Gehört: „Am Ende aller Zeiten“ von Adrian J. Walker

Ich bin ja ein großer Fan von jeglicher Art von Büchern, die mit Laufen zu tun haben. Vor einigen Monaten hatte ich mich ja erst sehr positiv über Haruki Murakamis „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ ausgelassen, das ich nach wie vor für eines der besten Bücher über das Laufen halte (hier ist meine Rezension). Als ich dann beim Stöbern in der „Science Fiction & Fantasy“-Hörbuch-Sektion von iTunes auf „Am Ende aller Zeiten“ von Adrian J. Walker (passender Nachname…) stieß, war ich angesichts des Anreißer-Texts ganz hingerissen.

Edgar Hill ist Mitte dreißig, und er hat sein Leben gründlich satt. Unzufrieden mit sich und seinem Alltag als Familienvater und Eigenheimbesitzer weiß er nur eins: So kann es nicht weitergehen. Als das Ende kommt, kommt es von oben: Asteroideneinschläge verwüsten die Britischen Inseln. Städte, Straßen, Internet – all das gehört plötzlich der Vergangenheit an. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Edgar wird von seiner Familie getrennt und vor die größte Herausforderung seines Lebens gestellt: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er von Schottland nach Cornwall laufen, 500 Meilen durch ein sterbendes Land. Und er muss zu dem Mann werden, der er schon immer sein wollte.

Ziemlich schnell war die Entscheidung gefallen, das Geld verschwand wie von Geisterhand von meiner Kreditkarte, dafür war ein paar Minuten später das Hörbuch geladen.

Covergestaltung

„Am Ende aller Zeiten“, gerade die Aufmachung als (Lauf-) Tagebuch finde ich durchaus gelungen.

„Am Ende aller Zeiten“, gerade die Aufmachung als (Lauf-) Tagebuch finde ich durchaus gelungen.

Im Englischen Original heißt das Buch „The End of the World Running Club“, übersetzt also „Der Ende der Welt Lauf-Club“, was eigentlich viel schöner ist. Meinetwegen hätte man diesen Titel ausnahmsweise mal gar nicht übersetzen müssen. Immerhin passt das Coverbild gut dazu, denn so eine Kladde, in die man die Trainingsfortschritte einträgt, würde einem Mitglied des Lauf-Clubs sehr gute Dienste leisten. Der Zusammenhang geht angesichts des deutschen Titels recht lange verloren bzw. wird erst um die Mitte der Handlung einleuchtend, wenn der Begriff des „Lauf-Clubs“ tatsächlich fällt.

Inhalt

Der Roman bzw. das Hörbuch handelt tatsächlich vom Ende aller Zeiten, wie der Titel verrät. Doch in diesem Fall ist es beinahe wörtlich zu nehmen, denn die Handlung spielt in einer (theoretisch nicht allzu weit entfernten) zukünftigen Welt, die von mehreren Tausend Asteroiden getroffen und verwüstet wurde. Vielerorts ist die Infrastruktur völlig zerstört oder so stark in Mitleidenschaft gezogen worden, dass als einzig effektive Möglichkeit der Fortbewegung Gehen und Rennen übrig geblieben sind.

Der Protagonist, Edgar, ist zu Beginn der Handlung noch ein übergewichtiger und fauler Kerl, der sich aus seinen familiären Verpflichtungen (zwei kleine Kinder, um die sich die Mutter kümmert) so oft wie möglich abseilt – was ihn bei mir gleich einmal ziemlich unbeliebt gemacht hat. Immerhin sieht er sein Versagen im Verlauf des Buchs ein und erntet auf diese Weise ein paar Bonuspunkte.

Während einer Nahrungsbeschaffungsaktion sind Edgar, Bryce und einige andere der Überlebenden im zerstörten Edinburgh unterwegs, als ein Hubschrauber die im Lager Zurückgebliebenen aufliest und nach Cornwall fliegt, wo sie auf ein Schiff gehen sollen, das in knapp drei Monaten in Richtung Südafrika ablegen wird.

Zum Glück – aus meiner Sicht – spielt sich alles in Schottland bzw. England ab, denn im Verlauf der Handlung muss das bunt zusammengewürfelte Grüppchen von Edinburgh hoch oben in Schottland nach Wales, also an die Südwestküste der Insel, gelangen. Das ist eine durchaus zu bewältigende Strecke, die britische Läuferin Yvie Johnson hat das vor ein paar Monaten erst gemacht, was der Geschichte einen Touch mehr Glaubwürdigkeit verleiht. Müssten die Läufer quer durch die USA ein paar Tausend Kilometer laufen, wäre das Szenario gleich viel unrealistischer.

Im Lauf der Geschichte wachsen die Hauptfiguren trotz etlicher charakterlicher Gegensätze zusammen und bilden eine Nutzgemeinschaft, die sich gegenseitig weiterhilft. Natürlich erleben sie etliche kleinere und größere Katastrophen, der Schluss ist ganz anders als erwartet, da er weder als richtiges Happy End noch als völlige Katastrophe daherkommt. Das Spiel mit den Erwartungen der Leser ist dem Autor wirklich gelungen.

Zitat

Der Anfang des Kapitels „Niemals zu Ende“ blieb mir gleich im Kopf hängen, während ich morgens kurz nach fünf auf dem Laufband dahin stapfte. Sofort war mir klar, dass ich diesen Abschnitt in meiner Rezension verbraten würde – hieße ich Zeilenende, hätte ich an der Stelle einen gelben Zettel auf mein Hörbuch geklebt… – Also musste ich mir das Kapitel merken und dann für euch heraushören. Doch die Arbeit hat sich gelohnt:

Ihr wollt wissen, wie es sich anfühlt, 30 Meilen zu laufen? 30 Meilen am Stück durch Schlamm und über versengte Erde? 30 Meilen, auf denen man ständig Kratern ausweichen und unter umgestürzten Bäumen durchkriechen muss, nachdem man schon das ganze Land zu Fuß durchquert hat? 30 Meilen mit kaputtem Knöchel, einem erblindeten Auge und nach einem Frühstück, das aus einer halben Dose Bohnen bestand? Ich kann’s euch sagen. Es beginnt wie jeder andere Lauf. Vor dem ersten Schritt, bevor die erste Muskelfaser zuckt, bevor die ersten Neuronen feuern, stehst du vor einer Entscheidung: Stehen bleiben oder laufen? Du entscheidest dich richtig. Dann wiederholst du diese Entscheidung hunderttausend Mal. Du läufst keine 30 Meilen, du läufst viele Male einen einzigen Schritt. Das ist alles beim Laufen und auch sonst. Ob du etwas erreichen oder umgekehrt von etwas loskommen musst, der Weg ist immer derselbe: Hunderttausend einzelne Entscheidungen, von denen du jede einzelne richtig triffst. Du brauchst nicht an die Entfernung zu denken oder an dein Ziel oder daran, wie weit du schon gekommen bist. Du musst nur an das denken, was vor dir liegt. Und das musst du hinter dich bringen.

Vermutlich können sich die meisten Läufer recht gut in dieses Gedankengebäude hineinversetzen, denn an den Tagen, an denen der Schweinehund die ganz harten Geschütze auffährt (Dreckswetter, Muskelkater, Erschöpfung, Termindruck…), hilft eine derartige Strategie tatsächlich: Loslegen, nicht darüber nachdenken, einfach immer noch einen Schritt. Dann noch einen. Dann noch einen.

Fazit

Alles in allem war ich mit diesem Kauf sehr zufrieden, denn man bekommt viel für das Geld: Der Preis pro Hörbuchstunde liegt deutlich unter einem Euro, damit kann ich leben. Und da ich mit Endzeit-Fantasien als Teil des Science Fiction-Genres ohnehin auf gutem Fuß stehe, sprach mich das im Roman entwickelte Szenario durchweg an. Nicht zu vergessen der Fokus auf der läuferischen Tätigkeit, die ich ja nun selbst täglich ausübe (ich bin ganz nah an den 4.300 Kilometern in diesem Kalenderjahr). Da passt aus meiner persönlichen Perspektive sehr viel sehr gut zusammen. Ich habe das Hörbuch genossen, was sicher auch zu einem guten Teil an Uve Teschners gelungenem Lesestil liegt. Wer die gerade genannten Themengebiete ebenso schätzt wie ich, kann hier nicht viel falsch machen…

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3 Gedanken zu „Gehört: „Am Ende aller Zeiten“ von Adrian J. Walker

  1. Flowermaid sagt:

    … die ersten zwanzig Minuten verflucht man sein Leben, der Körper will nicht aus der Compfort Zone und dann beginnt ein neuer Dialog…

  2. Der Roman liegt auf meinem SUB – bin auch schon gespannt.

  3. Der Roman liegt auf meinem SUB relativ weit oben – bin schon gespannt.

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