Gesehen: „The Revenant”

Große Erwartungen, die leider enttäuscht wurden...
Große Erwartungen, die leider enttäuscht wurden…

Vor einigen Monaten hörte ich beim Laufen das (selbstverständlich ungekürzte) Hörbuch „Der Totgeglaubte” von Michael Punke, dessen Roman die Basis für die medial wirklich unglaublich gehypte Verfilmung mit Leonardo diCaprio bildet.

Ein spannendes und facettenreiches Hörbuch, das ich nur empfehlen kann!
Ein spannendes und facettenreiches Hörbuch, das ich nur empfehlen kann!

Das Hörbuch hat mir ausnehmend gut gefallen, da es einerseits durch die vielen kleinen Details über das damalige Leben sowohl der Siedler als auch der amerikanischen Ureinwohner in Nordamerika bestach und andererseits einfach eine spannende Geschichte mit etlichen überraschenden Wendungen und vielen philosophisch-moralischen Abwägungen bot.

Handlung

Die Handlung lässt sich in groben Zügen wie folgt zusammenfassen, denn reduziert man sie auf die harten Fakten, dann bleibt nicht so viel an Details übrig:

Ein Trupp Felljäger ist in den noch unerschlossenen Gebieten Nordamerikas unterwegs, ständig auf der Hut vor jenen Indianerstämmen, die ihnen Ausrüstung stehlen oder sie töten wollen. Deshalb gibt es in dem Trupp mehrere Späher, die die Umgebung erkunden, Ausschau nach guten Lagerplätzen und Nahrung halten, vor feindlich gesinnten Stämmen warnen und dergleichen mehr. Einer von ihnen, der beste Kundschafter, ist Hugh Glass, der eines Tages von einer Bärenmutter in der Nähe ihrer Kinder erwischt und schlimm zugerichtet wird. Doch es gelingt ihm, die Bärin zu töten, außerdem überlebt er den Kampf ganz knapp.

Der Trupp wird in der Zwischenzeit sowohl von Nahrungsmangel als auch von sich nähernden (in diesem Fall feindlich gesinnten) Indianern weiter getrieben. Da Glass nicht selbst laufen kann und das Vorankommen für alle übrigen extrem erschwert und verlangsamt, lässt man ihn mit zwei Wachen (Fitzgerald und Bridger) zurück, die ihn nach seinem eher früher als später zu erwartenden Tod anständig begraben sollen.

Doch schon bald hat Fitzgerald die Schnauze voll, außerdem ist ihm die Situation zu gefährlich. Deshalb überredet er den jüngeren Bridger, die Sache einfach aufzugeben, niemandem später etwas davon zu verraten und sich einfach so auf den Weg hinter den anderen her zu begeben. Sie nehmen Glass sein Gewehr ab und ziehen los, fest davon ausgehend, dass er ohnehin bald sterben werde.

Glass überlebt jedoch, unter größten Mühen kämpft er sich allein durch die Wildnis, immer angetrieben von dem Verlangen nach Rache, wobei er diesen Antrieb durchaus auch immer wieder hinterfragt. Ab hier unterscheiden sich Film und Buch dann deutlich, denn das Buch schildert eine wahre Odyssee, die sich über verhältnismäßig lange Zeit hinzieht, wohingegen der Film alles als eine kompakte, am Stück ablaufende Handlung darstellt. Die geschichtlich als wahr verbürgte Gestalt des Hugh Glass tötete später weder Bridger noch Fitzgerald, im Film jedoch läuft alles auf eine tödliche Jagd nach Fitzgerald hinaus, die – selbstverständlich – äußerst blutig und gewalttätig endet.

Unterschiede zwischen (Hör-)Buch und Film

Irgendwann vor etlichen Wochen gab es die Kino-Verfilmung bei iTunes im Sonderangebot für 4 oder 6 Euro, also kaufte ich ihn, weil ich mich dafür interessierte, wie akkurat der Roman in der Verfilmung umgesetzt worden war. Doch ich muss dem Film ein bestenfalls durchwachsenes Zeugnis ausstellen. Die Gründe:

  • Der Roman ist sehr vielschichtig, nimmt sich Zeit für jene Details, die für die Handlung nicht immer zwingend notwendig sind, die aber für mich die Authentizität der Erzählung enorm steigern. Der Film besticht durchaus durch opulente Bilder, gerade die Darstellung der „Indianer“ ist aber äußerst eindimensional: Im Buch werden viele verschiedene Stämme geschildert, von denen einige mit den Weißen kooperieren, während andere mit ihnen im Krieg leben und wieder andere sich da nicht pauschal festlegen, sondern situativ entscheiden. Im Film gibt es derlei Differenzierung nicht (oder nur minimal), um das in vielen Western-Filmen klar definierte Feindbild (Weiße vs. Indianer) möglichst unangetastet zu lassen. Das hätte bei einem Film mit einer Länge von mehr als zweieinhalb Stunden durchaus Platz finden können.
  • Der Punkt, der mir den Film am meisten „vergällt“ hat, war aber ein anderer: Im Buch regiert die Gewalt nicht, stattdessen ist es ein gelungenes zeitgeschichtliches Szenario, in dem Aspekte wie Moral, Philosophie, Menschlichkeit, Kultur ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Im Film sind gerade diese Aspekte nebensächlich, sie werden oft nur gestreift, niemals aber zentral behandelt. Auch die Frage, ob Fitzgerald getötet werden muss, wird im Film nicht gestellt, das ist das einzige Ziel, auf das Hugh Glass ab dem Zeitpunkt, wo er allein in der Wildnis zurück gelassen wird, hinarbeitet.
  • Die opulenten Filmbilder können über die mehr als dürftige „Überleben- und dann Rache“-Geschichte kaum hinwegtäuschen. Auch wenn es etliche sehr gelungene Szenen und ein hohes Niveau an Spannung gibt, hinterließ der Film bei mir ein Gefühl der Enttäuschung und Leere, eben weil die oben dem Buch zugeschriebenen Eigenschaften einfach fehlen.

Fazit

In ein paar Wochen oder Monaten muss ich mir den Film noch einmal ansehen. Da ich jetzt nicht mehr eine getreue Umsetzung des Buches erwarte, schafft er es dann vielleicht, mich mehr zu begeistern (ich zweifle jedoch daran). Wer sich für die Geschichte hinter dem Namen Hugh Glass interessiert, dem empfehle ich klar das Buch bzw. das Hörbuch (die ungekürzte Lesung ist inhaltlich ja identisch). Der monströse Hype um diesen Film will mir nicht ganz verständlich werden, denn die Handlung ist absolut nicht außergewöhnlich, es gibt unzählige Action-Filme, die eine sehr ähnliche Handlung besitzen – das opulente Ambiente allein schafft es eben nicht, ihn weit über dieses Niveau heraus zu katapultieren. Schade, sehr schade, da wurde viel verschenkt, das zu einem wesentlich besseren Film hätte gemacht werden können.

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Podcast-Empfehlung: „Sparkletack“

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„Sparkletack – The San Francisco History Podcast“ von Richard Miller – ein absolutes Muss für alle Fans dieser einmaligen Stadt!

Vor ein paar Jahren entdeckte ich über eine Empfehlung in einer Zeitschrift oder einem Buch den Podcast „Sparkletack“. Der Titel ist ein reines Fantasiewort, denn sparkle heißt so viel wie „glitzern, leuchten“, und tack ist eine „Reißzwecke“. Mit dem Thema des Podcasts hat beides nichts zu tun, denn dieser Podcast hat nur ein zentrales Thema: Die Stadt San Francisco.

Da ich dort geboren bin und es sich gleichzeitig um die schönste Stadt der Welt handelt, existiert tief in mir ein profundes Interesse an der Stadt. Ich war auch schon einige Male dort, allerdings lange nicht so oft, wie ich es gerne hätte – doch Fliegen ist teuer und äußerst unökologisch, zwei aus meiner Sicht starke Faktoren, die gegen allzu häufige Besuche sprechen.

Richard Miller

Die Podcast-Serie wurde ins Leben gerufen und komplett produziert von Richard Miller, einem Ex-Bewohner von San Francisco, den sein Beruf bereits vor acht Jahren weiter in den Norden, nach Portland in Oregon, verfrachtet hat. Aus seiner Liebe zu dieser Perle aller Städte erwuchs eine wundervolle Sammlung von Episoden, die San Francisco aus den unterschiedlichsten Sichtweisen portraitieren.

Worum geht’s?

Die ca. 100 Episoden behandeln so vielseitige Themen wie:

  • Eigenheiten des Essens und Trinkens in San Francisco
  • Sehenswürdigkeiten, die entweder jeder oder aber keiner kennt
  • Die Geschichte der Stadt
  • Historische Persönlichkeiten von Interesse

Jede Folge ist liebevoll recherchiert und eingesprochen worden – hört man sie der Reihe nach durch, merkt man, wie Richard Miller von Episode zu Episode sicherer und routinierter wird. Die Episodenlänge variiert sehr stark, denn es gibt kurze Episoden, die nur fünf oder sechs Minuten dauern, denen wiederum lange Episoden mit einer Spielzeit von gut 40 Minuten gegenüberstehen.

Gerne immer wieder…

Vor Jahren habe ich alle Folgen der Reihe nach durchgehört, immer wieder lade ich mir entweder einzelne Episoden oder doch gleich alle und höre mir meine persönlichen Highlights wieder an. Gerade im August, wenn der Arbeitsdruck bei mir geringer ist, schätze ich es sehr, mich wieder in diese nostalgische Stimmung versetzen zu lassen.

Wo gibt’s den „guten Stoff“?

Sollte ich nun jemandem Appetit auf „Sparkletack“ gemacht haben, wäre es mir persönlich eine große Freude. Zu finden ist der Podcast entweder (für die Apple-Nutzer) direkt in der Podcast-App von Apple (Teil von iOS, einfach bei der Suchfunktion den Titel eingeben und die Folgen laden/streamen) oder auf der Homepage sparkletack.com

Ausflug zur Harburg

Gestern spielte das Wetter mit, außerdem sind gerade Ferien – ideale Bedingungen, um einen Familienausflug, der eigentlich schon seit Jahren immer auf der Agenda stand, zu unternehmen. Gegen Mittag waren alle Vorbereitungen abgeschlossen, dann ging es von Aalen zur Harburg (im Nördlinger Ries). Auf dem Weg zu den Schwiegereltern in der Gegend von Ingolstadt kamen wir früher recht häufig dort vorbei, fast jedes einzelne Mal sagten wir uns: „Irgendwann müssen wir uns die Burg mal ansehen!“ – Und kaum waren wir daheim: Aufschieberitis, weil halt so viel anderes anstand. Seit gestern können wir aber endlich sagen: Wieder ein Haken auf unserer langen Liste!

Und die Harburg ist wirklich ein schöner Flecken, den man sich genussvoll ansehen kann. Ein paar der Bilder, die ich geschossen habe, sind hier zu einer kleinen Collage vereint:

Oben links: Ausblick von der Harburg auf den Ort Harburg, oben rechts: Blick auf die Burgmauer mit dem Rundweg, unten links: vom Gang auf der Burgmauer hinab auf den schön gepflegten Garten, unten rechts: der Innenhof – hier lässt es sich ganz gut aushalten!
Oben links: Ausblick von der Harburg auf den Ort Harburg, oben rechts: Blick auf die Burgmauer mit dem Rundweg, unten links: vom Gang auf der Burgmauer hinab auf den schön gepflegten Garten, unten rechts: der Innenhof – hier lässt es sich ganz gut aushalten!

Holzauge, sei wachsam!

Wenn wir uns schon auf einen derartigen Ausflug begeben, dann nehmen wir selbstverständlich auch die Führung durch die Burg mit. Und in diesem Fall war das ein richtiger Glücksgriff, denn die junge Führerin (vermutlich eine Schülerin aus der Gegend, die sich in den Ferien etwas dazu verdiente) machte ihre Sache sehr gut.

Und wir alle lernten tatsächlich ein paar Dinge dazu, so zum Beispiel den Ursprung des Sprichworts „Holzauge, sei wachsam!“ Dieses leitet sich ab von den Schießscharten für die Armbrust-Schützen. Damit ihnen, während sie am Nachladen bzw. Nachspannen der Armbrust waren, kein Feind von außen einen Pfeil hereinschicken konnte, war ein ausgehöhltes Holzstück in die Mauer eingesetzt (siehe Bild). Wenn man schießen wollte, nutzte man die Aussparung, wenn man dagegen nachlud, drehte man einfach das Holzstück, sodass kein Pfeil/Bolzen hereinfliegen konnte.

Das ist das Holzauge, schön kann man erkennen, dass außen herum genug Platz ist, um das Drehen zu ermöglichen – wir durften es auch alle selbst ausprobieren.
Das ist das Holzauge, schön kann man erkennen, dass außen herum genug Platz ist, um das Drehen zu ermöglichen – wir durften es auch alle selbst ausprobieren.

An dieser Stelle testete ich noch die Kamera meines neuen iPhones (7 Plus), indem ich einmal durch die Aussparung hindurch fokussierte und einmal den Innenrand anvisierte. Die zwei Bilder sind schon beeindruckend gut, vor allem das mit dem Innenrand:

Hier ging der Fokus auf den Baum draußen. Das ist schon ganz gut, aber noch nichts im Vergleich zum folgenden Bild...
Hier ging der Fokus auf den Baum draußen. Das ist schon ganz gut, aber noch nichts im Vergleich zum folgenden Bild…
Das Bild hat mich wirklich umgehauen, denn die extreme Detailschärfe ist für eine Smartphone-Kamera schon sehr beeindruckend.
Das Bild hat mich wirklich umgehauen, denn die extreme Detailschärfe ist für eine Smartphone-Kamera schon sehr beeindruckend.

Iron Man

Ach ja, eines war da noch. Am Ende der Führung bekamen wir den Prototypen von Iron Man zu sehen:

Natürlich ist das bloß ein Spaß, aber irgendwie erinnerte mich die Rüstung gestern sehr an den ersten Iron Man-Prototypen aus dem Kinofilm...
Natürlich ist das bloß ein Spaß, aber irgendwie erinnerte mich die Rüstung gestern sehr an den ersten Iron Man-Prototypen aus dem Kinofilm…

Oje! Die Rüstung war unter Garantie fürchterlich unbequem und schwer. Ob man sich als Träger damit wirklich einen Gefallen getan hat, wage ich schwer zu bezweifeln. Sicher, gegen ein paar leichte Waffen war man darin ganz gut geschützt, doch dafür büßte man auch an Beweglichkeit und Schnelligkeit ein, ganz abgesehen von der Erschöpfung, die allein durch das zusätzliche Gewicht zu erwarten war.

Fazit

Gestern kamen Wetter, Entspannung und eine wirklich gut präsentierte Harburg zu einem wundervollen Ferienerlebnis für unsere ganze Familie zusammen. Wer nah genug dran wohnt, sollte sich bei schönem Wetter auch einmal auf den Weg machen, es lohnt sich!

Trumps zweite Amtszeit

Heute mal noch eine kleine politische Prophezeiung: Ich bin mir relativ sicher, dass es hinsichtlich des amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika eine von zwei Meldungen geben wird: Entweder wird Donald Trump ziemlich bald seines Amtes enthoben (aus meiner persönlichen Sicht heraus wünschenswert, aber derzeit nicht ernsthaft zu erwarten), oder er schafft es tatsächlich in eine zweite Amtszeit.

Den ersten Punkt muss ich nicht elaborieren, denn durch die Medien geistern täglich neue Meldungen über Fehltritte und (mehr oder weniger grobe) Schnitzer des Präsidenten. Kombiniert man das noch mit den Anschuldigungen hinsichtlich seiner vielen Russland-Verbindungen, die in der amerikanischen Seele ja immer noch eine ganz bestimmte Glocke zum Klingen bringen, müsste es eigentlich langsam sehr eng werden – ob es das wirklich tut, wird die Zeit zeigen müssen. Bislang habe ich nicht den Eindruck.

Erstaunlich ist nur, dass die Republikaner noch nicht gemerkt haben, dass sie im Falle eines erfolgreichen Impeachment Trumps als seine Steigbügelhalter ebenso „den Bach runter gehen“ würden wie ihr ungeliebter Präsident. Von den Demokraten erwarte ich im Moment nicht wesentlich mehr als das, was sie aktuell tun: Nichts bzw. fast nichts. In den ersten Wochen nach der Wahl konnte man das durchaus einer gewissen Schockstarre zuschreiben, mittlerweile ist es schlicht unentschuldbar. Trotzdem bekommen sie keine gerade Linie in ihren Widerstand gegen die aktuelle Regierung – echte „Opposition“ sieht anders aus.

Aber für den Moment möchte ich einfach mal davon ausgehen, dass es kein erfolgreiches Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump geben wird. Und für diesen Fall rechne ich mittlerweile mit einer zweiten Amtszeit. Das klingt vielleicht etwas provokant, ich habe aber Gründe, die ich nun darlegen möchte.

Pro-Trump-Wähler leben in ihrer eigenen Welt

Ein Großteil der Trump-Wähler ist schlicht und einfach nicht gebildet genug, um die platten Statements als das zu erkennen, was sie sind: heiße Luft. In diversen in- und ausländischen Nachrichtenformaten wurde nach 100 Tagen Amtszeit zusammengefasst, was von Trumps angekündigten Veränderungen umgesetzt wurde: Nichts (siehe Bild unten). Bei seinen überzeugten Wählern hat dies jedoch keinerlei Auswirkungen gehabt, ihre Unterstützung ist im weiterhin sicher. Der Grund liegt auf der Hand: Er erzählt ihnen genau, was sie hören wollen. Die Umsetzung der vielen Versprechen ist mittlerweile gar nicht mehr nötig, nur versprochen muss es werden, garniert mit einem zünftigen „Make America GREAT AGAIN!“

Tweets wie diese geistern bereits seit Wochen täglich durch alle „sozialen“ Medien.
Tweets wie diese geistern bereits seit Wochen täglich durch alle „sozialen“ Medien.
Genau genommen hat Donald Trump aber auch noch nicht wirklich etwas auf die Beine stellen können in seiner Amtszeit – in dieser Hinsicht bleibt er weit hinter seinen vollmundigen Versprechungen zurück.
Genau genommen hat Donald Trump aber auch noch nicht wirklich etwas auf die Beine stellen können in seiner Amtszeit – in dieser Hinsicht bleibt er weit hinter seinen vollmundigen Versprechungen zurück.

Postfaktische Neuigkeitsblasen

Wir sind definitiv im Zeitalter des Postfaktischen angekommen. Damit meine ich nicht nur die einzelnen Nachrichtensender, die ausschließlich positiv über den Präsidenten und seine Parteikollegen berichten. Mir geht es eher um die auf den jeweiligen Nutzer maßgeschneiderten News-Bubbles, wie sie die modernen sozialen Netzwerke erlauben. Neuigkeiten, die einem nicht in den Kram passen, werden stumm geschaltet („mute“) oder der Verfasser gleich ganz geblockt. Noch nie war es so einfach, sich eine eigene Welt voll von ausschließlich „genehmen“ Nachrichten zu basteln. Bereits vor Jahren (zu Zeiten der „Tea-Party“ um Sarah Palin) war das deutlich erkennbar, doch das Ausmaß ist derart angewachsen, dass es immer schwerer wird, zu den Menschen innerhalb einer solchen maßgeschneiderten Blase von Neuigkeiten, die derjenige an sich heranlässt, vorzudringen. Und wenn ein absoluter Trump-Anhänger sich so seine eigene Realität einmal gebastelt hat, ist es schier unmöglich, ihn oder sie wieder mit rationalen Argumenten auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen. Beweis gefällig? Hier.

Fazit

Zusammengefasst können wir also festhalten, dass es auf der einen Seite in den USA eine schwache Opposition gibt, die ihre Zeit in den letzten Monaten zu stark mit einer eigenen verzweifelten Suche nach Lösungen für ihre internen Probleme verbracht hat: Würden Trump und sogar noch Pence durch ein hypothetisches Impeachment schon morgen aus dem Amt gejagt, wer sollte denn als demokratischer Kandidat einspringen? Da ist einfach kein charismatischer Kandidat, der bereit steht – selbst Hillary Clinton war ja nicht wirklich beliebt (und Bernie Sanders würde es nach dem letzten Wahlkampf vermutlich nicht noch einmal wagen, anzutreten).

Auf der anderen Seite stellen die Trump-Wähler eine große gesellschaftliche Gruppe dar, die sich wenig Sorgen um die Erfüllung der vollmundigen Versprechungen macht, solange man die Versprechungen in der passenden Rhetorik („MAKE AMERICA GREEEEAAAAT AGAAAAAAAIIIN!“) nur immer wieder laut genug wiederholt. Gleichzeitig wird medial zwar über alles berichtet, doch je nach Fernsehsender oder sozialen Medien haben sich die Lager klar einsortiert, sodass man als Angehöriger der einen oder anderen Gruppe oft nur noch die „gewünschten“ Fakten zu Gesicht bekommt1.

Der nächste Wahlkampf wird eine reine Schlammschlacht werden, doch Donald Trump lebt seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten in genau dieser Welt und beherrscht dieses Spiel mit einer gnadenlosen Rücksichtslosigkeit wie kein Zweiter. Genau deshalb wird Trump meiner Einschätzung nach auch wieder gewählt werden und eine zweite Amtszeit im Weißen Haus absolvieren. Und die Amerikaner werden – auch wenn es sich „hart“ anhört – ihn verdienen. Doch das muss ich an anderer Stelle noch einmal aufgreifen, denn für heute habe ich genug über Politik geschrieben.

Nachtrag 1 (31.7.2017, 20:10):

Vorhin habe ich bei Twitter den folgenden Link entdeckt, der mittels eines Zitats angekündigt wurde – passt perfekt zum Thema, gerade zum Kommentar von Robert.

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Sehr passend, schon in der kurzen Zusammenfassung.

Nachtrag 2 (5.8.2017, 17:15):

Gerade heute früh hat jemand bei Twitter (siehe Bild) ebenfalls diese News-Bubble schön treffend erwähnt:

IMG_1392.jpg
Grob übersetzt: Nicht nur Dschihadisten werden online radikalisiert. [Es gibt] so viele Twitter-Subkulturen mit ihrem eigenen Ansichten-Set und der sich selbst verstärkenden Empörung.
  1. Darüber muss ich mich an anderer Stelle auch noch einmal auslassen, denn das politische System der USA unterscheidet nur noch zwischen zwei Lagern, somit gibt es nur noch: „Bist du nicht für mich, bist du gegen mich!“ – Kompromisse, wie sie in der Politik unvermeidlich sind, werden dadurch aber unmöglich gemacht.

Wortspende

Endlich hatte ich mal wieder die Muse und — vor allem — Zeit, mich einer Wortspende anzuschließen. Noch dazu waren die Begriffe derart passend, dass mir die zehn Sätze quasi sofort ins Hirn sprangen.
Endlich hatte ich mal wieder die Muse und — vor allem — Zeit, mich einer Wortspende anzuschließen. Noch dazu waren die Begriffe derart passend, dass mir die zehn Sätze quasi sofort ins Hirn sprangen.

Gleich nach dem Aufstehen habe ich heute die aktuelle Wortspende von Christiane entdeckt (hier), die mich noch dazu spontan animierte, selbst die virtuelle Tastatur meines iPads zu bearbeiten — das Ergebnis könnt ihr unten lesen.

Die drei Begriffe für heute lauten:

  • Stativ
  • Kindheitstraum
  • nachspüren

Und hier folgt nun meine in zehn Sätzen erzählte Geschichte zu den drei Reizwörtern:

An diesem Morgen stand Rudi ganz früh auf — genau genommen war es noch nicht einmal Morgen, denn draußen herrschte noch tiefe Dunkelheit. Mit routinierten Handgriffen packte er sein Stativ und die Kameratasche, alles am Vorabend akribisch vorbereitet, seine Thermoskanne, das iPhone und verließ das Haus. Drei Uhr und 28 Minuten, huch, die Zeit drängte, immerhin wollte Rudi sich heute einen Kindheitstraum erfüllen. Mit entschlossenem Schritt bewegte er sich auf den steil ansteigenden Hang zu und begann den anstrengenden Aufstieg. Schon als Kind hatte er die Idee gehabt, seinen Heimatort während des Sonnenaufgangs in vielen Bildern zu fotografieren, die er später am Computer zu einer Zeitraffer-Aufnahme verarbeiten würde. So könnten alle, die sich diesen Film ansahen, ebenfalls den Zauber, den er jedes Mal dabei empfand, am eigenen Leib erfahren, seinem Kindheitstraum nachspüren…

Gehört: „The Remains of The Day“ von Kazuo Ishiguro

Eines der besten Bücher, das ich in den letzten zwei Jahrzehnten gelesen (und nun auch gehört) habe.
Eines der besten Bücher, das ich in den letzten zwei Jahrzehnten gelesen (und nun auch gehört) habe.

Zum ersten Mal habe ich dieses Buch bereits vor gut 20 Jahren auf Englisch gelesen, schon damals hat es mich nachhaltig beeindruckt, denn es bedient sich einer ausgesprochen gewählten Sprache, sodass bereits das Lesen dieser hochfeinen und überkorrekten Sprache einen Genuss für sich darstellt. Dazu kommt der unaufgeregte Erzählstil, der dennoch äußerst intensiv ist. Womöglich fördert die ruhige Art der Erzählung sogar die Intensität, denn gerade die trügerische Unbewegtheit des in Form von Tagebucheinträgen seine Erfahrungen und Erlebnisse ausbreitenden Erzählers lässt von Zeit zu Zeit emotional besonders stark wirkende Momente zu.

Handlung

Die Zusammenfassung des Inhalts ist bei Wikipedia derart prägnant und gelungen, dass ich sie für meinen Blog-Eintrag einfach übernehme:

Stevens, der auf Schloss Darlington Hall als Butler eingestellt ist, begibt sich 1956 auf die Reise nach Cornwall, um dort seine ehemalige Arbeitskollegin Miss Kenton zu besuchen und sie zu bitten, nach Darlington Hall zurückzukehren. Diese Fahrt erweist sich als eine Reise in Stevens Vergangenheit. Allmählich erscheinen ihm die Erinnerungen an sein bisheriges Leben in Rückblenden. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Lord Darlington, der mittlerweile verstorben ist, in Besitz des riesigen Landsitzes. Dort fanden von etwa 1920 bis 1938 teils geheime Treffen bedeutender europäischer Politiker statt. Lord Darlington setzte sich für eine Lockerung der im Friedensvertrag von Versailles festgeschriebenen deutschen Reparationen nach dem Ersten Weltkrieg ein und war später ein Vertreter der Appeasement-Politik des britischen Premiers Chamberlain. In der Nachkriegszeit galt Darlington deshalb als „Nazifreund“, verlor eine Klage gegen eine Zeitung, die dieses nachdrücklich behauptet hatte, und starb als gebrochener Mann. Stevens erlaubte sich als loyalem und seinem Herrn ergebenem, perfektem Butler nie, die Motive seines Herrn in Frage zu stellen oder dessen Verstrickungen in den Nationalsozialismus überhaupt wahrzunehmen. Auch seine Gefühle für Miss Kenton, die ihn liebt und ihm dies durchaus zu verstehen gibt, lässt er nicht zu. Er erkennt die möglichen Chancen, die er ungenutzt hat verstreichen lassen. Am Ende seiner Reise sieht er angesichts des hereinbrechenden Abends ein, dass er nur versuchen kann, das Beste aus dem zu machen, „was vom Tage übrig bleibt“.

Faszination

Ganz abgesehen vom hohen sprachlichen Niveau übt der Roman eine hohe Faszination auf mich aus, weil er auf jeder Ebene authentisch wirkt. Stevens bemerkt erst im Verlauf der Schilderung seines Lebens, wie sehr er sich und seine eigenen Bedürfnisse hintangestellt, vergessen, verleumdet und um alles Schöne betrogen hat. Es war ein Leben des Dienstes, nicht frei von schönen und heiteren Momenten, aber weitgehend frei von echten eigenen Entscheidungen. Auf der kurzen Autoreise durch England folgt er nun zum ersten Mal seit Jahren seiner eigenen Räson, trifft eigene Entscheidungen und erkennt, was ihm all die Jahre abgenommen und zugleich verwehrt wurde. Diesem Erkenntnisprozess, der sich ganz allmählich entfaltet, beizuwohnen und dem zunehmendem Tempo zu folgen, das sich mit jeder neuen Erkenntnis erhöht, war für mich äußerst faszinierend. Vor 20 Jahren schon und vor ein paar Wochen, als ich das Hörbuch beim Laufen hörte, erneut.

Verfilmung

Die Verfilmung habe ich vor einigen Jahren auch ein- oder zweimal angesehen, doch ihr fehlt – trotz der exzellent ausgewählten Schauspieler (allen voran Anthony Hopkins und Emma Thompson), die ihren jeweiligen Part mit höchster Überzeugungskraft interpretieren – die erzählerische Größe des Romans. Doch stellt dies nur meine Meinung dar, wer Interesse an der Verfilmung hat, wird sicher nicht enttäuscht werden.

Fazit

Dieses Hörbuch ist fantastisch: Technisch makellos, inhaltlich ausgezeichnet, die Geschichte spannend und zugleich von einer stillen Dramatik — eine ganz klare Empfehlung für jeden, der sich für einen modernen Klassiker interessiert.

abc Etüden (April 2017)

Die drei Schlüsselbegriffe für die Minimalstory: „Duschvorhang“, „Leichenschmaus“, „Frühlingsgefühle“
Die drei Schlüsselbegriffe für die Minimalstory: „Duschvorhang“, „Leichenschmaus“, „Frühlingsgefühle“

In meiner WordPress-Timeline habe ich in den letzten Tagen mehrere Beiträge zur Aktion abc Etüden entdeckt. Ausgegangen ist die Aktion von „Irgendwas ist immer“ (hier), doch erst der dritte Beitrag aus meiner Timeline schaffte es, mich zur Teilnahme zu bewegen. Der Link zur Aktion – für weitere Teilnahmewillige – findet sich hier. Die aktuellen Wortvorgaben sind: „Duschvorhang“, „Leichenschmaus“ und „Frühlingsgefühle“. Alle drei Begriffe sollen in der Minimalgeschichte vorkommen, mehr als zehn Sätze sollen es nicht werden.

Und hier ist er nun, mein erster Beitrag (ich habe nur acht Sätze gebraucht). Seit der Schule habe ich keinen „kreativen“ Text mehr geschrieben, den außer mir jemand gelesen hätte. Ich bin verständlicherweise etwas aufgeregt…

Duschvorhang – Leichenschmaus – Frühlingsgefühle

Nichts ahnend betrat ich nackt, wie ich stets zu schlafen pflege, im morgendlichen Prä-Kaffee-Taumel das Bad. Meine Augen, eigentlich noch überhaupt nicht auf Dauerbetrieb eingestellt, weiteten sich zuerst nur ein wenig, als ich bemerkte, dass bereits Licht im Bad brannte, dann riss ich sie weit auf, denn da erst erkannte ich, wer hinter dem Duschvorhang unter den heißen Wasserströmen stand. Hände voller Seifenschaum, feucht, nein nass von Kopf bis Fuß – ein Anblick, der selbst einem zölibatär lebenden Eremiten spontan Frühlingsgefühle eingehaucht hätte. Mein Körper reagierte sofort, vergaß von einer Sekunde auf die andere die eben noch so erdrückende Müdigkeit, ließ beeindruckend schnell einen deutlichen anatomischen Wandel offensichtlich werden. Doch noch bevor ich weitere Schritte ergreifen konnte, hörte ich hinter mir das Tappen kleiner Kinderfüße, zögerlich zwar, doch auch unaufhaltsam. Heiß durchzuckte mich der Gedanke, in welch pochendem Zustand sich ein prominenter Teil meiner Anatomie befand. Meine Augen weiteten sich noch weiter, Panik brandete in mir auf. Da erklang die Stimme hinter dem Duschvorhang, der Situation wie immer bewundernswert gewachsen: „Denk an den Leichenschmaus…“