Gesehen: „The Revenant”

Große Erwartungen, die leider enttäuscht wurden...
Große Erwartungen, die leider enttäuscht wurden…

Vor einigen Monaten hörte ich beim Laufen das (selbstverständlich ungekürzte) Hörbuch „Der Totgeglaubte” von Michael Punke, dessen Roman die Basis für die medial wirklich unglaublich gehypte Verfilmung mit Leonardo diCaprio bildet.

Ein spannendes und facettenreiches Hörbuch, das ich nur empfehlen kann!
Ein spannendes und facettenreiches Hörbuch, das ich nur empfehlen kann!

Das Hörbuch hat mir ausnehmend gut gefallen, da es einerseits durch die vielen kleinen Details über das damalige Leben sowohl der Siedler als auch der amerikanischen Ureinwohner in Nordamerika bestach und andererseits einfach eine spannende Geschichte mit etlichen überraschenden Wendungen und vielen philosophisch-moralischen Abwägungen bot.

Handlung

Die Handlung lässt sich in groben Zügen wie folgt zusammenfassen, denn reduziert man sie auf die harten Fakten, dann bleibt nicht so viel an Details übrig:

Ein Trupp Felljäger ist in den noch unerschlossenen Gebieten Nordamerikas unterwegs, ständig auf der Hut vor jenen Indianerstämmen, die ihnen Ausrüstung stehlen oder sie töten wollen. Deshalb gibt es in dem Trupp mehrere Späher, die die Umgebung erkunden, Ausschau nach guten Lagerplätzen und Nahrung halten, vor feindlich gesinnten Stämmen warnen und dergleichen mehr. Einer von ihnen, der beste Kundschafter, ist Hugh Glass, der eines Tages von einer Bärenmutter in der Nähe ihrer Kinder erwischt und schlimm zugerichtet wird. Doch es gelingt ihm, die Bärin zu töten, außerdem überlebt er den Kampf ganz knapp.

Der Trupp wird in der Zwischenzeit sowohl von Nahrungsmangel als auch von sich nähernden (in diesem Fall feindlich gesinnten) Indianern weiter getrieben. Da Glass nicht selbst laufen kann und das Vorankommen für alle übrigen extrem erschwert und verlangsamt, lässt man ihn mit zwei Wachen (Fitzgerald und Bridger) zurück, die ihn nach seinem eher früher als später zu erwartenden Tod anständig begraben sollen.

Doch schon bald hat Fitzgerald die Schnauze voll, außerdem ist ihm die Situation zu gefährlich. Deshalb überredet er den jüngeren Bridger, die Sache einfach aufzugeben, niemandem später etwas davon zu verraten und sich einfach so auf den Weg hinter den anderen her zu begeben. Sie nehmen Glass sein Gewehr ab und ziehen los, fest davon ausgehend, dass er ohnehin bald sterben werde.

Glass überlebt jedoch, unter größten Mühen kämpft er sich allein durch die Wildnis, immer angetrieben von dem Verlangen nach Rache, wobei er diesen Antrieb durchaus auch immer wieder hinterfragt. Ab hier unterscheiden sich Film und Buch dann deutlich, denn das Buch schildert eine wahre Odyssee, die sich über verhältnismäßig lange Zeit hinzieht, wohingegen der Film alles als eine kompakte, am Stück ablaufende Handlung darstellt. Die geschichtlich als wahr verbürgte Gestalt des Hugh Glass tötete später weder Bridger noch Fitzgerald, im Film jedoch läuft alles auf eine tödliche Jagd nach Fitzgerald hinaus, die – selbstverständlich – äußerst blutig und gewalttätig endet.

Unterschiede zwischen (Hör-)Buch und Film

Irgendwann vor etlichen Wochen gab es die Kino-Verfilmung bei iTunes im Sonderangebot für 4 oder 6 Euro, also kaufte ich ihn, weil ich mich dafür interessierte, wie akkurat der Roman in der Verfilmung umgesetzt worden war. Doch ich muss dem Film ein bestenfalls durchwachsenes Zeugnis ausstellen. Die Gründe:

  • Der Roman ist sehr vielschichtig, nimmt sich Zeit für jene Details, die für die Handlung nicht immer zwingend notwendig sind, die aber für mich die Authentizität der Erzählung enorm steigern. Der Film besticht durchaus durch opulente Bilder, gerade die Darstellung der „Indianer“ ist aber äußerst eindimensional: Im Buch werden viele verschiedene Stämme geschildert, von denen einige mit den Weißen kooperieren, während andere mit ihnen im Krieg leben und wieder andere sich da nicht pauschal festlegen, sondern situativ entscheiden. Im Film gibt es derlei Differenzierung nicht (oder nur minimal), um das in vielen Western-Filmen klar definierte Feindbild (Weiße vs. Indianer) möglichst unangetastet zu lassen. Das hätte bei einem Film mit einer Länge von mehr als zweieinhalb Stunden durchaus Platz finden können.
  • Der Punkt, der mir den Film am meisten „vergällt“ hat, war aber ein anderer: Im Buch regiert die Gewalt nicht, stattdessen ist es ein gelungenes zeitgeschichtliches Szenario, in dem Aspekte wie Moral, Philosophie, Menschlichkeit, Kultur ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Im Film sind gerade diese Aspekte nebensächlich, sie werden oft nur gestreift, niemals aber zentral behandelt. Auch die Frage, ob Fitzgerald getötet werden muss, wird im Film nicht gestellt, das ist das einzige Ziel, auf das Hugh Glass ab dem Zeitpunkt, wo er allein in der Wildnis zurück gelassen wird, hinarbeitet.
  • Die opulenten Filmbilder können über die mehr als dürftige „Überleben- und dann Rache“-Geschichte kaum hinwegtäuschen. Auch wenn es etliche sehr gelungene Szenen und ein hohes Niveau an Spannung gibt, hinterließ der Film bei mir ein Gefühl der Enttäuschung und Leere, eben weil die oben dem Buch zugeschriebenen Eigenschaften einfach fehlen.

Fazit

In ein paar Wochen oder Monaten muss ich mir den Film noch einmal ansehen. Da ich jetzt nicht mehr eine getreue Umsetzung des Buches erwarte, schafft er es dann vielleicht, mich mehr zu begeistern (ich zweifle jedoch daran). Wer sich für die Geschichte hinter dem Namen Hugh Glass interessiert, dem empfehle ich klar das Buch bzw. das Hörbuch (die ungekürzte Lesung ist inhaltlich ja identisch). Der monströse Hype um diesen Film will mir nicht ganz verständlich werden, denn die Handlung ist absolut nicht außergewöhnlich, es gibt unzählige Action-Filme, die eine sehr ähnliche Handlung besitzen – das opulente Ambiente allein schafft es eben nicht, ihn weit über dieses Niveau heraus zu katapultieren. Schade, sehr schade, da wurde viel verschenkt, das zu einem wesentlich besseren Film hätte gemacht werden können.

4 Gedanken zu “Gesehen: „The Revenant”

  1. Hinnerk und Henrikje 29. Oktober 2017 / 06:10

    Ich fand den Film sehr gut, allerdings kenne ich das Buch auch nicht😃. Liebe Grüße und einen schönen Sonntag

  2. Stepnwolf 12. November 2017 / 10:05

    Ich kenne das Buch nicht, fand aber auch den Film zum einen ein wenig zu lang geraten und zum anderen zu eindimensional erzählt (da gebe ich dir recht). Wobei die Konzentration auf DiCaprio ihm immerhin den Oscar gebracht hat, den er eigentlich schon vorher für viel bessere Rollen hätte kriegen müssen. Fotografiert ist The Revenant allerdings extrem gut.

    • solera1847 12. November 2017 / 10:07

      Da stimme ich gleich in mehreren Punkten zu: Er hatte vorher bessere Rollen, der Film ist zu lang (zumindest für den Gehalt) und recht eindimensional, aber die Bildpracht ist ein Hammer!

      • Stepnwolf 12. November 2017 / 16:50

        Dann sind wir uns ja einig. 🙂

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