Dear Brother…

Vor ein paar Monaten machte mich meine Frau auf einen interessanten und sehr ungewöhnlichen Werbe-Clip aufmerksam. Es handelt sich um einen etwas 90 Sekunden dauernden Film, der nur mit Musik und einem (englischen) Kommentar hinterlegt ist.

In diesem Werbe-Clip begleitet man zwei Brüder auf ihrem Weg durch die schottischen Highlands bis hinunter zur Küste. Unterwegs streifen sie durch die Gegenden, in denen sie gemeinsam aufgewachsen sind. Erinnerungen drängen sich in den Vordergrund, die Stimmung scheint schwermütig. Einer der beiden Brüder, der noch dazu einen in einem groben Sack verpackten Gegenstand trägt, bleibt fortwährend ernst, der andere ist ausgelassen und übermütig. Irgendwann erreichen die beiden die Küste, sie stehen nebeneinander und blicken auf das Meer und die tosende Brandung hinab, der Wind zerzaust ihre Haare. Der ernste Bruder beginnt, den Sack zu öffnen, er holt etwas hervor – ist es eine Vase? Gleichzeitig schwenkt die Kamera um ihn herum, sodass für einen Moment der Blick auf den zweiten Bruder verdeckt ist. Als die Kamera den Schwenk abgeschlossen hat, fehlt der zweite Bruder. Stattdessen hält der einsame Bruder eine Urne im Arm. Er leert sie an der Steilküste in den Wind, der an seiner Kleidung zerrt, die Asche verteilt sich. Nun wird klar, dass der Kommentar die letzten Wünsche seines verstorbenen Bruders darstellt.

Ein überaus bewegender Werbe-Clip. Doch aus meiner Erzählung habe ich gleich einmal das Produkt gestrichen. Und zwar aus einem einfachen Grund: Der Clip erzählt mit Feingefühl und auch einer ordentlichen Portion Kitsch eine faszinierende Geschichte, die so eng mit der menschlichen Natur verbunden ist wie der zweifelsohne über-romantisierte Vorgang der Geburt (ich weiß wovon ich spreche, schließlich habe ich drei Geburten beigewohnt). Doch animiert sie meiner Einschätzung nach vermutlich niemanden, das beworbene Produkt zu kaufen.

Nein, es ist kein Werbe-Clip für Urnen oder grobe Säcke, in denen man sie durch die Gegend tragen kann. Sicher ist es auch keine Werbung für den Tourismus in Schottland, auch wenn einige der Landschaftsaufnahmen geradezu spektakulär sind. Nein, hier wird ein urschottisches Produkt beworben: Whiskey. Der Clip stammt von Johnny Walker, doch obwohl ich ihn mittlerweile sicher fünf oder sechs Mal angesehen habe, die Lust auf das Produkt hat sich in mir nicht gerührt. Vielleicht ist die Verbindung von Whiskey und Tod hier einfach eine Spur zu intensiv, ich weiß es nicht genau.

Wie geht es euch beim Ansehen dieser Werbung? Hier ist der Link – ich freue mich über Kommentare.

 

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9 Gedanken zu „Dear Brother…

  1. sugar4all sagt:

    Gänsehaut….Werbung war beim ersten Mal ansehen nicht zu spüren….das ist gut und überrascht mich doch! Eigentlich ein HOCH auf den Filmemacher, das Produkt einfließen zu lassen….das Thema sehr nah und daher natürlich wieder eine übliche Werbestrategie! ABER für mich nicht störend und ich stelle wie du die Frage: Tod und Whiskey ??…etwas bizarrrrrrr !

    • solera1847 sagt:

      Ja, aber eigentlich soll der Whiskey ja nur die enge Verbindung der Brüder, die sich dieser kulturell verankerten Form des Genusses hingeben, aufzeigen… (ich sollte Werbetexter werden – na ja, vielleicht im nächsten Leben).

      • sugar4all sagt:

        Das ist mir schon klar…hahaha…! und sehr gut formuliert….Job würde passen…auch wenns im nächsten Leben wäre 😉 !!

  2. Flowermaid sagt:

    …krasse Optik, unrunde Geschichte… letzter Whisky in Memorial… aus der Urne fallen Knochenteilchen und der Wind kann das schwere Gut kaum verteilen…

    • solera1847 sagt:

      Soviel Realismus wäre sicherlich nicht werbetauglich…

      • Flowermaid sagt:

        … nope…trotzdem schöner Take… 😉

      • solera1847 sagt:

        Ein Kollege hat mir mal erzählt, dass er nach einer Einäscherung in Japan an dem Trauerritual teilgenommen hat. Dazu gehörte es, die Knochen des/der Eingeäscherten einzusammeln (es handelte sich wohl um seine Verlobte, sonst hätte er da sicherlich nicht Hand anlegen dürfen) – insofern schenke ich (trotz völligen Mangels eigener Erfahrungen in dieser Hinsicht) deiner Ausführung absolut Glauben.

        Aber für den filmischen Effekt wäre das blankes Gift, wenn da plötzlich Stückchen rauspurzeln würden. So ist es eine schöne Illusion.

      • Flowermaid sagt:

        … es wäre nach nicht mal wirklich geweht … und ich wünschte ich hätte die Illusion noch … 😉

  3. Ich hatte eine Gänsehaut…und schließe mich dem ersten Kommentar an.

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