Wartezimmergespräche der Sorte „Nein, danke!“

Seit 1980 heißt „Rhodesien“ schon „Zimbabwe“, doch das ist noch nicht überall angekommen...

Seit 1980 heißt „Rhodesien“ schon „Zimbabwe“, doch das ist noch nicht überall angekommen…

Heute musste ich zum Arzt. Da ich keinen Termin vereinbart hatte, musste ich etwa 20 Minuten warten – was immer noch recht zügig war, denn selbst mit Termin muss man bei der einen oder anderen Praxis unter Umständen ganz schön lange warten (mein trauriger Rekord liegt bei mehr als drei Stunden für ein knapp viertelstündiges Beratungsgespräch).

Während der Wartezeit las ich auf dem iPhone, war aber aufgrund der Schmerzen etwas unkonzentriert und hörte zwangsläufig mit, was drei ebenfalls wartende Herren – durchaus gehobenen Jahrgangs – so von sich gaben. Und das war derart absurd, wäre es nicht so furchtbar dumm und unangebracht gewesen, hätte ich eigentlich nur laut über so viele unbegründete und kaum nachvollziehbare Vorurteile, wie man sie höchstens in einem AfD- oder NPD-Parteiprogramm finden sollte, lachen können. Doch eben zu diesem Lachen war mir nicht zumute, denn in besagtem Gespräch brachten die drei Herren innerhalb weniger Minuten unter vielen anderen auch die folgenden Punkte zum Ausdruck:

  • Saddam Hussein war zwar ein böser Diktator, aber er hat sein Volk wenigstens unter Kontrolle gehabt. Da gab es keine Aufstände, da herrschte noch Zucht und Ordnung. Das waren noch gute Zeiten, natürlich gut für uns, weil dementsprechend auch keine Flüchtlinge aus dem Irak nach Europa hinüber geschickt wurden.
  • Afrika ging es im Zustand als Kolonie der europäischen Kolonialmächte viel besser. Das Argument dafür könnte ich jetzt wieder aus dem vorigen Punkt herauskopieren, müsste nur halt den Saddam weglassen: Unter der Herrschaft der Briten, Franzosen, Deutschen, Niederländer usw. ging es „denen da unten“ ja eigentlich viel besser, weil denen dann endlich einmal jemand gesagt hat, wo’s langgeht. Seitdem diese alten Herrschaftsstrukturen weg sind, zerfällt das Land. Als Resultat der Kriege kommen haufenweise Flüchtlinge nach Deutschland, die hier herumschmarotzen.
  • Am wirklich amüsantesten war das Beispiel, das einer der Herren (locker Ende 60, eher Mitte 70) wählte: Rhodesien. Rhodesien??? Das Land ist seit 1980, also seit 36 Jahren, unabhängig von Großbritannien. Seitdem heißt es nicht mehr Rhodesien sondern Simbabwe (oder Zimbabwe). Der Typ argumentierte also tatsächlich mit einem Zustand von vor fast 40 Jahren!

Ganz klarer Fall: Diese drei Herren haben komplett verpasst, dass unsere Welt etwas vernetzter und komplizierter geworden ist und sich – mit den Worten Roland Deschains – „weiterbewegt“ hat. Am liebsten würden Sie die Zeit wieder zurückdrehen zu den einfacheren Zeiten von damals, als es noch die D-Mark gab, als die DDR uns noch die Ein-Euro-Jobber vom Hals gehalten hat, als VW noch einen Ruf als Erbauer umweltfreundlicher Autos hatte, als die Rente noch luxuriös hoch war, kurz: als wir noch die (vermeintlichen) Herren der Welt waren.

Zum Glück wurde ich da auch schon aufgerufen und von diesem hohlen Geschwätz erlöst. Am schlimmsten für mich war die Erkenntnis, dass genau solche Menschen in Großbritannien für den Brexit gestimmt hatten. Käme es in Deutschland jemals zu einer solchen Volksentscheidung, ob wir ein Teil Europas bleiben wollen oder nicht, diese Typen würden sofort für Donald Trump, äh, nein, das war etwas anderes… Also: Diese drei Herren würden sicher gegen einen Verbleib Deutschlands in der EU stimmen. Denn nur so könnte ihre Rente schnell wieder auf das Niveau von vor 30 Jahren steigen. Ganz sicher. Gaaaanz sicher.

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5 Gedanken zu „Wartezimmergespräche der Sorte „Nein, danke!“

  1. Zeilenende sagt:

    Unter Adolf hätte es so einen Blogbeitrag wie deinen nicht gegeben, junger Mann. Da herrschte im Netz noch Anstand und Respekt gegenüber der Weisheit alter Menschen. So Leuten wie Ludendorff, großer Verteidiger des tumben … Äh teutschen Vaterlands.

    😉

  2. measententia sagt:

    Gaaaaaanz genau, Solera.

    Und die arme SVP kann sich dann nachher wieder darüber aufregen, dass man sie–schon wieder!–stehen lässt mit ihrer accch so dringlichen Ausschaffungsinitiative. Worauf hin wir, das ihr so treue Volke, dann ganz bestimmt, ja gaaaaaaaanz bestimmt, ein halbes Jahr später noch einmal über eine erneute Verschärfung unserer eigenen ach so laschen, regressiven Gesetze abstimmen werden müssen. Dürfen. Wie auch immer.

    Aber danach wirds dann bestimmt besser. Gaaaaanz bestimmt. Wird wieder alles gut. So gut wie früher. Jaja.

    Doh !

    Schönes Wochenende Euch allen. Trotzdem oder gerade deswegen ! 🙂

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