Song des Tages (292) – 2017-07-01

Jeden Tag empfehle ich einen Song als den „Song des Tages“. Bob Dylan ist ein ganz spezielles, wenn nicht heikles Thema, denn das „musikalische Chamäleon“ hat im Lauf seiner langen Karriere mindestens ebenso viele Menschen durch seine Verweigerungshaltung vor den Kopf gestoßen wie durch seine Musik begeistert. Wenn man den ersten Teil seiner Autobiographie „Chronicles, Vol. 1“ liest, erfährt man auch den Grund dafür, denn zu seiner Zeit in Woodstock (gemeint ist der tatsächliche Ort, nicht das legendäre Festival) rückten ihm viele Fans so sehr auf die Pelle, ließen weder ihm noch seiner Familie eine ruhige Minute und forderten ihn auf, den ihm (natürlich von seinen Fans als „Bevollmächtigten“) zugewiesenen Platz in der Gegenkultur der Hippies einzunehmen. Seiner eigenen Beschreibung nach realisierte er zunehmend, dass nur eine harsche und konsequente Verweigerung irgendwann dazu führen musste, diese aufdringlichen Typen so zu verprellen, dass sie irgendwann nichts mehr von ihm würden wissen wollen. Und ab da wurde die Verweigerung seine Masche: Kaum waren sich die Musikjournalisten einig, in welche Schublade sie ihn aufgrund der jüngsten Alben stecken könnten, änderte er – wie ein Chamäleon die Farbe – seine Stilrichtung. Wer auch nur ein geringes Interesse an Bob Dylan hat, dem sei die Autobiographie sehr ans Herz gelegt. Gerade seine Interaktionen mit anderen Musikern, seine Beweggründe, die Schilderungen der mehr oder weniger versteckten Abläufe des Musikgeschäfts, alles zusammen ist eine wirklich interessante Reise durch die USA ab den 1960 Jahren.

Ich komme zum eigentlichen Thema, dem Song des Tages zurück: Das Album „Modern Times“ aus dem Jahr 2006 ist (passenderweise) eine wirklich solide Mischung unterschiedlichster Stilrichtungen, fast immer mit einem ordentlichen Schuss Blues, auf jeden Fall durchweg cool und professionell – aus meiner Sicht einfach gut. Mein persönlicher Favorit ist „Spirit On The Water“, das gleich zu Beginn (und auch später) einen reichlich schrägen Klang aufweist, dann aber in fast schon Beat-Poesie durch sieben Minuten zelebrierter Schwermut mäandert, doch ich wollte für das Wochenende nicht zu tief in die sentimentale Kiste greifen, wo eben erwähnter Song eindeutig hingehört. Stattdessen habe ich eine bewegtere, supercoole Nummer ausgesucht, die Bob Dylan von seiner groovigen Seite zeigt: „Thunder On The Mountain“

Ich muss ja ehrlich sagen, dass ich die aufgeblasene Empörung über Bob Dylan anlässlich seiner Zurückhaltung bei der Verleihung des Literaturnobelpreises vor ein paar Monaten überhaupt nicht nachvollziehen kann. Wer sich auch nur eine Viertelstunde mit der Biographie dieses Menschen auseinandergesetzt hat, musste es mehr oder weniger als gesichert ansehen, dass er nicht als eine Art demütiger Bittsteller antanzen würde, um den Preis entgegen zu nehmen. Aber so war es halt medientauglicher (Stichwort: „click bait“) als ein brav gealterter Musiker, der mit Gitarre und Mundharmonika erscheint, lächelt und sich in alle Richtungen unterwürfig verneigt. Das beobachtete Verhalten passt einfach wie die Faust aufs Auge.

Alle Songs in meiner freigegebenen Apple Music-Playlist.

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , , , , , , ,

Ein Gedanke zu „Song des Tages (292) – 2017-07-01

  1. hotfox63 sagt:

    Eindeutig angenehmer als in den Bergen plötzlich von einem Gewitter überrascht zu werden…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: