Archiv der Kategorie: Komposition

Von der kreativen Kraft einer Deadline

Immer wieder stoße ich im Internet (vor allem auf Twitter) auf das weithin bekannte Duke Ellington-Zitat, in dem er trefflich sagt:

Ich brauche keine Zeit, ich brauche eine Deadline.

Eines der besten Zitate, das meine Arbeits-Situation nicht selten perfekt umschreibt.

Eines der besten Zitate, das meine Arbeits-Situation nicht selten perfekt umschreibt.

Heute ist so ein Tag, an dem ich genau nach dem Motto arbeite. Jeden Freitag um 13:00 h beginnt die Big Band-Probe in meiner Schule. Letzte Woche habe ich großspurig verkündet, bis nächste Woche (von heute aus: morgen) sei das neue Stück „sicherlich fertig“. Doch dann…

  • Samstag: Tag der offenen Tür (oder „Grundschulinfotag“), von 8:00 bis 13:30 h durchgehend nur am Rennen und Machen, Organisieren und Musizieren. Danach: Müde zum Umfallen, keine Chance mehr, etwas in kreativer Hinsicht gebacken zu bekommen.
  • Sonntag: Vorbereitung für drei Klassen (jeweils Doppelstunden), Fertigstellen einer Korrektur (zum Glück eine relativ kleine Klasse). Da kam ich immerhin ein bisschen zum Arrangieren.
  • Montag: Schule von 7:45 bis 15:30 h, die Jüngste vom Hort abholen, Haushalt (da hatte meine Frau ihren Tag der offenen Tür), ab 19:00 h war ich so platt, dass ich schon das Abendessen nur mit halb geöffneten Augen hinbekam.
  • Dienstag: Mein Vorbereitungstag, denn da habe ich nur zwei Stunden Unterricht. Dafür ist der Mittwoch immer sehr lang und voll, also musste ich alle vier Klassen für den Mittwoch hinbekommen. Das Arrangieren/Komponieren trat ganz kurz.
  • Mittwoch: Langer Tag, entsprechend platt danach, außerdem musste auch noch der Donnerstag vorbereitet werden. Uffffffffff…
  • Donnerstag/heute: Vormittag durchgehend, daheim um kurz vor 14:00 h, Essen, dann Arrangieren/Komponieren ohne größere Pausen.

Doch ich bin zuversichtlich, das Stück morgen fertig mit in die Probe nehmen zu können. Dieser Blog-Eintrag war ein dringend benötigter Prokrastinationsvorwand, so bekomme ich den Kopf frei und neue Ideen hinein…

Ein kleiner Ausschnitt aus dem neuen Stück, mal sehen, wie es mit „echten“ Instrumenten klingt.

Ein kleiner Ausschnitt aus dem neuen Stück, mal sehen, wie es mit „echten“ Instrumenten klingt.

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Musik „en masse“ & Aaron Copland

Was Musik angeht, so habe ich immer wieder Phasen, in denen ich äußerst intensiv (und für meine Mitmenschen oft nicht ganz entspannend) eine Band, einen Komponisten oder Interpreten „rauf und runter“ höre. Das hat Vor- und Nachteile, denn einerseits bin ich danach meist sehr vertraut mit dem Werk eines Künstlers, andererseits hängt mir diese Musik später dann unter Umständen derart zum Hals heraus, dass ich sie kaum mehr genießen kann.

Rush

In den letzten zwei Jahren habe ich mich an der kanadischen Band Rush ziemlich heftig sattgehört. Die Musik ist schön, aber mein Bedürfnis, mir ständig mehr von der Band anzuhören, ist in den letzten Monaten stark zurückgegangen. Wenn in einer Playlist ein Stück auftaucht, das ich schon fast vergessen hatte, ist es eine willkommene Abwechslung, doch danach suche ich meist keine weiteren Stücke der Band heraus.

Meine Begeisterung für die Band war so groß, dass ich sogar einen eigenen Blog gestartet habe, um mich darin über meine Lieblings-Band auszulassen. Doch kaum war der Blog einmal angelegt, merkte ich, dass das „innere Feuer“ am Schwinden war. Klarer Fall: Zu viel gehört. Schade.

Bruce Dickinson

Ich befürchte, dass meine aktuelle Begeisterung für Bruce Dickinson in ein paar Wochen oder Monaten zu einer ähnlichen Abstumpfung führen könnte. Am besten unterdrücke ich den momentanen Drang, ihn anzuhören, einfach ein wenig, das erhält ihn mir für die Zukunft.

Aaron Copland

Ein Komponist, bei dem es mir glücklicherweise gelungen ist, rechtzeitig wieder abzuspringen, um ihn auch jetzt noch von Zeit zu Zeit in vollen Zügen genießen zu können, ist Aaron Copland. Über ihn erzähle ich jetzt gar nichts, denn für den Genuss der Musik ist das Wissen über den Mann völlig irrelevant. Stattdessen habe ich ein paar meiner Lieblings-Kompositionen herausgesucht. Wer sich bei YouTube oder diversen Streaming-Diensten umsieht, wird sicher sogleich fündig werden.

  • „Rodeo. Four Dance Episodes“: „II. Corral Nocturne“ (Orchester)
  • „Down a Country Lane“ (Orchester)
  • „Old American Songs“: „Set 1, V. I Bought Me a Cat“ (Solo-Gesang & Orchester)
  • „Old American Songs“: „Set 1, IV. Simple Gifts“ (Solo-Gesang & Orchester)
  • „Quiet City“ (Orchester)
  • „Appalachian Spring“ (Orchester)

Wer Interesse daran hat, kommt hier sicher auf einige entzückende Hörminuten. Die letzten beiden Werke dauern etwas länger (etwa 10 Minuten bei „Quiet City“ und 20 Minuten bei „Appalachian Spring“), alle vorher genannten sind eher kurz. Es gibt die „Old American Songs“ auch in einem Arrangement für Chor (statt Solo-Gesang) und Orchester, mir gefällt jedoch die Solo-Version mit Thomas Hampson besonders gut. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

 

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NotateMe und der Stylus

Unten die Handschrift, oben das konvertierte Ergebnis

Unten die Handschrift, oben das konvertierte Ergebnis — nicht schlecht!

Vor ein paar Wochen habe ich ja schon einmal berichtet, dass ich mir zwei Stylus-Modelle für mein iPad zugelegt habe. In den letzten Tagen hatte ich mehrere Stunden lang genug Zeit, die Anwendung eines dieser Geräte in einer Musik-App namens NotateMe auszuprobieren. Und ich habe dabei so einiges gelernt – über mich, über den Stylus und über die App.

Was ist „NotateMe“?

NotateMe ist eine Software, die die per Hand notierten Noten und einige spezielle musikalische Zeichen erkennt und in eine genormte Notenschrift („Notensatz“) überführt. Auf meinem iMac benutze ich Sibelius, an das ich mich bereits im Studium gewöhnt habe. Aber unterwegs habe ich das iPad, von Sibelius gibt es keine iOS-Version, daher muss ich mir anders behelfen. NotateMe füllt diese Lücke zwar nicht ganz, aber zumindest in Teilen aus.

Unterschied zwischen Fingern und Stylus

Mit den Fingern habe ich schon etliche Male mit der App gearbeitet, doch die Ergebnisse waren bestenfalls mittelmäßig. Entweder sind meine Finger etwas zu dick (das wäre aber ganz schlecht, denn ich kenne noch etliche Menschen mit kräftigeren Fingern) oder die Eingabe bedarf schlichtweg einer höheren Präzision.

Und um eine sonst ellenlange Geschichte kurz zu machen: Mit dem Stylus geht es gut. Noch immer nicht perfekt, aber deutlich besser als mit meinen Fingern.

Am meisten beeindruckte mich die Geschwindigkeit der Eingabe. Mit den Fingern war das eine recht mühsame Sache, da die Fingerspitze den Eingabebereich auf dem Bildschirm während des Notierens verdeckt. Gerade bei einer Notationsweise, die ganz exakter Platzierung bedarf (der Notenkopf darf nur genau die Notenlinie kreuzen oder muss zwischen zwei Notenlinien liegen – aber nicht beides zugleich), waren die Finger dem Auge soweit im Weg, dass die Ergebnisse prinzipiell darunter leiden mussten. Das ist mit dem Stylus definitiv viel besser geworden (aber auch noch nicht ganz perfekt).

Zeitvergleich

Ich habe bei dem einen Stück insgesamt 62 Takte inklusive vieler Bindebögen, etlicher unterschiedlicher Akzente, Portato-Striche, Staccato-Punkte, crescendo- und decrescendo-Klammern, Wiederholungszeichen etc. innerhalb von etwas weniger als zwei Schulstunden (=90 Minuten) perfekt fertig notiert. Mit Sibelius auf dem Mac und dem MIDI-Keyboard wäre das gleiche Ergebnis in ca. 20 bis 25 Minuten erreicht gewesen, was ohne jeden Zweifel deutlich kürzer ist. Dafür hätte ich aber noch meinen Mac und das Keyboard gebraucht, und beides steht nun einmal ein paar Kilometer von der Schule entfernt. Mich erfreut daran, dass ich mit etwas mehr Übung auch garantiert noch schneller werde – und dann ist NotateMe zumindest eine akzeptable Alternative, wenn mein Mac nicht zur Hand ist.

Fazit

Wenn ich daheim bin, werde ich die Notationsarbeit sicher immer am Mac mit Sibelius ausführen. Unterwegs stellt NotateMe in Kombination mit einem geeigneten Stylus aber eine akzeptable Alternative dar, die auch ohne große Zusatzgeräte funktioniert. Der Stylus hat sich in diesem Kontext für mich als probat erwiesen – weitere Erfahrungsberichte folgen alsbald.

 

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Musik aus der „Schwarzwaldklinik“

Star Trek Enterprise VS. Schwarzwaldklinik

Star Trek Enterprise vs. Schwarzwaldklinik

Meine Frau und ich sind Trekkies. Ohne Kostüme und derlei Zeugs, aber wir kenne seit vielen Jahren alle Star Trek-Folgen aller Serien (letztes Jahr habe ich alles auf einmal in einer Sammler-Edition bei Amazon gekauft) sowie alle zwölf Kinofilme.

Der jüngsten Serie — „Star Trek Enterprise“ — stand ich in den ersten Folgen noch recht ablehnend gegenüber, da die Charaktere im Vergleich zu den etablierten Serien noch gar zu steif und ungelenk wirkten. Mittlerweile mag ich auch diese Serie und bedaure sehr, dass nur vier Staffeln gedreht wurden.

Es gibt aber eine Sache, die mich an dieser Serie wirklich schon immer gestört hat — und es vermutlich auf ewig tun wird: Die grauselige Musik. Typisch für die alten Serien waren die symphonisch geprägten Themen, meine Favoriten hierbei waren und sind die Themen von „Deep Space Nine“ und „Voyager“. Der Titelsong von „Enterprise“ bricht mit der Tradition, ist aber gerade noch ein wenig erträglich. Wenn dann aber eine Folge zu Ende ist, kommt der Abspann. Und die Musik ist derart dämlich kitschig, dass meine Frau und ich nur noch das Wort „Schwarzwaldklinik“ dafür einsetzen.

Zum Vergleich: Abspann-Musik von Enterprise und das Thema der „Schwarzwaldklinik“. Na, was sagt ihr? Klingt doch ziemlich ähnlich — oder sieht das jemand anders?

Quellen: Bild „Enterprise“, Bild „Schwarzwaldklinik“

 

 

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Nachtrag zur eigenen Filmmusik

Vor ein paar Wochen berichtete ich von der Fertigstellung einer eigenen Filmmusik (hier). Nun ist es ja schön, die Filmmusik allein anzuhören, doch noch viel schöner ist es, den dazugehörigen Film auch noch sehen zu können.

Mein Schwager, der für den filmischen Inhalt verantworlich ist, hat mir sein OK gegeben (auch die eingangs gezeigten Personen wurden von ihm persönlich angesprochen und haben ihre Zustimmung zur Veröffentlichung gegeben), dass ich den Film hier bereitstelle, und somit verlinke ich ihn an dieser Stelle.

Nicht wundern, falls der Film nicht einfach durchgestreamt werden kann, er liegt in meiner Dropbox, da habe ich keine Erfahrungen, wie schnell die Verbindung effektiv ist. Der Film ist etwas weniger als 300 MB groß, bei einer schnellen Internet-Verbindung sollte er innerhalb kurzer Zeit geladen sein.

Viel Spaß beim Ansehen!

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Filmmusik aus eigener Feder

So beginnt der Film

So beginnt der Film

Mein Schwager war im Herbst für ein paar Wochen teils beruflich, teils privat in den USA unterwegs. Dabei hat er mit seinem iPhone viele schöne Fotos und auch etliche kurze Filme (z.T. in Zeitraffer) aufgenommen, die er dann am Ende in einem ca. acht Minuten langen Film zusammengefasst hat. Ich habe ihm angeboten, eine eigene Filmmusik dazu zu basteln, damit er bei einer Veröffentlichung im Internet für Familie, Freunde, Bekannte und Mitreisende keine Copyright- oder sonstigen Urheberrechts-Probleme bekommen möge. Das Angebot nahm er dankend an.

Zeit – woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Irgendwann im Dezember erhielt ich den fertig geschnittenen Film und machte mich in den Weihnachtsferien auch gleich an die Arbeit. Doch ich merkte schnell: Wenn die Musik etwas taugen sollte, brauchte ich wesentlich mehr Zeit, als ich zuerst eingeplant hatte. Und heute, am 22. März 2015, ca. drei Monate später, bin ich endlich fertig geworden.

Mit dem „endlich“ will ich nicht zum Ausdruck bringen, dass ich gegen Ende keine Lust darauf gehabt hätte – wäre dem so gewesen, hätte ich das Angebot von Anfang an sicher nicht unterbreitet. Und tatsächlich hat mir die Arbeit an dieser musikalischen Untermalung unglaublich viel Spaß gemacht. Es fühlt sich gut an, sich selbst beim Schreiben und Aufnehmen neuer Musik herauszufordern.

Doch ich liebe es, Projekte zügig abzuschließen und nicht lange vor mir herzuschieben. Und genau das war hier schwierig, denn für jede fertige Minute Filmmusik benötigte ich mindestens eine Stunde Produktionszeit (am besten ununterbrochen und ungestört, denn jede Unterbrechung stört den Arbeitsfluss). Und der Film dauert nun einmal etwas mehr als acht Minuten.

Komplettansicht im laufenden Betrieb

Komplettansicht im laufenden Betrieb

Unter der Woche habe ich nie so viel freie Zeit am Stück, selbst am Wochenende ist es selten, und in den letzten Wochen, eigentlich durchgehend seit Ende der Weihnachtsferien, standen außerordentlich viele Sondertermine auf dem Plan, die jeweils einen oder zwei Tage des Wochenendes weitgehend oder komplett belegten. Dann muss ja auch noch der Unterricht für Montag vorbereitet sein… Kurzum: Es dauerte ewig, bis ich mal ein Stündchen hier und da erübrigen konnte.

Nicht mehr unterstützte Hardware

Ein weiteres Hindernis beim Arbeiten war tatsächlich mal die Aktualisierung des Mac OS auf die aktuelle Version 10.10, denn sie beendete die Unterstützung für meinen altgedienten JamLab USB E-Gitarren-Adapter (möglicherweise lag es auch an einer Aktualisierung der Audio-Software Logic Pro X) – genau kann ich es leider nicht sagen.

Das merkte ich natürlich erst nach 60 bis 90 Minuten Gefummel und Ausprobieren, denn das Gerät wird nicht etwa beim Anschließen einfach als „nicht unterstützt“ abgewiesen. Nein, es wird in der Geräteliste aufgeführt, man kann es auswählen, erhält aber lediglich Rückkopplungen und verzerrte Echos, die auf dem ersten laut angespielten Ton hängen bleiben. Somit konnte ich keine E-Gitarre einsetzen. Dumm das, denn eigentlich hätte so mein Plan ausgesehen…

Die Konsequenz war, dass ich alles, jede einzelne Note, via MIDI-Keyboard einspielen musste. So etwas geht zwar, führt aber immer zu einigen Kompromissen, die nicht zwingend hätten sein müssen, wenn ein funktionierender Gitarren-Adapter zur Hand gewesen wäre. So klingt ein Gitarrensolo, das an einer Klaviatur eingespielt wurde, nie wirklich authentisch. Um den eigentümlichen Klang etwas zu kaschieren, habe ich dann gleich einiges an Effekten (Distortion und Wah-Wah) draufgemischt.

Der Wah-Wah-Effekt im Einsatz

Der Wah-Wah-Effekt im Einsatz

Der Logic Pro X-Drummer

Ein großer Lichtblick war die superbe Drummer-Funktion von Logic Pro X, denn ohne sie wäre ich nie im Leben so schnell und so wohlklingend durchgekommen. Dabei kann man zwischen verschiedenen Drummer-Typen wählen, die dann jeweils einen eigenen Stil haben. Jede erzeugte Drummer-Region (standardmäßig werden acht Takte erstellt) lässt sich in der Länge anpassen, danach legt man die Parameter des Schlagzeug-Patterns fest. Der Rest wird von der Software erledigt. Wer sich am Ende das Ergebnis anhört, wird merken, wie ausgezeichnet das funktioniert.

Auswahlmöglichkeiten nach Festlegung des Drummers

Auswahlmöglichkeiten nach Festlegung des Drummers

Ein bisschen Einarbeitungszeit war schon nötig, um die Feinheiten herauszukitzeln, denn bislang habe ich die Funktion nur selten eingesetzt. Aber es hat so gut geklappt, dass ich gegen Ende des Stücks selbst für meinen anspruchsvollen Geschmack schöne Ergebnisse erzielt habe (der geneigte Hörer möge auf die letzten zwei bis drei Minuten achten).

Ein Break vor einem neuen Abschnitt

Ein Break vor einem neuen Abschnitt

Ein bisschen „echter“ Klang muss dann doch sein

Als das Stück schon fast ganz fertig war, bemerkte ich, dass trotz aller akzeptablen musikalischen Ideen der synthetische Klang ein wenig zu viel des Guten sei. Etwas „Echtes“ musste her. Und da ich ein (noch immer unterstütztes) USB-Mikrophon habe, schloss ich es kurzerhand an, zückte meine Trompete und ein paar Dämpfer und spielte heute Nachmittag ein paar Minuten an Solo-Parts ein, die ungefähr die letzten zwei Minuten des Soundtracks ausmachen.

Nun will ich mich nicht über den Klee loben, doch gerade der „echte“ Klang am Ende wirkt meiner Meinung nach recht versöhnlich, nachdem der Hörer die gesamte Zeit vorher nur künstliche Klänge zu hören bekam.

Lust bekommen?

So, wer nun Lust bekommen hat, das Stück einmal anzuhören, der sei auf meine SoundCloud-Seite verwiesen, denn dort habe ich den Track hinterlegt. Viel Spaß beim Anhören! Ich freue mich über Kommentare.

 

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Leben mit dem Widerspruch

Heute habe ich beim morgendlichen Sport-Programm einen relativ langen Abschnitt eines meiner Lieblings-Hörbücher („Die Furcht des Weisen – Teil 1“ von Patrick Rothfuss) gehört. Über einen Zeitraum von ca. zehn bis 15 Minuten breitete der Autor (vertreten durch den nicht minder genialen Vorleser Stefan Kaminski) darin das aufregend verwirrende Erlebnis des Protagonisten Kvothe aus, der bei der Suche nach einer Information in der Bibliothek seiner Universität verschiedene sich komplett widersprechende Quellen findet.

Im Verlauf der Diskussion mit seinen Freunden über diesen eigenartigen Zustand, der so seiner Meinung nach eigentlich gar nicht existieren dürfte, erwächst eine große Sensibilisierung für die Fragilität von gedrucktem Wissen. Faszinierend.

An der Universität habe ich im Studium ein Seminar im Fach Musikwissenschaft (in diesem Fall ging es primär um Musikgeschichte) erlebt, das mir aus einem ganz ähnlichen Grund ebenfalls bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Das Seminar wurde von Professor Ulrich Konrad an der Universität Würzburg gegeben. Der Gegenstand war die Kompositionstechnik von Wolfgang Amadeus Mozart.

Um diese Kompositionstechnik ranken sich diverse Mythen, die bis heute von diversen Autoren musikhistorischer Werke weitergegeben werden, ohne jemals auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht zu werden. Prinzipiell hat Mozart — so der Mythos — alles im Kopf fertig komponiert, um es am Ende nur noch in einem Handstreich zu Papier zu bringen. Es ist relativ schwierig, einen Gegenbeweis zu führen, denn der gute Mann ist schon ein paar Jahre tot.

Noch dazu gibt es einen Briefwechsel zwischen Wolfgang und Leopold Mozart (dem Vater), der diesen Irrglauben seit Jahrzehnten (wenn nicht Jahrhunderten) auch noch massiv anheizt. In diesem Briefwechsel drängt der Vater seinen Sohn, sich ernsthaft seiner Arbeit zu widmen. Er fragt, wie weit die in Auftrag gegebene Oper schon sei. Wolfgang antwortet ganz salopp: „Komponiert ist schon alles, geschrieben noch nicht.“ Und schon ist es passiert: Mozart selbst bestätigt (denkt man) die Theorie mit seinen eigenen Worten. Doch weit gefehlt: Mozart unterschied beim Arbeiten zwei unterschiedliche Tätigkeiten:

  • Komponieren war der kreative Anteil der Arbeit. Dieser wurde während der wachen und besonders fitten Phasen des Tages erledigt. Hierbei notierte Mozart die Melodien und skizzierte die Harmonien, die sich nicht automatisch aus dem Melodieverlauf heraus ergaben. Er erzeugte also ein musikalisches Skelett. Dieses Skelett, das in z.T. extrem schnellem Tempo zu Papier gebracht wurde, genügte Mozart, um beispielsweise im Konzert das Werk (im Fall einer Klaviersonate) zu spielen, denn den Rest erschloss er sich wieselflink. Dank seiner überragenden pianistischen Fertigkeiten war es dann einfach, die Harmonien gleich in passende Begleitfiguren umzuwandeln.
  • Schreiben war der eher mechanische Teil des Ausnotierens aller Füllstimmen und der Begleitfiguren. Diese Arbeit erforderte kaum Kreativität, sie konnte auch von Schülern übernommen werden — oder zu nachtschlafender Zeit erledigt werden.

Und schon sieht das Zitat ganz anders aus. Mozart hatte keine Oper von zwei bis drei Stunden Dauer komplett im Kopf und musste nur noch in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alles zu Papier bringen. Nein! Er hatte ganz einfach alle Stücke im Skelett fertig und musste nun „nur“ noch ans Ausfüllen der Stimmen gehen (was eine unglaublich umfangreiche Arbeit ist).

Zurück zum eingangs erwähnten Widerspruch der Quellenlage: Professor Konrad wollte nun die Studenten zum eigenständigen Denken (also zu ihrem eigenen Glück) zwingen. Dazu mussten sie handschriftliche Quellen von Mozart am Computer transkribieren und die Ergebnisse mit den Endfassungen der Werke vergleichen. Auf diese Weise konnte der Beweis geführt werden, dass eben nicht alle Werke nur im Kopf komplett entstanden, denn in diesem Fall hätte es zwischen Skizze und Endfassung keine Änderungen geben dürfen. Die gab es aber, und nicht zu knapp. Und somit wurde auf elegante Weise der Nachweis geführt, dass der Mythos Mozart in dieser Hinsicht eben eher ein Mythos und weniger die Realität war.

Das tut dem Genie des Komponisten Mozart in meinen Augen keinen Abbruch. Es entzaubert auch die Musik nicht wirklich. Denn die Endfassung stammt ja trotzdem von ihm.

Warum habe ich das heute so lange und breit hier wiedergegeben? Es hat etwas mit der Einstellung vieler Schüler heute zu tun — und damit meine ich leider auch sehr viele Oberstufenschüler. Erst vor kurzer Zeit las ich in einem Artikel in der FAZ, wie wenig fähig (bzw. bereit) zu akademischem Denken viele Studenten sind. Vor allem der Abschnitt „Jeder sieht das anders“ (zweite Seite) ist sehr interessant. Darin steht z.B.:

Geltungsansprüche werden so lange anerkannt, wie sie der eigenen Erfahrung entsprechen. Das gilt sogar bei Studierenden der Geisteswissenschaften für wissenschaftliche Aussagen. Literaturinterpretation sei Ansichtssache, jeder könne alles in einem Text lesen; man sehe das halt anders. Auch in moralischen Fragen „sehe jeder das eben anders“. Moral sei, was die Gesellschaft dafür hält; das sei alles anerzogen. Es gebe „eh“ keine Wahrheit. Alles sei Ansichtssache.

Ich sehe das nicht als ein G8-/G9-Problem, denn die G9-Schüler von heute sind da sicher nicht anders. Ich sehe es jedoch als ein Einstellungsproblem der Schüler: Viele sind nicht mehr bereit, etwas zu leisten, um etwas zu erhalten. So auf die Art: „Wenn ich immer schön aufpasse und nicht störe, muss eine Eins doch drin sein, oder?“ Die Note Eins steht aber für exzellente und wirklich herausragende Leistungen. Ich habe vor einigen Wochen zwei Mädels aus der Mittelstufe nach einem meiner Meinung nach wirklich grottenschlechten Referat ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass es nicht den Qualitätskriterien für die Noten Eins, Zwei oder Drei entspräche. Über die nächsten Stunden hinweg wurde ich von ihnen geflissentlich ignoriert. Eine Mitschülerin informierte mich dann beim Hinausgehen, dass die beiden eine Entschuldigung von mir erwarteten.

Nochmals zurück zur widersprüchlichen Quellenlage: Hier muss man sich mühsam das Wissen aneignen, man muss die Widersprüche aushalten, die man aufgrund der Quellenlage vielleicht nie wird auflösen können. Wer sich so Wissen aneignet, hat den Wert der Bildung erkannt. Mit einem von der Wirtschaft oktroyierten Turbo-Abi (Stichwort: „Entschlackung der Lehrpläne“) und Schnell-Studium geht das immer mehr verloren. Bildungspolitik wird immer mehr zum Handlanger der wirtschaftlichen Interessen. Je schlechter die Bildung, desto gefügiger und billiger die Arbeitskraft. Ich möchte und werde das als Lehrer nicht mittragen. Meine Auffassung von Unterricht hat sich in den letzten Jahren zunehmend dahin entwickelt, dass es „ohne Fleiss keinen Preis“ gibt. Da muss man sich durch die Quellen durchackern und die Zähne zusammenbeißen, das Sitzfleisch trainieren — es ist anstrengender und zäher. Aber es hilft.

 

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Tabula rasa

Sieben (Dogmartyrium)

Am 9. Januar 2012 habe ich meine jüngste Komposition – „Sieben (Dogmartyrium)“ – bei meinem Auftraggeber, der Stadt Schwäbisch Gmünd, abgegeben. Das Stück wird am 19. Juli 2012 im Rahmen des Festivals Europäische Kirchenmusik im Gmünder Münster uraufgeführt. An diesem Stück hatte ich fast ein Jahr gearbeitet – zuerst wochenlang nur im Kopf, dann stunden-, tage- und wochenlang ganz praktisch.

Im Verlauf einer so langen und überaus intensiven Beschäftigung mit der Thematik entsteht in mir fast immer diese aus den alten Bud Spencer- (der in der Stadt Schwäbisch Gmünd ja auch für einigen Wirbel gesorgt hat) und Terence Hill-Filmen bekannte Hass-Liebe: Einerseits ist man froh, so weit gekommen zu sein, so viele Gedanken mehr oder weniger strukturiert auf das (wenngleich virtuelle) Papier bekommen zu haben, eine künstlerische Idee nicht nur gehabt sondern bis ganz zum Ende hin verfeinert zu haben. Andererseits geht mir die Arbeit dann gelegentlich auch gehörig auf die Nerven. Vor allem zum Ende hin verstärkt sich dieser Eindruck manchmal (aber ich könnte wetten, nicht der einzige Komponist zu sein, dem es so ergeht/erging).

Interessanter als diese emotionalen Auswirkungen des langen Arbeitsprozesses, der natürlich nicht kontinuierlich sondern in einigen geballten Arbeitsphasen voller Intensität verlief, ist aber die Frage, wie ich zu Beginn an diese Arbeit gegangen bin. Das Musical „Die Leichenbraut“ konnte ich anhand der Texte verhältnismäßig leicht schreiben, denn ich hatte durch die Textstruktur ja auch schon eine grobe Vorsortierung, einen Sprachrhythmus, eine Rahmenhandlung und dergleichen mehr. Genau diese hilfreichen Elemente lagen mir nur bruchstückhaft oder unausgegoren vor, als ich an die Arbeit zu „Sieben“ ging (den Titel gab es da auch noch nicht, der entstand tatsächlich erst einen Tag, bevor ich den letzten Takt komponierte).

Um vernünftig in den eigentlichen musikalischen Schaffensprozess starten zu können, trat ich mit meiner Frau in Verhandlungen. Sie war extrem entgegenkommend und nahm unsere drei Kinder über ein Wochenende mit zu ihren Eltern, so dass ich zwei Tage völlig für mich allein werkeln konnte. Und diese Zeit habe ich genutzt. Alles, was in dieser Zeitspanne entstand, ist bis zur Abgabe im Werk verblieben, jede einzelne Note! Viel anderes Material wurde im Verlauf der Arbeit gleich wieder aussortiert und gelöscht.

Kaum war ich allein in der Wohnung, stellte ich neben meinem Computer-Tisch das E-Piano auf. Auf diese Weise konnte ich mich zum Ausprobieren ans E-Piano drehen. War der Einfall gut und hielt meiner wiederholten Kontrolle stand, so drehte ich mich einfach nur auf meinem drehbaren Bürostuhl zum iMac um und konnte dort sofort die Noten in Sibelius eingeben. Die kaum vorhandene Zeitverzögerung erlaubte mir, viele spontane Gedanken festzuhalten. Wenn dann nach einigen Minuten die Ideen spärlicher sprudelten, ging es an die jeweilige Verarbeitung. Zum Glück war da dann ja schon alles notiert…

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