David Bowie: „Blackstar“

Vor ein paar Wochen machte der unerwartete Tod David Bowies in den Medien die Runde. Nur ein paar Tage vorher hatte er sein neues Album „Blackstar“ herausgebracht. Bei Apple Music habe ich gleich damals hineingehört – und nach ein paar Minuten beschlossen, dass es nicht unbedingt die Musik ist, die mich anspricht. Obwohl ich als Musiklehrer sehr bewandert in dieser Thematik bin, konnte ich mit David Bowie nie viel anfangen. Ich hatte Interesse, war nie völlig abgeneigt, aber auch nie so richtig begeistert.

Eigentlich müsste man an dieser Stelle folgerichtig erwarten, dass sich eine weitere Beschäftigung mit „Blackstar“ für mich damit auch schon erledigt hatte. Doch dem war nicht so. Die Klangfarbe am Anfang des ersten Songs (und Titelgeber des Albums) hatte mich irgendwie eingefangen und verfolgte mich. Über Tage und Wochen hinweg. Irgendwann in der letzten Woche brachte ich unsere Jüngste am Abend ins Bett. Während sie allmählich in den Schlaf sank, hörte ich mir den ganzen (fast zehn Minuten langen) Song noch einmal an und las mir dabei die Lyrics durch.

Offizieller Video-Clip auf Vevo

Und dabei machte es „Klick“ in meinem Kopf. Es ist ganz offensichtlich eine Musik, die man nur genießen kann, wenn man sich in der richtigen Stimmung dafür befindet. Dann aber fegt sie einen geradezu weg. Mich zumindest. Was gefällt mir an dem Song nun? Ich habe mich selbst gefragt und die folgenden Punkte gefunden:

  • Vor allem das Intro: Diese sanft wallende Akkordfolge war es, die mich einfing – und bis heute nicht mehr hergegeben hat. Musikalische Verführung vom Feinsten.
  • Das Schlagzeug: Kaum ist die einleitende Akkordbegleitung vorbei, setzt das Drumset mit einem etwas eigenartigen Sound ein, fast möchte man meinen, es handele sich um ein synthetisches (also am Computer programmiertes) Drumset. Noch dazu spielt es einen etwas abstrusen Rhythmus, der nicht in die gängigen Rock-/Pop-Schemata passt. Zu Beginn störte mich das wahnsinnig, denn ich kann dilettantisches Schlagzeugspiel nicht ausstehen (der Grund dafür liegt daran, dass ich vor mehr als zwei Jahrzehnten einen Auftritt mit meiner damaligen Band und einer anderen hatte, deren Schlagzeuger bestenfalls ein unzusammenhängendes Geklopfe abgeliefert hat – auf jeden Fall war es auf grausame Weise ungeeignet, den damals gespielten Songs irgendeine Art von Struktur zu verleihen). Nur hätte sich David Bowie nie einen Dilettanten an die „Schießbude“ gesetzt. Also gab ich dem ungewohnten Pattern ebenfalls eine neue Chance – und wurde durch ein neues Hörerlebnis belohnt… Hier muss man eher wie beim Jazz herangehen – und schon wieder fühlt sich der Song etwas heimischer an.
  • Die häufigen Stilwechsel: Klar, zehn Minuten Popmusik ohne stilistischen Wandel wären vollkommener Geschmacks-Suizid (Entschuldigung). In „Blackstar“ wird der Hörer für seine Geduld mit faszinierend schönen Abschnitten belohnt (z.B. ab 4:35), die vor allem im Kontrast mit anders klingenden Abschnitten hervortreten. Die Kombination macht hier den Reiz aus.
  • Die abwechslungsreichen Klangfarben und Effekte: Selten habe ich eine so geschmackvolle Mischung aus synthetischen, elektrisch verstärkten bzw. elektronisch veränderten und akustischen Instrumenten gehört – alles ergänzt sich zu einer höchst interessanten Mischung. Wie weit die Liebe zum Detail geht, kann man in dem Teil ab 4:35 hören, denn mir drängt sich der Eindruck auf, dass hier z.T. jedes einzelne Wort eine eigene Nachhall-Dauer verpasst bekommen hat. Die Wirkung entfaltet sich auf jeden Fall bei genauem Hinhören.

So, genug geschwärmt. Jetzt solltet ihr die Musik anstellen, die Augen schließen (mir gefällt der Video-Clip nicht sonderlich) und den Song mindestens zweimal gleich hintereinander hören. Hier und da werden euch beim zweiten Durchgang die kleinen musikalischen Juwelen anstrahlen – und jedes weitere Mal legt weitere Schätze offen.

 

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8 Gedanken zu „David Bowie: „Blackstar“

  1. Zeilenende sagt:

    Ich habe mich bislang an das letzte Bowie-Album nicht rangetraut. Weiß selbst nicht wieso. Wahrscheinlich, weil danach nichts neues mehr kommen wird. Dabei finde ich Bowie als Gesamtkunstwerk wesentlich interessanter denn als Musiker. Aber du hast mich überzeugt. Ich höre morgen beim Prokrastinieren hinein.

    • Zeilenende sagt:

      knutscht den solera Danke, dass du mich dazu genötigt hast, hineinzuhören. Ich habe das Album durchgehört und es macht richtig Laune. Insbesondere „Darkstar“ ist ganz großes Bowie-Kino, dieser typische „Außerirdischen-Sound“ …
      Es lief im Hintergrund, gefiel mir auch ganz gut und dann kam diese eine Passage. Ich nahm die Finger von der Tastatur, schloss die Augen, sprang zurück zu der Stelle und hörte sie noch einmal. Es war die von dir erwähnte Stelle ab etwa 4:35 … Zum Niederknien. Meine ich das nur oder ist das auch eine Reminiszenz an Pink Floyd? Der Ausschnitt erinnert mich massiv an irgendeine Stelle aus „The Wall“.

      • solera1847 sagt:

        Hehehe. Ich wusste doch, dass es noch mehr Leuten gefallen würde. Und nicht nur, weil es eben von Bowie war. Diese Stelle ist derart gigantisch. Auch mit Pink Floyd liegst du ganz richtig, die hatten etliche solcher Stellen. Wenn dir das gefallen hat, solltest du neben ‚‚The Wall“ auch mal in ‚‚A Momentary Lapse Of Reason“ und ‚‚The Division Bell“ hineinhören. Da finden sich etliche solcher Ohrgasmen. Yay!

      • Zeilenende sagt:

        Ich hab doch keine Zeit! schreibt sich einen Zettel 😉

      • solera1847 sagt:

        Als Musiker kann ich nur sagen: Dafür nimmt man sich halt die Zeit. Noch dazu kann man die Musik ja im Hintergrund hören und dabei auch etwas backen… Es soll ja Leute geben, die davon gar nicht genug bekommen können. (Oder die wunderschöne Stelle aus der Star Trek TNG-Episode ‚‚Déjà Vu“: Es soll Leute geben, die sich schon totgemischt haben…“)

  2. […] zu absolvieren. Die Shuffle-Funktion meiner Lieblings-Playlist meinte es gut mit mir und begann mit „Blackstar“ von David Bowie. Was konnte also schon schiefgehen, wenn der Start so begleitet wird? Genau: […]

  3. […] Jeden Tag empfehle ich einen Song als den „Song des Tages“. Bis zu seinem Tod hatte ich zur Musik David Bowies keine nennenswerte Beziehung. Seine angeblich größten Erfolge lagen bereits in den 1970er Jahren – tja, ich wurde erst 1975 geboren, also ist ein Großteil einfach an mir in einem noch kindlich-ignoranten Zustand vorbeigesaust. Dann brachte er 2016 sein letztes Album „Blackstar“ heraus, vier Tage später war er tot. Voller Interesse hörte ich in das neue Album hinein – meine Erfahrungen findet ihr in diesem Blog-Eintrag. […]

  4. […] habe ich schon einmal einen ausführlicheren Blog-Eintrag geschrieben, der sich hier lesen lässt. Guten Start in die […]

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