Archiv der Kategorie: Demokratie

Song des Tages (22) – 2016-10-03

Jeden Tag empfehle ich einen Song als den „Song des Tages“. Heute ist der Tag der deutschen Einheit. Wenn man den Nachrichten auch nur mit einem halb geöffneten Auge folgt, so entsteht fast unweigerlich der Eindruck, dass es mit der deutschen Einheit nicht allzu gut steht. Zwischen einigen der sog. „neuen“ Bundesländern (seit der Wiedervereinigung sind ja nun schon 26 Jahre vergangen) und den alten Bundesländern klafft mental eine teils erhebliche Kluft.

Erschreckend finde ich vor allem den nicht in ein recht enges Weltbild passenden Personen entgegengebrachten Hass, der sich nachweislich vor allem in den neuen Bundesländern entlädt.

Rechte Gewalt in Deutschland

Frisch von Twitter: Rechte Gewalt in Deutschland

Oft von einem völligen Missverständnis oder einer absichtlichen Ignoranz gegenüber bestehenden Tatsachen geleitet, wird der gesamte Frust an der eigenen Existenz auf ausgerechnet jene Menschen projiziert, die im Gegensatz zu denen, die ihnen hier Schaden zufügen (oder zufügen wollen), tatsächliche Not, echtes Risiko für Leib und Leben durchlebt haben und unter unsäglichen Mühen eine neue Zukunftsperspektive suchen. Mehr dazu später.

Der heutige Tag ist ein bundesweiter Feiertag, die meisten Menschen in unserem Land können sich den Tag völlig frei einteilen – ein luxuriöser Zustand, ein Privileg, das nicht viele Menschen auf der Welt mit uns teilen. Aber sicher denken heute weit weniger Menschen über den Anlass für diesen Feiertag nach als noch vor 20 Jahren. Ich habe in den letzten Tagen einige Gedanken zu diesem Thema gewälzt, was mich am Ende dazu brachte, einen ganz speziellen Song als den heutigen „Song des Tages“ auszuwählen, der sich mit keiner Silbe direkt auf unsere Situation in Deutschland bezieht, sich aber bei genauerem Hinsehen unglaublich einfach darauf übertragen ließe: „The Ghost of Tom Joad“ von Bruce Springsteen:

Die Original-Version kommt in ihrer musikalischen Schlichtheit der Geschichte, auf die sie sich bezieht, näher. Außerdem mag ich sie aufgrund ihres hervorragenden Sounds lieber (da ist dann natürlich ein für das Streaming optimiertes, sprich: mit niedriger Datenrate komprimiertes, YouTube-Video nicht das Maß aller Dinge – ich genieße das Stück am liebsten mit Kopfhörern, denn dann kann der Einsatz des Basses die Gänsehaut auf meine Arme jagen). Deswegen habe ich diesen Link an die erste Stelle gesetzt.

Die folgende Live-Version wird dagegen begleitet von einem kurzen politischen Statement des „Boss“, wodurch sie auch für die Situation in den USA einige Relevanz gewinnt:

Soweit der Teil, der für alle gleichermaßen geeignet ist, jetzt packe ich den Lehrer aus, denn unter der Oberfläche steckt in diesem Song so unglaublich viel mehr, das kann und darf ich nicht unerwähnt lassen…

John Steinbeck: „Die Früchte des Zorns“

Bruce Springsteen bezieht sich mit dem Titel auf Tom Joad, den Protagonisten des Romans „Früchte des Zorns“ des amerikanischen Autors John Steinbeck. Ohne Kenntnis der Geschichte ist es kaum möglich, die Tragweite zu erfassen, daher gebe ich nachfolgend eine kurze Zusammenfassung (der Roman ist je nach Layout zwischen 600 und 700 Seiten lang).

In dessen Verlauf begleitet der Leser eine Farmerfamilie aus Oklahoma, die nach einigen zu mageren Jahren ihr gesamtes Land (das ohnehin schon nur noch gepachtet war) und ihren Hof an einen großen Landwirtschaftskonzern verloren hat. Auf Handzetteln haben sie von angeblich tausenden verfügbarer und gut bezahlter Jobs in Kalifornien gelesen. Da ihnen ohnehin nichts anderes bleibt, als ihr Land zu verlassen, begeben sie sich mit der gesamten Großfamilie auf den beschwerlichen Weg nach Kalifornien.

Schon sehr bald sterben die mitgenommenen Großeltern, die die neue Situation schlicht nicht verkraften konnten. Weitere Familienmitglieder wie der Schwiegersohn setzen sich bei erstbester Gelegenheit ab, die Familie droht immer weiter zu zerbrechen. Als sie schließlich in Kalifornien anlangen, erleben sie in gewisser Weise die „Hölle auf Erden“: Natürlich gibt es tausende Jobs, aber auf jeden einzelnen Job kommen hunderte Bewerber, denn die bereits erwähnten Handzettel wurden anscheinend im ganzen Süden der USA verteilt. Hunderttausende Menschen sind nach Kalifornien geströmt, um dort Arbeit zu finden. Ein mörderischer Konkurrenzkampf um die wenigen verfügbaren Jobs beginnt.

Kurzer Exkurs: Kommt uns die bisherige Inhaltsangabe irgendwie bekannt vor? Menschen, die vor dem Aus stehen, begeben sich auf beschwerlichem Weg in eine unsichere Zukunft, weil sie für sich und ihre Familie eine Sicherung der bloßen Existenz suchen? Für mich klingt das sehr vertraut. Und auch die nun folgenden Ereignisse des Romans erscheinen mir auf die unangenehmste Weise gar nicht neu…

Die Bevölkerung Kaliforniens wehrt sich gegen die vielen Arbeitssuchenden, man schottet sich ab, verschanzt sich hinter Zäunen und Mauern, verfällt in einem parolenhafte, simplifizierte Weltanschauung (wir: gut, die: schlecht), versichert sich gegenseitig, „besser“ als die „Okies“ zu sein, die ja als „Schmarotzer“ und „nur zum Stehlen“ gekommen seien. Das eigentlich verfügbare Geld wird nicht etwa investiert, um eine funktionierende Infrastruktur zur sinnvollen Unterstützung der Arbeitssuchenden aufzubauen, vielmehr werden Camps geschaffen, in denen diese wie in einem Ghetto zusammengepfercht und zum Teil ihrer Grundrechte beraubt werden. Jobs werden nur an jene vergeben, die am wenigsten Geld dafür verlangen.

Zusammenschlüsse der Arbeitssuchenden in gewerkschaftsähnliche Strukturen werden in „Nacht und Nebel“-Aktionen mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Im Zuge einer solchen Aktion, bei der Tom Joad mit ansehen muss, wie einer seiner Freunde erschlagen wird, begeht er, der zu Beginn des Romans gerade erst aus dem Gefängnis heimgekehrt war, einen erneuten Affektmord. Um seine Familie zu schützen, taucht er ab, um im Untergrund für die Rechte der Unterdrückten zu kämpfen.

Der Roman endet in einer dramatischen Situation: Das Flüchtlingslager ist nach einem sintflutartigen Regen überflutet, alle Bewohner strömen desillusioniert und unterm Strich noch schlechter gestellt als vor ihrem Aufbruch nach Kalifornien auseinander. Einzig die Menschlichkeit, die sich jene erweisen, die selbst nichts zu verlieren haben, lässt den Leser noch geringe Hoffnung schöpfen.

Schreibstil und Zitat

John Steinbeck schrieb realistisch und geradlinig – und doch neben der kraftvollen Art auch immer sehr lyrisch. Aus vielen ganz alltäglichen Beobachtungen konnte er durch seine geschickte Erzählweise beim Leser einen hochgradigen ästhetischen Genuss erzeugen. Neben „Früchte des Zorns“ habe ich vor allem „Von Mäusen und Menschen“ sowie die lose als Trilogie zusammenhängenden Romane „Tortilla Flat“, „Straße der Ölsardinen“ und „Wonniger Donnerstag“ genossen – stilistisch sind sie sich recht ähnlich.

Ein Zitat direkt aus dem Roman möchte ich hier einbinden, das Steinbecks kraftvollen Schreibstil zur Geltung bringt.

Im Westen entstand eine Panik, als die Wanderer auf den Straßen sich mehrten. Die Besitzer fürchteten um ihren Besitz. Menschen, die noch nie Hunger gehabt, sahen die Augen der Hungrigen. Menschen, die noch nie etwas dringend gebraucht, sahen die Not in den Augen der Wandernden. Und die Leute in den Städten und dem flachen Vorstadtland taten sich zusammen, um sich zu verteidigen, und sie versicherten sich gegenseitig, dass sie gut seien und die Eindringlinge schlecht, wie ein Mensch es eben tun muss, bevor er kämpft. Sie sagten: „Diese gottverdammten Okies sind Diebe. Sie stehlen alles. Sie haben keinen Sinn für Eigentumsrecht.“ Und das stimmte, denn wie kann ein Mann ohne Besitz die Schmerzen eines Besitzers verstehen? Und die Leute, die sich verteidigen mussten, sagten: „Sie bringen Krankheiten mit, sie sind schmutzig. Wir können sie nicht in unsere Schulen lassen. Sie sind Fremde. Würdest du etwa deine Schwester mit einem von ihnen ausgehen lassen?“ Und die Leute zwangen sich zur Grausamkeit. (…) Der Verkäufer dachte: „Ich verdiene fünfzehn Dollars die Woche. Angenommen, so ein gottverdammter Okie würde für zwölf arbeiten!“ Und der kleine Krämer dachte: „Wie kann ich’s mit einem Mann aufnehmen, der keine Schulden hat?“ Und das wandernde Volk strömte auf den Straßen herein, und in den Augen der Menschen stand der Hunger und stand die Not. (…) Wenn es Arbeit gab für einen, kämpften ihrer zehn darum – kämpften mit niedrigem Lohn. „Wenn der da für dreißig Cents arbeitet, arbeite ich für fünfundzwanzig.“ „Nein, ich – ich habe Hunger. Ich arbeite für fünfzehn.“ „Ich arbeite auch für’n bisschen Essen. Die Kinder. Du solltest sie nur sehn. Überall kommen kleine Geschwüre raus, und sie können nicht rumlaufen.“ (…) „Ich arbeite für’n kleines Stückchen Fleisch.“ Die Felder waren voller Früchte, und über die Straßen zogen hungernde Menschen. Die Kornkammern waren voll, und die Kinder der Armen waren rachitisch, und auf ihren Rippen schwollen Aussatzgeschwüre an. Die großen Gesellschaften wüssten nicht, dass es von Hunger zu Empörung nur ein kurzer Schritt ist. Und das Geld, das für die Löhne hätte verwendet werden können, wurde für Gas, für Gewehre, für Agenten und Spitzel, für schwarze Listen, fürs Exerzieren ausgegeben. Über die Straßen krochen gleich Ameisen die Menschen und suchten nach Arbeit, nach Essen. Und die Empörung begann zu gären.

„Brennend“ aktuell

So manchen Abschnitt könnte man glatt auf unsere aktuelle Situation in Deutschland übertragen. Vor allem das ganz vage Gefühl einer völlig unkonkreten Bedrohung, das vor allem jene Menschen empfinden, die von den Flüchtlingen überhaupt nicht bedroht werden, diese irrationale Angst, die sich vor allem aus dem fremdartigen Aussehen und dem Unvertrautsein mit der Kultur der Flüchtlinge speist, die finde ich bemerkenswert.

Ein Beispiel, man könnte es auch ein Gedankenspiel nennen: Ein beliebiger Hartz IV-Empfänger hat was genau von einem Flüchtling zu befürchten?

  • Dass ihm seine Sozialhilfe gestrichen wird? Sicher nicht.
  • Dass sie weniger wird? Sicher nicht.
  • Dass ihm ein Job weggenommen wird? Wohl kaum, denn so schnell bekommt kein Flüchtling eine Arbeitserlaubnis.
  • Dass er aus der Wohnung ausziehen muss? Wenn das der Fall sein sollte, dann hat es sicher nichts mit Flüchtlingen zu tun.

Und dennoch wird auf genau dieser Angst-Schiene seit über einem Jahr gegen die Flüchtlinge Front gemacht. Pegida, AfD, NPD, alle haben sie ein Problem damit, dass hilfsbedürftige Menschen, die nicht aus eigener Schuld in Not geraten sind, bei uns Schutz suchen. Bei uns, einem der reichsten Länder der Welt! Wir können in der Mehrheit locker etwas abgeben, ohne wirklichen Verzicht ausüben zu müssen. Und dennoch jammern einige Teile der Bevölkerung herum, als würde jeder Flüchtling ihnen persönlich Schaden zufügen. Völlig inakzeptabel.

Und wer dann noch Perspektiv- und Arbeitslosigkeit als Entschuldigung für das Anzünden von Flüchtlingsunterkünften heranzieht, der verspielt sich auch noch jenes letzte Fitzelchen Würde, das er vielleicht vorher noch hatte. Beispiel gefällig? Hier:

Gerade heute Nacht bei Twitter gesehen, keine Erfindung, kann jeder einsehen...

Gerade heute Nacht bei Twitter gesehen, keine Erfindung, kann jeder einsehen…

Ich kann dem „Bundesamt für magische Wesen“, einem Account, der sonst eher auf humorige Inhalte ausgerichtet ist, hier nur zustimmen (als Lehrer muss ich natürlich das fehlende „n“ monieren, aber das ist ebenfalls Jammern auf hohem Niveau). Es gibt in einer solchen Situation keine Entschuldigung. Die eigene Perspektivlosigkeit ist kein Grund, die Unterkunft jugendlicher Flüchtlinge anzuzünden. Das kann und darf niemals ein mildernder Umstand sein.

Zurück zum „Boss“

Bruce Springsteen hat seinem Song, der bereits 1995 veröffentlicht wurde, ebenfalls eine damals aktuelle, zusätzliche Perspektive verliehen, indem er ihn auf die Immigranten aus Mexiko ummünzte. (Exkurs: Das bringt uns gleich wieder zur politischen Aktualität dieses Themas: Trump und seine Mauer, für die die Mexikaner ja zahlen sollen…). Da der Boss leider fürchterlich nuschelt, ist das Verständnis des Songtexts nicht immer einfach, also habe ich die Lyrics hier noch eingefügt:

Men walkin‘ ‚long the railroad tracks
Goin‘ someplace there’s no goin‘ back
Highway patrol choppers comin‘ up over the ridge
Hot soup on a campfire under the bridge
Shelter line stretchin‘ round the corner
Welcome to the new world order
Families sleepin‘ in their cars in the southwest
No home no job no peace no rest

The highway is alive tonight
But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes
I’m sittin‘ down here in the campfire light
Searchin‘ for the ghost of Tom Joad

He pulls prayer book out of his sleeping bag
Preacher lights up a butt and takes a drag
Waitin‘ for when the last shall be first and the first shall be last
In a cardboard box ’neath the underpass
Got a one-way ticket to the promised land
You got a hole in your belly and gun in your hand
Sleeping on a pillow of solid rock
Bathin‘ in the city aqueduct

The highway is alive tonight
But where it’s headed everybody knows
I’m sittin‘ down here in the campfire light
Waitin‘ on the ghost of Tom Joad

Now Tom said Mom, wherever there’s a cop beatin‘ a guy
Wherever a hungry newborn baby cries
Where there’s a fight ‚gainst the blood and hatred in the air
Look for me, Mom, I’ll be there
Wherever there’s somebody fightin‘ for a place to stand
Or decent job or a helpin‘ hand
Wherever somebody’s strugglin‘ to be free
Look in their eyes Mom you’ll see me.

The highway is alive tonight
But nobody’s kiddin‘ nobody about where it goes
I’m sittin‘ down here in the campfire light
With the ghost of old Tom Joad

(Ich finde es sehr spannend, wie man derart nuscheln kann, wenn es einem doch offensichtlich so wichtig ist, die Botschaft des Songs „an den Mann“ zu bringen…)

Fazit

John Steinbeck hat seinen Roman 1939 veröffentlicht – seine bis heute ungebrochene literarische Kraft wie auch die völlig akkurate Schilderung der Reaktionen der jeweils ortsansässigen Bevölkerung, zu der die Flüchtlinge gelangen, wird seither quasi permanent neu bestätigt. Erschreckend.

Bruce Springsteen hätte sich als Rockstar schon lange auf sein Altenteil zurückziehen können. Doch er steht nach wie vor mehrere hundert Mal im Jahr auf der Bühne und nutzt diese, um seine politische wie auch menschliche Überzeugung zu verbreiten. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, beeindrucken darf es einen aber durchaus – stets aufs Neue.

So, genug für heute, für einen Song des Tages ist dieser Beitrag ohnehin recht lang geworden. Doch das Thema verdient meiner Meinung nach durchaus eine etwas tiefer gehende Betrachtung.

Alle Songs in meiner freigegebenen Apple Music-Playlist.

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Das Urteil

Ich lese/höre ja immer mehrere Bücher/Hörbücher parallel, um gemäß der jeweils aktuellen Stimmungslage ein passendes aussuchen zu können. Eines der von mir bereits vier oder fünf Mal komplett durchgehörten Hörbücher ist „Das Urteil“ von John Grisham, gelesen von Charles Brauer. Die Geschichte ist spannend und Charles Brauer liest es sehr angenehm vor, daher greife ich immer wieder gerne darauf zurück.

Eines meiner Lieblings-Hörbücher: „Das Urteil“ von John Grisham, gelesen von Charles Brauer – ein absoluter Genuss!

Eines meiner Lieblings-Hörbücher: „Das Urteil“ von John Grisham, gelesen von Charles Brauer – ein absoluter Genuss!

Jedes einzelne Mal überkam mich beim Anhören die Lust auf einen entsprechenden Blog-Eintrag, denn das Thema brennt mir, wie man so schön sagt, unter den Nägeln. Ich habe nie geraucht und hege sicherlich keinerlei Ambitionen, damit anzufangen — mein Vater war schließlich Lungenarzt. Raucht jemand in meiner Umgebung, so spreche ich denjenigen (oder diejenige, es rauchen ja immer mehr Frauen, die Werbung hat also ihren Zweck erfüllt) zwar nicht offensiv darauf an (das entspricht einfach nicht meinem Charakter), entferne mich selbst aber so weit, dass ich den Rauch nicht abbekomme, denn den Geruch kann ich überhaupt nicht ausstehen.

Die Thematik des Romans

Nun ist es also soweit, der Blogeintrag wird geschrieben (er wird seit vier Monaten geschrieben, doch so ganz zufrieden war ich noch nicht damit). Ich beginne noch einmal bei John Grishams Roman „Das Urteil“, einem juristischen Thriller über den fiktiven Prozess der Witwe eines (vor Beginn der Handlung verstorbenen) langjährigen Rauchers gegen einen Tabakkonzern. Spannend wird der Roman nicht so sehr aufgrund seiner Thematik, die an sich auch schon hochbrisant ist, stellt sie doch ein zentrales Dilemma unserer heutigen Gesellschaft ins Zentrum:

Wie soll eine Gesellschaft mit einem früher als völlig normal geltenden, bis heute legalen Suchtmittel umgehen, von dem jeder weiß, dass es eine tödliche Gefahr darstellt?

Für Alkohol steht sicherlich irgendwann die grundsätz gleiche Debatte mit einem leicht anderen Anstrich, sicherlich aber einer ebenso mächtigen Lobby im Hintergrund irgendwann an.

Logik…

Im Prinzip sollte die Entscheidung ja außerordentlich simpel sein: Der Rauch von Zigaretten ist höchst gefährlich, und das in den Zigaretten enthaltene Nikotin sorgt binnen kurzer Zeit für eine Abhängigkeit, die für viele Raucher sehr schwer (für etliche niemals) zu überwinden ist. Und während der (und heutzutage immer mehr die) Süchtige diesem körperlichen und geistigen Drängen nachgibt, schädigt er/sie den eigenen Körper aufs Schwerste. Selbst nach dem Einstellen des Rauchens vergehen mehrere Jahre, bis das Krebsrisiko wieder auf den annähernd gleichen Wert wie bei einem Nichtraucher sinkt. Jeder vernünftige Mensch würde angesichts dieser Erkenntnisse bei einem neu auf den Markt geworfenen Produkt sofort für ein Verbot plädieren bzw. als politischer Entscheidungsträger keine Zustimmung zur Zulassung für die Öffentlichkeit erteilen.

…aber…

Dummerweise besitzt das Rauchen eine geradezu elend lange Tradition — und die Tabakkonzerne verfügen über enorm „tiefe Taschen“, die schamlos für Werbung und politische Einflussnahme genutzt werden. Mit diesem Geld werden immer wieder effektiv politische Entscheidungen verwässert oder verhindert, die das Rauchen ernsthaft einschränken könnten. Beschämend!

Immer wieder schwebt mir vor, auch lange etablierte Produkte alle paar Jahre wieder einer erneuten Zulassungsprüfung zu unterwerfen, bei der sämtliche Einflussnahme durch die Lobby strikt unterbunden wird. Klar, klingt leicht, ist in der Realität vermutlich kaum durchzuführen. Aber das hier ist (virtuelles) Papier, da darf man doch mal ein paar Gedanken entfalten, ohne sie gleich auf ihre Praktikabilität hin zu überprüfen, oder?

Aktuell

Gerade vor ein paar Minuten habe ich einen Artikel bei Zeit.de gelesen, der ein wenig Mut macht: Uruguay hat sich selbst angesichts des transamerikanischen Handelsabkommens erfolgreich in einem Prozess vor einem Schiedsgericht gegen den Tabakkonzern Philip Morris verteidigt und darf das Rauchen auch weiterhin stark gesetzlich einschränken.

Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Art von politischer Entschlossenheit auch in unserem Land irgendwann einmal durchsetzt.

Klarstellung

Ich möchte an dieser Stelle nur einmal bemerken, dass ich keinem Raucher eine moralische Schuld zuschiebe, denn von meinem Vater weiß ich, dass bereits wenige Wochen des Rauchens ausreichen, um über das Nikotin eine körperliche Abhängigkeit zu erzeugen. Meine in diesem Artikel formulierte Kritik richtet sich vor allem an zwei Adressaten: Tabakkonzerne und Politiker, die sich von Lobbyisten zu Entscheidungen im Interesse der Tabakkonzerne verleiten lassen.

In „Dante’s Peak“, einem meiner Lieblings-Katastrophenfilme, gibt es ein perfektes Zitat (ich paraphrasiere, da ich den Film nicht ganz auswendig beherrsche):

„Setzt man einen Frosch in einen Topf mit heißem Wasser, so springt er sofort heraus. Setzt man ihn jedoch in einen Topf mit kaltem Wasser und erhitzt dieses langsam, bleibt er sitzen, bis er gekocht wird.“

So ungefähr sehe ich das mit der Tabakindustrie auch: Hätte man vor 150 Jahren bereits in vollem Umfang gewusst, wie gefährlich Rauchen tatsächlich ist, wäre die Gesetzgebung vermutlich viel restriktiver gewesen. Durch die vielen Jahrzehnte einer „Tradition des Rauchens“, das in nicht wenigen Fällen ja auch die Erinnerungen an die Kindheit prägt (nur als ein Beispiel: Welcher Cowboy raucht nicht in seinen Filmen? Selbst Terence Hill, sicherlich bei mehreren Generationen als sympathischer Cleverling und gewitzter Haudrauf bekannt und beliebt, raucht in den alten Schinken…), fällt es vielen Menschen schwer, auf einer unterbewussten emotionalen Ebene die Gefahr in vollem Umfang anzuerkennen. Logisch hat das meiner Einschätzung nach jeder begriffen, doch emotional sieht die Sache anders aus. Und sobald die Sucht mal greift, muss nur eine besonders stressige Phase in Beruf oder Familie anbrechen, schon fällt man in die altgewohnten Verhaltensmuster zurück und greift zum Glimmstengel (ich greife dann zu Gummibärchen und Schokolade).

McDonald’s und Burger King fahren ja eine ganz ähnliche Masche mit den Kinderspielzeugen in den Kid’s Meals oder Junior Tüten (oder wie auch immer die Dinger heute heißen mögen): Man besetzt die Erinnerungen an die Besuche bei McDonald’s und/oder Burger King mit einer positiven emotionalen Färbung, sodass die Kunden auch Jahre und Jahrzehnte später mit einer sehr positiven Einstellung das überteuerte, zu fette und zu salzige Essen in zu großen Portionen in sich hineinschlingen, die mittlerweile zu einer beispiellosen Welle von Übergewicht in allen „entwickelten“ (und auch etlichen „sich noch entwickelnden“) Ländern geführt hat. Der Dokumentarfilm „Supersize Me“ ist ein eindrucksvolles Zeugnis davon – noch dazu kommen etliche Experten zu Wort, die genau die von mir genannten Punkte beispielhaft erläutern.

Kommentare erwünscht

Ich denke, damit habe ich genug vor mich hin gemotzt und verdeutlicht, worum es mir geht – nun freue ich mich auf Kommentare, sowohl zustimmende als auch kritische.

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Brexit zum Frühstück

Während meiner Yoga-Runde führte am gestrigen frühen Morgen mein iPhone eine Art Breakdance auf: Permanent gingen aktuelle Push-Mitteilungen zum Brexit über meine Tagesschau– und heute-Apps ein und versetzten den Vibrationsalarm in einen wahren Taumel. Das hier ist kein politischer Blog, ich will das auch nicht lange ausdehnen, mir kam nur beim Duschen ein Gedanke, dessen Ausformulierung ich tatsächlich für erstrebenswert erachte.

Der Brexit war aus meiner Sicht eher zu erwarten als der Verbleib in der EU, denn die Briten sind ein stolzes Volk, deren ältere Bevölkerungsschichten sich nach dem alten Glanz des Empire zurücksehnen. In gewisser Weise habe ich mir den Brexit sogar fast herbeigewünscht – nicht wirklich, aber als Gedankenspiel, denn er ermöglicht – nun sogar in der Realität – ein einzigartiges Experiment: Ich habe in Gedanken für mich mal durchgespielt, was die Langzeitfolgen des Brexit sein könnten. Aus meiner Sicht bleiben ja nur drei grundlegende Möglichkeiten zur weiteren Entwicklung:

  1. Es geht den Briten besser als vorher, die Wirtschaft blüht auf, die Politik stabilisiert sich. Das wäre das Signal schlechthin für weitere Länder, in denen die EU-Unzufriedenheit hoch ist, sich zu verabschieden. (Glaubt man einigen Twitterern, so bereitet Horst Seehofer bereits ein eigenes Volksreferendum vor, um Bayern über den Verbleib in/den Austritt aus der EU abstimmen zu lassen…)
  2. Es geht den Briten schlechter als vorher, die Wirtschaft schrumpft schmerzhaft, die Politik destabilisiert sich (und/oder rutscht deutlich nach rechts), soziale Probleme (und in deren Folge ein tumber Nationalismus) verschärfen sich. Eine gewisse Häme gegenüber Großbritannien würde sich EU-weit ausbreiten, die Vorteile einer großen Gemeinschaft würden deutlicher denn je hervortreten und den Zusammenhalt der verbliebenen Länder effektiv stärken. Da die Schotten angeblich ein erneutes Referendum zur Loslösung von England vorbereiten, spekulieren sie offensichtlich auf diesen Ausgang und werden dann als eigenständiges Land selbstverständlich gleich nach der (ebenfalls zu erwartenden) Unabhängigkeit (das wäre ja ein ganz entzückender Wortwitz, denn der Brexit wurde von dessen Befürwortern gestern ja als „Independence Day“ gefeiert) eigene Aufnahmegespräche mit der EU beginnen.
  3. Es passiert fast nichts – nach einer kurzen Anpassungsphase, in der es sicherlich turbulent wird, danach läuft für 85-95 Prozent der Menschen alles in gewohnten Bahnen weiter. Das ist wiederum die spannendste Alternative, denn die Reaktionen der anderen EU-Länder hängen dann von der medialen Interpretation dieser unspektakulären Entwicklung ab. Ich erwähne hier nur ganz beiläufig den Namen einer Zeitung mit vier Großbuchstaben, zu der es in allen europäischen Ländern mindestens ein entsprechendes Pendant gibt – und deren simple, aber häufig (fast schon unablässig) wiederholte, Parolen schon häufig zur Meinungsbildung ganzer gesellschaftlicher Schichten beigetragen haben.

Was daraus wird, hängt nun von der weiteren Entwicklung der kommenden zwei bis fünf Jahre (als Mindestzeitrahmen) ab. Wirklich valide Vergleiche benötigen sicher noch etwas länger, da alle kurzfristigeren Entwicklungen auch anderen ganz üblichen Schwankungen unterliegen könnten.

Schön finde ich persönlich, dass nach der anfänglichen Entsetzenswelle im Internet nun auch einige sehr besonnene Kommentare die möglichen positiven Auswirkungen des Brexit auf das restliche Europa, das — wie ich oben bereits geschlussfolgert habe — ja durchaus auch gestärkt werden könnte, erscheinen, z.B. bei heute.de. Was aus der Angelegenheit wird, dürfte uns allen in den kommenden Jahren wieder und wieder unter die Nase gerieben werden – egal, was in der Substanz dabei herauskommt. Insofern dürfen wir uns als Nicht-Akteure in diesem Spiel ab sofort zurücklehnen und entspannt die Show genießen.

Ein paar aus meiner Timeline ausgewählte Twitter-Kommentare zum Brexit gibt’s noch als kleines Schmankerl:

Das ist sicher zu erwarten, wenn das Experiment misslingt und die Briten schlechter dastehen als vorher

Das ist sicher zu erwarten, wenn das Experiment misslingt und die Briten schlechter dastehen als vorher

Verfrühter Jubel?

Verfrühter Jubel?

Schöner Vergleich — und nicht falsch (ich spreche aus Erfahrung, zumindest was Linux angeht...)

Schöner Vergleich — und nicht falsch (ich spreche aus Erfahrung, zumindest was Linux angeht…)

Schönes Wortspiel!

Schönes Wortspiel!

Dass es so viel ausmacht, war mir vorher nicht bewusst gewesen...

Dass es so viel ausmacht, war mir vorher nicht bewusst gewesen…

Der oben schon erwähnte Seehofer-Bayxit...

Der oben schon erwähnte Seehofer-Bayxit…

Der Brexit aus kulinarischer Sicht

Der Brexit aus kulinarischer Sicht

Ein Grundproblem aller Basisdemokratie...

Ein Grundproblem aller Basisdemokratie…

Nach der Wahl informieren, was könnte schon schiefgehen?

Nach der Wahl informieren, was könnte schon schiefgehen?

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Meine Reaktion auf das starke Abschneiden der AfD

In aller Kürze: Ich bin kein Anhänger der AfD, doch wurde die Partei heute auf demokratischem Weg mit teils erschreckend hohen Prozentzahlen in diverse Landtage gewählt, deswegen muss – meiner Meinung nach leider – der Wille der Wähler respektiert werden.

Was ich nun aber von den Politikern der übrigen Parteien, die sich auf keinen Fall auf eine irgendwie geartete Zusammenarbeit mit der AfD einlassen wollen, erwarte, ist es, persönlich und politisch Haltung zu bewahren und eben nicht mit eingezogenem Schwanz auf die AfD-Wähler zuzugehen. Gerade jetzt, in einer verfahrenen politischen Situation, die über die kommenden fünf Jahre ausgebadet werden muss, ist es geradezu die moralische Pflicht der anständigen Politker, Rückgrat zu beweisen. Rückgrat in der Sache.

Protestwähler

Protestwähler – eine der unsinnigsten Eigenschaften, die ich mir vorstellen kann...

Wer jetzt einknickt und auf die „Protestwähler“ (siehe Screenshot aus der Wahlsendung des ZDF) zugeht, dem geht es in erster Linie um einen Rückgewinn der Stimmen für die eigene Partei/Person. Aber dieser „Kampf“ muss mit Argumenten gewonnen werden, nicht mit Anbiederung. Wer sich anbiedert, wertet die stets wankende Meinung der Protestwähler – zu maulen und zu motzen gibt es immer etwas – über Gebühr auf.

Aus dieser Wahl können vor allem die ehemals großen Parteien etwas lernen: Die Zeit, in der eine große Partei mit einem kleinen Junior-Partner (CDU & FDP) ein (Bundes-)Land über Jahrzehnte hinweg regieren konnte, ist seit ein paar Jahren vorbei. Seit heute ist sie definitiv Geschichte. Es gibt einige Punkte, die das eindrucksvoll belegen:

  • Selbst mit Angela Merkel, die sicherlich das stärkste Zugpferd der CDU im letzten Wahlkampf war, ergab sich keine so starke Mehrheit, dass sie allein hätte regieren können.
  • Die SPD hat in den letzten Jahren so viele ihrer früheren Kernthemen zugunsten einer Annäherung an die politische Mitte, die bereits von der CDU eingenommen wird, aufgegeben, dass sie aufgrund eines Mangels an konkurrenzfähigen Spitzenpolitikern nicht mehr in dieser Liga spielen kann.
  • Und die Tatsache, dass die Grünen in einem erzkonservativen Bundesland wie Baden-Württemberg die stärkste Partei darstellen, dürfte diese Auflistung perfekt abrunden.

Die Konsequenz für alle Parteien lautet daher ganz einfach: Argumente und Überzeugungskraft, keine kraftlosen Parolen, anders wird man in fünf Jahren auch nicht besser abschneiden. Ich hoffe, viele der heutigen „Protestwähler“ werden in fünf Jahren desillusioniert nach einer wirklichen Alternative für die „Alternative für Deutschland“ suchen und sie auch finden. Aber bis dahin fließt leider noch viel Wasser den Neckar hinunter…

 

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Befindlichkeiten

Eine kurze Vorbemerkung. Diesen Artikel habe ich schon am Mittwoch geschrieben, doch abends war ich zu müde, um die Sätze auf ihre Sinnhaftigkeit hin zu kontrollieren, daher kommt er jetzt erst.

Heute ist der 27. Januar, ein sehr geschichtsträchtiger Tag, zumindest aus deutscher Sicht. Zum zweiten Mal veranstaltet unsere Schule an diesem Datum einen speziellen Gedenktag, bei dem allerlei unterschiedlichen Themen – sei es die Zeit der Nationalsozialisten und aller Arten von Widerstandsbewegungen dagegen, die DDR oder auch Kinderrechte – auf unterschiedliche Weise (und auf Kosten des regulären Unterrichts) nachgegangen wird.

Georg Elser Gedenkstätte in Königsbronner

Georg Elser Gedenkstätte in Königsbronn

Ich schloss mich zwei Kolleginnen an, die mit fast 60 Schülern nach Königsbronn (einem kleinen Ort zwischen Oberkochen und Heidenheim) zur Georg Elser Gedenkstätte fuhren. Von Aalen aus ist man mit dem Regionalzug in weniger als 15 Minuten am Königsbronner Bahnhof angekommen, dann läuft man ungefähr fünf Minuten bis zur Gedenkstätte, die direkt neben Rathaus und „Brenztopf“ (so heißt der Ursprung der Brenz) gelegen ist. Begrüßt wurden wir von zwei sehr kompetenten Führern (ein durchaus heikler Begriff in diesem Zusammenhang, ist mir klar…).

Falls einem meiner Leser Georg Elser kein Begriff ist, würde mich das nicht wundern, denn mir ging es vor dem heutigen Tag genauso. Leider wird um ihn bislang immer noch nicht viel Aufhebens gemacht, obwohl er sicher zu den bedeutenden heroischen Gestalten des innerdeutschen Widerstands gegen Hitler gehört – und er hat seinen privaten Widerstand wirklich ganz allein durchgezogen, völlig ohne äußere Unterstützung. Bemerkenswert.

Georg Elser hat aus einem inneren Antrieb heraus die Kriegstreiberei der NS-Führung verurteilt und beschlossen, durch einen gezielten Bombenanschlag zumindest Hitler, nach Möglichkeit aber auch Göring und Goebbels (oder so viele führende Nazi-Funktionäre wie möglich) zu töten. Er wartete eine wiederkehrende Veranstaltung ab, bei der die ganze Führungsriege anwesend sein würde, installierte nach wochenlanger geheimer Vorarbeit eine Bombe in der Säule hinter dem Rednerpult – und verpasste am Ende Hitler nur um ein paar Minuten. Entgegen dessen Gewohnheit, ausufernde und lange Reden zu halten, zog ihn die Kriegsvorbereitung zurück nach Berlin, daher fasste er sich ungewohnt kurz. Viel Unheil hätte der Welt erspart bleiben können, wäre er an diesem Tag nicht so ungewohnt wortkarg gewesen.

Kurz vor der Schweizer Grenze wurde Elser auf der Flucht gefangen genommen, inhaftiert, überführt und gefoltert, gekrönt wurde die „Ermittlungsarbeit“ mit einem Geständnis. Von da an lebte er noch bis kurz vor Kriegsende im KZ, wo er wenige Tage vor der Befreiung durch die Alliierten per angeordnetem Genickschuss hingerichtet wurde (der Hinrichtungsbefehl mit der strikten Anweisung zur sofortigen Vernichtung des Dokuments ist in der Gedenkstätte zu besichtigen). Vermutlich sollte er kein Zeugnis von seinen Erkenntnissen mehr ablegen können.

Zurück zur Gedenkstätte: Zu Beginn sahen wir einen etwa halbstündigen Dokumentarfilm, der das gesamte Leben Georg Elsers zusammenfasste – sehr gelungen, leider mit vielen (mindestens 15-20) Aussetzern, denn der Windows 10-Rechner war mit dem Abspielen einer handelsüblichen DVD ganz offensichtlich überfordert. Danach in sehr geraffter, aber vielleicht dadurch gerade besonders eindringlicher Form Hitlers Weg weg von der Demokratie hin zur Diktatur in Form der „Ermächtigungsgesetze“ (immer wieder neu erschreckend, wie schnell das ging – ein großes Lob an die exzellent zusammengestellte Präsentation), wonach sich ein paar Minuten Pause an der frischen Luft anschlossen.

Dann tauschten die beiden Schülergruppen (die Räume sind nicht für 60 Personen ausgelegt), jetzt offenbarte ein französischer Experte (mit wundervoll klingendem Akzent) in einem etwa anderthalbstündigen Vortrag eine herausragend kompakte und dennoch überzeugend schlüssige Zusammenfassung der Ereignisse, die zu Hitlers Machtergreifung und den Gründen für Elsers Anschlag auf ihn führten. Die Schüler konnten sich bei solchen Input-Mengen oftmals nur noch ins Gähnen retten, ich verdenke Ihnen das nicht, denn in dem Alter wäre ich dabei glatt im Stehen eingeschlafen. Heute jedoch war von Müdigkeit keine Spur, die Ausführungen sprachen mich wirklich sehr an. Auch die Kollegin, die mit mir bei dieser Schülergruppe geblieben war, fand ihn sehr überzeugend.

Das Georg Elser-Denkmal am Königsbronner Bahnhof

Das Georg Elser-Denkmal am Königsbronner Bahnhof

Als die Schüler dann gegangen waren, um sich vor der Haustür zu versammeln, kamen eben jene Kollegin und ich mit dem französischen Führer ins Gespräch. Dabei erwähnte er die sehr diffizile Lage der Befindlichkeiten im Heimatort eines solchen Helden. Natürlich war auch Königsbronn in der NS-Zeit in vielerlei Hinsicht gleichgeschaltet worden: HJ, BDM und alle typischen weiteren Vereinigungen gab es auch dort. Nach dem missglückten Attentat wurde ein Großteil der Bevölkerung über Wochen strengen (und fast ausnahmslos brutalen) Verhören unterzogen. Dann griff die Propaganda-Maschine, die Elser als Marionette eines ausländischen (in diesem Fall britischen) Geheimdienstes hinstellte (völliger Unfug, aber dafür ist Propaganda ja nun einmal zuständig), ein. Wirklich fundierte Aufklärung über alle Details fand erst ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre statt, bis sie breiteren Bevölkerungsschichten bekannt wurde, hatten bereits die 1990er Jahre begonnen.

Die Gedenkstätte wurde gegen Ende des letzten Jahrtausends eingerichtet – gegen teils heftigen Widerstand der ansässigen Bevölkerung. Die lange zurückliegende Propaganda hatte teilweise ihre Wirkung getan, außerdem gab es haufenweise Probleme mit den individuellen Befindlichkeiten von Familien, die in diesem Zusammenhang nicht erwähnt werden wollten. Alles ein sehr heikles Geflecht von sozialen Fäden, die man besser nicht entwirren sollte, wenn am Ende irgendwann einmal eine echte Aufklärung für alle erreichen möchte.

Mich beeindruckten vor allem das Fingerspitzengefühl für die gerade dargelegten sozialen Befindlichkeiten und die Fachkompetenz der beiden Führer. In ein paar Jahren werde ich da sicherlich wieder hingehen, vielleicht ja wieder mit einer Schülergruppe. Wer einmal in die Gegend kommt, sollte sich diese Gedenkstätte unbedingt ansehen. Der Eintrittspreis ist lächerlich gering, die Details sind über die Homepage der Gedenkstätte einfach zu erfahren.

 

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Political Correctness & Disneyfication – nein danke!

Gestern habe ich das oben abgedruckte Bild bei Twitter entdeckt. Und – ohne dass ich jetzt eine konkrete Quelle angeben könnte – erinnere ich mich an einen schönen Artikel eines US-amerikanischen Bloggers darüber, dass die überall eingeforderte „politische Korrektheit“ eine „echte eigene Meinung“ zunehmend unterdrückt. Im Sinne einer „Disneyfication“ gilt nur noch als akzeptabel, was niemanden „aus der jeweiligen Komfortzone“ herausreißt – somit wird jede Äußerung weichgespült und immer nur dann geäußert, wenn man sich als Autor sicher sein kann, niemanden auch nur andeutungsweise anzugreifen bzw. (im Umkehrschluss) möglichst viele „Likes“ zu generieren.

Als ich den Artikel gelesen hatte, reifte in mir der Entschluss, in der Zukunft von meinen Schülern durchaus in der im Bild angedeuteten Richtung wesentlich mehr zu verlangen.

Schon jetzt lasse ich mich im Beruf nicht von Überlegungen leiten, die mir „mehr Beliebtheit“ bei den Schülern versprechen, denn gibt man dieser Versuchung erst einmal nach, wird es sehr schwierig, später wieder einen konfrontativen Kurs einzuschlagen. Und gerade Teenager auf der Höhe der Pubertät benötigen einen knüppelharten Widerpart, an dem sie sich reiben und ihre private Revolution ausleben können. Keiner behauptet, dass sich das für beide Seiten gut anfühlt, aber auf dem Weg zu einer eigenständigen Persönlichkeit ist diese aufrührerische Phase unumgänglich.

Wenn man sich mal vor Augen führt, wie lange der Zustand der Adoleszenz sich heute ausdehnt (oft bis Mitte/Ende Zwanzig), so mag einer der Gründe dafür darin zu suchen sein, dass den Jugendlichen immer mehr Möglichkeiten genommen werden/wurden, kontrovers zu sein. In den 1960er Jahren konnten die Teenager die Rolling Stones hören (nur als ein schönes Beispiel) und sich sicher sein, dass die Eltern strikt dagegen waren. Das beschwor Konflikte herauf, dringend notwendige Konflikte, dafür waren die jungen Erwachsenen dann auch schon früher gereifte(re) Persönlichkeiten.

Vergleichen wir die Situation damals (Rolling Stones) mit heute: Die meisten Eltern hören weitgehend die gleiche Musik wie ihre Kinder, zumindest gibt es immer weniger substantielle Unterschiede. Das Radio hat mit seinem dreieinhalb-Minuten-Diktat für eine weitgehende Angleichung der Popularmusik gesorgt. Klar, man findet immer noch Nischen, bei denen sich die Eltern sicher genervt abwenden. Aber es wird immer schwieriger, die Nischen werden immer kleiner.

Ich lehne mich nun ein wenig aus dem Fenster: Das Erstarken extrem rechter und extrem linker politischer Ansichten sowie deren gewaltbereites/-volles Ausleben könnte auch eine Folge der zunehmend unmöglich gewordenen Revolutionsphase in der Pubertät sein. Unter Garantie spielen da noch etliche andere Faktoren eine gewichtige Rolle, nicht zuletzt Bildungsgrad (des Jugendlichen wie auch der Eltern), soziale und geographische Herkunft, persönliche Vorerfahrungen und vieles mehr. Aber ich denke, dass es ein zwingender Teil des Erwachsenwerdens ist, sich eine Zeit lang mit allem und jedem um sich herum anzulegen, die Grenzen aktiv auszutesten. Und jedes Unterbinden dieser Möglichkeit verlängert den Abnabelungsprozess bzw. hinterlässt ungelöstes Konfliktpotenzial, das später dann unter Umständen wieder an die Oberfläche drängt.

Zurück zur Ausgangssituation: Warum sollte nun also der Lehrer immer nur einen auf „Kuschelkurs“ machen und seinen Schülern nicht grundsätzlich mehr abverlangen, als sie in ihrer „Komfortzone“ zu leisten bereit sind? Also: Macht euch auf etwas mehr Stress in den kommenden Monaten gefasst!

 

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Verallgemeinerungen

Ich hasse Verallgemeinerungen, ich hasse sie wie die Pest. Und dennoch benutze ich sie, weil es jede Art von Sprache sonst unglaublich kompliziert macht. Aber immer wieder bemühe ich mich, mir selbst und auch meinen Schülern im Unterricht klar zu machen, dass man Dinge stets hinterfragen muss, dass die Verallgemeinerung nur der Veranschaulichung, der Erleichterung des Ausdrucks, dient.

Auf den Gedanken kam ich vorhin, als ich durch meine Twitter-Zeitleiste ging, in der es von meist unwichtigen Dingen nur so wimmelt. Dazwischen — und dies ist vermutlich der Grund, warum ich immer noch bei Twitter bin — finde ich aber neben den aktuellen Neuigkeiten immer wieder echte Juwelen, die mir sehr gefallen bzw. mich zum Nachdenken bringen.

Heute fand ich eben dieses Bild, das mich doch sehr zum Nachdenken anregte.

Mir geht es dabei nicht um die vieldiskutierte Autocomplete-Funktion von Google (oder anderen Suchmaschinen). Mir geht es um die offensichtliche Verallgemeinerung, die in dem vervollständigten Satz steckt: „Women need to“ – übersetzt „Frauen müssen“. Dann folgen ja nun die üblichen hohlen Macho-Ergänzungen:

  • „be put in their place“ („auf ihren Platz verwiesen werden“)
  • „know their place“ („wissen, wo ihr Platz ist“)
  • „be controlled“ („kontrolliert werden“)
  • „be disciplined“ („diszipliniert werden“).

Was für ein Dreck! Ganz abgesehen von der hier zu Recht an den Pranger gestellten frauenverachtenden Einstellung, die ich in der Form ohnehin nie verstehen kann, werden hier alle Frauen über einen Kamm geschoren. (Und dabei ist es doch schon so schwer, eine einzige Frau zu verstehen!)

Ich möchte jetzt nicht falsch verstanden worden sein. Das Bild ist hervorragend, es legt den Finger genau in die Wunde, ich empöre mich über die darin angeprangerte Einstellung, die leider immer noch zu weit verbreitet ist. Nur um das gleich klarzustellen.

Mir kommt genauso die Galle hoch, wenn über „die Lehrer“, „die Männer“, „die Deutschen“, „die Amerikaner“ oder „die Ausländer“ (in Bayern: „die Asylanten“) etc. hergezogen wird. Als ob es da jeweils in der verallgemeinerten Gruppe irgend eine Art von Konsens gäbe! Als würden sich alle Griechen verabreden, keine Steuern zu zahlen, um ihr Land in eine Schuldenkrise zu stürzen. Über Jahrzehnte hinweg. Sich auf dieses Niveau herabzulassen, entspricht dem geistigen Horizont der Bild-Zeitung. Und da will ich nicht hin.

Als hätten sie es geahnt, dass ich über dieses Thema gerade schrieb, posteten kurz darauf meine beiden Schweizer Blogger-Kollegen vom Private Readers Book Club (hier zu finden) den Link zu einem Video. In dem ca. 18-minütigen Clip hält die mittlerweile weltweit anerkannte afrikanische Autorin Chimamamdna Ngozi Adichie (Homepage-Link) eine äußerst empfehlenswerte Rede über die Gefahr der (in ihrem Fall literarischen) Verallgemeinerung.

Meine Empfehlung: Seht euch das Video an, es ist ein wahrer Augenöffner. Sie spricht ein fast völlig akzentfreies Englisch, das man leicht verstehen kann. Und selbst wenn einem hier und da mal eine Nuance entwischen sollte, ist das kein Beinbruch, sie schafft es sehr gut, ihre Botschaft an den Mann zu bringen.

 

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Die Crux mit der Demokratie

Vor ein paar Monaten fand an meiner Schule eine festliche Veranstaltung statt: Wir wurden eine mitarbeitende UNESCO-Schule. Mir geht es in diesem Blog-Eintrag nicht um den UNESCO-Anteil. Hängen geblieben ist mir von der Veranstaltung vor allem ein Satz aus der Festrede des Ehrengastes:

„Demokratie lernen heißt:

Lernen, sich der Mehrheit zu beugen,

auch wenn es einem nicht gefällt.“

Schöner hätte er es nicht formulieren können. Mir hat an der Formulierung gefallen, dass sie geradlinig den Kern der Sache trifft. Demokratie heißt eben nicht, nur zwischen den genehmen Optionen zu wählen oder sich die beste Möglichkeit herauszupicken. Ganz im Gegenteil: Demokratie kann auch heißen, das geringste Übel zu wählen. Oder noch unangenehmer: Man kann eine wohlfundierte Meinung haben und dennoch in der Minderheit sein –– und dementsprechend überstimmt werden. Aber: So funktioniert unsere Gesellschaft. Das muss man begreifen (lernen). Und dieser Prozess kann anstrengend sein.

Ein wunderbares Beispiel aus der Schule fällt mir dazu ein: Im letzten Schuljahr war ich Verbindungslehrer, somit war ich auch für die SMV (SchülerMitVerantwortung) verantwortlich. Dabei fiel mir auf, dass an unserer Schule die Oberstufenschüler einen sehr bestimmenden Einfluss in der SMV hatten. Gemeinsam mit meinem Stellvertreter regten wir daher einen strukturellen Wandel an: Aus jeder Stufe (5-7, 8-10, 11-12/13) sollten jeweils ein oder zwei Schüler als Vertreter für ihre jeweiligen Interessen gewählt werden. Denn die Bedürfnisse von Unter- und Mittelstufenschülern unterscheiden sich häufig von denen der Oberstufenschüler.

Wir arbeiteten das Konzept aus, bastelten ein Diagramm, das die geänderte Struktur verdeutlichte und stellten dies in einer SMV-Vollversammlung vor. Selbstverständlich gab es Gegenwind, das war zu erwarten und störte uns nicht. Demokratie heißt ja nun einmal, dass man sich über die Inhalte streitet, die gegenseitigen Positionen abklopft und nach Möglichkeiten sucht, sich auf einer gemeinsamen Ebene zu treffen. Die Abstimmung wurde auf zwei Wochen später terminiert, damit alle genug Zeit hätten, sich über unseren Vorschlag Gedanken zu machen, dann beendeten wir die Sitzung.

Ein Oberstufenschüler kam auf uns zu und war so richtig sauer. Er bezeichnete unsere Vorgehensweise als undemokratisch und grollte beim Hinausgehen noch, dass er „Schritte dagegen einleiten werde“. Wir Verbindungslehrer sahen uns etwas hilflos an, denn wesentlich demokratischer als einen Vorschlag einzubringen und den dann zwei Wochen später allen Beteiligten zur Abstimmung zu übergeben, ging es unserer Meinung nach nicht.

Um nun den Bogen zu schließen: Diesem Schüler war die Demokratie anscheinend als ein System erschienen, in dem man nur zwischen angenehmen Optionen wählen muss. Tatsächlich ging es hier aber um zwei Optionen: Es gab ja nur…

  • …das neue System, bei dem alle Altersstufen gleichmäßig repräsentiert wären, oder…
  • …das alte System, bei dem die Oberstufe „das Sagen“ hätte. Und das neue System hätte natürlich einen Statusverlust für die Oberstufenschüler bedeutet.

Aber es handelte sich nur um einen Vorschlag. Und den Ausgang konnten wir nicht bestimmen, denn die Schüler (und nur sie) hatten ja die Wahl. Klar hatten wir unsere Position verdeutlicht und die Unter- und Mittelstufenschüler ermutigt, das neue System als Chance zu verstehen. Aber die Wahl lag bei den Schülern.

Letztendlich geschah etwas ganz Passables: Das neue System wurde angenommen, aber weder ich noch mein Stellvertreter wurden wieder gewählt. Besonders gestört hat es mich nicht, allerdings wäre es durchaus schön gewesen, noch die ersten Schritte in das neue System hinein begleiten zu können. Sei’s drum – aus meiner Sicht haben wir unsere Mission erfüllt.

Und das auf demokratischem Wege.

 

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