm

Unser Kulturprogramm war sehr vollgepackt und in der Kombination mit der hohen Luftfeuchtigkeit sowie den dauerhaft sehr warmen Temperaturen ganz schön anstrengend. Nach einem mehrstündigen Rundgang durch Santiago de Cuba saßen wir als ganz Gruppe vor dem Bacardi/Rum-Museum etwas platt auf den Stufen und sehnten uns nach kühlen Getränken und Eis…

Obwohl wir alle ziemlich platt aussehen, es war der Hammer!

Obwohl wir alle ziemlich platt aussehen, es war der Hammer!

Unser Fremdenführer, der einige Beziehungen hatte, sorgte sogar dafür, dass wir die Vorpremiere eines Theaterstücks besuchen konnten. Da es gut anderthalb Stunden nur auf Spanisch ablief, bekamen wir trotz unseres sechsmonatigen Spanischkurses im Vorfeld nur Bruchstücke mit. Kostüme, Masken und Ausdrucksstärke der Spieler und Musiker waren jedoch auch so beeindruckend.

Gute Beziehungen (das sog. „Vitamin B“) führten zum Besuch dieses Theaterstücks, das nach uns kaum noch jemand gesehen haben dürfte...

Gute Beziehungen (das sog. „Vitamin B“) führten zum Besuch dieses Theaterstücks, das nach uns kaum noch jemand gesehen haben dürfte…

Nach dem Ende der Aufführung begleitete uns der Fremdenführer zum Hotel zurück. Dabei erfuhren wir, dass einige der anderen Zuschauer wohl zu einer Kommission gehörten, die beurteilen sollten, ob das Stück öffentlich gezeigt werden dürfe. Angeblich durfte es nicht. Insofern könnten wir zu den ganz wenigen Personen gehören, die dieses – vermutlich systemkritische – Theaterstück zu Gesicht bekamen. Zensur live, eine der vielen widersprüchlichen Facetten Kubas.

Touristen-Luxus

Touristen werden auf Kuba außerordentlich zuvorkommend behandelt, die Unterkünfte sind (abgesehen von den extrem teuren Nobelhotels, die für uns Studenten von vornherein ausgeschlossen waren) sauber und schlicht. Immerhin gab es in unserem Hotel (Las Americas) in Santiago einen Hotelpool, den wir tagtäglich ausgiebig nutzten:

Im Pool – vorne links Multicolorina, hinten in der Mitte ich...

Im Pool – vorne links Multicolorina, hinten in der Mitte ich…

Abends wurde am Pool ein aufwändiges Animationsprogramm durchgezogen. Auch ich durfte mal im Mittelpunkt stehen und mir von unserem Reiseführer die coolsten Moves zeigen lassen. Selbstverständlich meisterte ich sie alle…

Solera – knisternde Erotik auf zwei Beinen... *hüstel*

Solera – knisternde Erotik auf zwei Beinen… *hüstel*

Ganz abgesehen vom kulturellen Programm gab es für mich natürlich auch ganz private Highlights, denn Multicolorina in ihrer ganzen Pracht zwei Wochen lang um mich zu haben, war (und ist bis heute) ein erhebendes Erlebnis. Seht sie euch nur an, da bleibt einem doch glatt die Luft weg, oder?

Wer blendet mehr? Die Sonne oder Multicolorinas Schönheit?

Wer blendet mehr? Die Sonne oder Multicolorinas Schönheit?

Bei einem Karibik-„Urlaub“ (es war ja kein Urlaub, der Begriff „Studienreise“ war in unserem Fall tatsächlich völlig angemessen) darf eines nicht fehlen: Der Besuch am Strand. Bei diesen Temperaturen im Meer baden – himmlisch!

Ohne Gruppenbild kann eine Studienfahrt nicht enden...

Ohne Gruppenbild kann eine Studienfahrt nicht enden…

Einzig die heftige UV-Strahlung setzte einigen von uns Bleichgesichtern arg zu: Eine Mitstudentin legte sich für gut 45 Minuten völlig ohne Sonnencreme zum „Bräunen“ hin. Bis zum Abend war die Haut an ihren Unterschenkeln und Füßen vom heftigen Sonnenbrand so angeschwollen, dass sie nicht mehr in ihre Schuhe passte. Autsch!

Havanna

In Havanna besuchten wir wirklich viele Veranstaltungen an der ISA, die speziell für uns mit einem leider völlig inkompetenten Simultandolmetscher abgehalten werden sollten. Der Professor für kubanische Musikgeschichte legte auf Spanisch los, hörte, was der Dolmetscher daraus machte, unterbrach ihn mehrfach – und warf ihn hinaus, um selbst auf Englisch weiterzumachen. Herrlich!

Die ISA – in dem Ambiente zu studieren... Hach!

Die ISA – in dem Ambiente zu studieren… Hach!

Die Kurse wurden teilweise im Plenum, teilweise in kleinen Niveaugruppen abgehalten. Schön war es, dass auch unser Prof voll dabei war – hier sind wir gerade an den Percussion-Instrumenten:

Und laut sind die Dinger, wenn man sie richtig spielt!

Und laut sind die Dinger, wenn man sie richtig spielt!

Zwischendurch übte ich auch noch mein eigentliches Instrument in den Pausen zwischen den Kursen. Vermutlich können nicht viele von sich behaupten, zum Üben nach Havanna gereist zu sein… 😉

Musiker kennen ihn, den „Fluch des Übens“ – jeden Tag neu ruft das Instrument. Gerade im Studium darf man sich da auch nicht allzu oft eine Auszeit nehmen...

Musiker kennen ihn, den „Fluch des Übens“ – jeden Tag neu ruft das Instrument. Gerade im Studium darf man sich da auch nicht allzu oft eine Auszeit nehmen…

Der Klavierunterricht war einer, der in Niveaugruppen stattfand. Die Dozentin (Elcilia) teilte gnadenlos offen in gut, mittel und schlecht ein. Das Urteil bzw. die Zuteilung wurde vor versammelter Mannschaft verkündet, ab da blieb man unwiderruflich in der Gruppe, der man zugeteilt worden war.

Elcilia war gnadenlos direkt und offen – besonders beliebt machte sie sich daher bei uns nicht, effektiv war es aber, manche Sachen, die sie uns zeigte, spiele ich heute noch.

Elcilia war gnadenlos direkt und offen – besonders beliebt machte sie sich daher bei uns nicht, effektiv war es aber, manche Sachen, die sie uns zeigte, spiele ich heute noch.

Die Methodik war (und ist) simpel: Vormachen, nachmachen – Lob, Tadel. Für Nettigkeiten gab es da kaum Platz...

Die Methodik war (und ist) simpel: Vormachen, nachmachen – Lob, Tadel. Für Nettigkeiten gab es da kaum Platz…

Unvergesslich ist uns Teilnehmern das „Kopieren“, denn für Elcilia war Kopieren nicht etwa das uns bekannte Auflegen des Originals auf die Glasplatte eines Kopiergeräts und das Drücken eines Knopfes. Nein, für Elcilia war das: Sie legt ein Blatt mit Noten auf den Tisch, wir schreiben zu zehnt parallel das Blatt in Din A4-Größe ab. Herrlich!

Neben dem Unterricht an der ISA, der immer Vor- und Nachmittag füllte, gab es ja noch unglaublich viel zu entdecken. Auf einer langen Stadtführung lernten wir die Bar kennen, in der Ernest Hemingway wohl Stammgast war:

Ernest Hemingway war ein großer Kuba-Fan – auch die Revolution konnte ihn nicht abschrecken. In seiner Lieblingsbar hängen bis heute Fotos wie diese, um den Touristen noch ein paar Dollar für Getränke aus der Tasche zu locken...

Ernest Hemingway war ein großer Kuba-Fan – auch die Revolution konnte ihn nicht abschrecken. In seiner Lieblingsbar hängen bis heute Fotos wie diese, um den Touristen noch ein paar Dollar für Getränke aus der Tasche zu locken…

Außerdem führte uns unsere Reiseführerin (in der zweiten Woche war das eine Dame rund um die 50) auch auf das Dach eines mehrstöckigen Gebäudes, wo ein Dachrestaurant neben leckerem Essen auch einen spektakulären Ausblick auf den Hafen und die Altstadt bot. Dabei entstand dieses fantastische Bild, das Multicolorina in ihrer ganzen Schönheit (die bis heute immer nur größer wird) zeigt:

So hübsch, hach!

So hübsch, hach!

Heimkehr

Unsere Heimkehr verlief relativ reibungslos, lediglich der Kälteschock saß tief: Auf Kuba selbst bei Nacht gut und gern 25 Grad Celsius, in Deutschland (Mitte Oktober) eher Temperaturen, die sich zunehmend auf den Gefrierpunkt zubewegten. Das war für ein paar Tage schon herb, gerade in Kombination mit dem Jet-Lag. Doch auch das haben wir überlebt – und trotz der inzwischen vergangenen 15 Jahre sind die zwei Wochen auf Kuba nach wie vor eine meiner angenehmsten Erinnerungen.

Wieder daheim – erschöpft, frierend und absolut zufrieden!

Wieder daheim – erschöpft, frierend und absolut zufrieden!

Bedankt haben wir uns damals schon bei ihm, doch auch nach all den Jahren möchte ich Prof. Dr. Andreas C. Lehmann hier noch einmal meinen Dank aussprechen. Angesichts der heiklen politischen Situation war diese Fahrt sicher Anlass für das eine oder andere graue Haar. Aber das steht ihm sicher hervorragend!

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Dylan Thomas: „Under Milk Wood“

Der walisische Poet Dylan Thomas hat viele faszinierende Werke geschaffen, doch nur wenige reichen in ihrer Popularität an „Under Milk Wood“, sein „Spiel für Stimmen“ heran. Mein Interesse an dem Stück erwachte schon sehr früh, denn mein Vater hatte sich in den USA ein Vinyl-Album der ersten öffentlichen Lesung mit Dylan Thomas als erstem Sprecher gekauft. Obwohl er immer äußerst pfleglich mit den LPs umging, erschien mir die Audio-Qualität ziemlich miserabel, denn es knackte und rauschte ziemlich. Erst viel später habe ich begriffen, dass dies nicht (nur) an der LP an sich lag, vielmehr war schon die Original-Aufnahme von mangelhafter Qualität, dass auch ein anderes Trägermedium daran nicht viel würde ändern können.

In der elften oder zwölften Klasse schnappte ich mir das Textbuch meines Vaters – ebenfalls aus den USA mitgebracht – und ackerte es durch. Jedes Wort, das mir nicht bekannt war, wurde gleich mit einem ganz dünnen Minenbleistift unterstrichen und die Übersetzung oder ein englisches Synonym an den Rand geschrieben. Ja, so vorbildlich war ich früher mal… Offensichtlich hatte ich da auch noch Zeit für derartige Studien, denn das habe ich mit etlichen Büchern angestellt.

Dylan Thomas: „Under Milk Wood“ – hier noch ein Bild des Originals, das mein Vater in den USA erstanden hat.

Dylan Thomas: „Under Milk Wood“ – hier noch ein Bild des Originals, das mein Vater in den USA erstanden hat.

Die Mühe zahlte sich aus, denn so vergrößerte sich mein englischer Wortschatz ziemlich schnell und effektiv, gleichzeitig konnte ich dem Stück wesentlich mehr abgewinnen. Und es ist auch wirklich fantastisch! Der Grundgedanke ist, während einer Nacht in die Köpfe und Gedanken einer kleinen walisischen Gemeinde namens Llaregyb zu schlüpfen. Wie es im Text so schön heißt:

Come closer now. Only you can hear the houses sleeping in the streets in the slow deep salt and silent black, bandaged night. Only you can see, in the blinded bedrooms, the coms and petticoats over the chairs, the jugs and basins, the glasses of teeth, Thou Shalt Not on the wall, and the yellowing dickybird-watching pictures of the dead. Only you can hear and see, behind the eyes of the sleepers, the movements and countries and mazes and colors and dismays and rainbows and tunes and wishes and flight and fall and despairs and big seas of their dreams. From where you are, you can hear their dreams.

Bei einem Aufenthalt in England kaufte ich mir in London ein neuere Hörspiel-Fassung von „Under Milk Wood“, in der der Schauspieler Anthony Hopkins den ersten Sprecher gibt. Hier ist die Audioqualität unzweifelhaft, außerdem wurde sehr viel Wert auf eine perfekt zum gesprochenen Text passende Geräuschkulisse geachtet. Sehr schön.

Doch vor einer Woche entdeckte ich bei Apple Music die digitalisierte Fassung der Version, die mein Vater auf der Vinyl-LP hatte. Sofort fügte ich sie meiner Mediathek hinzu – und habe sie seither zweimal komplett durchgehört.

Alt und leicht verrauscht, doch mitreißend und urkomisch: Dylan Thomas liest sein eigenes „Spiel für Stimmen“: Under Milk Wood.

Alt und leicht verrauscht, doch mitreißend und urkomisch: Dylan Thomas liest sein eigenes „Spiel für Stimmen“: Under Milk Wood.

Obwohl das Rauschen immer noch hörbar ist, wurde anscheinend mittels einiger ausgefeilter Algorithmen eine wundersame Verbesserung der Klangqualität herbeigeführt. Und das Vergnügen, den Autor selbst als den Hauptsprecher in diesem exzellenten und überaus witzigen Stück hören zu dürfen, ist nicht zu unterschätzen, denn wenn man seiner Biographie Glauben schenken darf, war er weithin berühmt für seine exzellenten Lesungen eigener Werke.

Ich kann diese Fassung wärmstens empfehlen, sie gefällt mir trotz der altersbedingten schlechteren Audio-Qualität einen Tick besser als die neuere Version. Wer ohnehin ein Apple Music-Abo hat, sollte sich diesen Genuss nicht entgehen lassen.

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Song des Tages (22) – 2016-10-03

Jeden Tag empfehle ich einen Song als den „Song des Tages“. Heute ist der Tag der deutschen Einheit. Wenn man den Nachrichten auch nur mit einem halb geöffneten Auge folgt, so entsteht fast unweigerlich der Eindruck, dass es mit der deutschen Einheit nicht allzu gut steht. Zwischen einigen der sog. „neuen“ Bundesländern (seit der Wiedervereinigung sind ja nun schon 26 Jahre vergangen) und den alten Bundesländern klafft mental eine teils erhebliche Kluft.

Erschreckend finde ich vor allem den nicht in ein recht enges Weltbild passenden Personen entgegengebrachten Hass, der sich nachweislich vor allem in den neuen Bundesländern entlädt.

Rechte Gewalt in Deutschland

Frisch von Twitter: Rechte Gewalt in Deutschland

Oft von einem völligen Missverständnis oder einer absichtlichen Ignoranz gegenüber bestehenden Tatsachen geleitet, wird der gesamte Frust an der eigenen Existenz auf ausgerechnet jene Menschen projiziert, die im Gegensatz zu denen, die ihnen hier Schaden zufügen (oder zufügen wollen), tatsächliche Not, echtes Risiko für Leib und Leben durchlebt haben und unter unsäglichen Mühen eine neue Zukunftsperspektive suchen. Mehr dazu später.

Der heutige Tag ist ein bundesweiter Feiertag, die meisten Menschen in unserem Land können sich den Tag völlig frei einteilen – ein luxuriöser Zustand, ein Privileg, das nicht viele Menschen auf der Welt mit uns teilen. Aber sicher denken heute weit weniger Menschen über den Anlass für diesen Feiertag nach als noch vor 20 Jahren. Ich habe in den letzten Tagen einige Gedanken zu diesem Thema gewälzt, was mich am Ende dazu brachte, einen ganz speziellen Song als den heutigen „Song des Tages“ auszuwählen, der sich mit keiner Silbe direkt auf unsere Situation in Deutschland bezieht, sich aber bei genauerem Hinsehen unglaublich einfach darauf übertragen ließe: „The Ghost of Tom Joad“ von Bruce Springsteen:

Die Original-Version kommt in ihrer musikalischen Schlichtheit der Geschichte, auf die sie sich bezieht, näher. Außerdem mag ich sie aufgrund ihres hervorragenden Sounds lieber (da ist dann natürlich ein für das Streaming optimiertes, sprich: mit niedriger Datenrate komprimiertes, YouTube-Video nicht das Maß aller Dinge – ich genieße das Stück am liebsten mit Kopfhörern, denn dann kann der Einsatz des Basses die Gänsehaut auf meine Arme jagen). Deswegen habe ich diesen Link an die erste Stelle gesetzt.

Die folgende Live-Version wird dagegen begleitet von einem kurzen politischen Statement des „Boss“, wodurch sie auch für die Situation in den USA einige Relevanz gewinnt:

Soweit der Teil, der für alle gleichermaßen geeignet ist, jetzt packe ich den Lehrer aus, denn unter der Oberfläche steckt in diesem Song so unglaublich viel mehr, das kann und darf ich nicht unerwähnt lassen…

John Steinbeck: „Die Früchte des Zorns“

Bruce Springsteen bezieht sich mit dem Titel auf Tom Joad, den Protagonisten des Romans „Früchte des Zorns“ des amerikanischen Autors John Steinbeck. Ohne Kenntnis der Geschichte ist es kaum möglich, die Tragweite zu erfassen, daher gebe ich nachfolgend eine kurze Zusammenfassung (der Roman ist je nach Layout zwischen 600 und 700 Seiten lang).

In dessen Verlauf begleitet der Leser eine Farmerfamilie aus Oklahoma, die nach einigen zu mageren Jahren ihr gesamtes Land (das ohnehin schon nur noch gepachtet war) und ihren Hof an einen großen Landwirtschaftskonzern verloren hat. Auf Handzetteln haben sie von angeblich tausenden verfügbarer und gut bezahlter Jobs in Kalifornien gelesen. Da ihnen ohnehin nichts anderes bleibt, als ihr Land zu verlassen, begeben sie sich mit der gesamten Großfamilie auf den beschwerlichen Weg nach Kalifornien.

Schon sehr bald sterben die mitgenommenen Großeltern, die die neue Situation schlicht nicht verkraften konnten. Weitere Familienmitglieder wie der Schwiegersohn setzen sich bei erstbester Gelegenheit ab, die Familie droht immer weiter zu zerbrechen. Als sie schließlich in Kalifornien anlangen, erleben sie in gewisser Weise die „Hölle auf Erden“: Natürlich gibt es tausende Jobs, aber auf jeden einzelnen Job kommen hunderte Bewerber, denn die bereits erwähnten Handzettel wurden anscheinend im ganzen Süden der USA verteilt. Hunderttausende Menschen sind nach Kalifornien geströmt, um dort Arbeit zu finden. Ein mörderischer Konkurrenzkampf um die wenigen verfügbaren Jobs beginnt.

Kurzer Exkurs: Kommt uns die bisherige Inhaltsangabe irgendwie bekannt vor? Menschen, die vor dem Aus stehen, begeben sich auf beschwerlichem Weg in eine unsichere Zukunft, weil sie für sich und ihre Familie eine Sicherung der bloßen Existenz suchen? Für mich klingt das sehr vertraut. Und auch die nun folgenden Ereignisse des Romans erscheinen mir auf die unangenehmste Weise gar nicht neu…

Die Bevölkerung Kaliforniens wehrt sich gegen die vielen Arbeitssuchenden, man schottet sich ab, verschanzt sich hinter Zäunen und Mauern, verfällt in einem parolenhafte, simplifizierte Weltanschauung (wir: gut, die: schlecht), versichert sich gegenseitig, „besser“ als die „Okies“ zu sein, die ja als „Schmarotzer“ und „nur zum Stehlen“ gekommen seien. Das eigentlich verfügbare Geld wird nicht etwa investiert, um eine funktionierende Infrastruktur zur sinnvollen Unterstützung der Arbeitssuchenden aufzubauen, vielmehr werden Camps geschaffen, in denen diese wie in einem Ghetto zusammengepfercht und zum Teil ihrer Grundrechte beraubt werden. Jobs werden nur an jene vergeben, die am wenigsten Geld dafür verlangen.

Zusammenschlüsse der Arbeitssuchenden in gewerkschaftsähnliche Strukturen werden in „Nacht und Nebel“-Aktionen mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Im Zuge einer solchen Aktion, bei der Tom Joad mit ansehen muss, wie einer seiner Freunde erschlagen wird, begeht er, der zu Beginn des Romans gerade erst aus dem Gefängnis heimgekehrt war, einen erneuten Affektmord. Um seine Familie zu schützen, taucht er ab, um im Untergrund für die Rechte der Unterdrückten zu kämpfen.

Der Roman endet in einer dramatischen Situation: Das Flüchtlingslager ist nach einem sintflutartigen Regen überflutet, alle Bewohner strömen desillusioniert und unterm Strich noch schlechter gestellt als vor ihrem Aufbruch nach Kalifornien auseinander. Einzig die Menschlichkeit, die sich jene erweisen, die selbst nichts zu verlieren haben, lässt den Leser noch geringe Hoffnung schöpfen.

Schreibstil und Zitat

John Steinbeck schrieb realistisch und geradlinig – und doch neben der kraftvollen Art auch immer sehr lyrisch. Aus vielen ganz alltäglichen Beobachtungen konnte er durch seine geschickte Erzählweise beim Leser einen hochgradigen ästhetischen Genuss erzeugen. Neben „Früchte des Zorns“ habe ich vor allem „Von Mäusen und Menschen“ sowie die lose als Trilogie zusammenhängenden Romane „Tortilla Flat“, „Straße der Ölsardinen“ und „Wonniger Donnerstag“ genossen – stilistisch sind sie sich recht ähnlich.

Ein Zitat direkt aus dem Roman möchte ich hier einbinden, das Steinbecks kraftvollen Schreibstil zur Geltung bringt.

Im Westen entstand eine Panik, als die Wanderer auf den Straßen sich mehrten. Die Besitzer fürchteten um ihren Besitz. Menschen, die noch nie Hunger gehabt, sahen die Augen der Hungrigen. Menschen, die noch nie etwas dringend gebraucht, sahen die Not in den Augen der Wandernden. Und die Leute in den Städten und dem flachen Vorstadtland taten sich zusammen, um sich zu verteidigen, und sie versicherten sich gegenseitig, dass sie gut seien und die Eindringlinge schlecht, wie ein Mensch es eben tun muss, bevor er kämpft. Sie sagten: „Diese gottverdammten Okies sind Diebe. Sie stehlen alles. Sie haben keinen Sinn für Eigentumsrecht.“ Und das stimmte, denn wie kann ein Mann ohne Besitz die Schmerzen eines Besitzers verstehen? Und die Leute, die sich verteidigen mussten, sagten: „Sie bringen Krankheiten mit, sie sind schmutzig. Wir können sie nicht in unsere Schulen lassen. Sie sind Fremde. Würdest du etwa deine Schwester mit einem von ihnen ausgehen lassen?“ Und die Leute zwangen sich zur Grausamkeit. (…) Der Verkäufer dachte: „Ich verdiene fünfzehn Dollars die Woche. Angenommen, so ein gottverdammter Okie würde für zwölf arbeiten!“ Und der kleine Krämer dachte: „Wie kann ich’s mit einem Mann aufnehmen, der keine Schulden hat?“ Und das wandernde Volk strömte auf den Straßen herein, und in den Augen der Menschen stand der Hunger und stand die Not. (…) Wenn es Arbeit gab für einen, kämpften ihrer zehn darum – kämpften mit niedrigem Lohn. „Wenn der da für dreißig Cents arbeitet, arbeite ich für fünfundzwanzig.“ „Nein, ich – ich habe Hunger. Ich arbeite für fünfzehn.“ „Ich arbeite auch für’n bisschen Essen. Die Kinder. Du solltest sie nur sehn. Überall kommen kleine Geschwüre raus, und sie können nicht rumlaufen.“ (…) „Ich arbeite für’n kleines Stückchen Fleisch.“ Die Felder waren voller Früchte, und über die Straßen zogen hungernde Menschen. Die Kornkammern waren voll, und die Kinder der Armen waren rachitisch, und auf ihren Rippen schwollen Aussatzgeschwüre an. Die großen Gesellschaften wüssten nicht, dass es von Hunger zu Empörung nur ein kurzer Schritt ist. Und das Geld, das für die Löhne hätte verwendet werden können, wurde für Gas, für Gewehre, für Agenten und Spitzel, für schwarze Listen, fürs Exerzieren ausgegeben. Über die Straßen krochen gleich Ameisen die Menschen und suchten nach Arbeit, nach Essen. Und die Empörung begann zu gären.

„Brennend“ aktuell

So manchen Abschnitt könnte man glatt auf unsere aktuelle Situation in Deutschland übertragen. Vor allem das ganz vage Gefühl einer völlig unkonkreten Bedrohung, das vor allem jene Menschen empfinden, die von den Flüchtlingen überhaupt nicht bedroht werden, diese irrationale Angst, die sich vor allem aus dem fremdartigen Aussehen und dem Unvertrautsein mit der Kultur der Flüchtlinge speist, die finde ich bemerkenswert.

Ein Beispiel, man könnte es auch ein Gedankenspiel nennen: Ein beliebiger Hartz IV-Empfänger hat was genau von einem Flüchtling zu befürchten?

  • Dass ihm seine Sozialhilfe gestrichen wird? Sicher nicht.
  • Dass sie weniger wird? Sicher nicht.
  • Dass ihm ein Job weggenommen wird? Wohl kaum, denn so schnell bekommt kein Flüchtling eine Arbeitserlaubnis.
  • Dass er aus der Wohnung ausziehen muss? Wenn das der Fall sein sollte, dann hat es sicher nichts mit Flüchtlingen zu tun.

Und dennoch wird auf genau dieser Angst-Schiene seit über einem Jahr gegen die Flüchtlinge Front gemacht. Pegida, AfD, NPD, alle haben sie ein Problem damit, dass hilfsbedürftige Menschen, die nicht aus eigener Schuld in Not geraten sind, bei uns Schutz suchen. Bei uns, einem der reichsten Länder der Welt! Wir können in der Mehrheit locker etwas abgeben, ohne wirklichen Verzicht ausüben zu müssen. Und dennoch jammern einige Teile der Bevölkerung herum, als würde jeder Flüchtling ihnen persönlich Schaden zufügen. Völlig inakzeptabel.

Und wer dann noch Perspektiv- und Arbeitslosigkeit als Entschuldigung für das Anzünden von Flüchtlingsunterkünften heranzieht, der verspielt sich auch noch jenes letzte Fitzelchen Würde, das er vielleicht vorher noch hatte. Beispiel gefällig? Hier:

Gerade heute Nacht bei Twitter gesehen, keine Erfindung, kann jeder einsehen...

Gerade heute Nacht bei Twitter gesehen, keine Erfindung, kann jeder einsehen…

Ich kann dem „Bundesamt für magische Wesen“, einem Account, der sonst eher auf humorige Inhalte ausgerichtet ist, hier nur zustimmen (als Lehrer muss ich natürlich das fehlende „n“ monieren, aber das ist ebenfalls Jammern auf hohem Niveau). Es gibt in einer solchen Situation keine Entschuldigung. Die eigene Perspektivlosigkeit ist kein Grund, die Unterkunft jugendlicher Flüchtlinge anzuzünden. Das kann und darf niemals ein mildernder Umstand sein.

Zurück zum „Boss“

Bruce Springsteen hat seinem Song, der bereits 1995 veröffentlicht wurde, ebenfalls eine damals aktuelle, zusätzliche Perspektive verliehen, indem er ihn auf die Immigranten aus Mexiko ummünzte. (Exkurs: Das bringt uns gleich wieder zur politischen Aktualität dieses Themas: Trump und seine Mauer, für die die Mexikaner ja zahlen sollen…). Da der Boss leider fürchterlich nuschelt, ist das Verständnis des Songtexts nicht immer einfach, also habe ich die Lyrics hier noch eingefügt:

Men walkin‘ ‚long the railroad tracks
Goin‘ someplace there’s no goin‘ back
Highway patrol choppers comin‘ up over the ridge
Hot soup on a campfire under the bridge
Shelter line stretchin‘ round the corner
Welcome to the new world order
Families sleepin‘ in their cars in the southwest
No home no job no peace no rest

The highway is alive tonight
But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes
I’m sittin‘ down here in the campfire light
Searchin‘ for the ghost of Tom Joad

He pulls prayer book out of his sleeping bag
Preacher lights up a butt and takes a drag
Waitin‘ for when the last shall be first and the first shall be last
In a cardboard box ’neath the underpass
Got a one-way ticket to the promised land
You got a hole in your belly and gun in your hand
Sleeping on a pillow of solid rock
Bathin‘ in the city aqueduct

The highway is alive tonight
But where it’s headed everybody knows
I’m sittin‘ down here in the campfire light
Waitin‘ on the ghost of Tom Joad

Now Tom said Mom, wherever there’s a cop beatin‘ a guy
Wherever a hungry newborn baby cries
Where there’s a fight ‚gainst the blood and hatred in the air
Look for me, Mom, I’ll be there
Wherever there’s somebody fightin‘ for a place to stand
Or decent job or a helpin‘ hand
Wherever somebody’s strugglin‘ to be free
Look in their eyes Mom you’ll see me.

The highway is alive tonight
But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes
I’m sittin‘ down here in the campfire light
With the ghost of old Tom Joad

(Ich finde es sehr spannend, wie man derart nuscheln kann, wenn es einem doch offensichtlich so wichtig ist, die Botschaft des Songs „an den Mann“ zu bringen…)

Fazit

John Steinbeck hat seinen Roman 1939 veröffentlicht – seine bis heute ungebrochene literarische Kraft wie auch die völlig akkurate Schilderung der Reaktionen der jeweils ortsansässigen Bevölkerung, zu der die Flüchtlinge gelangen, wird seither quasi permanent neu bestätigt. Erschreckend.

Bruce Springsteen hätte sich als Rockstar schon lange auf sein Altenteil zurückziehen können. Doch er steht nach wie vor mehrere hundert Mal im Jahr auf der Bühne und nutzt diese, um seine politische wie auch menschliche Überzeugung zu verbreiten. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, beeindrucken darf es einen aber durchaus – stets aufs Neue.

So, genug für heute, für einen Song des Tages ist dieser Beitrag ohnehin recht lang geworden. Doch das Thema verdient meiner Meinung nach durchaus eine etwas tiefer gehende Betrachtung.

Alle Songs in meiner freigegebenen Apple Music-Playlist.

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Neues Laufequipment: Polar H7 Herzfrequenz-Sensor

Seit mehreren Wochen im Einsatz: Polar H7 Herzfrequenz-Sensoren-Set

Seit mehreren Wochen im Einsatz: Polar H7 Herzfrequenz-Sensoren-Set

Ich berichtete ja bereits ausführlich über meinen Wechsel zum Polar Loop-Fitness-Tracker, mit dem ich nach wie vor sehr zufrieden bin. Nach ein paar Wochen der Nutzung überkam mich die Lust, ein zusätzliches Accessoire zum Einsatz zu bringen, das sowohl mit dem Loop-Armband direkt als auch mit einer speziellen iPhone-App – Polar Beat – verwendet werden kann: den Polar H7 Herzfrequenz-Sensor.

Bei Amazon gab es den in der passenden Farbe für 51 €, es war also keine gigantische Investition. Nach drei oder vier Anläufen, bei denen ich mir immer wieder neu überlegte, dass ich das Teil ja eigentlich gar nicht wirklich bräuchte, bestellte ich ihn dann doch einfach, wartete die drei Tage ab, passte ihn an meinen Brustkorb an – und legte los.

Das komplette Set: Sensor-Brustgurt und Bluetooth-Sender

Das komplette Set: Sensor-Brustgurt und Bluetooth-Sender

Die Ergebnisse waren für mich überraschend:

  • Mein Ruhepuls liegt im Bereich von 48-55 Schlägen pro Minute (so niedrig hätte ich ihn nicht eingeschätzt).
  • Beim Laufen erreiche ich Pulszahlen um die 140-160 Schläge pro Minute, bei steilen Anstiegspassagen geht er auch mal über die 170 (über 180 kam ich in keinem bisherigen Lauf). Das ist mehr als ich erwartet hatte, denn die Läufe fühlen sich in dieser Hinsicht immer recht entspannt an – zumindest entspannter als der Herzschlag meiner Einschätzung nach vermuten ließe.
  • In einem „normalen“ Lauf (also nicht in riesiger Hitze oder Eiseskälte, nicht gegen einen Orkan und auch nicht mit kilometerlangen Anstiegen) komme ich so gut wie nie unter 135, touchiere die 170 aber auch nur in Ausnahmesituationen. Das spricht dafür, dass ich relativ wenig Fett beim Training verbrenne (die Polar Beat-App nennt mir sogar explizit einen Prozentwert, der heute früh beispielsweise bei genau 10% lag, doch es handelt sich vermutlich eher um eine grobe Schätzung), dazu müsste ich meine Herzfrequenz vermutlich noch deutlich absenken.
Mein Laufstil scheint nicht sonderlich zur Fettverbrennung geeignet zu sein – eventuell sollte ich die Temposchraube noch etwas zurückdrehen... Oder aber einfach weiter mit Spaß rennen und die paar Fettzellen Fettzellen sein lassen!

Mein Laufstil scheint nicht sonderlich zur Fettverbrennung geeignet zu sein – eventuell sollte ich die Temposchraube noch etwas zurückdrehen… Oder aber einfach weiter mit Spaß rennen und die paar Fettzellen Fettzellen sein lassen!

Nun bin ich kein echter Experte für diese physiologischen Angelegenheiten, mein Wissen stammt noch aus der Schulzeit, die leider ja doch schon mehr als 20 Jahre zurückliegt. Aber ich habe ja ein paar nette Sportkollegen in der Schule, also werde ich die mal ein wenig ausquetschen, denn derlei Stoffwechsel-Grundwissen und die daraus resultierende Trainingslehre gehören heute zum gängigen Stoff im Fach Sport in der Oberstufe. Ich bin schon gespannt, welche Tipps die mir geben können – und wie sich diese in mein Training integrieren lassen. Sobald ich ein paar neue (und fundierte) Erkenntnisse gewonnen und diese ausprobiert habe, kann und werde ich hier wieder berichten.

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Das Ausgeliefertsein an die Unkultur

Hervorragend: Rhythm Is It!

Eine hervorragende Dokumentation: Rhythm Is It!

Henry Wilt, der unschlagbar sympathische Antiheld aus Tom Sharpe's aberwitziger „Wilt“-Romanreihe empfindet seine Unterrichtstätigkeit an der fiktiven Berufsschule von Fenlan als ein Ausgeliefertsein an die Unkultur, weil seine Schüler sämtlich von Manieren und Kultur befreite Hempel sind.

Grundsätzlich würde ich mich sehr dafür stark machen, dass wir es am Gymnasium ja überwiegend mit einem anderen, in der Summe angenehmeren Klientel zu tun haben. Doch hin und wieder machen sich ein paar Schüler daran, mir auf ihre eigene Art klarzumachen, wie sehr ich mich doch irren kann…

Gestern habe ich mit einer meiner fünften Klassen im Rahmen meiner Strawinsky-Sequenz die überaus bekannte Skandal-Ballettmusik „Le sacre du printemps“ besprochen und Teile daraus (natürlich in stark vereinfachter Form) musiziert. Dabei kamen wir irgendwann auch auf den Film „Rhythm Is It“ zu sprechen, diesen wirklich ansprechenden Dokumentarfilm über eine intensive Erarbeitungsphase eines Balletts zu der live gespielten Musik Strawinskys. Die Besonderheit: Getanzt wird das Ballett nicht von einer kleinen Gruppe echter (oder werdender) Ballett-Tänzer und -Tänzerinnen. Bei „Rhythm Is It“ wurden 250 Schüler von diversen Hauptschulen in Berlin zusammengerufen – und das Ergebnis zeigt, dass dies keineswegs die verlorene Schicht/Generation sein muss, für die viele sie halten.

Durch einen Zufall bekam ich heute eine Vertretungsstunde in genau dieser Klasse von gestern zugeteilt. Das stand gestern auch schon auf dem Vertretungsplan, also konnte ich mir den Luxus erlauben, diese zusätzliche Stunde vertiefend zu nutzen, denn ich packte heute früh noch die „Rhythm Is It“-DVD ein. In diesen Genuss kommen die Parallel-Klassen nicht, eigentlich ging ich davon aus, dass die Klasse diesen kleinen Exkurs zu schätzen wisse.

Ich zeigte den Schülern aber nicht die 100-minütige Dokumentation. Nein, ich beschränkte mich auf die Aufführung, die auf einer separaten DVD in dem Deluxe-Schuber enthalten ist. Die Klasse blieb sogar weitgehend ruhig beim Ansehen (was leider schon keine Selbstverständlichkeit ist, denn heutige Schüler haben meiner Wahrnehmung nach das permanente Bedürfnis, alles und jeden zu jedem Zeitpunkt zu kommentieren – auch wenn es niemanden interessiert oder nur ganz periphär mit der Sache zu tun hat), doch am Ende kam ein Schüler zu mir und sagte allen Ernstes:

Also ich wäre ja auch einer von denen gewesen, die die (gemeint war die Tänzerin, die am Ende der Handlung „geopfert“ wird, um die Götter zu besänftigen, damit sie einen frühen und milden Frühling schicken) getötet hätten, der Film war ja so scheiße.

Ich habe mir einfach jeglichen Kommentar verbissen, an Henry Wilt und sein Ausgeliefertsein an die Unkultur gedacht und ihn aus dem Klassenzimmer geschickt. So ein vorbildlicher Gymnasiast voller Weltoffenheit und kulturellem Interesse!

 

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Befindlichkeiten

Eine kurze Vorbemerkung. Diesen Artikel habe ich schon am Mittwoch geschrieben, doch abends war ich zu müde, um die Sätze auf ihre Sinnhaftigkeit hin zu kontrollieren, daher kommt er jetzt erst.

Heute ist der 27. Januar, ein sehr geschichtsträchtiger Tag, zumindest aus deutscher Sicht. Zum zweiten Mal veranstaltet unsere Schule an diesem Datum einen speziellen Gedenktag, bei dem allerlei unterschiedlichen Themen – sei es die Zeit der Nationalsozialisten und aller Arten von Widerstandsbewegungen dagegen, die DDR oder auch Kinderrechte – auf unterschiedliche Weise (und auf Kosten des regulären Unterrichts) nachgegangen wird.

Georg Elser Gedenkstätte in Königsbronner

Georg Elser Gedenkstätte in Königsbronn

Ich schloss mich zwei Kolleginnen an, die mit fast 60 Schülern nach Königsbronn (einem kleinen Ort zwischen Oberkochen und Heidenheim) zur Georg Elser Gedenkstätte fuhren. Von Aalen aus ist man mit dem Regionalzug in weniger als 15 Minuten am Königsbronner Bahnhof angekommen, dann läuft man ungefähr fünf Minuten bis zur Gedenkstätte, die direkt neben Rathaus und „Brenztopf“ (so heißt der Ursprung der Brenz) gelegen ist. Begrüßt wurden wir von zwei sehr kompetenten Führern (ein durchaus heikler Begriff in diesem Zusammenhang, ist mir klar…).

Falls einem meiner Leser Georg Elser kein Begriff ist, würde mich das nicht wundern, denn mir ging es vor dem heutigen Tag genauso. Leider wird um ihn bislang immer noch nicht viel Aufhebens gemacht, obwohl er sicher zu den bedeutenden heroischen Gestalten des innerdeutschen Widerstands gegen Hitler gehört – und er hat seinen privaten Widerstand wirklich ganz allein durchgezogen, völlig ohne äußere Unterstützung. Bemerkenswert.

Georg Elser hat aus einem inneren Antrieb heraus die Kriegstreiberei der NS-Führung verurteilt und beschlossen, durch einen gezielten Bombenanschlag zumindest Hitler, nach Möglichkeit aber auch Göring und Goebbels (oder so viele führende Nazi-Funktionäre wie möglich) zu töten. Er wartete eine wiederkehrende Veranstaltung ab, bei der die ganze Führungsriege anwesend sein würde, installierte nach wochenlanger geheimer Vorarbeit eine Bombe in der Säule hinter dem Rednerpult – und verpasste am Ende Hitler nur um ein paar Minuten. Entgegen dessen Gewohnheit, ausufernde und lange Reden zu halten, zog ihn die Kriegsvorbereitung zurück nach Berlin, daher fasste er sich ungewohnt kurz. Viel Unheil hätte der Welt erspart bleiben können, wäre er an diesem Tag nicht so ungewohnt wortkarg gewesen.

Kurz vor der Schweizer Grenze wurde Elser auf der Flucht gefangen genommen, inhaftiert, überführt und gefoltert, gekrönt wurde die „Ermittlungsarbeit“ mit einem Geständnis. Von da an lebte er noch bis kurz vor Kriegsende im KZ, wo er wenige Tage vor der Befreiung durch die Alliierten per angeordnetem Genickschuss hingerichtet wurde (der Hinrichtungsbefehl mit der strikten Anweisung zur sofortigen Vernichtung des Dokuments ist in der Gedenkstätte zu besichtigen). Vermutlich sollte er kein Zeugnis von seinen Erkenntnissen mehr ablegen können.

Zurück zur Gedenkstätte: Zu Beginn sahen wir einen etwa halbstündigen Dokumentarfilm, der das gesamte Leben Georg Elsers zusammenfasste – sehr gelungen, leider mit vielen (mindestens 15-20) Aussetzern, denn der Windows 10-Rechner war mit dem Abspielen einer handelsüblichen DVD ganz offensichtlich überfordert. Danach in sehr geraffter, aber vielleicht dadurch gerade besonders eindringlicher Form Hitlers Weg weg von der Demokratie hin zur Diktatur in Form der „Ermächtigungsgesetze“ (immer wieder neu erschreckend, wie schnell das ging – ein großes Lob an die exzellent zusammengestellte Präsentation), wonach sich ein paar Minuten Pause an der frischen Luft anschlossen.

Dann tauschten die beiden Schülergruppen (die Räume sind nicht für 60 Personen ausgelegt), jetzt offenbarte ein französischer Experte (mit wundervoll klingendem Akzent) in einem etwa anderthalbstündigen Vortrag eine herausragend kompakte und dennoch überzeugend schlüssige Zusammenfassung der Ereignisse, die zu Hitlers Machtergreifung und den Gründen für Elsers Anschlag auf ihn führten. Die Schüler konnten sich bei solchen Input-Mengen oftmals nur noch ins Gähnen retten, ich verdenke Ihnen das nicht, denn in dem Alter wäre ich dabei glatt im Stehen eingeschlafen. Heute jedoch war von Müdigkeit keine Spur, die Ausführungen sprachen mich wirklich sehr an. Auch die Kollegin, die mit mir bei dieser Schülergruppe geblieben war, fand ihn sehr überzeugend.

Das Georg Elser-Denkmal am Königsbronner Bahnhof

Das Georg Elser-Denkmal am Königsbronner Bahnhof

Als die Schüler dann gegangen waren, um sich vor der Haustür zu versammeln, kamen eben jene Kollegin und ich mit dem französischen Führer ins Gespräch. Dabei erwähnte er die sehr diffizile Lage der Befindlichkeiten im Heimatort eines solchen Helden. Natürlich war auch Königsbronn in der NS-Zeit in vielerlei Hinsicht gleichgeschaltet worden: HJ, BDM und alle typischen weiteren Vereinigungen gab es auch dort. Nach dem missglückten Attentat wurde ein Großteil der Bevölkerung über Wochen strengen (und fast ausnahmslos brutalen) Verhören unterzogen. Dann griff die Propaganda-Maschine, die Elser als Marionette eines ausländischen (in diesem Fall britischen) Geheimdienstes hinstellte (völliger Unfug, aber dafür ist Propaganda ja nun einmal zuständig), ein. Wirklich fundierte Aufklärung über alle Details fand erst ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre statt, bis sie breiteren Bevölkerungsschichten bekannt wurde, hatten bereits die 1990er Jahre begonnen.

Die Gedenkstätte wurde gegen Ende des letzten Jahrtausends eingerichtet – gegen teils heftigen Widerstand der ansässigen Bevölkerung. Die lange zurückliegende Propaganda hatte teilweise ihre Wirkung getan, außerdem gab es haufenweise Probleme mit den individuellen Befindlichkeiten von Familien, die in diesem Zusammenhang nicht erwähnt werden wollten. Alles ein sehr heikles Geflecht von sozialen Fäden, die man besser nicht entwirren sollte, wenn am Ende irgendwann einmal eine echte Aufklärung für alle erreichen möchte.

Mich beeindruckten vor allem das Fingerspitzengefühl für die gerade dargelegten sozialen Befindlichkeiten und die Fachkompetenz der beiden Führer. In ein paar Jahren werde ich da sicherlich wieder hingehen, vielleicht ja wieder mit einer Schülergruppe. Wer einmal in die Gegend kommt, sollte sich diese Gedenkstätte unbedingt ansehen. Der Eintrittspreis ist lächerlich gering, die Details sind über die Homepage der Gedenkstätte einfach zu erfahren.

 

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Ferienende und die endlose Suche nach DEM Rezept

Mit dem gestrigen Tag endeten die sog. „Ferien“. Halt, warum benutze ich dieses kleine und fast schon unscheinbar hinzugefügte Wörtchen „sog.“ vor dem Substantiv „Ferien“? Ganz einfach: Weil Ferien als Lehrer immer etwas anderes sind als noch damals, vor einer gefühlten Ewigkeit, in der Zeit als Schüler.

Ferien sind nur anders verpackte Arbeitszeit

In diesen Ferien musste ich das Abitur vorbereiten, genauer gesagt: das Fachpraktische Abitur. Die diversen Verordnungen zur Durchführung des Abiturs geben ganz genau vor, dass exakt acht Wochen vor dem Prüfungstermin die individuell festgelegten Pflichtstücke bekannt gegeben werden. Dazu muss natürlich im Vorfeld mit den Instrumentallehrern gesprochen/geschrieben werden, um eine für den jeweiligen Schüler passende Auswahl zu erhalten. Aus diesem Fundus legt man als Kursleiter dann wiederum ein Stück fest, welches genau acht Wochen vor der Prüfung bekannt gegeben wird. Das hat in diesen Ferien satte drei Tage Organisation, Emailschreiben und Telefonate mit sich gebracht.

Dann habe ich für eine Klasse, die ich erst im zweiten Halbjahr unterrichte, einen Großteil des Materials, das sich über die letzten fünf bis zehn Jahre etabliert hat, überarbeitet, weil mir gerade in den letzten zwei Jahren immer wieder kleinere Mängel an der einen oder anderen Stelle aufgefallen sind. Diese sind nun behoben, aber es waren wieder zwei Tage.

Für meine Big Band und den vierstündigen Kurs müssen noch ein paar Stücke neu arrangiert werden. Bislang habe ich dafür nur einen kompletten Arbeitstag geopfert, aber heute und morgen werde ich noch einmal Zeit investieren müssen.

So, und das waren nur ein paar der schulischen Dinge. Aber es sind, nein waren, ja Ferien.

Kinder daheim

Was die Ferien als vermeintliche Entspannungszeit spürbar einschränkt, ist die Tatsache, dass auch die Erzieherinnen und Betreuer in Kindergarten und Hort einmal eine kleine Auszeit benötigen. Ich gönne sie ihnen vollkommen. Und doch ist es ganz schön anstrengend, wenn man sich auf die Arbeit konzentrieren will, alle drei bis fünf Minuten aber ein Kind ins Arbeitszimmer schleicht und sich mehr oder weniger gnadenlos aufdrängt.

Am harmlosesten ist die Bitte: „Darf ich mir ein Hörbuch anmachen?“ – Das gewähren wir Eltern gerne, denn wir müssen eigentlich gar nichts tun, die Kinder können das Apple TV komplett alleine bedienen.

Nur für eine sehr kurze Ablenkung sorgt: „Kannst du mir ein Ausmalbild ausdrucken?“ – „Na klar, was hättest du denn gerne?“ – „Irgend etwas mit einer Prinzessin…“ – Zwei Minuten später darf der Drucker das von DuckDuckGo gelieferte Ergebnis ausspucken – und mit etwas Glück kehrt Ruhe ein. Vorläufig.

Schlimmer ist manchmal: „Mir ist langweilig!“ – „Dann lies ein Buch!“ – „Ich habe schon zwei gelesen.“ – „Dann üb auf deinem Instrument!“ – „Das will ich aber nicht…“ – Das kann schnell gehen, wenn man zufällig etwas in den Raum wirft, was taugt, es kann aber auch ergebnislos ausgehen. Dann steigt die Gefahr einer baldigen Arbeitsunterbrechung exponentiell an.

Die endlose Suche nach DEM Rezept

Kompletter Themenwechsel, es sind (nein, waren) ja Ferien, da dürfen die Gedanken auch mal abschweifen…

Was haben pädagogische Fachzeitschriften mit den typischen Frauenzeitschriften gemeinsam? Sie kreisen beständig um die immer gleichen Themen.

Wann immer ich eine Frauenzeitschrift herumliegen sehe und die Überschriften und Ankündigungen auf dem Cover sehe, scheinen sich die Inhalte auf grob die folgenden Kategorien zu erstrecken:

  • Die aktuelle Mode für die kommende Jahreszeit.
  • Rezepte (für die aktuelle Jahreszeit)
  • Tipps zum Abnehmen (oft in Kombination mit vorigem Punkt)
  • Lebenshilfe („Wie werde ich glücklich?“ und dergleichen)
  • Prominente etc.

Pädagogische Fachzeitschriften dagegen fokussieren sich auf:

  • Änderungen an der Rechtssituation für Lehrer
  • Änderungen am Beamtenrecht (und was man dagegen zu tun gedenkt)
  • Ausschreiben von Neuwahlen für die verschiedenen Vertretergremien
  • Was macht guten Unterricht aus?

Gerade dieser letzte Punkt wird gebetsmühlenartig immer und immer wieder aus der mittlerweile völlig zugemüllten Kiste herausgeholt. Und die Tipps und Anregungen, die man als Lehrer daraus ziehen kann, sind in ihrer Summe so widersprüchlich, dass man sich am Ende ohnehin wieder ein eigenes System ersinnen muss. Und komischerweise funktioniert das dann meist gar nicht so schlecht.

Ich verstehe, warum das Thema immer und immer wieder herausgeholt wird. Permanent werden neue Experimente angesetzt, neue Ergebnisse eingefahren, neue Strukturen geschaffen. Was dabei völlig aus dem Blick gerät: Stabilität hat auch einen Wert. Und der ist meist höher als alle Experimente je einbringen könnten.

Mein direkter Vorgänger hat etwa 35 Jahre lang durchgehend an dieser einen Schule unterrichtet. Seine Methoden und Ansichten waren glasklar, seine Linie wankte nie. Jeder Schüler und jeder Kollege wusste ganz genau, woran man bei ihm war. Manche Schüler hatten natürlich ihre Probleme damit, aber noch heute merkt man genau, welche Klassen er unterrichtet hat, denn durch die Stabilität der ganzen Unterrichtsstruktur war ein Fokus auf die Inhalte gewährleistet. Und das, was bei ihm einmal gelernt wurde, saß auch Jahre später noch. Beeindruckend. Und dabei so völlig frei von pädagogischem Schnickschnack.

Ständig das Rad neu zu erfinden, hat noch niemandem geholfen. Meine erste Planstelle hatte ich an einer Modellschule, die es sich in ihren ersten fünf oder sechs Jahren zum Motto gemacht hatte, alles noch einmal neu zu erfinden – und jedes Jahr gefühlt „alles anders“ zu machen. Das war für alle Beteiligten anstrengend, führte zu unglaublich viel Verwirrung und letztlich steigerte es die Unterrichtsqualität nicht, ganz im Gegenteil: Weil man sich so stark auf die sich ständig ändernden Rahmenbedingungen konzentrieren musste, blieb unterm Strich weniger Zeit für die Kernaufgabe: Unterricht vorbereiten und erteilen.

Daher meide ich die Lektüre von pädagogischen Zeitschriften genauso wie die von Frauenzeitschriften. Vergleichbares Schriftwerk für Männer übrigens ebenso.

 

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Political Correctness & Disneyfication – nein danke!

Gestern habe ich das oben abgedruckte Bild bei Twitter entdeckt. Und – ohne dass ich jetzt eine konkrete Quelle angeben könnte – erinnere ich mich an einen schönen Artikel eines US-amerikanischen Bloggers darüber, dass die überall eingeforderte „politische Korrektheit“ eine „echte eigene Meinung“ zunehmend unterdrückt. Im Sinne einer „Disneyfication“ gilt nur noch als akzeptabel, was niemanden „aus der jeweiligen Komfortzone“ herausreißt – somit wird jede Äußerung weichgespült und immer nur dann geäußert, wenn man sich als Autor sicher sein kann, niemanden auch nur andeutungsweise anzugreifen bzw. (im Umkehrschluss) möglichst viele „Likes“ zu generieren.

Als ich den Artikel gelesen hatte, reifte in mir der Entschluss, in der Zukunft von meinen Schülern durchaus in der im Bild angedeuteten Richtung wesentlich mehr zu verlangen.

Schon jetzt lasse ich mich im Beruf nicht von Überlegungen leiten, die mir „mehr Beliebtheit“ bei den Schülern versprechen, denn gibt man dieser Versuchung erst einmal nach, wird es sehr schwierig, später wieder einen konfrontativen Kurs einzuschlagen. Und gerade Teenager auf der Höhe der Pubertät benötigen einen knüppelharten Widerpart, an dem sie sich reiben und ihre private Revolution ausleben können. Keiner behauptet, dass sich das für beide Seiten gut anfühlt, aber auf dem Weg zu einer eigenständigen Persönlichkeit ist diese aufrührerische Phase unumgänglich.

Wenn man sich mal vor Augen führt, wie lange der Zustand der Adoleszenz sich heute ausdehnt (oft bis Mitte/Ende Zwanzig), so mag einer der Gründe dafür darin zu suchen sein, dass den Jugendlichen immer mehr Möglichkeiten genommen werden/wurden, kontrovers zu sein. In den 1960er Jahren konnten die Teenager die Rolling Stones hören (nur als ein schönes Beispiel) und sich sicher sein, dass die Eltern strikt dagegen waren. Das beschwor Konflikte herauf, dringend notwendige Konflikte, dafür waren die jungen Erwachsenen dann auch schon früher gereifte(re) Persönlichkeiten.

Vergleichen wir die Situation damals (Rolling Stones) mit heute: Die meisten Eltern hören weitgehend die gleiche Musik wie ihre Kinder, zumindest gibt es immer weniger substantielle Unterschiede. Das Radio hat mit seinem dreieinhalb-Minuten-Diktat für eine weitgehende Angleichung der Popularmusik gesorgt. Klar, man findet immer noch Nischen, bei denen sich die Eltern sicher genervt abwenden. Aber es wird immer schwieriger, die Nischen werden immer kleiner.

Ich lehne mich nun ein wenig aus dem Fenster: Das Erstarken extrem rechter und extrem linker politischer Ansichten sowie deren gewaltbereites/-volles Ausleben könnte auch eine Folge der zunehmend unmöglich gewordenen Revolutionsphase in der Pubertät sein. Unter Garantie spielen da noch etliche andere Faktoren eine gewichtige Rolle, nicht zuletzt Bildungsgrad (des Jugendlichen wie auch der Eltern), soziale und geographische Herkunft, persönliche Vorerfahrungen und vieles mehr. Aber ich denke, dass es ein zwingender Teil des Erwachsenwerdens ist, sich eine Zeit lang mit allem und jedem um sich herum anzulegen, die Grenzen aktiv auszutesten. Und jedes Unterbinden dieser Möglichkeit verlängert den Abnabelungsprozess bzw. hinterlässt ungelöstes Konfliktpotenzial, das später dann unter Umständen wieder an die Oberfläche drängt.

Zurück zur Ausgangssituation: Warum sollte nun also der Lehrer immer nur einen auf „Kuschelkurs“ machen und seinen Schülern nicht grundsätzlich mehr abverlangen, als sie in ihrer „Komfortzone“ zu leisten bereit sind? Also: Macht euch auf etwas mehr Stress in den kommenden Monaten gefasst!

 

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