Ohne Fleiß kein Preis

Vorgestern hat meine Frau einen Blog-Eintrag veröffentlicht, in dem sie ihrem Unmut über die Unterschlagung des Auftritts ihres Unterstufen-Orchesters beim Schulkonzert im Bericht der Lokalzeitung Luft machte (hier). Und das völlig zu Recht, denn so etwas gehört sich einfach nicht. Als Musiklehrer, der selbst einige Male im Jahr mit Schüler-Ensembles vor Publikum steht und sich später die Berichte darüber in der Lokal-Presse durchliest, kenne ich die Erwartungshaltung vor dem Lesen und die Freude bzw. Enttäuschung, wenn der Artikel dann entweder besonders positiv oder negativ auf die eigenen Darbietungen eingeht.

Aber darum geht es mir in diesem Beitrag nicht. Vielmehr ist es so, dass in den Kommentaren zum Artikel meiner Frau ein Kommentator immer wieder darauf hinauswollte, dass Musik doch einfach nur Spaß machen solle. Selbst als sie ihn sehr deutlich darauf hinwies, dass es sich dabei um eine Pflichtveranstaltung für die Schüler handle, die sich diese nicht „mal eben“ aussuchen (nein, sie haben zu Beginn einmal die Wahl, danach sind sie festgelegt) und nach Belieben auch wieder ablegen können, beharrte er darauf.

Nur Lustprinzip? – Klappt nicht!

Aus der Sicht eines studierten Musikers kann ich nun aber mit absoluter Sicherheit sagen, dass die Betonung des Lustprinzips, also das „nur üben, wenn es auch Spaß macht“, unter gar keinen Umständen jemals zum Erfolg führen wird. Denn dafür ist harte Arbeit nötig. Und harte Arbeit macht zwangsläufig irgendwann keinen Spaß (mehr).

Einer unserer Professoren an der Hochschule für Musik in Würzburg erläuterte uns während des Studiums die „10.000 Stunden“-Grenze, die für das Erlangen eines professionellen Niveaus nötig sei. Verkürzt dargestellt heißt das: Wer an seinem Instrument wirklich ein Profi werden möchte, muss in seinem Leben mindestens 10.000 Stunden geübt haben. Und „geübt“ heißt eben nicht „gespielt“, sondern konzentriert mit einem konkreten Ziel unter Einsatz aller körperlichen und geistigen Ressourcen gearbeitet.

Beispielrechnungen

Doch dieser Zahlenwert mit „10.000 Stunden“ ist äußerst abstrakt. Also fülle ich ihn einmal mit ein wenig Details, um die Vorstellung zu konkretisieren:

  • Ausgehend von einem Studium über acht Semester (ignorierend, dass man unter keinen Umständen zu studieren beginnt und da erst das Instrumentalspiel beginnt) müssten nun die 10.000 Stunden auf 48 Monate verteilt werden, das entspräche bei keinem einzigen Pausentag in vier Jahren einem täglichen Übepensum von 6,94 Stunden.
  • Nehmen wir noch ein oder zwei Jahre vorher dazu, in denen man sich als Schüler intensiv auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet und ebenfalls viel Zeit investiert, dann wären es 72 Monate, ohne einen einzigen Pausentag landen wir immer noch bei einer täglich zu absolvierenden Übezeit von 4,62 Stunden.

Jetzt wird die Sache schon wesentlich konkreter. Und nehmen wir uns nun einen typischen Jugendlichen, der womöglich auch hier und da einfach mal einen stressigen Tag (Klausurdruck, Nachmittagsunterricht, Transitzeiten etc.) hat, wodurch das Üben kürzer treten oder ganz ausfallen muss, so gibt es nur die Optionen, diese Zeiten entweder am Ende der 72 Monate anzuhängen oder an anderen Tagen mehr zu schaffen.

Fazit

Und nun möchte ich den Menschen sehen, der über einen so langen Zeitraum nur von seiner eigenen Lust gesteuert diese Menge an Übezeit aufbringt. Ohne hier allzu viel zu „spoilern“: So jemanden gibt es vermutlich gar nicht, zumindest habe ich noch niemanden erlebt, der so funktioniert.

Von mir selbst weiß ich, dass es fast unmöglich ist, vier oder fünf Stunden konzentriert zu üben, denn irgendwann ist entweder körperlich oder geistig Schluss. Da geht dann nicht mehr.

Big fish in a little pond…

Und zum Thema „es muss Spaß machen“: Gleich nach Beginn des Studiums kommt für die meisten Musikstudenten der große Knick in der Motivation, denn üblicherweise waren sie vorher in ihrem Umfeld die „Cracks“, die neben den Profis am besten spielten und entsprechend viel Aufmerksamkeit erhielten. Nun aber sind sie die Anfänger, die in einer Umgebung bestehen müssen, in der praktisch jeder andere schon weiter ist. Aus psychologischer Sicht ein denkbar schwieriger Zeitraum. Man nennt das in der Psychologie den Wechsel von „Big fish in a little pond“ („dicker Fisch im kleinen Teich“) zu „Little fish in a big pond“ („kleiner Fisch im großen Teich“). Spätestens da muss einem klar werden, dass die ausschließliche Betonung des Spaß-Faktors auf dem Weg zum Erfolg (egal in welchem Bereich) völlig unrealistisch ist. Es handelt sich eher um eine Idealvorstellung, die mit der Realität aber nichts zu tun hat.

10 Gedanken zu “Ohne Fleiß kein Preis

  1. eccehomo42 23. Dezember 2017 / 11:56

    Ich sehe das auch so. Wer wirklich gut ein musikalisches Instrument beherrschen will, muss üben. Ein Grund warum ich trotz meiner Musikfaszination nie angefangen habe, ein Instrument zu erlernen. Mein natürliches Talent und meine motorischen Fähigkeiten sind nicht besonders gut und um ein von mir akzeptiertes Niveau zu erreichen, hätte ich so viel Zeit investieren müssen, dass es mir keinen Spaß macht. Mache ich das nicht und spiele Just for Fun verliere ich die Lust aufgrund meiner fehlenden Qualität.

  2. Es Marinsche kocht 23. Dezember 2017 / 14:15

    Das hast Du fein anschaulich dargestellt 😊 vielleicht könnte man „Spaß“ durch „Motivation“ ersetzen!? Die sollte doch zumindest fein dosiert immer vorhanden sein…sie hilft Zeiten in denen man grad keinen Spaß empfindet zu überstehen….

    • solera1847 23. Dezember 2017 / 14:18

      Das schon eher, aber dennoch ist da ein Unterschied, ob man voraussetzt, dass es einem immer gefällt, was man tut. Ganz oft ist es wirklich so, dass man etwas tut, was einem so gar nicht in den Kram passt, weil es aber hilft. Und das besser als alle Alternativen. Wirklich gut wird meiner Einschätzung nach nur, wer sich seinem Ziel so vollständig verschreibt, dass diese Zielsetzung auch längere Durststrecken überdauert.

      • Es Marinsche kocht 23. Dezember 2017 / 15:08

        Das ist so, ja….

  3. vro jongliert 23. Dezember 2017 / 18:07

    Ich spiele Akkordeon, habe es als Kind und Jugendliche neun Jahre gelernt und dann länger pausiert. Seit drei Jahren spiele ich wieder regelmässig, sitze neben Job, Kindern und Haushalt jeden Tag 1/2 bis 1 Stunde dabei. Das ist für meine Verhältnisse und Möglichkeiten viel. Das macht Spaß, v.a. weil ich will und nicht unbedingt muss, aber trotzdem macht es das nicht immer. Denn manche der Musette-Walzer muss ich mir erarbeiten und bis ich ein solches Stück fehlerfrei kann (so ich es jemals fehlerfrei kann), muss ich es so oft spielen, dass ich es irgendwann kaum noch hören kann.
    Ein Musikinstrument spielen zu können sollte Spaß machen, das erhöht die Chancen, dass man dabei bleibt. Aber es bedeutet auch Arbeit.

    Meiner Meinung gehört nämlich auch das zum Leben. Nämlich sich Dinge erarbeiten zu müssen und sich durch schwierige Phasen durchzuarbeiten. Durchzuhalten. Immer nur Spaß funktioniert nicht. Bei niemandem. Wer das behauptet, der lügt.

    Und es ist übrigens ein supercooles Gefühl, wenn man sich etwas letztlich hart erarbeitet hat. 🙂

    • solera1847 23. Dezember 2017 / 19:11

      Da erntest du 100 % Zustimmung von mir! 👍🏻

  4. Flowermaid 23. Dezember 2017 / 23:24

    … ich war 10 Jahre Musikalischer Cheerleader… jetzt bin ich raus… das trennt den Musiker vom Liebhoerer… 😌

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