Das Urteil

Ich lese/höre ja immer mehrere Bücher/Hörbücher parallel, um gemäß der jeweils aktuellen Stimmungslage ein passendes aussuchen zu können. Eines der von mir bereits vier oder fünf Mal komplett durchgehörten Hörbücher ist „Das Urteil“ von John Grisham, gelesen von Charles Brauer. Die Geschichte ist spannend und Charles Brauer liest es sehr angenehm vor, daher greife ich immer wieder gerne darauf zurück.

Eines meiner Lieblings-Hörbücher: „Das Urteil“ von John Grisham, gelesen von Charles Brauer – ein absoluter Genuss!
Eines meiner Lieblings-Hörbücher: „Das Urteil“ von John Grisham, gelesen von Charles Brauer – ein absoluter Genuss!

Jedes einzelne Mal überkam mich beim Anhören die Lust auf einen entsprechenden Blog-Eintrag, denn das Thema brennt mir, wie man so schön sagt, unter den Nägeln. Ich habe nie geraucht und hege sicherlich keinerlei Ambitionen, damit anzufangen — mein Vater war schließlich Lungenarzt. Raucht jemand in meiner Umgebung, so spreche ich denjenigen (oder diejenige, es rauchen ja immer mehr Frauen, die Werbung hat also ihren Zweck erfüllt) zwar nicht offensiv darauf an (das entspricht einfach nicht meinem Charakter), entferne mich selbst aber so weit, dass ich den Rauch nicht abbekomme, denn den Geruch kann ich überhaupt nicht ausstehen.

Die Thematik des Romans

Nun ist es also soweit, der Blogeintrag wird geschrieben (er wird seit vier Monaten geschrieben, doch so ganz zufrieden war ich noch nicht damit). Ich beginne noch einmal bei John Grishams Roman „Das Urteil“, einem juristischen Thriller über den fiktiven Prozess der Witwe eines (vor Beginn der Handlung verstorbenen) langjährigen Rauchers gegen einen Tabakkonzern. Spannend wird der Roman nicht so sehr aufgrund seiner Thematik, die an sich auch schon hochbrisant ist, stellt sie doch ein zentrales Dilemma unserer heutigen Gesellschaft ins Zentrum:

Wie soll eine Gesellschaft mit einem früher als völlig normal geltenden, bis heute legalen Suchtmittel umgehen, von dem jeder weiß, dass es eine tödliche Gefahr darstellt?

Für Alkohol steht sicherlich irgendwann die grundsätz gleiche Debatte mit einem leicht anderen Anstrich, sicherlich aber einer ebenso mächtigen Lobby im Hintergrund irgendwann an.

Logik…

Im Prinzip sollte die Entscheidung ja außerordentlich simpel sein: Der Rauch von Zigaretten ist höchst gefährlich, und das in den Zigaretten enthaltene Nikotin sorgt binnen kurzer Zeit für eine Abhängigkeit, die für viele Raucher sehr schwer (für etliche niemals) zu überwinden ist. Und während der (und heutzutage immer mehr die) Süchtige diesem körperlichen und geistigen Drängen nachgibt, schädigt er/sie den eigenen Körper aufs Schwerste. Selbst nach dem Einstellen des Rauchens vergehen mehrere Jahre, bis das Krebsrisiko wieder auf den annähernd gleichen Wert wie bei einem Nichtraucher sinkt. Jeder vernünftige Mensch würde angesichts dieser Erkenntnisse bei einem neu auf den Markt geworfenen Produkt sofort für ein Verbot plädieren bzw. als politischer Entscheidungsträger keine Zustimmung zur Zulassung für die Öffentlichkeit erteilen.

…aber…

Dummerweise besitzt das Rauchen eine geradezu elend lange Tradition — und die Tabakkonzerne verfügen über enorm „tiefe Taschen“, die schamlos für Werbung und politische Einflussnahme genutzt werden. Mit diesem Geld werden immer wieder effektiv politische Entscheidungen verwässert oder verhindert, die das Rauchen ernsthaft einschränken könnten. Beschämend!

Immer wieder schwebt mir vor, auch lange etablierte Produkte alle paar Jahre wieder einer erneuten Zulassungsprüfung zu unterwerfen, bei der sämtliche Einflussnahme durch die Lobby strikt unterbunden wird. Klar, klingt leicht, ist in der Realität vermutlich kaum durchzuführen. Aber das hier ist (virtuelles) Papier, da darf man doch mal ein paar Gedanken entfalten, ohne sie gleich auf ihre Praktikabilität hin zu überprüfen, oder?

Aktuell

Gerade vor ein paar Minuten habe ich einen Artikel bei Zeit.de gelesen, der ein wenig Mut macht: Uruguay hat sich selbst angesichts des transamerikanischen Handelsabkommens erfolgreich in einem Prozess vor einem Schiedsgericht gegen den Tabakkonzern Philip Morris verteidigt und darf das Rauchen auch weiterhin stark gesetzlich einschränken.

Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Art von politischer Entschlossenheit auch in unserem Land irgendwann einmal durchsetzt.

Klarstellung

Ich möchte an dieser Stelle nur einmal bemerken, dass ich keinem Raucher eine moralische Schuld zuschiebe, denn von meinem Vater weiß ich, dass bereits wenige Wochen des Rauchens ausreichen, um über das Nikotin eine körperliche Abhängigkeit zu erzeugen. Meine in diesem Artikel formulierte Kritik richtet sich vor allem an zwei Adressaten: Tabakkonzerne und Politiker, die sich von Lobbyisten zu Entscheidungen im Interesse der Tabakkonzerne verleiten lassen.

In „Dante’s Peak“, einem meiner Lieblings-Katastrophenfilme, gibt es ein perfektes Zitat (ich paraphrasiere, da ich den Film nicht ganz auswendig beherrsche):

„Setzt man einen Frosch in einen Topf mit heißem Wasser, so springt er sofort heraus. Setzt man ihn jedoch in einen Topf mit kaltem Wasser und erhitzt dieses langsam, bleibt er sitzen, bis er gekocht wird.“

So ungefähr sehe ich das mit der Tabakindustrie auch: Hätte man vor 150 Jahren bereits in vollem Umfang gewusst, wie gefährlich Rauchen tatsächlich ist, wäre die Gesetzgebung vermutlich viel restriktiver gewesen. Durch die vielen Jahrzehnte einer „Tradition des Rauchens“, das in nicht wenigen Fällen ja auch die Erinnerungen an die Kindheit prägt (nur als ein Beispiel: Welcher Cowboy raucht nicht in seinen Filmen? Selbst Terence Hill, sicherlich bei mehreren Generationen als sympathischer Cleverling und gewitzter Haudrauf bekannt und beliebt, raucht in den alten Schinken…), fällt es vielen Menschen schwer, auf einer unterbewussten emotionalen Ebene die Gefahr in vollem Umfang anzuerkennen. Logisch hat das meiner Einschätzung nach jeder begriffen, doch emotional sieht die Sache anders aus. Und sobald die Sucht mal greift, muss nur eine besonders stressige Phase in Beruf oder Familie anbrechen, schon fällt man in die altgewohnten Verhaltensmuster zurück und greift zum Glimmstengel (ich greife dann zu Gummibärchen und Schokolade).

McDonald’s und Burger King fahren ja eine ganz ähnliche Masche mit den Kinderspielzeugen in den Kid’s Meals oder Junior Tüten (oder wie auch immer die Dinger heute heißen mögen): Man besetzt die Erinnerungen an die Besuche bei McDonald’s und/oder Burger King mit einer positiven emotionalen Färbung, sodass die Kunden auch Jahre und Jahrzehnte später mit einer sehr positiven Einstellung das überteuerte, zu fette und zu salzige Essen in zu großen Portionen in sich hineinschlingen, die mittlerweile zu einer beispiellosen Welle von Übergewicht in allen „entwickelten“ (und auch etlichen „sich noch entwickelnden“) Ländern geführt hat. Der Dokumentarfilm „Supersize Me“ ist ein eindrucksvolles Zeugnis davon – noch dazu kommen etliche Experten zu Wort, die genau die von mir genannten Punkte beispielhaft erläutern.

Kommentare erwünscht

Ich denke, damit habe ich genug vor mich hin gemotzt und verdeutlicht, worum es mir geht – nun freue ich mich auf Kommentare, sowohl zustimmende als auch kritische.

2 Gedanken zu “Das Urteil

  1. Zeilenende 9. Juli 2016 / 11:52

    Ach, jetzt weiß ich, wieso du mich bei Twitter erwähnt hast. Das Zeilenende schreibt ja keinen Blogbeitrag unter drei Kippen … 😉 Und nach der Eröffnung muss ich mir jetzt ein Argument überlegen, das nicht auf persönlicher Ablehnung Rauchverboten gegenüber fußt. Wie gut, dass ich ein Gesellschafts-Liberaler bin. 🙂

    Leben ist ein Risiko. Gesundheitliche Langzeitrisiken, egal ob Raucherlunge, Säuferleber, verfettetes Herz sind als Gefahren noch abstrakter als Flugzeugabstürze. Deshalb fürchten wir uns vor denen mehr (man fällt vom Himmel und ist tot) als vor der langsamen Vergiftung durch schädliche Substanzen (deren Zahl Legion ist). Weil es so schleichend ist. Es gibt damit durchaus rationale Argumente gegen den Konsum schädlicher Substanzen, man erliegt aber einem Irrtum zu glauben, dass die Argumente wirkmächtig sind. Was grundsätzlich positiv ist, weil ich mich damit nicht ständig mit der Frage plagen muss, was in vierzig Jahren wohl sein wird.
    Gegen den Primat des Rationalen im Individuellen spricht außerdem, dass ein Großteil unseres Lebens irrational ist (mehr als serielle Monogamie zur Aufzucht der Brut ist sogar hochgeradig irrational, wenn man ein Interesse daran hat, die Kombinationsmöglichkeiten des Genpools möglichst voll auszuschöpfen).
    Aus dem Gesagten folgt zunächst, dass keine umfassende Pflicht zu Nicht-Schädigung des eigenen Lebens gibt. Damit folgt zwar keine Pflicht zum Gegenteil, aber das Recht, eine Selbst-Schädigung in Kauf zu nehmen, wenn ich daraus einen subjektiven Gewinn (in dem Fall ein Genuss-Empfinden) ziehe, resultiert daraus.
    Was nun die Tabak-Industrie angeht, gibt es damit auch kein Recht, den Verkauf der Produkte zu verbieten. Ich halte die Warnhinweise für einen diskutablen Eingriff in die unternehmerische Freiheit. Im Unterschied übrigens zu Konsumeinschränkungen und dem Werbeverbot. Denn der Staat kann legitimerweise Gesetze erlassen, die meine Freiheit da einschränken, wo sie andere gegen ihren Willen einschränkt. Das ist natürlich immer eine Abwägungssache (der Individualverkehr schädigt nicht nur unser aller Gesundheit, er schädigt auch Radfahrer und Fußgänger viel zu oft irreparabel, wird aber deshalb nicht verboten), in dem Falle gilt: Solange ich als Junkie in meiner Freiheit, meine Lunge zu teeren nicht gehindert sondern nur eingeschränkt werde, ist staatliches Handel legitim. Wir sollten uns, wenn es ans Verbieten geht, eher die Frage stellen „Hat der Staat ein Recht darauf, meine grundsätzliche Freiheit einzuschränken und mich zu bevormunden?“ statt „Was könnten wir noch so alles verbieten?“

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