Gemeinsam Lesen: „Die Fäden der Zeit“ von Lori M. Lee

Gemeinsam Lesen – eine schöne Aktion!
Gemeinsam Lesen – eine schöne Aktion!

Zu lange schon habe ich keinen Beitrag mehr in dieser Kategorie veröffentlicht, noch dazu gehört das Buch, um das es heute geht, zu den „Sechs Büchern für 2016“, die im Verlauf dieses Kalenderjahres von meinem SuB (Stapel ungelesener Bücher) verschwinden soll. Allzu weit bin ich noch nicht in das Buch vorgedrungen, doch der Stil und die Handlung wecken bislang durchaus mein Interesse.

Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

„Die Fäden der Zeit“ von Lori M. Lee, einer mir persönlich bislang völlig unbekannten Fantasy-Autorin. Aktuell befinde ich mich auf S. 171 von 1.049 Seiten (iBooks auf dem iPhone).

„Die Fäden der Zeit“ von Lori M. Lee – der Anfang ist sehr vielversprechend...
„Die Fäden der Zeit“ von Lori M. Lee – der Anfang ist sehr vielversprechend…

Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?

Die Frau legte den Kopf schief, wobei ihr die Haare über die Schulter glitten. (S. 171)

(Kaum hatte ich den – zugegeben an sich völlig unspektakulären – Satz gelesen, musste ich gleich noch die folgenden drei Seiten bis zum Ende des Kapitels vollenden – die Autorin schafft es wirklich, mich einzuwickeln…)

Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden?

Gekauft habe ich das Buch aufgrund einer sehr positiven Besprechung in einem der vielen Bücher-Blogs, denen ich hier bei WordPress folge. Kaum hatte ich es, schwand – unerklärlicherweise – die Lust auf das Eintauchen in die Geschichte. Daher schob ich das Buch seit mindestens einem guten Jahr vor mir her.

Da der gute Zeilenende vor ein paar Monaten aber die Aktion „Sechs Bücher für 2016“ in mein Blickfeld rückte, beschloss ich einfach, dieses Buch auf meine persönliche „Jetzt aber“-Liste zu setzen. Und vor ein paar Tagen habe ich dann schnell, bevor sich wieder ein anderes spannendes (am Ende gar neues) Buch dazwischen drängeln konnte, mit dem Lesen angefangen. Eine abschließende Rezension gibt es in dem Fall, wenn mir das Buch am Ende immer noch gefällt – die Chancen dafür stehen nicht schlecht…

Wartezimmergespräche der Sorte „Nein, danke!“

Seit 1980 heißt „Rhodesien“ schon „Zimbabwe“, doch das ist noch nicht überall angekommen...
Seit 1980 heißt „Rhodesien“ schon „Zimbabwe“, doch das ist noch nicht überall angekommen…

Heute musste ich zum Arzt. Da ich keinen Termin vereinbart hatte, musste ich etwa 20 Minuten warten – was immer noch recht zügig war, denn selbst mit Termin muss man bei der einen oder anderen Praxis unter Umständen ganz schön lange warten (mein trauriger Rekord liegt bei mehr als drei Stunden für ein knapp viertelstündiges Beratungsgespräch).

Während der Wartezeit las ich auf dem iPhone, war aber aufgrund der Schmerzen etwas unkonzentriert und hörte zwangsläufig mit, was drei ebenfalls wartende Herren – durchaus gehobenen Jahrgangs – so von sich gaben. Und das war derart absurd, wäre es nicht so furchtbar dumm und unangebracht gewesen, hätte ich eigentlich nur laut über so viele unbegründete und kaum nachvollziehbare Vorurteile, wie man sie höchstens in einem AfD- oder NPD-Parteiprogramm finden sollte, lachen können. Doch eben zu diesem Lachen war mir nicht zumute, denn in besagtem Gespräch brachten die drei Herren innerhalb weniger Minuten unter vielen anderen auch die folgenden Punkte zum Ausdruck:

  • Saddam Hussein war zwar ein böser Diktator, aber er hat sein Volk wenigstens unter Kontrolle gehabt. Da gab es keine Aufstände, da herrschte noch Zucht und Ordnung. Das waren noch gute Zeiten, natürlich gut für uns, weil dementsprechend auch keine Flüchtlinge aus dem Irak nach Europa hinüber geschickt wurden.
  • Afrika ging es im Zustand als Kolonie der europäischen Kolonialmächte viel besser. Das Argument dafür könnte ich jetzt wieder aus dem vorigen Punkt herauskopieren, müsste nur halt den Saddam weglassen: Unter der Herrschaft der Briten, Franzosen, Deutschen, Niederländer usw. ging es „denen da unten“ ja eigentlich viel besser, weil denen dann endlich einmal jemand gesagt hat, wo’s langgeht. Seitdem diese alten Herrschaftsstrukturen weg sind, zerfällt das Land. Als Resultat der Kriege kommen haufenweise Flüchtlinge nach Deutschland, die hier herumschmarotzen.
  • Am wirklich amüsantesten war das Beispiel, das einer der Herren (locker Ende 60, eher Mitte 70) wählte: Rhodesien. Rhodesien??? Das Land ist seit 1980, also seit 36 Jahren, unabhängig von Großbritannien. Seitdem heißt es nicht mehr Rhodesien sondern Simbabwe (oder Zimbabwe). Der Typ argumentierte also tatsächlich mit einem Zustand von vor fast 40 Jahren!

Ganz klarer Fall: Diese drei Herren haben komplett verpasst, dass unsere Welt etwas vernetzter und komplizierter geworden ist und sich – mit den Worten Roland Deschains – „weiterbewegt“ hat. Am liebsten würden Sie die Zeit wieder zurückdrehen zu den einfacheren Zeiten von damals, als es noch die D-Mark gab, als die DDR uns noch die Ein-Euro-Jobber vom Hals gehalten hat, als VW noch einen Ruf als Erbauer umweltfreundlicher Autos hatte, als die Rente noch luxuriös hoch war, kurz: als wir noch die (vermeintlichen) Herren der Welt waren.

Zum Glück wurde ich da auch schon aufgerufen und von diesem hohlen Geschwätz erlöst. Am schlimmsten für mich war die Erkenntnis, dass genau solche Menschen in Großbritannien für den Brexit gestimmt hatten. Käme es in Deutschland jemals zu einer solchen Volksentscheidung, ob wir ein Teil Europas bleiben wollen oder nicht, diese Typen würden sofort für Donald Trump, äh, nein, das war etwas anderes… Also: Diese drei Herren würden sicher gegen einen Verbleib Deutschlands in der EU stimmen. Denn nur so könnte ihre Rente schnell wieder auf das Niveau von vor 30 Jahren steigen. Ganz sicher. Gaaaanz sicher.

Gelesen: „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ von Haruki Murakami

Ein wundervolles Buch für Läufer: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede – persönlich, philosophisch und in einem völlig entspannten Tonfall, der das Lesen zum reinen Genuss macht.
Ein wundervolles Buch für Läufer: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede – persönlich, philosophisch und in einem völlig entspannten Tonfall, der das Lesen zum reinen Genuss macht.

„Ganz gleich, wie banal und alltäglich eine Tätigkeit sein mag, wenn man sie nur lange genug ausübt, bekommt sie etwas Meditatives oder Kontemplatives.“ (S. 5)

Wie’s der Zufall so wollte…

Vor ein paar Wochen war ich zu Besuch bei einem guten Freund und Trompeter-Kollegen aus alten Würzburger Zeiten, den es vor ein paar Jahren in die nähere Umgebung (Heidenheim) verschlagen hat. Sein Bruder, ein sehr guter Posaunist und – ebenso wie ich – leidenschaftlicher Läufer, war zeitgleich mit seiner Familie zu Besuch. Wie immer kamen wir alsbald ins Gespräch über unsere Fitness-Tracker, die aktuell benutzten Laufschuhe, diverse Lauftechniken (z.B. Vorderfuß vs. ganzer Fuß) und dergleichen mehr. Irgendwann erwähnte er ganz beiläufig ein Buch über das Laufen von Haruki Murakami.

Sofort erwachte mein Interesse, denn ich hatte einerseits noch gar nichts davon gehört, andererseits fing mich die Zusatzbemerkung „Das ist eher ein philosophisches Buch über das Laufen…“ ein. Gerade diese Art des Schreibens über das Laufen fasziniert mich. Trockene Anweisungen, wie ich wann meinen Fuß wohin setzen soll, können mich nicht hinter dem Ofen hervorlocken, aufgrund meiner Zerrung in der Hüfte habe ich nämlich ein solches Buch gerade nebenher gelesen – GÄÄÄÄÄHHHHNNN!.

Doch Literatur, die eher die psychologischen Auswirkungen des Laufens beleuchtet, fesselt mich. Nicht ganz umsonst bin ich ein großer Fan von Alan Sillitoes „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“. Diese Geschichte taucht in die Gedankenwelt des Läufers beim Laufen ein, sehr faszinierend! Noch während wir dort zu Besuch waren, suchte ich vom iPhone aus das Buch und lud es aus dem iBooks Store.

Begeisterung

Mittlerweile habe ich das Buch komplett gelesen und konnte mir ein Urteil bilden: Es ist hervorragend! Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Der Schreibstil ist flüssig und fast wie im Plauderton. Ich fühlte mich an keiner einzigen Stelle des Buchs belehrt oder bevormundet, stattdessen wirkt es wie eine angenehme Erzählung, der man nachmittags auf der Veranda im Schatten bei einem guten Glas Solera 1847 lauscht. Insgesamt wirkt es, als erzähle der Lieblingsonkel einen (langen) Schwank aus seinem Leben, dem man voller Hingabe lauscht. Viel besser geht’s nicht. Ein passendes Beispiel werde ich unten anfügen.
  • Der Inhalt interessierte mich durchweg. Sowohl die direkt auf das Laufen bezogenen Teile als auch die eher allgemein (auto)biographischen Abschnitte sowie die Ausführungen über das Schreiben packten mich. Genau genommen saugte das Buch mich förmlich in sich hinein.
  • Das Buch ist ehrlich geschrieben, es beschönigt nichts, zeigt aber interessante Wege auf, damit umzugehen. Was ich damit meine? Hoffentlich wird es bei den Zitaten etwas klarer werden, denn es ist schwer in Worte zu fassen.

Zitate

Wie gerade versprochen folgen nun ein paar ausgewählte Zitate. Ich beschränke mich aber auf den Beginn des Buchs, sonst müsste ich jetzt parallel alles noch einmal lesen. Das wäre zwar nicht schlimm, doch lässt es die Zeit schlicht und einfach nicht zu.

Einer der Läufer berichtete von einem Spruch, den ihm sein älterer Bruder (ebenfalls ein Läufer) beigebracht hatte, und den er seither ständig im Kopf behält: Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist eine Option. Man stelle sich vor, man rennt und denkt plötzlich: „Boah, ist das eine Qual, ich kann nicht mehr.“ Die Qual ist eine unvermeidliche Tatsache, sie zu ertragen oder nicht, bleibt jedoch dem Läufer überlassen. (S. 6)

Wie wahr, wie wahr. Egal ob es die reine Unpässlichkeit ist, morgens um 4:30 h aus dem warmen und gemütlichen Bett zu springen, der nagende Schmerz einer Blase an der Ferse oder eine wundgeriebene Brustwarze – die Liste ließe sich fast beliebig erweitern. Dennoch hat der Läufer immer die Wahl: Gehe ich raus oder nicht?

Da ich vorläufig dabei bin, meine Distanzen zu steigern, spielt die Zeit noch keine so große Rolle. Es kommt mir allein darauf an, eine bestimmte Strecke zu schaffen. Wenn ich mein Pensum schneller absolvieren möchte, lege ich auch schon mal einen Spurt ein, aber wenn ich das Tempo erhöhe, verkürze ich auch die Laufzeit. Jedenfalls kommt es mir darauf an, das Wohlbefinden, das ich am Ende eines Laufs empfinde, auf den nächsten Tag zu übertragen. Den gleichen Trick wende ich an, wenn ich an einem Roman schreibe. Ich höre stets an einem Punkt auf, an dem ich das Gefühl habe, ich könnte eigentlich noch weiterschreiben. Dann geht mir die Arbeit am nächsten Tag erstaunlich gut von der Hand. (S. 10)

Üblicherweise fühlt man sich als Läufer nach so ziemlich jedem Lauf gut, es sei denn, die Gesundheit spielt nicht mit. Dennoch verstehe und schätze ich diesen Ansatz. Wer immer so weit geht, dass danach erst einmal völlig der Ofen aus ist, der muss vor dem nächsten Lauf oder dem nächsten Ansetzen zur Arbeit eine immer größer werdende Hemmschwelle überwinden. Wer dagegen leichten Schritts einen Lauf beendet, den zieht es auch am nächsten Morgen wieder hinaus in die Natur.

Seit dem Herbst 1982, als ich mit dem Laufen angefangen hatte, waren beinahe dreiundzwanzig Jahre vergangen, in denen ich fast jeden Tag gejoggt war, jedes Jahr an einem Marathon (bis heute dreiundzwanzig) und an mehr Langstreckenläufen auf der Welt teilgenommen hatte, als ich zählen kann. Lange Strecken zu laufen entspricht meinem Wesen und hat mir immer Spaß gemacht. Von allen Dingen, die ich mir im Laufe meines Lebens zur Gewohnheit gemacht habe, ist das Laufen die hilfreichste und sinnvollste, das muss ich zugeben. Über zwanzig Jahre Langstrecke zu laufen hat mich stärker gemacht, sowohl körperlich als auch emotional. (S. 15f.)

Früher bin ich immer nur mit Hörbüchern oder Musik gelaufen, meist war die Musik sehr energetisch, das Hörbuch spannend – beides sollte mich antreiben und vorwärts bringen. Da das Laufen in den letzten Wochen ohnehin nur in einem recht gebremsten Zustand ging, lernte ich es – vielleicht auch aufgrund dieses Zitates – zu schätzen, entweder sehr entspannte, nicht aufputschende Musik oder eben gar nichts zu hören. Beides sorgt dafür, dass man mental noch etwas ausgeglichener zurückkehrt.

Fazit

Wie schon oben verraten: Ich halte das Buch für sehr gelungen. Und dabei ist es noch nicht einmal ein Werk, das sich einzig und allein auf das Laufen bezieht, vielmehr spannt es einen bunten Bogen über viele Themen der menschlichen Existenz. Der Schreibstil, der in den kurzen Ausschnitten gerade eben auch ein bisschen hervorblitzen durfte, ist meiner Meinung nach sehr flüssig und eingängig. Im Verlauf des Buches wie auch in der Einleitung der ersten drei Romane wird auch einiges an interessanten autobiographischen Details vermittelt, was dem Buch zusätzlich Tiefe verleiht.

Mir hat der gesamte Stil so gut gefallen, dass ich mir gleich danach die Hörbücher der ersten drei Romane von Haruki Murakami besorgt habe. Die ersten zwei hatte ich sehr schnell durch, denn sie sind recht kurz, im dritten stecke ich noch, weil ich parallel auch noch einige andere Bücher lese und andere Hörbücher höre. Allen ist der gleiche elegant-eloquente Stil gemein, was sie jeweils zu einem absoluten Genuss macht (ein entsprechender Blog-Eintrag ist bereits in Vorbereitung). „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ war sozusagen meine Einstiegsdroge für das Gesamtwerk von Haruki Murakami. Vielleicht wagt sich ja noch jemand auf diese interessante Reise.

Das Urteil

Ich lese/höre ja immer mehrere Bücher/Hörbücher parallel, um gemäß der jeweils aktuellen Stimmungslage ein passendes aussuchen zu können. Eines der von mir bereits vier oder fünf Mal komplett durchgehörten Hörbücher ist „Das Urteil“ von John Grisham, gelesen von Charles Brauer. Die Geschichte ist spannend und Charles Brauer liest es sehr angenehm vor, daher greife ich immer wieder gerne darauf zurück.

Eines meiner Lieblings-Hörbücher: „Das Urteil“ von John Grisham, gelesen von Charles Brauer – ein absoluter Genuss!
Eines meiner Lieblings-Hörbücher: „Das Urteil“ von John Grisham, gelesen von Charles Brauer – ein absoluter Genuss!

Jedes einzelne Mal überkam mich beim Anhören die Lust auf einen entsprechenden Blog-Eintrag, denn das Thema brennt mir, wie man so schön sagt, unter den Nägeln. Ich habe nie geraucht und hege sicherlich keinerlei Ambitionen, damit anzufangen — mein Vater war schließlich Lungenarzt. Raucht jemand in meiner Umgebung, so spreche ich denjenigen (oder diejenige, es rauchen ja immer mehr Frauen, die Werbung hat also ihren Zweck erfüllt) zwar nicht offensiv darauf an (das entspricht einfach nicht meinem Charakter), entferne mich selbst aber so weit, dass ich den Rauch nicht abbekomme, denn den Geruch kann ich überhaupt nicht ausstehen.

Die Thematik des Romans

Nun ist es also soweit, der Blogeintrag wird geschrieben (er wird seit vier Monaten geschrieben, doch so ganz zufrieden war ich noch nicht damit). Ich beginne noch einmal bei John Grishams Roman „Das Urteil“, einem juristischen Thriller über den fiktiven Prozess der Witwe eines (vor Beginn der Handlung verstorbenen) langjährigen Rauchers gegen einen Tabakkonzern. Spannend wird der Roman nicht so sehr aufgrund seiner Thematik, die an sich auch schon hochbrisant ist, stellt sie doch ein zentrales Dilemma unserer heutigen Gesellschaft ins Zentrum:

Wie soll eine Gesellschaft mit einem früher als völlig normal geltenden, bis heute legalen Suchtmittel umgehen, von dem jeder weiß, dass es eine tödliche Gefahr darstellt?

Für Alkohol steht sicherlich irgendwann die grundsätz gleiche Debatte mit einem leicht anderen Anstrich, sicherlich aber einer ebenso mächtigen Lobby im Hintergrund irgendwann an.

Logik…

Im Prinzip sollte die Entscheidung ja außerordentlich simpel sein: Der Rauch von Zigaretten ist höchst gefährlich, und das in den Zigaretten enthaltene Nikotin sorgt binnen kurzer Zeit für eine Abhängigkeit, die für viele Raucher sehr schwer (für etliche niemals) zu überwinden ist. Und während der (und heutzutage immer mehr die) Süchtige diesem körperlichen und geistigen Drängen nachgibt, schädigt er/sie den eigenen Körper aufs Schwerste. Selbst nach dem Einstellen des Rauchens vergehen mehrere Jahre, bis das Krebsrisiko wieder auf den annähernd gleichen Wert wie bei einem Nichtraucher sinkt. Jeder vernünftige Mensch würde angesichts dieser Erkenntnisse bei einem neu auf den Markt geworfenen Produkt sofort für ein Verbot plädieren bzw. als politischer Entscheidungsträger keine Zustimmung zur Zulassung für die Öffentlichkeit erteilen.

…aber…

Dummerweise besitzt das Rauchen eine geradezu elend lange Tradition — und die Tabakkonzerne verfügen über enorm „tiefe Taschen“, die schamlos für Werbung und politische Einflussnahme genutzt werden. Mit diesem Geld werden immer wieder effektiv politische Entscheidungen verwässert oder verhindert, die das Rauchen ernsthaft einschränken könnten. Beschämend!

Immer wieder schwebt mir vor, auch lange etablierte Produkte alle paar Jahre wieder einer erneuten Zulassungsprüfung zu unterwerfen, bei der sämtliche Einflussnahme durch die Lobby strikt unterbunden wird. Klar, klingt leicht, ist in der Realität vermutlich kaum durchzuführen. Aber das hier ist (virtuelles) Papier, da darf man doch mal ein paar Gedanken entfalten, ohne sie gleich auf ihre Praktikabilität hin zu überprüfen, oder?

Aktuell

Gerade vor ein paar Minuten habe ich einen Artikel bei Zeit.de gelesen, der ein wenig Mut macht: Uruguay hat sich selbst angesichts des transamerikanischen Handelsabkommens erfolgreich in einem Prozess vor einem Schiedsgericht gegen den Tabakkonzern Philip Morris verteidigt und darf das Rauchen auch weiterhin stark gesetzlich einschränken.

Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Art von politischer Entschlossenheit auch in unserem Land irgendwann einmal durchsetzt.

Klarstellung

Ich möchte an dieser Stelle nur einmal bemerken, dass ich keinem Raucher eine moralische Schuld zuschiebe, denn von meinem Vater weiß ich, dass bereits wenige Wochen des Rauchens ausreichen, um über das Nikotin eine körperliche Abhängigkeit zu erzeugen. Meine in diesem Artikel formulierte Kritik richtet sich vor allem an zwei Adressaten: Tabakkonzerne und Politiker, die sich von Lobbyisten zu Entscheidungen im Interesse der Tabakkonzerne verleiten lassen.

In „Dante’s Peak“, einem meiner Lieblings-Katastrophenfilme, gibt es ein perfektes Zitat (ich paraphrasiere, da ich den Film nicht ganz auswendig beherrsche):

„Setzt man einen Frosch in einen Topf mit heißem Wasser, so springt er sofort heraus. Setzt man ihn jedoch in einen Topf mit kaltem Wasser und erhitzt dieses langsam, bleibt er sitzen, bis er gekocht wird.“

So ungefähr sehe ich das mit der Tabakindustrie auch: Hätte man vor 150 Jahren bereits in vollem Umfang gewusst, wie gefährlich Rauchen tatsächlich ist, wäre die Gesetzgebung vermutlich viel restriktiver gewesen. Durch die vielen Jahrzehnte einer „Tradition des Rauchens“, das in nicht wenigen Fällen ja auch die Erinnerungen an die Kindheit prägt (nur als ein Beispiel: Welcher Cowboy raucht nicht in seinen Filmen? Selbst Terence Hill, sicherlich bei mehreren Generationen als sympathischer Cleverling und gewitzter Haudrauf bekannt und beliebt, raucht in den alten Schinken…), fällt es vielen Menschen schwer, auf einer unterbewussten emotionalen Ebene die Gefahr in vollem Umfang anzuerkennen. Logisch hat das meiner Einschätzung nach jeder begriffen, doch emotional sieht die Sache anders aus. Und sobald die Sucht mal greift, muss nur eine besonders stressige Phase in Beruf oder Familie anbrechen, schon fällt man in die altgewohnten Verhaltensmuster zurück und greift zum Glimmstengel (ich greife dann zu Gummibärchen und Schokolade).

McDonald’s und Burger King fahren ja eine ganz ähnliche Masche mit den Kinderspielzeugen in den Kid’s Meals oder Junior Tüten (oder wie auch immer die Dinger heute heißen mögen): Man besetzt die Erinnerungen an die Besuche bei McDonald’s und/oder Burger King mit einer positiven emotionalen Färbung, sodass die Kunden auch Jahre und Jahrzehnte später mit einer sehr positiven Einstellung das überteuerte, zu fette und zu salzige Essen in zu großen Portionen in sich hineinschlingen, die mittlerweile zu einer beispiellosen Welle von Übergewicht in allen „entwickelten“ (und auch etlichen „sich noch entwickelnden“) Ländern geführt hat. Der Dokumentarfilm „Supersize Me“ ist ein eindrucksvolles Zeugnis davon – noch dazu kommen etliche Experten zu Wort, die genau die von mir genannten Punkte beispielhaft erläutern.

Kommentare erwünscht

Ich denke, damit habe ich genug vor mich hin gemotzt und verdeutlicht, worum es mir geht – nun freue ich mich auf Kommentare, sowohl zustimmende als auch kritische.

Brexit zum Frühstück

Während meiner Yoga-Runde führte am gestrigen frühen Morgen mein iPhone eine Art Breakdance auf: Permanent gingen aktuelle Push-Mitteilungen zum Brexit über meine Tagesschau– und heute-Apps ein und versetzten den Vibrationsalarm in einen wahren Taumel. Das hier ist kein politischer Blog, ich will das auch nicht lange ausdehnen, mir kam nur beim Duschen ein Gedanke, dessen Ausformulierung ich tatsächlich für erstrebenswert erachte.

Der Brexit war aus meiner Sicht eher zu erwarten als der Verbleib in der EU, denn die Briten sind ein stolzes Volk, deren ältere Bevölkerungsschichten sich nach dem alten Glanz des Empire zurücksehnen. In gewisser Weise habe ich mir den Brexit sogar fast herbeigewünscht – nicht wirklich, aber als Gedankenspiel, denn er ermöglicht – nun sogar in der Realität – ein einzigartiges Experiment: Ich habe in Gedanken für mich mal durchgespielt, was die Langzeitfolgen des Brexit sein könnten. Aus meiner Sicht bleiben ja nur drei grundlegende Möglichkeiten zur weiteren Entwicklung:

  1. Es geht den Briten besser als vorher, die Wirtschaft blüht auf, die Politik stabilisiert sich. Das wäre das Signal schlechthin für weitere Länder, in denen die EU-Unzufriedenheit hoch ist, sich zu verabschieden. (Glaubt man einigen Twitterern, so bereitet Horst Seehofer bereits ein eigenes Volksreferendum vor, um Bayern über den Verbleib in/den Austritt aus der EU abstimmen zu lassen…)
  2. Es geht den Briten schlechter als vorher, die Wirtschaft schrumpft schmerzhaft, die Politik destabilisiert sich (und/oder rutscht deutlich nach rechts), soziale Probleme (und in deren Folge ein tumber Nationalismus) verschärfen sich. Eine gewisse Häme gegenüber Großbritannien würde sich EU-weit ausbreiten, die Vorteile einer großen Gemeinschaft würden deutlicher denn je hervortreten und den Zusammenhalt der verbliebenen Länder effektiv stärken. Da die Schotten angeblich ein erneutes Referendum zur Loslösung von England vorbereiten, spekulieren sie offensichtlich auf diesen Ausgang und werden dann als eigenständiges Land selbstverständlich gleich nach der (ebenfalls zu erwartenden) Unabhängigkeit (das wäre ja ein ganz entzückender Wortwitz, denn der Brexit wurde von dessen Befürwortern gestern ja als „Independence Day“ gefeiert) eigene Aufnahmegespräche mit der EU beginnen.
  3. Es passiert fast nichts – nach einer kurzen Anpassungsphase, in der es sicherlich turbulent wird, danach läuft für 85-95 Prozent der Menschen alles in gewohnten Bahnen weiter. Das ist wiederum die spannendste Alternative, denn die Reaktionen der anderen EU-Länder hängen dann von der medialen Interpretation dieser unspektakulären Entwicklung ab. Ich erwähne hier nur ganz beiläufig den Namen einer Zeitung mit vier Großbuchstaben, zu der es in allen europäischen Ländern mindestens ein entsprechendes Pendant gibt – und deren simple, aber häufig (fast schon unablässig) wiederholte, Parolen schon häufig zur Meinungsbildung ganzer gesellschaftlicher Schichten beigetragen haben.

Was daraus wird, hängt nun von der weiteren Entwicklung der kommenden zwei bis fünf Jahre (als Mindestzeitrahmen) ab. Wirklich valide Vergleiche benötigen sicher noch etwas länger, da alle kurzfristigeren Entwicklungen auch anderen ganz üblichen Schwankungen unterliegen könnten.

Schön finde ich persönlich, dass nach der anfänglichen Entsetzenswelle im Internet nun auch einige sehr besonnene Kommentare die möglichen positiven Auswirkungen des Brexit auf das restliche Europa, das — wie ich oben bereits geschlussfolgert habe — ja durchaus auch gestärkt werden könnte, erscheinen, z.B. bei heute.de. Was aus der Angelegenheit wird, dürfte uns allen in den kommenden Jahren wieder und wieder unter die Nase gerieben werden – egal, was in der Substanz dabei herauskommt. Insofern dürfen wir uns als Nicht-Akteure in diesem Spiel ab sofort zurücklehnen und entspannt die Show genießen.

Ein paar aus meiner Timeline ausgewählte Twitter-Kommentare zum Brexit gibt’s noch als kleines Schmankerl:

Das ist sicher zu erwarten, wenn das Experiment misslingt und die Briten schlechter dastehen als vorher
Das ist sicher zu erwarten, wenn das Experiment misslingt und die Briten schlechter dastehen als vorher
Verfrühter Jubel?
Verfrühter Jubel?
Schöner Vergleich — und nicht falsch (ich spreche aus Erfahrung, zumindest was Linux angeht...)
Schöner Vergleich — und nicht falsch (ich spreche aus Erfahrung, zumindest was Linux angeht…)
Schönes Wortspiel!
Schönes Wortspiel!
Dass es so viel ausmacht, war mir vorher nicht bewusst gewesen...
Dass es so viel ausmacht, war mir vorher nicht bewusst gewesen…
Der oben schon erwähnte Seehofer-Bayxit...
Der oben schon erwähnte Seehofer-Bayxit…
Der Brexit aus kulinarischer Sicht
Der Brexit aus kulinarischer Sicht
Ein Grundproblem aller Basisdemokratie...
Ein Grundproblem aller Basisdemokratie…
Nach der Wahl informieren, was könnte schon schiefgehen?
Nach der Wahl informieren, was könnte schon schiefgehen?

Zitat des Tages

Ich habe es heute früh unter Aufbietung aller Prokrastinationskräfte, die in mir schlummerten, geschafft, den Schluss von „Todesurteil“ von Andreas Gruber zu hören. Sensationell!

Nach dem Mittagessen bin ich nun gestärkt und wende mich gerade dem in den letzten Tagen leider etwas vernachlässigten dritten Band des „Dunklen Turm Zyklus“, „tot.“, zu, da entdecke ich gleich in den ersten Lese-Minuten dieses brillante Zitat:

Zitat aus tot. von Stephen King, S. 356 von 673
Zital aus tot. von Stephen King, S. 356 von 673

Und schon ist der Tag gerettet (nun, er war vorher ja auch nicht verloren, aber so wird er gleich noch ein bisschen schöner).

Rush: Beeindruckende Leistungen

Und noch ein Artikel aus dem Rush-Blog:

Rush ist eine Band, die eigentlich immer an ihrem Limit spielen muss, denn sie sind nur drei. Beim Lesen in der Rush-Bibel von Martin Popoff stieß ich auf eine Stelle, die einmal auch Alex Lifesons Einzelleistungen hervorhebt. Meistens wird er in (medialen) Wahrnehmung der Band von Geddy — der Bass spielt, die Pedale und Synthesizer bedient und zusätzlich auch noch singt — und Neil — der als Songtext-Schreiber und Schlagzeuger seit seinem Einstieg eine besondere Position innehat — ziemlich aus dem Rampenlicht verdrängt. Ganz und gar unverdient, wenn man den folgenden Abschnitt liest.

And Alex’s guitar playing blew me away. We would double the guitars, which was a thing I was very much into at that point. And we only had three days to do all this work. So we did guitar track, drums and bass, and then I said to him, 'Let’s double it.‘ And I’ll never forget, to this day, I put the original guitar on the left speaker, we put the new guitar on the right speaker, and he doubled it from top to bottom, flawlessly, in one take. And it sounded like one huge guitar, it was so accurate.

Das Zitat stammt von Terry Brown, der in der frühen Phase von Rush für die Aufnahmen im Studio zuständig war. Da er auch schon andere Bands produziert und deren Platten zu Hits gemacht hatte, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass er *genau* wusste, von was er hier sprach.

Auch ich als studierter Musiker, der sowohl CD-Aufnahmen als auch etliche Live-Auftritte absolviert hat, kann nicht meine Faszination verhehlen, denn so etwas ist eine absolut atemberaubende Leistung. Dazu eine kleine Anekdote: Ich unterrichte ein paar Privatschüler. Für eine ganz junge Schülerin habe ich vor einigen Wochen ein kleines Stück zum Mitspielen aufgenommen, da sie sich immer wieder (zu viele) Freiheiten im Rhythmus herausgenommen hatte, als dass ich einfach darüber hinwegsehen hätte können.

Ich bastelte mit Logic Pro X auf meinem Mac einen Rhythmus-Track, der einfach nur die Zählzeiten durchpulste. Dazu spielte ich dann die — wirklich einfache — Melodie ein. Doch vielleicht gerade weil es ein so einfaches Stück war, benötigte ich mehrere Anläufe, bis es rhythmisch akkurat „im Kasten“ war. Der geradelinige Puls vom Computer ließ sich einfach nicht auf meine Atempausen und leichten Verzögerungen ein. Und ich bin eigentlich kein Stümper auf meinem Gebiet (drei Studienabschlüsse *ohne* Bestechungszahlungen…).

Doch gerade diese noch relativ frische Erfahrung kam mir beim Lesen der obigen Stelle sofort wieder ins Gedächtnis. Es ist einfach wahnsinnig beeindruckend. Hoffentlich auch für Nicht-Musiker.

Gemeinsam Lesen: „tot.“ von Stephen King

Gemeinsam Lesen
Gemeinsam Lesen – eine ganz feine Aktion

In den letzten Monaten habe ich zwar sehr viele Bücher gelesen, doch bei meinen Blog-Einträgen ganz vergessen, sie dieser Kategorie (Gemeinsam Lesen) zuzuordnen, obwohl ich diese Aktion nach wie vor sehr gut finde, denn der Austausch über gelesene Bücher hat bei mir schon für einige Neuanschaffungen gesorgt, die ich bislang nie bereut habe.

Nach „Schwarz“ und „Drei“ konnte ich nicht anders, ich musste mir natürlich gleich „tot.“, den dritten Band des „Dunklen Turm“-Zyklus von Stephen King besorgen. Faszinierend ist für mich dabei, wie Stephen King es schafft, einen derart langen Spannungsbogen hinzubekommen.

Stephen King: tot.
Der dritte Teil des Dunklen Turm-Zyklus: tot.

Aktuell bin ich auf S. 509 von 2109 Seiten (iPhone-Größe). Der erste (vollständige) Satz auf dieser Seite lautet:

Als das Begreifen schließlich durch seinen Schock sickerte, verspürte er ein eskalierendes Gefühl der Panik.

Das bisher Gelesene lässt schon jetzt einen frohlockenden Ausblick auf eine spannende Geschichte zu. Wenn ich durch bin, gibt es natürlich eine Rezension, aktuell arbeite ich noch an meiner Zusammenfassung von „Drei“.

 

Das Ausgeliefertsein an die Unkultur

Hervorragend: Rhythm Is It!
Eine hervorragende Dokumentation: Rhythm Is It!

Henry Wilt, der unschlagbar sympathische Antiheld aus Tom Sharpe's aberwitziger „Wilt“-Romanreihe empfindet seine Unterrichtstätigkeit an der fiktiven Berufsschule von Fenlan als ein Ausgeliefertsein an die Unkultur, weil seine Schüler sämtlich von Manieren und Kultur befreite Hempel sind.

Grundsätzlich würde ich mich sehr dafür stark machen, dass wir es am Gymnasium ja überwiegend mit einem anderen, in der Summe angenehmeren Klientel zu tun haben. Doch hin und wieder machen sich ein paar Schüler daran, mir auf ihre eigene Art klarzumachen, wie sehr ich mich doch irren kann…

Gestern habe ich mit einer meiner fünften Klassen im Rahmen meiner Strawinsky-Sequenz die überaus bekannte Skandal-Ballettmusik „Le sacre du printemps“ besprochen und Teile daraus (natürlich in stark vereinfachter Form) musiziert. Dabei kamen wir irgendwann auch auf den Film „Rhythm Is It“ zu sprechen, diesen wirklich ansprechenden Dokumentarfilm über eine intensive Erarbeitungsphase eines Balletts zu der live gespielten Musik Strawinskys. Die Besonderheit: Getanzt wird das Ballett nicht von einer kleinen Gruppe echter (oder werdender) Ballett-Tänzer und -Tänzerinnen. Bei „Rhythm Is It“ wurden 250 Schüler von diversen Hauptschulen in Berlin zusammengerufen – und das Ergebnis zeigt, dass dies keineswegs die verlorene Schicht/Generation sein muss, für die viele sie halten.

Durch einen Zufall bekam ich heute eine Vertretungsstunde in genau dieser Klasse von gestern zugeteilt. Das stand gestern auch schon auf dem Vertretungsplan, also konnte ich mir den Luxus erlauben, diese zusätzliche Stunde vertiefend zu nutzen, denn ich packte heute früh noch die „Rhythm Is It“-DVD ein. In diesen Genuss kommen die Parallel-Klassen nicht, eigentlich ging ich davon aus, dass die Klasse diesen kleinen Exkurs zu schätzen wisse.

Ich zeigte den Schülern aber nicht die 100-minütige Dokumentation. Nein, ich beschränkte mich auf die Aufführung, die auf einer separaten DVD in dem Deluxe-Schuber enthalten ist. Die Klasse blieb sogar weitgehend ruhig beim Ansehen (was leider schon keine Selbstverständlichkeit ist, denn heutige Schüler haben meiner Wahrnehmung nach das permanente Bedürfnis, alles und jeden zu jedem Zeitpunkt zu kommentieren – auch wenn es niemanden interessiert oder nur ganz periphär mit der Sache zu tun hat), doch am Ende kam ein Schüler zu mir und sagte allen Ernstes:

Also ich wäre ja auch einer von denen gewesen, die die (gemeint war die Tänzerin, die am Ende der Handlung „geopfert“ wird, um die Götter zu besänftigen, damit sie einen frühen und milden Frühling schicken) getötet hätten, der Film war ja so scheiße.

Ich habe mir einfach jeglichen Kommentar verbissen, an Henry Wilt und sein Ausgeliefertsein an die Unkultur gedacht und ihn aus dem Klassenzimmer geschickt. So ein vorbildlicher Gymnasiast voller Weltoffenheit und kulturellem Interesse!

 

Lehrer, Kinder, Ferien – und Zeilenende

Zeilenende

Gestern hat mir der einmalige Zeilenende auf Twitter einen Tweet mit einem fragenden Kommentar weitergeleitet:

Da muss man schon genau hinsehen...
Bitte genau hinsehen!

Da ich am Donnerstag meine zweiwöchige Big Band-Probe in Ellwangen hatte, die sich bis kurz nach 22 h hinzog, woran sich immer noch etwa 30 Minuten Heimfahrt anschließen, war ich in der konkreten Situation nicht in der richtigen Stimmung, mich von der Muse küssen zu lassen und gleich zu antworten. Außerdem ist das Thema gar nicht so unspannend – also kündigte ich ihm nur an, es in einem eigenen Blog-Eintrag zu verarbeiten. Nun denn…

Ferienarten

Lehrer unterscheiden Ferien, denn auch wenn die Dauer der „unterrichtsfreien Zeiten“ meist nicht extrem voneinander abweicht, wäre es vermessen zu glauben, dass alle Ferien sich gleichen würden. Doch zuerst einmal muss ich klarstellen, welche Ferien ich überhaupt habe, das unterscheidet sich ja von Bundesland zu Bundesland. Hier in Baden-Württemberg sieht es ungefähr folgendermaßen aus:

  • Herbstferien: eine Woche, die sich am Ende des Oktobers bis in die ersten Novembertage erstreckt. Diese Ferien sind unglaublich wichtig als erste Aufarbeitungsphase nach ungefähr zwei Monaten Schule. Gerade am Schuljahresanfang müssen alle Listen, Sitzpläne etc. erstellt und gepflegt werden, bis zu den Herbstferien setzt sich dann auch einiges, man hat jede Klasse einigermaßen kennen gelernt, die ersten Eindrücke sind gefestigt – jetzt kann und muss die weitere Planung angepasst werden.
  • Weihachtsferien: üblicherweise zwei Wochen, die kurz vor dem Heilig Abend beginnen und dann nach den ersten Januar-Tagen enden. Als Musiklehrer bin ich meist bis zum letzten Moment in der Schule voll im Einsatz, da im Dezember ein großes Adventskonzert und am letzten Schultag ein von Musik umrahmter Gottesdienst stattfinden. Beides erfordert Vororganisation, Proben und umfangreiche Transport-, Auf- und Abbautätigkeiten, vom eigentlichen Musizieren ganz zu schweigen. Parallel sind bis dahin in den meisten Klassen (in meinem Fall meist 14 bis 17 im Schuljahr) die ersten Klassenarbeiten/Klausuren geschrieben (und hoffentlich auch schon korrigiert, damit man nichts mit in die Ferien nehmen muss). Zum Beginn der Weihnachtsferien bin ich üblicherweise derart erschlagen, dass ich erst einmal zwei Tage brauche, um auf „normal Null“ zurück zu kommen. In den ersten Berufsjahren wurde ich beim Nachlassen der Anspannung erst einmal krank, das hat sich glücklicherweise in den letzten Jahren gelegt, denn mittlerweile achte ich etwas mehr auf mich.
  • Faschings- oder Winterferien: eine Woche, die sich vor allem aus gesetzlichen Feiertagen (Rosenmontag, Faschingsdienstag) und verschiebbaren Ferientagen zusammensetzt. Da zum Ende des ersten Halbjahres die Halbjahresinformationen fällig sind, die mit Notenkonferenzen und entsprechendem zusätzlichen Arbeitsaufwand einhergehen, ist auch diese Woche dringend nötig, um einfach wieder aufzuarbeiten und den Erholungsmangel etwas auszugleichen. Februar ist auch die Zeit, in der meist ein oder mehrere eigene Kinder eine Erkältung anschleppen.
  • Osterferien: üblicherweise zwei Wochen, eine vor Ostern, eine danach. Die Tage werden länger, die Frühjahrsmüdigkeit ist spürbar. Meist geht direkt nach den Osterferien das schriftliche Abitur los, also ist vorher ein kleiner Endspurt angesagt. Doch alles in allem sind dies meist Ferien, die zur Erholung ganz gut sind. Außerdem kann man nun wieder im Garten aktiv werden. Osterferien sind gute Ferien. (Einschränkungen folgen…)
  • Pfingstferien: üblicherweise zwei Wochen Ende Mai/Anfang Juni vor dem großen Schlusslauf. Wenn man es ungeschickt anstellt, liegen zu Beginn der Ferien ein paar große Korrekturstapel auf dem Schreibtisch, damit man in den letzten Schulwochen nicht noch zu viel Korrekturarbeit erledigen muss. Aber diese Ferien nutzen wir gern, um mal für ein paar Tage wegzufahren, ansonsten bereite ich wie üblich ein paar Tage Unterricht vor.
  • Sommerferien: Die große sechs- bis siebenwöchige Unterbrechung, die meist von Ende Juli bis zur ersten Septemberwoche reicht. Im Gegensatz zu allen anderen Ferien, in denen ich immer sehr darauf bedacht bin, schon die ersten paar Tage „danach“ gut vorzubereiten, halte ich mir die Sommerferien (schul)planerisch komplett frei. Welche Klassen ich genau bekomme, erfahre ich ohnehin erst ein paar Tage vor Beginn des Schuljahres, wozu also schon Wochen vorher die sommerliche Trägheit stören?

Soviel zur gefühlten Einteilung der Ferien aus meiner Sicht. Es gibt sicher Kollegen, die ein gänzlich anderes Prozedere pflegen. Sicher teilen aber auch etliche meine Vorgehensweise. Das Vorbereiten der ersten Tage, am besten der ganzen ersten Woche, ist ein logisches Vorgehen, das sich in der Praxis bewährt hat. Denn der Umstieg von „ich kann jeden Morgen auch erst um 6:30 h aufstehen“ auf „der Wecker klingelt um 4:35 h“ ist doch etwas anstrengend…

Kinder und Ferien – und Eltern…

Unsere Kinder sind in den Ferien üblicherweise herrlich entspannt. Unser Großer (10) könnte aus seiner Perspektive heraus auch den ganzen Tag in seinem Zimmer sitzen, Bücher lesen, LEGO bauen und Musik hören – der würde freiwillig keine Sekunde aus dem Zimmer herauskommen. Die Mädels dagegen sind wesentlich neugieriger und agiler, die motzen meist schon nach 10 Minuten Ferien, dass sie sich langweilen. Wenn man Glück hat, finden sie sehr schnell eine Beschäftigung für die folgenden Stunden, wenn man dies nicht hat, kommen sie alle paar Minuten wieder, um zu fragen, was sie denn nun tun könnten. Das kann anstrengend sein, meist finden sie aber sehr zügig eine Ihnen genehme Beschäftigung.

Unsere zwei Großen sind unter der Schulwoche an mehreren Tagen im Hort, weil wir Erwachsenen an fast allen Tagen Nachmittagsunterricht haben. Da auch noch vorbereitet werden muss, bleiben die Kinder dann bis etwa 16:00 h im Hort. Mit etwas Glück haben sie danach die Hausaufgaben fertig und können nach dem obligatorischen Instrumentalüben ihren eigenen Wünschen nachgehen. Die jüngste war bislang im Kindergarten, aus dem sie mit den anderen gemeinsam (gleiches Gebäude) gegen 16:00 h abgeholt wurde. Ab September geht auch sie in die Schule, dann werden sich die Hortzeiten angleichen (es sei denn, der neue gymnasiale Stundenplan bei unserem Großen macht dem einen Strich durch die Rechnung).

Wenn der Hort eine Ferienbetreuung anbietet, nehmen wir meist ein paar Tage davon dankend an, um unsere anstehenden Arbeiten erledigen zu können, ohne ein allzu schlechtes Gewissen zu haben. Meist gehen wir in den Wintermonaten an einem der Vormittage auch einfach mal in die Sauna, so bleiben wir etwas gesünder – auch nicht schlecht.

Bietet der Hort keine Ferienbetreuung an (die Stadt gibt den Betreuungseinrichtungen die Anzahl der freien Tage genau vor), wird es manchmal etwas „tricky“, denn wenn wir arbeiten müssen, bleibt oft nichts anderes übrig, als die Kinder ein paar Stunden sich selbst zu überlassen. Den Kindern taugt das sehr, doch es zieht meist energische Aufräumarbeiten im Haus nach sich…

Fazit

Den Kindern gefallen Ferien immer, die könnten dem Bild durchweg zustimmen. Als Lehrer kann ich nicht bestätigen, dass ich in den Ferien nur Alkohol trinke, meine Fingernägel lackiere, Geld scheffle (bekommen die normalen Arbeitnehmer während der Urlaubszeit ihren Lohn nicht weitergezahlt?), Party mache (bin eh nicht der Party-Typ, da stehe ich nur dumm herum und lese in der WordPress-App, was Zeilenende und meine anderen virtuellen Freunde so wundervoll schreiben). Ich erhole mich gezielt, arbeite nach und vor – und schreibe unzählige Blog-Einträge, die dann keiner lesen möchte. Zum Glück habe ich mit Zeilenende einen bezahlten (*hüstel*: Gottes Lohn) Dauerleser, der mir auf jeden Artikel ein Like geben muss, sonst komm ich rüber und geb ihm auf die Mütze… 😉

Spaß beiseite: In unserer Funktion als Eltern mögen wir die Ferien nicht ganz so hundertprozentig, da sie meist weniger Struktur und somit mehr Arbeit mit sich bringen. Gleichzeitig lernt man es so, die geregelten Wochen der Schulzeit noch mehr zu schätzen… Was für uns Eltern an den Ferien einmalig schön ist: Die Möglichkeit, sich jedem Kind mit mehr Zeit widmen zu können. Da kann dann eine Bastelarbeit in Ruhe zu Ende gebracht und gewürdigt werden, für die man in der Schulzeit oftmals nur den Gedanken (Verzeihung bitte!) „Wo sollen wir das Teil denn noch hinstellen?“ übrig hätte. Laut ausgesprochen wird der Gedanke nie, aber vor allem in den Ferien haben wir die nötige Ruhe (und den Mangel an Terminen, die uns herumschleichen), um das Ergebnis mit den Kindern gemeinsam zu genießen.

Insofern, lieber Zeilenende, kann ich der Elternzeile im aktuellen Zustand nicht zustimmen. Ein weinendes Gesicht vorne und hinten, aber viele lachende und gemütlich auf dem Sofa kuschelnde Emojis in der Mitte wären passender. Trotzdem: Vielen Dank für den Impuls! Schönen Samstag noch, vielleicht komme ich heute neben der Korrektur der Oberstufenklausur auch noch zum Schreiben eines weiteren Eintrags.

Die Osterferien beginnen dieses Jahr erst am Mittwoch (nächste Woche), da die Weihnachtsferien um ein paar Tage verlängert waren. Insofern verzögert sich der Ansturm meiner neuen Einträge etwas. Aber das ist ja eher erholsam als schlimm… 😉