Das Ausgeliefertsein an die Unkultur

Hervorragend: Rhythm Is It!

Eine hervorragende Dokumentation: Rhythm Is It!

Henry Wilt, der unschlagbar sympathische Antiheld aus Tom Sharpe's aberwitziger „Wilt“-Romanreihe empfindet seine Unterrichtstätigkeit an der fiktiven Berufsschule von Fenlan als ein Ausgeliefertsein an die Unkultur, weil seine Schüler sämtlich von Manieren und Kultur befreite Hempel sind.

Grundsätzlich würde ich mich sehr dafür stark machen, dass wir es am Gymnasium ja überwiegend mit einem anderen, in der Summe angenehmeren Klientel zu tun haben. Doch hin und wieder machen sich ein paar Schüler daran, mir auf ihre eigene Art klarzumachen, wie sehr ich mich doch irren kann…

Gestern habe ich mit einer meiner fünften Klassen im Rahmen meiner Strawinsky-Sequenz die überaus bekannte Skandal-Ballettmusik „Le sacre du printemps“ besprochen und Teile daraus (natürlich in stark vereinfachter Form) musiziert. Dabei kamen wir irgendwann auch auf den Film „Rhythm Is It“ zu sprechen, diesen wirklich ansprechenden Dokumentarfilm über eine intensive Erarbeitungsphase eines Balletts zu der live gespielten Musik Strawinskys. Die Besonderheit: Getanzt wird das Ballett nicht von einer kleinen Gruppe echter (oder werdender) Ballett-Tänzer und -Tänzerinnen. Bei „Rhythm Is It“ wurden 250 Schüler von diversen Hauptschulen in Berlin zusammengerufen – und das Ergebnis zeigt, dass dies keineswegs die verlorene Schicht/Generation sein muss, für die viele sie halten.

Durch einen Zufall bekam ich heute eine Vertretungsstunde in genau dieser Klasse von gestern zugeteilt. Das stand gestern auch schon auf dem Vertretungsplan, also konnte ich mir den Luxus erlauben, diese zusätzliche Stunde vertiefend zu nutzen, denn ich packte heute früh noch die „Rhythm Is It“-DVD ein. In diesen Genuss kommen die Parallel-Klassen nicht, eigentlich ging ich davon aus, dass die Klasse diesen kleinen Exkurs zu schätzen wisse.

Ich zeigte den Schülern aber nicht die 100-minütige Dokumentation. Nein, ich beschränkte mich auf die Aufführung, die auf einer separaten DVD in dem Deluxe-Schuber enthalten ist. Die Klasse blieb sogar weitgehend ruhig beim Ansehen (was leider schon keine Selbstverständlichkeit ist, denn heutige Schüler haben meiner Wahrnehmung nach das permanente Bedürfnis, alles und jeden zu jedem Zeitpunkt zu kommentieren – auch wenn es niemanden interessiert oder nur ganz periphär mit der Sache zu tun hat), doch am Ende kam ein Schüler zu mir und sagte allen Ernstes:

Also ich wäre ja auch einer von denen gewesen, die die (gemeint war die Tänzerin, die am Ende der Handlung „geopfert“ wird, um die Götter zu besänftigen, damit sie einen frühen und milden Frühling schicken) getötet hätten, der Film war ja so scheiße.

Ich habe mir einfach jeglichen Kommentar verbissen, an Henry Wilt und sein Ausgeliefertsein an die Unkultur gedacht und ihn aus dem Klassenzimmer geschickt. So ein vorbildlicher Gymnasiast voller Weltoffenheit und kulturellem Interesse!

 

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8 Gedanken zu „Das Ausgeliefertsein an die Unkultur

  1. fraggle99 sagt:

    Tja, nicht jedem ist ein Bezug zum Ballett gegeben, mir auch nicht. Ich empfand „Rhythm Is It“, trotz des tollen Projekts an sich, aufgrund von Strawinskys Musik als reine Folter! 😉 Und ich war schon über 30, als ich den Film erstmal gesehen habe. 😉

    • solera1847 sagt:

      Mir ging es nicht um das Mögen/die Ablehnung des Werkes, der Ton macht die Musik. Und da griff besagter Schüler außerhalb des gymnasialen Niveaus. Mögen muss das Stück niemand, auch wenn es sicher zu den einflussreichsten Werken des gesamten 20. Jahrhunderts gehört.

  2. Es Marinsche kocht sagt:

    Ich habe ihn einmal gesehen und finde ihn absolut sehenswert.

    Noch sehenswerter finde ich persönlich „What moves you“, ein Projekt mit Jugendlich zwischen 17 und 23 Jahren aus aller Welt. Sie trafen sich in Berlin und gründeten 2012 das bisher weltweit grösste Eurythmie Projekt. Erarbeitet und aufgeführt wurde die fünfte Symphonie von Ludwig van Beethoven und Fratres von Arvo Pärt.

    • solera1847 sagt:

      Ok. Den sehe ich mir an.

      • Es Marinsche kocht sagt:

        Lass mich wissen wie er Dir gefällt…..ich finde ihn spannend, lehrreich und schön zu beobachten wie Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammen etwas erarbeiten, sich mühen, an Grenzen stossen, sie überwinden….

  3. Zeilenende sagt:

    Ach … Verbiete ihnen halt die Smartphones nicht und sag ihnen, sie sollen drüber twittern. Da kann man den Impulsen dann nachgehen. 😉
    Es ist eine Frage des einerseits-andererseits: Wir verlangen von unseren Gymnasiasten einerseits, klar zu sagen, was sie denken, aber andererseits sollen sie den Ton wahren. In höheren Jahrgangsstufen gibt es dafür die ironische Spitze. Ich zumindest habe Ironie in der fünften Klasse noch für was zu essen gehalten.
    Sieh es so: Der Schüler hat sich zwar benommen wie der letzte Idiot, sich aber in die Situation des Films hinein versetzt. (Und in diesem Rat ist natürlich kein Gramm Ironie enthalten.)

  4. Flowermaid sagt:

    …isch weiß wo dein Haus minder Tussi wohnt… Starke Nerven braucht der Lehrer und jetzt weiß ich warum er rennt… 😉

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