Political Correctness & Disneyfication – nein danke!

Gestern habe ich das oben abgedruckte Bild bei Twitter entdeckt. Und – ohne dass ich jetzt eine konkrete Quelle angeben könnte – erinnere ich mich an einen schönen Artikel eines US-amerikanischen Bloggers darüber, dass die überall eingeforderte „politische Korrektheit“ eine „echte eigene Meinung“ zunehmend unterdrückt. Im Sinne einer „Disneyfication“ gilt nur noch als akzeptabel, was niemanden „aus der jeweiligen Komfortzone“ herausreißt – somit wird jede Äußerung weichgespült und immer nur dann geäußert, wenn man sich als Autor sicher sein kann, niemanden auch nur andeutungsweise anzugreifen bzw. (im Umkehrschluss) möglichst viele „Likes“ zu generieren.

Als ich den Artikel gelesen hatte, reifte in mir der Entschluss, in der Zukunft von meinen Schülern durchaus in der im Bild angedeuteten Richtung wesentlich mehr zu verlangen.

Schon jetzt lasse ich mich im Beruf nicht von Überlegungen leiten, die mir „mehr Beliebtheit“ bei den Schülern versprechen, denn gibt man dieser Versuchung erst einmal nach, wird es sehr schwierig, später wieder einen konfrontativen Kurs einzuschlagen. Und gerade Teenager auf der Höhe der Pubertät benötigen einen knüppelharten Widerpart, an dem sie sich reiben und ihre private Revolution ausleben können. Keiner behauptet, dass sich das für beide Seiten gut anfühlt, aber auf dem Weg zu einer eigenständigen Persönlichkeit ist diese aufrührerische Phase unumgänglich.

Wenn man sich mal vor Augen führt, wie lange der Zustand der Adoleszenz sich heute ausdehnt (oft bis Mitte/Ende Zwanzig), so mag einer der Gründe dafür darin zu suchen sein, dass den Jugendlichen immer mehr Möglichkeiten genommen werden/wurden, kontrovers zu sein. In den 1960er Jahren konnten die Teenager die Rolling Stones hören (nur als ein schönes Beispiel) und sich sicher sein, dass die Eltern strikt dagegen waren. Das beschwor Konflikte herauf, dringend notwendige Konflikte, dafür waren die jungen Erwachsenen dann auch schon früher gereifte(re) Persönlichkeiten.

Vergleichen wir die Situation damals (Rolling Stones) mit heute: Die meisten Eltern hören weitgehend die gleiche Musik wie ihre Kinder, zumindest gibt es immer weniger substantielle Unterschiede. Das Radio hat mit seinem dreieinhalb-Minuten-Diktat für eine weitgehende Angleichung der Popularmusik gesorgt. Klar, man findet immer noch Nischen, bei denen sich die Eltern sicher genervt abwenden. Aber es wird immer schwieriger, die Nischen werden immer kleiner.

Ich lehne mich nun ein wenig aus dem Fenster: Das Erstarken extrem rechter und extrem linker politischer Ansichten sowie deren gewaltbereites/-volles Ausleben könnte auch eine Folge der zunehmend unmöglich gewordenen Revolutionsphase in der Pubertät sein. Unter Garantie spielen da noch etliche andere Faktoren eine gewichtige Rolle, nicht zuletzt Bildungsgrad (des Jugendlichen wie auch der Eltern), soziale und geographische Herkunft, persönliche Vorerfahrungen und vieles mehr. Aber ich denke, dass es ein zwingender Teil des Erwachsenwerdens ist, sich eine Zeit lang mit allem und jedem um sich herum anzulegen, die Grenzen aktiv auszutesten. Und jedes Unterbinden dieser Möglichkeit verlängert den Abnabelungsprozess bzw. hinterlässt ungelöstes Konfliktpotenzial, das später dann unter Umständen wieder an die Oberfläche drängt.

Zurück zur Ausgangssituation: Warum sollte nun also der Lehrer immer nur einen auf „Kuschelkurs“ machen und seinen Schülern nicht grundsätzlich mehr abverlangen, als sie in ihrer „Komfortzone“ zu leisten bereit sind? Also: Macht euch auf etwas mehr Stress in den kommenden Monaten gefasst!

 

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

6 Gedanken zu „Political Correctness & Disneyfication – nein danke!

  1. Beat Company sagt:

    (Pubertäre) Kontroversen … – durchaus aber doch auch ein Ziel (oder Herusforderung) für die so. „Erwachsenen“. Kontroversen und Querdenken sind essentiell für ein kreatives Leben !

  2. Es Marinsche kocht sagt:

    Nur wer einen ( knüppelhart erscheint mir etwas extrem ) Widerpart hat, der selbst eine starke Persönlichkeit ausgeprägt hat und nicht gleich einknickt, kann sich daran reiben und im besten Falle ebenfalls daran erstarken. Das das einzig und allein ein Lehrer rausreissen kann, wage ich zu bezweifeln…..aber wie heilsam ist es doch in der Erwachsenenwelt jemanden zu haben, der liebevoll-konsequent leitet und gern als Vorbild genommen wird….ob bewusst oder unbewusst….

    Und ich kann nicht oft genug darauf hinweisen das die Pubertät ( wovor viele Eltern Angst haben ) im Grunde genommen eine ganz wundervolle Zeit ist, die sehr viel Ent-wicklungs Potenzial ( für Eltern und Kind ) bietet….denn nie ist man der Wahrhaftigkeit näher als in dieser Zeit!!! Und genau das macht das „Aggressions“ Potenzial aus….da ist man dem eigentlichen Menschsein so nah….und stößt auf lauter komische Dinge und Ungereimtheiten um sich herum….das will besprochen und bereinigt werden….und das kann es nur in einer empathischen Atmosphäre….

    Wer das selbst nicht aushält und Aggression durch Aggression bzw. autoritärem Erziehungsstil abwehrt hat schon verloren!

    Also, Schüler wie Erzieher: hinschauen – aushalten – gemeinsam Lösungen finden – daran wachsen! 🙂

  3. Zeilenende sagt:

    Ach, Adoleszenz ist auch nur eine kulturelle Erfindung, irgendwann im 19. Jahrhundert entstanden. 😉 Von daher würde ich der Disneyfication nicht auch die Schuld an links- und rechtsextremen Gesinnungen geben. Der Linksextremismus war in Deutschland zuletzt eine ernstzunehmende Bedrohung, als es mehr als genug Gelegenheit gab, sich an etwas zu reiben. Ich würde eher umgekehrt sagen, die große Reibungsfläche hat allzu deutlich vermeintliche Grenzen aufgezeigt und nur Lust darauf gemacht, sie zu sprengen – wortwörtlich.
    Es ist wie so oft das Mittlere. Das Problem mit der PC hast du schön herausgearbeitet: Sie leistet einem Relativismus Vorschub, der keinen Raum für Konflikte lässt, weil sie alles als möglich und erlaubt einzuebnen vorgibt, einem vermeintlichen Relativismus Vorschub leistet und damit nur noch die Möglichkeit gibt, die PC selbst in Frage zu stellen. Eine solche Position ist aber respektlos, weil es für Respekt ein eigenes Gerüst an Werten braucht, für die man einstehen kann. Die Toleranz (die Unterschiede anerkennt) wird abgelöst durch eine diffuse Identifikation mit allem und jedem.
    Das „fragile Ego“ kann unter solchen Bedingungen mit Schutzräumen gar nichts anfangen, weil es nicht einmal existiert. „Ego“ gibt es nämlich nur in Abgrenzung von „Alter“. Zwischen „Ego“ und „Alter“ herrscht ein Kampf um Anerkennung. „Ego“ kann durch „Alter“ entweder durch Ablehnung vernichtet werden (das Problem der RAF) oder dadurch, dass „Alter“ wegfällt – das Problem der heutigen Zeit. Mehr Differenz ist zur Abwechslung mal eine schöne Forderung. 🙂

  4. Ilanah sagt:

    Das kann ich sowas von unterschreiben, das glaubst du gar nicht….lach…

  5. Ilanah sagt:

    Hat dies auf Das Leben – bunt wie ein Regenbogen rebloggt und kommentierte:

    Das können bestimmt nicht wenige bestätigen, denke ich.

  6. Flowermaid sagt:

    … Word BuZZz… freidenkschwimmerin….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: