Gelesen: „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ von Haruki Murakami

Ein wundervolles Buch für Läufer: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede – persönlich, philosophisch und in einem völlig entspannten Tonfall, der das Lesen zum reinen Genuss macht.

Ein wundervolles Buch für Läufer: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede – persönlich, philosophisch und in einem völlig entspannten Tonfall, der das Lesen zum reinen Genuss macht.

„Ganz gleich, wie banal und alltäglich eine Tätigkeit sein mag, wenn man sie nur lange genug ausübt, bekommt sie etwas Meditatives oder Kontemplatives.“ (S. 5)

Wie’s der Zufall so wollte…

Vor ein paar Wochen war ich zu Besuch bei einem guten Freund und Trompeter-Kollegen aus alten Würzburger Zeiten, den es vor ein paar Jahren in die nähere Umgebung (Heidenheim) verschlagen hat. Sein Bruder, ein sehr guter Posaunist und – ebenso wie ich – leidenschaftlicher Läufer, war zeitgleich mit seiner Familie zu Besuch. Wie immer kamen wir alsbald ins Gespräch über unsere Fitness-Tracker, die aktuell benutzten Laufschuhe, diverse Lauftechniken (z.B. Vorderfuß vs. ganzer Fuß) und dergleichen mehr. Irgendwann erwähnte er ganz beiläufig ein Buch über das Laufen von Haruki Murakami.

Sofort erwachte mein Interesse, denn ich hatte einerseits noch gar nichts davon gehört, andererseits fing mich die Zusatzbemerkung „Das ist eher ein philosophisches Buch über das Laufen…“ ein. Gerade diese Art des Schreibens über das Laufen fasziniert mich. Trockene Anweisungen, wie ich wann meinen Fuß wohin setzen soll, können mich nicht hinter dem Ofen hervorlocken, aufgrund meiner Zerrung in der Hüfte habe ich nämlich ein solches Buch gerade nebenher gelesen – GÄÄÄÄÄHHHHNNN!.

Doch Literatur, die eher die psychologischen Auswirkungen des Laufens beleuchtet, fesselt mich. Nicht ganz umsonst bin ich ein großer Fan von Alan Sillitoes „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“. Diese Geschichte taucht in die Gedankenwelt des Läufers beim Laufen ein, sehr faszinierend! Noch während wir dort zu Besuch waren, suchte ich vom iPhone aus das Buch und lud es aus dem iBooks Store.

Begeisterung

Mittlerweile habe ich das Buch komplett gelesen und konnte mir ein Urteil bilden: Es ist hervorragend! Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Der Schreibstil ist flüssig und fast wie im Plauderton. Ich fühlte mich an keiner einzigen Stelle des Buchs belehrt oder bevormundet, stattdessen wirkt es wie eine angenehme Erzählung, der man nachmittags auf der Veranda im Schatten bei einem guten Glas Solera 1847 lauscht. Insgesamt wirkt es, als erzähle der Lieblingsonkel einen (langen) Schwank aus seinem Leben, dem man voller Hingabe lauscht. Viel besser geht’s nicht. Ein passendes Beispiel werde ich unten anfügen.
  • Der Inhalt interessierte mich durchweg. Sowohl die direkt auf das Laufen bezogenen Teile als auch die eher allgemein (auto)biographischen Abschnitte sowie die Ausführungen über das Schreiben packten mich. Genau genommen saugte das Buch mich förmlich in sich hinein.
  • Das Buch ist ehrlich geschrieben, es beschönigt nichts, zeigt aber interessante Wege auf, damit umzugehen. Was ich damit meine? Hoffentlich wird es bei den Zitaten etwas klarer werden, denn es ist schwer in Worte zu fassen.

Zitate

Wie gerade versprochen folgen nun ein paar ausgewählte Zitate. Ich beschränke mich aber auf den Beginn des Buchs, sonst müsste ich jetzt parallel alles noch einmal lesen. Das wäre zwar nicht schlimm, doch lässt es die Zeit schlicht und einfach nicht zu.

Einer der Läufer berichtete von einem Spruch, den ihm sein älterer Bruder (ebenfalls ein Läufer) beigebracht hatte, und den er seither ständig im Kopf behält: Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist eine Option. Man stelle sich vor, man rennt und denkt plötzlich: „Boah, ist das eine Qual, ich kann nicht mehr.“ Die Qual ist eine unvermeidliche Tatsache, sie zu ertragen oder nicht, bleibt jedoch dem Läufer überlassen. (S. 6)

Wie wahr, wie wahr. Egal ob es die reine Unpässlichkeit ist, morgens um 4:30 h aus dem warmen und gemütlichen Bett zu springen, der nagende Schmerz einer Blase an der Ferse oder eine wundgeriebene Brustwarze – die Liste ließe sich fast beliebig erweitern. Dennoch hat der Läufer immer die Wahl: Gehe ich raus oder nicht?

Da ich vorläufig dabei bin, meine Distanzen zu steigern, spielt die Zeit noch keine so große Rolle. Es kommt mir allein darauf an, eine bestimmte Strecke zu schaffen. Wenn ich mein Pensum schneller absolvieren möchte, lege ich auch schon mal einen Spurt ein, aber wenn ich das Tempo erhöhe, verkürze ich auch die Laufzeit. Jedenfalls kommt es mir darauf an, das Wohlbefinden, das ich am Ende eines Laufs empfinde, auf den nächsten Tag zu übertragen. Den gleichen Trick wende ich an, wenn ich an einem Roman schreibe. Ich höre stets an einem Punkt auf, an dem ich das Gefühl habe, ich könnte eigentlich noch weiterschreiben. Dann geht mir die Arbeit am nächsten Tag erstaunlich gut von der Hand. (S. 10)

Üblicherweise fühlt man sich als Läufer nach so ziemlich jedem Lauf gut, es sei denn, die Gesundheit spielt nicht mit. Dennoch verstehe und schätze ich diesen Ansatz. Wer immer so weit geht, dass danach erst einmal völlig der Ofen aus ist, der muss vor dem nächsten Lauf oder dem nächsten Ansetzen zur Arbeit eine immer größer werdende Hemmschwelle überwinden. Wer dagegen leichten Schritts einen Lauf beendet, den zieht es auch am nächsten Morgen wieder hinaus in die Natur.

Seit dem Herbst 1982, als ich mit dem Laufen angefangen hatte, waren beinahe dreiundzwanzig Jahre vergangen, in denen ich fast jeden Tag gejoggt war, jedes Jahr an einem Marathon (bis heute dreiundzwanzig) und an mehr Langstreckenläufen auf der Welt teilgenommen hatte, als ich zählen kann. Lange Strecken zu laufen entspricht meinem Wesen und hat mir immer Spaß gemacht. Von allen Dingen, die ich mir im Laufe meines Lebens zur Gewohnheit gemacht habe, ist das Laufen die hilfreichste und sinnvollste, das muss ich zugeben. Über zwanzig Jahre Langstrecke zu laufen hat mich stärker gemacht, sowohl körperlich als auch emotional. (S. 15f.)

Früher bin ich immer nur mit Hörbüchern oder Musik gelaufen, meist war die Musik sehr energetisch, das Hörbuch spannend – beides sollte mich antreiben und vorwärts bringen. Da das Laufen in den letzten Wochen ohnehin nur in einem recht gebremsten Zustand ging, lernte ich es – vielleicht auch aufgrund dieses Zitates – zu schätzen, entweder sehr entspannte, nicht aufputschende Musik oder eben gar nichts zu hören. Beides sorgt dafür, dass man mental noch etwas ausgeglichener zurückkehrt.

Fazit

Wie schon oben verraten: Ich halte das Buch für sehr gelungen. Und dabei ist es noch nicht einmal ein Werk, das sich einzig und allein auf das Laufen bezieht, vielmehr spannt es einen bunten Bogen über viele Themen der menschlichen Existenz. Der Schreibstil, der in den kurzen Ausschnitten gerade eben auch ein bisschen hervorblitzen durfte, ist meiner Meinung nach sehr flüssig und eingängig. Im Verlauf des Buches wie auch in der Einleitung der ersten drei Romane wird auch einiges an interessanten autobiographischen Details vermittelt, was dem Buch zusätzlich Tiefe verleiht.

Mir hat der gesamte Stil so gut gefallen, dass ich mir gleich danach die Hörbücher der ersten drei Romane von Haruki Murakami besorgt habe. Die ersten zwei hatte ich sehr schnell durch, denn sie sind recht kurz, im dritten stecke ich noch, weil ich parallel auch noch einige andere Bücher lese und andere Hörbücher höre. Allen ist der gleiche elegant-eloquente Stil gemein, was sie jeweils zu einem absoluten Genuss macht (ein entsprechender Blog-Eintrag ist bereits in Vorbereitung). „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ war sozusagen meine Einstiegsdroge für das Gesamtwerk von Haruki Murakami. Vielleicht wagt sich ja noch jemand auf diese interessante Reise.

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7 Gedanken zu „Gelesen: „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ von Haruki Murakami

  1. Zeilenende sagt:

    Mhm … Ich mag Murakamis Art, Geschichten zu erzählen, habe mich um das Buch aber bislang ein wenig herumgedrückt. Da es stilistisch dann doch eindeutig Murakami ist, gebe ich ihm wohl doch einmal eine Chance. Danke für die Anregung. 🙂

    • solera1847 sagt:

      Es ist auch ein relativ kurzes Buch, ungefähr so wie der erste Roman ‚‚Wenn der Wind singt“. Aber eben in seinem angenehm flüssigen Stil – noch dazu voller Altersweisheit. Gesetzt im besten Sinne des Wortes.

  2. floreca sagt:

    Ich mochte das Buch auch sehr gern!
    Der Spruch „Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist eine Option“ ist mir im Gedächtnis geblieben und ich denke ihn bei Laufen tatsächlich öfter. Allerdings verstehe ich ihn etwas anders als Du: Schmerzen sind eine Tatsache, wenn mir beim Laufen etwas weh tut, dann ist das so, ob ich allerdings darunter leide, kann ich selbst entscheiden. (Also ich persönlich nicht, Ich leide immer wie ein Hund ;). Aber theoretisch ist das glaube ich so gemeint)

  3. Danke für die Anregung!
    Liebe Gruesse Monika

  4. […] nicht so, denn nachdem ich Haruki Murakamis Buch „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ (hier) gelesen habe, in dem er berichtet, pro Tag nicht mehr als zehn Kilometer zu laufen und dann […]

  5. […] rede“ ausgelassen, das ich nach wie vor für eines der besten Bücher über das Laufen halte (hier ist meine Rezension). Als ich dann beim Stöbern in der „Science Fiction & Fantasy“-Hörbuch-Sektion von iTunes […]

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