Der „Wacken-Lauf“

Wacken - Der Film

Heute früh beim Laufen gesehen: Wacken - Der Film.

Heute früh habe ich zum ersten Mal überhaupt beim Laufen einen Film angesehen. Dazu aktivierte ich einfach das 15 Kilometer-Programm und legte dann (mit einem Waschlappen zur Trennung) das iPad auf das Laufband-Display – funktionierte super! Welchen Film ich ansah? Eine Dokumentation: „Wacken – Der Film“. Und er war absolut herrlich, da mich der Film stark vom ansonsten ja nicht ganz so spannenden Lauf (die „Landschaft“ um das Laufband herum ist leicht eintönig) abgelenkt hat. Noch dazu ist der Film urkomisch, an einigen Stellen musste ich vor Lachen fast pausieren…

Ein ehemaliger Kollege aus Gmünd war schon mehrfach in Wacken und kam jedes einzelne Mal begeistert zurück, daher war mir das Festival vorher schon ein Begriff, doch diese Dokumentation hat alles noch einmal in ein gänzlich anderes Licht getaucht. Diesen Film werde ich mir sicher noch häufiger ansehen, nicht gleich wieder, aber nach einem gewissen Abstand. Gleichwohl sind mir bereits beim ersten Mal ein paar interessante Details im Gedächtnis hängen geblieben.

Rammstein? – Nein danke!

Dazu gehört einerseits der Auftritt der Band Rammstein, die mir persönlich noch nie besonders zugesagt hat. Vielleicht bin ich zu spießig, aber ich kann mir unmöglich vorstellen, eine Musik, deren Textinhalte sich vornehmlich um die Abgründe der menschlichen Seele (Untreue, Inzest, Radikalität, Folter/Sado-Maso, sexuelle Perversion etc.) drehen, anzuhören, während meine Kinder im Haus sind. Schon mir wird dabei unbehaglich – klar, das mag der Zweck dieser Songs sein, aber freiwillig tue ich mir das nicht an.

In der Wacken-Doku sieht man auch den Auftritt der Band (ein kompletter Song: „Du hast“) – und es war geradezu erschreckend. Doch dafür muss ich ein klein wenig ausholen: Bei großen Festivals gibt es immer das Phänomen, dass die versammelte Masse durch die Musik vereint im Pulk gemeinsam etwas singt/grölt bzw. sich die Individuen (fast) völlig in der Massendynamik aufgeben. Wenn man sich aber in der Wacken-Doku diese Stelle (vor allem den Beginn von „Du hast“) ansieht (Link folgt gleich), müssen einem fast zwangsläufig die Parallelen zu den Mammut-Veranstaltungen der Nazis auffallen.

Damit nicht gleich ein paar Rammstein-Fans das in den falschen Hals bekommen: Ich sage nicht, dass Rammstein eine rechte Band ist – vermutlich sind sie eher das Gegenteil. Aber – und das ist ein großes ABER: Rammstein spielen ganz offensiv mit dieser Parallele, wie ich sie gerade aufzuzeigen versucht habe. Genau den Ausschnitt, auf den ich mich beziehe, gibt es bei YouTube zu sehen: hier.

Wer möchte, kann sich also selbst ein Bild machen. Ich bin gespannt, ob es noch jemand so sieht, oder ob ich hier harten Widerspruch zu erwarten habe. Lustigerweise bin ich auf der emotionalen Ebene persönlich überhaupt nicht tangiert, denn diese Musik berührt mich nicht.

Provokation – wie denn noch?

Alice Cooper, eine der großen Hard Rock-/Metal-Legenden, der ja auch schon seit mehr als vier Jahrzehnten im Geschäft ist, äußert sich in den zwischen die Live-Aufnahmen eingestreuten Interview-Schnipseln, dass eine echte Provokation heute gar nicht mehr möglich sei – hmmm: angesichts der obigen Passage über Rammstein wage ich nicht, aus meiner persönlichen Warte zu sprechen/schreiben, ganz „provokativ“ könnte ich aber nun fragen: Was aber provoziert einen Rammstein-Fan noch?

Zurück zu Alice Cooper: Er überzeichnet das soeben Dargestellte mit einem perfekt ausgewählten, sehr krassen Beispiel, indem er sagt (Paraphrase):

„Ich könnte meinen Arm abschneiden und auf der Bühne essen. Aber auch das geht nur zweimal.“

Wie recht er hat. Und perfekt getroffen ist daran der Punkt, dass es wirklich kaum noch Möglichkeiten zur Provokation gibt. Das Ausmaß an Aufregung, dass die Beatles mit dem berühmten „Jesus-Zitat“ von John Lennon oder die Rolling Stones mit ihren Exzessen und dem lasziven Auftreten in der Öffentlichkeit vor ein paar Jahrzehnten erzeugten, wird heute nur noch künstlich über die Medien generiert. Ansonsten zucken die meisten Menschen lediglich kurz mit den Achseln und denken sich: „Nichts Neues, alles schon mal gesehen…“

Zwei interessante Punkte. Mal sehen, was beim nächsten Mal so hängen bleibt…

Laufstatistik 2016:

  • 36 Läufe
  • Kilometer gesamt: 519,46
  • Laufzeit: 49 Stunden 33 Minuten

 

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3 Gedanken zu „Der „Wacken-Lauf“

  1. Zeilenende sagt:

    Ich wollte ja eigentlich erst morgen was schreiben, aber das Thema hat mich sofort angesprungen. Rammstein bedient ganz klar eine gewisse Ästhetik. Das ist allerdings nichts Neues. Letztlich ist Rammstein diejenige Band, die den Sound und die Ästhetik von Bands wie DAF, Oomph und Laibach hinreichend massenkompatibel gemacht hat, um damit kommerziell erfolgreich zu sein. An Rammstein stört mich eigentlich die Halbherzigkeit, textlich, musikalisch, inszenatorisch. Das ist viel Kitsch. Mich gruselt es viel stärker, wenn ein ganzes Fußballstadium die Nationalhymne … zu Gehör bringt.
    Andererseits: Rammstein ist Musik, Musik ist Kunst, sie machen das clever. Während Laibach den großen Hammer schwingt, Laibach heißt, in Nazi-Uniformen auftritt und zuweilen deutsch singt und polarisiert, macht Rammstein den Diskurs über die Botschaft ihrer Kunst … „nebulös“.
    Insgesamt halte ich es nicht für bedenklich. Okay, ich halte es für bedenklich, dass solche Mittelmäßigkeit Erfolg hat, aber das ist was anderes. Rammstein lehrt etwas: Der Mechanismus eines Rockkonzerts (denn „das Publikum wird zu einer Stimme“ erlebt man häufig, auch bei Wolfgang Petry), eines Fußballänderspiels oder eines Reichsparteitages ist der gleiche, sie unterscheiden sich inhaltlich, aber nicht der Funktion nach. Dein Unbehagen ist mMn berechtigt, aber genau diese Wirkung, das Spiel mit Masse und Ästhetik …. Die muss ich der Band doch zugute halten.

    • solera1847 sagt:

      Ich bin eigentlich schon zu müde, aber vielleicht kommt ja noch etwas verständliches heraus…

      In vielerlei Hinsicht sprichst du mir aus der Seele, denn genau dieses Unbehagen wollte ich ja zum Ausdruck bringen.

      Es gibt einen interessanten Bericht über die Band Frei.Wild (bei YouTube meist unter der Überschrift ‚‚Hetz-Bericht“ zu finden) – darin kommt das gleiche Phänomen zum Tragen: Parolen, die jeder mitgröhlen kann, Realität bzw. deren Wahrnehmung auf dumpfe, schlagwortartige Aussagen (meist höchst suggestiver Art) reduziert, immer die trotzige ‚‚denen da oben zeigen wir’s mit der Musik“-Attitüde in den Mundwinkel geheftet, bei jeder ernsthaften inhaltlichen Auseinandersetzung sofort die Flucht in Floskeln wie ‚‚Das wird man doch wohl noch sagen dürfen…“ ergreifend.

      Frei.Wild ist da sicher noch platter und deutlich simpler gestrickt, da sie stärker der (in diesem Fall Tiroler) Heimattümelei verfallen sind, aber das Ausnutzen der Massendynamik, der sich ein einzelner Mensch im Publikum kaum entziehen kann, wenn ein paar hundert/tausend andere um ihn herum quasi-hysterisch mitgehen, wird auch dort ausgenutzt (und in dem Bericht vom NDR zur Sprache gebracht).

      Huch, doch so viel geschrieben. Hoffentlich ergibt’s einen Sinn. Jetzt ruft mein Kopfkissen nach mir… Bis morgen!

  2. Zeilenende sagt:

    Doch, gibt Sinn, keine Sorge. 🙂 Frei.Wild ist ein schönes Beispiel, dass man damit auch Unfug machen kann. Ob die jetzt Proto-Faschisten sind oder einfach nur nationalistisch, das mag ich nicht entscheiden, meine Kragenweite sind die nicht. Im Unterschied zu Rammstein lassen die aber jegliche Ironie vermissen. Das ist vielleicht der Unterschied: Rammstein ist Kabarett, Frei.Wild ist Beatrix von Storch.

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