Brexit zum Frühstück

Während meiner Yoga-Runde führte am gestrigen frühen Morgen mein iPhone eine Art Breakdance auf: Permanent gingen aktuelle Push-Mitteilungen zum Brexit über meine Tagesschau– und heute-Apps ein und versetzten den Vibrationsalarm in einen wahren Taumel. Das hier ist kein politischer Blog, ich will das auch nicht lange ausdehnen, mir kam nur beim Duschen ein Gedanke, dessen Ausformulierung ich tatsächlich für erstrebenswert erachte.

Der Brexit war aus meiner Sicht eher zu erwarten als der Verbleib in der EU, denn die Briten sind ein stolzes Volk, deren ältere Bevölkerungsschichten sich nach dem alten Glanz des Empire zurücksehnen. In gewisser Weise habe ich mir den Brexit sogar fast herbeigewünscht – nicht wirklich, aber als Gedankenspiel, denn er ermöglicht – nun sogar in der Realität – ein einzigartiges Experiment: Ich habe in Gedanken für mich mal durchgespielt, was die Langzeitfolgen des Brexit sein könnten. Aus meiner Sicht bleiben ja nur drei grundlegende Möglichkeiten zur weiteren Entwicklung:

  1. Es geht den Briten besser als vorher, die Wirtschaft blüht auf, die Politik stabilisiert sich. Das wäre das Signal schlechthin für weitere Länder, in denen die EU-Unzufriedenheit hoch ist, sich zu verabschieden. (Glaubt man einigen Twitterern, so bereitet Horst Seehofer bereits ein eigenes Volksreferendum vor, um Bayern über den Verbleib in/den Austritt aus der EU abstimmen zu lassen…)
  2. Es geht den Briten schlechter als vorher, die Wirtschaft schrumpft schmerzhaft, die Politik destabilisiert sich (und/oder rutscht deutlich nach rechts), soziale Probleme (und in deren Folge ein tumber Nationalismus) verschärfen sich. Eine gewisse Häme gegenüber Großbritannien würde sich EU-weit ausbreiten, die Vorteile einer großen Gemeinschaft würden deutlicher denn je hervortreten und den Zusammenhalt der verbliebenen Länder effektiv stärken. Da die Schotten angeblich ein erneutes Referendum zur Loslösung von England vorbereiten, spekulieren sie offensichtlich auf diesen Ausgang und werden dann als eigenständiges Land selbstverständlich gleich nach der (ebenfalls zu erwartenden) Unabhängigkeit (das wäre ja ein ganz entzückender Wortwitz, denn der Brexit wurde von dessen Befürwortern gestern ja als „Independence Day“ gefeiert) eigene Aufnahmegespräche mit der EU beginnen.
  3. Es passiert fast nichts – nach einer kurzen Anpassungsphase, in der es sicherlich turbulent wird, danach läuft für 85-95 Prozent der Menschen alles in gewohnten Bahnen weiter. Das ist wiederum die spannendste Alternative, denn die Reaktionen der anderen EU-Länder hängen dann von der medialen Interpretation dieser unspektakulären Entwicklung ab. Ich erwähne hier nur ganz beiläufig den Namen einer Zeitung mit vier Großbuchstaben, zu der es in allen europäischen Ländern mindestens ein entsprechendes Pendant gibt – und deren simple, aber häufig (fast schon unablässig) wiederholte, Parolen schon häufig zur Meinungsbildung ganzer gesellschaftlicher Schichten beigetragen haben.

Was daraus wird, hängt nun von der weiteren Entwicklung der kommenden zwei bis fünf Jahre (als Mindestzeitrahmen) ab. Wirklich valide Vergleiche benötigen sicher noch etwas länger, da alle kurzfristigeren Entwicklungen auch anderen ganz üblichen Schwankungen unterliegen könnten.

Schön finde ich persönlich, dass nach der anfänglichen Entsetzenswelle im Internet nun auch einige sehr besonnene Kommentare die möglichen positiven Auswirkungen des Brexit auf das restliche Europa, das — wie ich oben bereits geschlussfolgert habe — ja durchaus auch gestärkt werden könnte, erscheinen, z.B. bei heute.de. Was aus der Angelegenheit wird, dürfte uns allen in den kommenden Jahren wieder und wieder unter die Nase gerieben werden – egal, was in der Substanz dabei herauskommt. Insofern dürfen wir uns als Nicht-Akteure in diesem Spiel ab sofort zurücklehnen und entspannt die Show genießen.

Ein paar aus meiner Timeline ausgewählte Twitter-Kommentare zum Brexit gibt’s noch als kleines Schmankerl:

Das ist sicher zu erwarten, wenn das Experiment misslingt und die Briten schlechter dastehen als vorher

Das ist sicher zu erwarten, wenn das Experiment misslingt und die Briten schlechter dastehen als vorher

Verfrühter Jubel?

Verfrühter Jubel?

Schöner Vergleich — und nicht falsch (ich spreche aus Erfahrung, zumindest was Linux angeht...)

Schöner Vergleich — und nicht falsch (ich spreche aus Erfahrung, zumindest was Linux angeht…)

Schönes Wortspiel!

Schönes Wortspiel!

Dass es so viel ausmacht, war mir vorher nicht bewusst gewesen...

Dass es so viel ausmacht, war mir vorher nicht bewusst gewesen…

Der oben schon erwähnte Seehofer-Bayxit...

Der oben schon erwähnte Seehofer-Bayxit…

Der Brexit aus kulinarischer Sicht

Der Brexit aus kulinarischer Sicht

Ein Grundproblem aller Basisdemokratie...

Ein Grundproblem aller Basisdemokratie…

Nach der Wahl informieren, was könnte schon schiefgehen?

Nach der Wahl informieren, was könnte schon schiefgehen?

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11 Gedanken zu „Brexit zum Frühstück

  1. Zeilenende sagt:

    Ich glaube ja, dass der Porridge noch nicht gegessen ist und das Vereinigte Königreich sich das noch einmal überlegt. Anyway, (in dem Fall ist der Anglizismus legitim) war ich von dem Resultat schockiert, aus den bekannten zwei Gründen:
    1. Viele Leute haben anscheinend ohne groß darüber nachzudenken für den Brexit gestimmt (wie die Google-Anfragen des nächsten Morgens belegen)
    2. Nationalistische alte Säcke haben der Jugend nicht ihre Zukunft genommen, sondern viel schlimmer: Ihren gewohnten Lebensstil. Man wünscht sich fast ein Referendum, das den Verkauf von Fish-n-Chips an Über-Fünfzigjährige verbietet.
    Immerhin kann ich so meinen Positionen
    1) wieso Patriotismus der gleiche Scheiß wie Nationalismus ist und
    2) warum Volksabstimmungen nicht zwangsläufig demokratischer als repräsentative Modelle sind (selbst in demokratischen Staaten)
    zwei wunderschöne Fallbeispiele anfügen.

    Was ich aber in der Tat positiv fand: Am Montag trafen sich die Außenminister der Gründungsstaaten. Prompt kam der Ruf aus dem östlichsten Zipfel – aus dem Baltikum – man solle doch bitte daran denken, dass die EU aus mehr Staaten besteht. Das war ein kleines Signal zu größerer Kooperation mit mächtiger Wirkung hin zu einer gemeinsamen europäischen Idee. Wenn der Brexit doch kommt, dann wäre bei allem Übel eine tiefere Rest-Union zumindest ein kleiner Trost.

    • solera1847 sagt:

      Hm, da stimme ich dir absolut zu. Man hört und liest ja – urplötzlich – immer häufiger, dass das Referendum nicht bindend sei, parallel dazu wird der Politiker, der den Brexit dann tatsächlich durchführt, für alle Zeiten seine Karriere begraben dürfen. Spannend aber ist tatsächlich, wie viele Leute aus einer Laune heraus eine so weitreichende Entscheidung getroffen haben. In gewisser Weise hätten sie es wirklich verdient, nun einmal für ein paar Jahre die Konsequenzen am eigenen Leib zu erfahren. Andererseits wünsche ich das vor allem den Jüngeren im Land nicht.

  2. Flowermaid sagt:

    … mir gefällt die Art wie du mit dem Thema umgehst… erstmal Tee trinken, dann weiter sehen… 😉

  3. Die Frage ist tatsächlich, was daraus gemacht wird … das Dumme dabei ist nur, dass die EU genug andere Baustellen hat, wo man auch nicht wirklich weiterkommt. Je mehr Baustellen, desto eher verzettelt man sich, weiß ich aus eigener Erfahrung.
    Ich fürchte, dass es vielen Briten, die für den Austritt gestimmt haben, zukünftig schlechter gehen wird, und dass sie dann Schuldige suchen werden. Die Folge von so etwas ist leider oftmals Radikalisierung.

    • solera1847 sagt:

      Exakt das steht ja auch im zweiten Punkt meiner Auflistung. Immerhin habe ich vorhin einen interessanten Kommentar gelesen, der den sog. Denkzettel-Wählern nahelegte, das britische Wahlverhalten zum Anlass zu nehmen, die wirklichen Parteiprogramme ihrer ach so heißgeliebten Protestparteien (AfD etc.) endlich einmal ernsthaft zu lesen…

      • Auch hier ist das Dumme, dass genau diese Leute das mehrheitlich nicht lesen werden, sondern weiterhin lieber aus dem Bauch heraus und auf einen Slogan oder Spruch hin entscheiden.

      • solera1847 sagt:

        Leider, leider. Es ist zum Verrücktwerden, oder? Und ausgerechnet diese Leute lassen sich anscheinend am einfachsten dazu bewegen, zur Wahl zu gehen und die Stimme abzugeben.

        Bei den Briten regen sich gerade die jungen Leute fürchterlich über den Ausgang der Wahl auf, wenn man sich die Wahlbeteiligung nach Alter aufgeschlüsselt ansieht, fällt auf, dass gerade diese Gruppe prozentual am schwächsten vertreten ist. Vermutlich gingen sie davon aus, dass es ohnehin gut ausgehen würde.

        Mir wird immer ganz komisch, wenn ich an die anstehenden Wahlen in den USA denke. Vor anderthalb Jahren war Donald Trump noch die absolute Lachnummer, den niemand ernsthaft in dieser Position gesehen hätte. Aktuell dagegen…

  4. Ja, irgendwie gibt es eine Tendenz zu Extremen bzw. Extremisten.
    Und Wut im Bauch fördert tatsächlich bei manchen den Gang zur Wahlurne, nach dem Motto „Denen zeig ich’s jetzt mal“. Ich kann’s sogar verstehen, aber gut beraten ist man nicht, wenn man schnell mal so aus dem Bauch heraus agiert. Letztlich ist eine Wahl ja oftmals die Wahl des „kleineren Übels“ (wer kann sich schon mit Parteiprogrammen etc. zu 100% identifizieren?). Ich fürchte, viele Briten haben das größere Übel gewählt.

    • solera1847 sagt:

      Das deckt sich mit der allgemeinen Ernüchterung, die gerade bei vielen Briten Einzug hält. Und 100% Übereinstimmung mit einem Parteiprogramm ist vollkommen ausgeschlossen (selbst für Mitglieder der jeweiligen Partei), das ist Demokratie.

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