Gehört: „Friedhof der Kuscheltiere“ von Stephen King

Eines der gruseligsten Bücher von Stephen King – wirklich harte Kost.

Eines der gruseligsten Bücher von Stephen King – wirklich harte Kost.

Das Anhören von „Friedhof der Kuscheltiere“ hat sage und schreibe 14 Monate gedauert (ich habe gestern Abend extra nachgesehen, wann ich mir das Hörbuch gekauft habe), weil die Geschichte – obwohl ich das Buch als Jugendlicher schon gelesen hatte – so gruselig ist. Immer wieder musste ich Pausen einlegen, konnte und wollte eine Weile nichts mehr davon wissen, bis ich mir dann vor einer Woche sagte, dass es so ja nun auch nicht weitergehen könne. Also lud ich es auf mein iPhone und zog die letzten sieben oder acht Stunden zügig durch. Die Erleichterung, das Buch „hinter mir“ zu haben, ist gigantisch.

Doch das soll keineswegs den Eindruck erwecken, es handle sich um ein „schlechtes“ Buch. Ganz im Gegenteil: Wie bei einem Schauspieler, der den Bösewicht so überzeugend verkörpert, dass man beim reinen Anblick des Schauspielers (der persönlich ja in den meisten Fällen ganz anders drauf ist als seine Rolle) schon eine Antipathie empfindet, so erzeugt dieses Buch ein vehementes Gefühl der Abneigung, weil es so überzeugend geschrieben ist. Ich bewundere Stephen Kings erzählerische Leistung, denn er hat äußerst starke Gefühle mit seiner Fiktion in mir ausgelöst. Doch gleichzeitig stellt diese Leistung das Buch für mich auf eine Stufe wie „The Shining“ (hier). Auch dieses konnte ich mir nur unter großer Überwindung zu Gemüte führen, eben weil es so gekonnt die Beklemmungsgefühle in mir auslöste.

Das Gruselige an „Friedhof der Kuscheltiere“ ist nicht, dass es irgendwelche besonders brutalen Momente gäbe, bis auf zwei wirklich kurze Szenen kommt im ganzen Roman nichts derartiges vor – und diese Abschnitte nehmen von den etwas mehr als 16 Stunden Hörbuch vielleicht ein oder zwei Minuten ein. Daran kann meine innere Aversion nicht liegen. Nein: Es ist vielmehr die Art des Erzählens, die einem ständig unter der Oberfläche zu verstehen gibt: „Es wird alles noch viel schlimmer kommen, als du denkst…“ Und obwohl ich das Buch als Jugendlicher sehr mochte und mehrfach gelesen habe, erging es mir als Erwachsenem nun ganz anders.

Was ich an Stephen King schätze, ist die epische Erzählkunst, die er wie kaum ein anderer perfektioniert hat. Seine Charaktere entwickeln sich langsam, der Horror liegt in der ganz leichten Abänderung einer alltäglichen Situation, doch auch er hat eine Entwicklung durchlaufen: Seine frühen Romane („Carrie“, „Shining“, „Friedhof der Kuscheltiere“, „Brennen muss Salem“) sind echte, harte Horror-Geschichten, die ich mittlerweile für vergleichsweise „schwere Kost“ halte (ich selbst bin der Maßstab, an dem das gemessen wird…). Seine späteren Romane (z.B. „The Green Mile“, „Der Anschlag“, „Die Arena“, „Mr. Mercedes“ und so weiter) stellen seine erzählerische Finesse ohne den harten Horror-Faktor unter Beweis – und da schätze ich Stephen King besonders.

Ich hoffe einfach mal, dass Stephen King noch 20 bis 30 Jahre weiter exzellente Romane schreibt, die eher seinem späteren Schreibstil entsprechen – dann werde ich sie mir auch weiterhin genüsslich zu Gemüte führen. „Friedhof der Kuscheltiere“ darf jetzt erst einmal ein paar Jahre in meiner Hörbuch-Bibliothek sein Dasein fristen, vielleicht hole ich es dann wieder heraus, wenn ich mich so richtig fürchten möchte. Vielleicht.

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3 Gedanken zu „Gehört: „Friedhof der Kuscheltiere“ von Stephen King

  1. simonsegur sagt:

    Komischerweise ist der „Friedhof“ eins der ganz wenigen Kings, mit dem ich nicht viel anfangen konnte. Umso mehr danke ich Dir für die treffende Beschreibung seiner Erzählmagie. Was Deine Einteilung in früh und spät angeht, bin ich aber nicht ganz d’accord: King schreibt immer mal wieder mehr oder weniger „harten“ Horror. Später etwa den splattrigen Handy-Zombie-Roman „Puls“, früher etwa die Novellensammlung „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“. Aber wurscht – jedenfalls hast Du mir Lust gemacht, doch nochmal zu „kuscheln“ 🙂 Liebe Grüße!

  2. Zeilenende sagt:

    Du bringst so herrlich auf den Punkt, weshalb ich mich dagegen sträube, King zu lesen. Der Friedhof ging nur bei Tageslicht. Und Bewölkung war schon ein Problem. Was habe ich mich gegruselt, als ich ihn abends zu lesen begann. schauder

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