E-Bike – Erfahrungsberichte und eine (gar nicht so kleine) Vision

Seit August habe ich mein E-Bike, mittlerweile bin ich deutlich mehr als 600 Kilometer damit über die Ostalb gefahren – und es ist immer noch traumhaft angenehm. Jeder, der mich danach fragt, bekommt einen quasi euphorischen Zwischenbericht.

Mein E-Bike – hier in der Mitte einer kleinen Tour durch die Ostalb

Mein E-Bike – hier in der Mitte einer kleinen Tour durch die Ostalb

Interessante Reaktionen

Es war keine große Überraschung, dass ich von allen möglichen Seiten mit Kommentaren beworfen wurde. Die meisten davon waren fragender, fast schon zweifelnder Natur:

  • Der häufigste Kommentar (von Schülerseite) war tatsächlich: „Sie fahren/haben ein E-Bike?
  • Der zweithäufigste Kommentar von Schülern war: „Sie wollen mir das E-Bike doch sicher schenken, oder?“
  • Der dritthäufigste Kommentar machte sich eher indirekt am Fahrrad fest. Da das Fahrrad viel gekostet hat und ich einfach keine Lust habe, mich mit Vandalismus oder Diebstahl auseinanderzusetzen, parke ich es weder im Fahrradkeller noch vor der Schule sondern in meinem Unterrichtsraum (der liegt glücklicherweise im Erdgeschoss der Schule). Beim Hineinschieben in das Schulgebäude darf ich mir auch nach mehr als fünf Schulwochen noch anhören: „Dürfen Fahrräder hier überhaupt rein?“
  • Eine Schülerin rief bei meinem Anblick auf dem E-Bike mit entsetztem Tonfall aus: „Aber Sie sind doch noch jung!“ – Klar bin ich jung (gefühlt allemal), aber was hat das mit dem E-Bike zu tun?
  • Ein Kollege, der jeden Tag gut 15 Kilometer (einfach) zur Schule und später dann zurück radelt (alles nur mit Muskelkraft), fragte im (gefühlt) halben Kollegium herum, wem denn das „dicke E-Bike im Fahrradkeller“ gehöre, bis er endlich erfuhr, dass es meines ist.

Nachdem die erste Aufregung sich etwas gelegt hat, immerhin kam ich an den 25 ersten Schultagen des Schuljahres 24 Mal mit dem E-Bike zur Schule (einmal musste es zur ersten großen Überprüfung nach 400 gefahrenen Kilometern, das dauerte über Nacht), erwachte bei einigen Kollegen ein sehr positives Interesse. Plötzlich wurde ich zu Details befragt, dann ging es um meine Erfahrungen, allein der Anblick des Rads, das eben nicht aussieht wie „Modell Oma Jahrgang 1930“, verleitete eine Kollegin dazu, ihre bisherige Abneigung weitgehend abzulegen (sehr verständlich, denn auf so eine „Oma-Schaukel“ würde ich mich auch nicht freiwillig setzen).

Und dann fragte mich sogar der äußerst dynamische Sport-Kollege sehr interessiert nach meinen Erfahrungen, nach Anschaffungspreisen und dergleichen. Das fand ich sehr cool, denn viele zweifelnde Fragen deuteten auf einen (gefühlten) Widerspruch zwischen sportlicher Gesamterscheinung und der Benutzung eines E-Bikes hin. Dass nun der Sport-Kollege, an dessen Fitness überhaupt kein Zweifel bestehen kann, Interesse an dem E-Bike offenbart, zeigt mir, dass ich wohl unbeabsichtigt einige Denkprozesse im Kollegium ausgelöst habe.

Das finde ich gut, denn nach wie vor fahren unglaublich viele Menschen viel zu viele kurze Strecken unnötig mit dem Auto. Wie oft habe ich gesehen, dass Kollegen, die nur zwei oder drei Kilometer von der Schule entfernt wohnen, jeden Tag mit dem Auto anfahren. Im Winter, mit schwerem Gepäck (aber: Wann kommt das bei Lehrern dauerhaft vor?) oder bei wirklich schlechtem Wetter kann ich das ja als Ausnahme noch verstehen. Aber selbst zu Fuß sind zwei Kilometer doch in maximal zwanzig Minuten bequem zu schaffen. Mit dem Auto im morgendlichen Berufsverkehr wird die Strecke auch mindestens 10 Minuten benötigen. Und Spaß macht Stop-and-Go-Verkehr den wenigsten.

Vision

Mit meiner Frau habe ich mich in den vergangenen Monaten häufig über das Thema Mobilität ausgetauscht. Wir haben ein paar kleine Kopfrechnungen durchgeführt. Tatsächlich ist es mittlerweile unser erklärtes Ziel, nach dem Ableben unseres aktuellen Autos (Jahrgang 2010) kein neues mehr anzuschaffen. Dazu müsste das aktuelle Modell noch gut acht Jahre durchhalten, denn dann wäre selbst unser jüngstes Kind 14 Jahre alt – alt genug, um mit einem eigenen E-Bike komfortabel klarzukommen. Das würde uns Eltern von vielen Taxi-Diensten befreien, den Kindern ein gesundes Verhältnis zur Notwendigkeit mancher Fahrten verschaffen, viel Geld einsparen (dazu komme ich gleich noch) und die Umwelt schonen.

Auf das Auto sind wir im Moment nur für wenige konkrete Dinge angewiesen: Einkaufen, familiäre Besuche, Transporte schwerer Gegenstände und Fahrten zur Musikschule, zu weiter entfernten Proben/Konzerten etc. Alles weitere können wir schon jetzt mit den E-Bikes erledigen – unkompliziert und schnell. In Zukunft würden wir in den unumgänglichen Fällen ein Auto mieten, ansonsten könnten wir ohne Probleme komplett darauf verzichten.

Kostenfaktor Auto

Ich versprach, gleich noch einmal auf die Kosteneinsparung durch den Verzicht auf ein Auto zu sprechen zu kommen: Ein Auto ist sehr teuer, genau genommen verschlingt es Unmengen an Geld, doch diese muss ich ein wenig aufschlüsseln:

  • Anschaffungskosten: Unser Auto (Fiat Dobló) hat ziemlich genau 20.000 € gekostet. Bei einer zehnjährigen Nutzungszeit würde allein dies 2.000 € pro Jahr ausmachen, bei einer zwanzigjährigen immerhin noch 1.000 €.
  • Versicherung: Selbst mit allen möglichen Schadenfreiheitsrabatten kostet uns die Versicherung jedes Jahr etwa 280 €.
  • Steuer: 120 € pro Jahr.
  • Benzinkosten: Das hängt stark von der Fahrweise und dem Kilometeraufwand ab. Auf 100 Kilometer verbraucht der Fiat aktuell ca. 8,4 Liter Benzin (für einen Benziner gar nicht so schlecht, aber immerhin). Mittlerweile sind wir mit dem Auto 78.000 Kilometer gefahren. Das macht (780×8,4=) 6.552 Liter Benzin. Bei einem Literpreis von moderaten 1,20 € (und es waren ja auch schon deutlich mehr zwischenzeitlich) haben wir in den letzten sechs Jahren also 7.862,40 € für Benzin ausgegeben, pro Jahr also satte 1.310,4 €.
  • Reparaturen: Gut, die sind nie ganz kalkulierbar. Schätzungsweise nehmen sie aber mit Zunahme des Alters auch noch deutlich zu. Wenn man 400 € pro Jahr nur für Reparaturen ansetzt, ist man sicher recht moderat (wir hatten bislang schon deutlich mehr).
  • Wartungen und sonstiges: Die üblichen Kundendienste und Wartungen kosten ja auch Geld, selbst wenn gar nichts kaputt ist. Die TÜV-Plakette gibt’s nicht geschenkt. Unter 200 € pro Jahr kommt man einfach nicht weg.

So, ich zähle mal zusammen: Ich gehe von 20 Jahren Nutzung aus, das ist vielleicht etwas optimistisch, aber dann bekommt es eine ganz gute Langzeitperspektive:

20.000 € (Anschaffungskosten) + 5.600 € (Versicherung) + 2.400 € (Steuer) + 26.208 € (Benzinverbrauch) + 8.000 € (Reparaturen) + 4.000 € (Wartungen etc.)

Ergibt zusammen: 66.208 € – ein teurer Spaß. Und der Fiat Dobló gehört nun nicht gerade zu den prestigeträchtigen Fahrzeugen. Wäre das ein Audi oder Mercedes, dann müsste ich den Anschaffungspreis locker verdoppeln, wenn nicht gar verdreifachen.

Selbstverständlich kann es sein, dass bei einem teureren Auto die Reparaturkosten niedriger ausfallen. Dafür kostet die Wartung bei VW, Mercedes, Audi, BMW und anderen Marken deutlich mehr, wenn ich meinen Kollegen glaube (einer berichtete davon, dass auch beim Ölwechsel die Arbeitszeit in Meisterstunden berechnet würde – als ob je ein Meister in der Werkstatt noch das Öl wechseln würde…). Vermutlich gleicht sich das wieder aus – und auch 8.000 € Reparaturen gegen vielleicht nur 4.000 € aufzurechnen, wenn dafür der Anschaffungspreis des Autos um 15.000 oder 20.000 € höher liegt, erzeugt keine bessere Gesamtbilanz. Das Auto ist und bleibt ein wirklich sauteures Luxus-Vergnügen, dessen wahre Kosten nur selten auf den Tisch kommen, da sie sich meist über viele Jahre strecken und dadurch gut tarnen…

Die Vision wächst.

Letztlich ist unsere Vision doch gar nicht so klein, zumindest nicht hinsichtlich unserer eigenen Lebensgestaltung. Diese Vision umfasst eine Photovoltaik-Anlage auf unserem Hausdach. Wir benutzen zwar schon seit Jahren ausschließlich Energie von Naturstrom, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen stammt, doch durch die Photovoltaik treiben wir in unserem kleinen Rahmen die Dezentralisierung der Energieversorgung voran – das vermutlich wichtigste Element einer nachhaltigen Neuausrichtung dieser gesellschaftlichen Herausforderung. Noch dazu wäre dann nach einer vermutlich üppigen Anfangsinvestition ein Großteil der verbrauchten Energie ab diesem Zeitpunkt selbst erzeugt, wodurch die alltägliche finanzielle Belastung sinken würde. Auf Dauer sicher keine schlechte Entscheidung.

Angeblich soll zum Jahresende ein neuer Standard für Photovoltaik-Anlagen verabschiedet werden, der eine bessere Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Herstellern gewährleistet. Sobald sich da etwas Klarheit abzeichnet, wird unser Projekt Stück für Stück in die Wege geleitet und umgesetzt. Ich kann es kaum noch erwarten.

Gut, jetzt habe ich das Thema einigermaßen weit aufgerissen. Doch es ist mir wichtig, also schreibe ich darüber. Vielleicht bewege ich ja den einen oder anderen tatsächlich dazu, auch einmal etwas nachzudenken. Jede kleine Veränderung, die im Alltag Fuß fassen und sich in einer veränderten Gewohnheit niederlegen kann, hilft.

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9 Gedanken zu „E-Bike – Erfahrungsberichte und eine (gar nicht so kleine) Vision

  1. Ich finde ziemlich krass, dass wir hier im Wohngebiet schon aktuell etwas aus dem Rahmen fallen dadurch dass wir nur ein Auto besitzen. Ich verstehe völlig, dass es Bedingungen gibt, die ein Auto quasi unumgänglich machen, aber ich denke auch, dass viel mehr Leute darauf verzichten könnten, wenn sie sich ein paar Gedanken machen würden. Missionierung lehne ich völlig ab, jeder kann sich die Infos selber besorgen und muss wissen, was er für richtig hält. Aber ich fände es eine Schande, wenn wir mit unseren guten Bedingungen (kurze Wege zur Arbeit, ÖPNV) es nicht versuchen würden, vom (eigenen) Auto los zu kommen.

  2. Es Marinsche kocht sagt:

    Sehr schöne Gedanken / Visionen die Ihr da hegt…..da sollte die Rechnung dann unterm Strich aufgehen!

    Und Car-Sharing Projekte oder Mietauto Portale gibt es mittlerweile gut erprobt und recht komfortabel zu nutzen 🙂

    Ich warte schon auf das Projekt Selfie ( am besten in Video Form büdde ) vom Solera der sein eBike im Unterrichtsraum parkt, womöglich noch von ihm aus unterrichtend… 😉

    Aber mal ehrlich: ein gutes Beispiel ist das für die Kiddys nicht, oder!? Was ist wenn jemand findet das ihm sein Gefährt aber auch dermaßen wichtig ist und er einfach keine Lust hat, sich mit Vandalismus oder Diebstahl auseinanderzusetzen….

    • solera1847 sagt:

      Hmmm, von der Seite hatte ich es ja noch gar nicht betrachtet. Andererseits stelle ich das Rad in den Unterrichtsraum, damit sich die befürchteten »Späße« gar nicht erst ergeben. Fahrraddiebstähle sind in Aalen zur Zeit leider ein großes Thema (über 300 Räder allein in diesem Kalenderjahr, die Schätzungen gehen eher in Richtung 400 bis Jahresende). Die Polizei geht von organisierter Bandenkriminalität aus, weswegen auch die besten Schlösser wohl nur Makulatur sind. Da lasse ich ein E-Bike für 2.500 € nicht draußen. Und im Fahrradkeller gibt es halt auch immer wieder mal Spaßvögel, die Ventile öffnen oder dergleichen — das spare ich mir einfach. Basta! 😎

  3. Zeilenende sagt:

    Puh, mehr fällt mir da nicht ein außer:

    1) Ambitioniert
    2) Respekt
    3) Kann ich nur partiell mitreden, weil ich unter ganz anderen Bedingungen lebe
    4) Die Wahrnehmung von E-Bikes hat sich tatsächlich gewandelt. Scheint ein Tick von Menschen zu sein, zu glauben, wo ein Motor drin sei, handele es sich um ein nützliches Gefährt und nicht um ein Spielzeug / Sportgefährt (nur so kann ich mir die ernstzunehmende Existenz von Ferraris im Straßenverkehr vorstellen … Selbst für Motorräder scheint die Logik zu gelten). Andererseits: Ja. Du kannst auch längere Strecken zurücklegen, die du mit dem unmotorisierten Rad nicht antrittst. Oder nur ungern. Für Besorgungen. Wocheneinkauf mit dem Fahrrad geht nämlich durchaus, ist aber anstrengend. g
    5) Daumen hoch. 🙂

    • solera1847 sagt:

      Na, perfekt! Bei dir als einem in der Großstadt lebenden Edelnerd ist so eine Umstellung ja auch gar nicht notwendig. Du hast aber vermutlich auch gar kein Auto in Stuttgart, da du die überwiegende Zahl der Wege mit der U-/S-Bahn (bzw. bei langen Strecken der Deutschen Bahn) bequem zurücklegen kannst. Ohne die Kids bräuchten wir unser Auto so gut wie gar nicht mehr. Da wären wir gerade schon vollkommen am Aussteigen. So muss es einfach noch ein bisschen dauern.

      Bei den ausgerechneten grob 3.000 € pro Jahr, die uns das Auto (bei 20 Jahren Nutzung) kosten wird, sind die E-Bikes (je 2.500 € Anschaffung sowie 360 € Versicherung für fünf Jahre) jeweils nach einem Jahr mehr als amortisiert. Ab da ist das E-Bike in jedem Fall billiger. Faszinierend.

      (Ich gebe aber zu, dass die Bequemlichkeit des Autos hier und da dann schon fehlen wird.)

      • Zeilenende sagt:

        Ich hatte auf dem Land ein Auto zur Verfügung, habe es aber im Wesentlichen aus Faulheit genutzt. Ja. Als leicht snobistischer Single in der Stadt (Edel-Nerd ^^), geht es mit ÖPNV und Taxi, wenn man mal … nach durchzechter .. . Ich meine natürlich durchdachter. … Nacht heim will.
        Nur wie du die großen Steine für den Hang auf dem Bike … Ich mag es mir nicht vorstellen. 😅

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