Musizieren im Laienorchester

Am Samstag war ich als Trompeter im Rahmen eines Konzerts mit dem Aalener Symphonie-Orchester (AASO) aktiv –– und trotz der enormen Hitze, die allen auf der Bühne (und im Publikum) versammelten den Schweiß in Strömen am Körper hinablaufen ließ, war es ein sehr schönes Erlebnis. Während der Proben und auch beim Konzert sind mir so einige Dinge aufgefallen, die das Musizieren mit Laien unterscheiden von der Variante mit Profis.

Brandaktuell: Link zum Zeitungsartikel (ich bin der hinten in der Mitte mit dem leicht schräg gehaltenen Kopf)

Stimmen

Profis stimmen wesentlich schneller und effektiver. In so ziemlich allen Laienorchestern, mit denen ich bislang zu tun hatte, ist das Stimmen beinahe schon eine Obsession. Der Konzertmeister/die Konzertmeisterin erhebt sich, blickt mit einem vernichtenden Blick jeden an, der es noch wagt, andere Geräusche als den Kammerton von sich zu geben, dann blickt eine Oboistin/ein Oboist konzentriert auf ein Stimmgerät, intoniert das allgegenwärtige A (meist um die 442 Hz).

Und dann geschieht in den meisten Fällen etwas Seltsames: Statt sich auf ihr Gehör zu verlassen, zückt ein Teil der Bläser ein eigenes Stimmgerät, blickt ebenso gebannt auf das Display und stimmt sich ein. Und genau damit wird das Orchesterstimmen eigentlich zur Farce: Wer beim Stimmen nämlich auf das Stimmgerät blickt, passt sich — selbstverständlich unbewusst — schon permanent an die Anzeige auf dem Stimmgerät an. Wenn das die Stimmgeräte wieder weggepackt sind und das Stück beginnt, stimmt das Orchester nicht wesentlich besser. Kein Wunder!

Viel geschickter ist es, einfach nur den Ton der Oboe nach Gehör zu übernehmen — und dem Gehör zu trauen, denn während der laufenden Werke kann man nicht ständig ein Stimmgerät einsetzen, da bleibt nur das Vertrauen auf das geschulte Gehör. Wenn das Stimmgerät unbedingt sein muss, sollte man mit geschlossenen Augen den Ton so natürlich (zentriert) wie möglich spielen, dann erst die Augen öffnen und sich anhand des Displays orientieren, ob man nach oben oder unten korrigieren muss. Das ist eine realistische Rückmeldung, die zu einem besseren Ergebnis führt.

Noch dazu gibt es Erfahrungswerte, die man über die zahlreichen Jahre des Spielens erst erwirbt. Ich weiß von mir beispielsweise, dass ich beim Stimmen meist etwas mehr Spannung zum Einsatz bringe. Dadurch ist mein Ton beim Stimmen eine Winzigkeit höher als später beim Spielen. Also stimme ich mich ein, bis alles passt, um dann noch ein wenig „rein zu gehen“ (=die Trompete etwas höher zu stimmen). Dann passt meine Intonation.

Pochen auf akkurate Kleidung

Je professioneller die Musiker sind, desto weniger (bzw. desto weniger genau) muss man ihnen vorgeben, wie sie sich kleiden sollen. Wer etliche Male vor Publikum gestanden hat, bringt automatisch einen wahren Erfahrungsschatz an Peinlichkeiten mit, die es zu vermeiden gilt. Aber: Ein Profi kleidet sich in vielerlei Hinsicht passender als ein Laie, denn er kennt die Bühnen-/Auftrittssituation mit all ihren Tücken.

Probe VS Konzert
Links: Probenoutfit (Ausschnitt), rechts: Konzertoutfit (Ausschnitt)

Für das Konzert am Samstag wurde in der Probe am Freitag Abend die Kleiderordnung festgelegt. Alle wussten, dass es mit Sicherheit extrem warm werden würde, die Wetterankündigung sprach von „Hitzerekord“ und kündigte die Nähe der 40 Grad Celsius an. Und dennoch wurde als Kleiderordnung ein langes Hemd mit Krawatte für die Männer ausgegeben. An der Krawatte hatte ich nichts auszusetzen, denn die macht kaum einen Unterschied. Wohl aber am langärmeligen Hemd. Das ist schlicht und einfach Wahnsinn bei dem Wetter – und für das Publikum ziemlich egal. Ob ein Geiger, Cellist, Pauker oder Bläser nun kurze oder lange Ärmel trägt, interessiert meiner Einschätzung nach höchstens einen verkappten Mode-Zar im Publikum. Der Rest kümmert sich um wichtigere Dinge, zum Beispiel die Weiterentwicklung der Small Talk-Fähigkeiten für die Pause. Für uns Musiker war es aber auf der Bühne durch die langen Ärmel deutlich unangenehmer. Aber immerhin wurden uns allen die Krawatten zehn Minuten vor Betreten der Bühne „erlassen“.

Aufregung

Das Aalener Symphonie-Orchester ist ein mittlerweile recht routinierter Trupp, der sich auch in der Live-Situation ziemlich gut in der Hand hat. Ich habe aber auch schon mit Laienorchestern musiziert (oder sie dirigiert), bei denen in der Konzertsituation gut und gerne 20-30 Prozent der Leistungsfähigkeit eingebüsst wurden.

Am schlimmsten ist es üblicherweise, wenn gleich zu Beginn etwas „in die Hose geht“. So etwas kommt vor, meist ist es eine durch die Aufregung hervorgerufene Unsicherheit, die dann in der Kombination mit der Gesamtsituation (grelles Licht, Publikum, Hitze durch die Scheinwerfer, ungewohnte Kleidung etc.) Aufmerksamkeitsaussetzer erzeugen, die dann wiederum zu kurzen Fehlern führen. Sind diese Fehler besonders deutlich hörbar, erzeugen sie (zum Glück nur selten) eine Art „Schockstarre“, die dann gleich noch mehr Fehler hinter sich her ziehen.

Ich habe das als Dirigent in einem Konzert erlebt. Das Orchester hatte unter meiner Leitung das Stück über einige Wochen hinweg sehr gewissenhaft einstudiert und war sicher. Dann kam eine Ehemalige kurz vorher dazu, um noch mitzuspielen. In der Probe klappte alles, aber genau bei der Aufführung spielte diese eine Ehemalige genau für alle hörbar in eine Generalpause hinein. Zack! Weg war die Konzentration. Das Stück lief danach richtig schlecht, weil alle durch diesen einzelnen Patzer verunsichert waren. Das gibt es bei Profis wirklich deutlich seltener.

Enthusiasmus

Wo sich die Profis dagegen so manches mal etwas abschneiden können: Enthusiasmus. Ein Laienorchester probt viel länger, bevor ein Stück aufgeführt wird, in dieser Zeit bauen die Musiker eine wesentlich intensivere Beziehung zu diesem Werk auf. Die meisten haben sich in der Zwischenzeit eine Aufnahme besorgt und kennen diese in- und auswendig.

Außerdem werden die meisten Laienmusiker stärker gefordert beim Einstudieren. Wenn dann endlich alles „sitzt“, verspürt man natürlich wesentlich mehr Stolz auf die erbrachte Leistung als jemand, den das gleiche Stück schlicht und einfach weniger fordert (was nicht heißen soll, dass Profis jedes Werk einfach herunterspielen können).

Und genau deshalb sind die meisten Laienorchester im Konzert sehr enthusiastisch und strahlen mit einer fast schon kindlichen Freude, wenn das Vorspiel gut gelungen ist. Ein Teil dessen zu sein fühlt sich wirklich superb an.

Fazit

Auch als studierter Musiker spiele ich gerne ab und zu bei Laienensembles mit. Ich sehe für mich nicht die Notwendigkeit, alle Proben zu besuchen, denn in den meisten Fällen blicke ich recht schnell durch und beherrsche meinen Part dann. Andererseits muss auch ich proben und meine Sachen üben, denn ich möchte weder mich noch das Ensemble blamieren. Mit einigen der oben geschilderten Unannehmlichkeiten arrangiere ich mich jedes Mal aufs Neue (z.B. das ausufernde Stimmen), bei anderen Dingen setze ich vielleicht in Zukunft einfach noch mehr meinen eigenen Kopf durch (z.B. bei der Ärmellänge) – aber in der Summe macht es einfach viel Spaß, zu viel, um es nicht zu tun.

 

12 Gedanken zu “Musizieren im Laienorchester

  1. Arabella 7. Juli 2015 / 14:38

    Trotz unsagbarer Hitze las ich deinen Artikel mit Interesse.
    Nun kann ich als Volllaie nur lernen,worauf beim stimmen zu achten ist.
    Interessant.
    Eine völlig andere Frage ist die der langärmeligen Männerhemden.
    Zwei Dinge gehen halbärmliges T-Shirt oder aufgegkrämpeltes Langarmgemd.
    Ein kurzärnliges Männerhemd gehört verboten!
    (Oh, oh…ich höre die Gegenseite auf mich einprasseln. Werft mit Wasser, ich bitte und es sollte sehr kalt sein. 😁)

    • solera1847 7. Juli 2015 / 15:03

      Ich werfe weder mit Wasser noch mit Worten. Aber Geschmack bleibt Geschmack – und wenn das Hemd gut geschnitten ist (meines wäre so eines), dann ist das (jetzt mal vom Gesicht abgesehen) ein recht ästhetischer Gesamteindruck… 😉

      • Arabella 7. Juli 2015 / 15:04

        Da habe ich aber Glück gehabt;-)

    • solera1847 7. Juli 2015 / 15:04

      Verständlich, heute gibt’s alles nur im Schneckentempo… Uff!

      • Arabella 7. Juli 2015 / 15:05

        Da hilft nur ein T-Shirt 😂😂😂

  2. Es Marinsche kocht 7. Juli 2015 / 15:58

    Sehe ich da Nike Free? 😳

    • solera1847 7. Juli 2015 / 16:00

      Ich weiß nicht genau, wie die Schuhe heißen, sie sind bequem. Letztes Jahr hatte ich ein Paar, das sogar noch einen Tick besser war… 😉

      • Es Marinsche kocht 7. Juli 2015 / 16:03

        Ich laufe seit Jahren, als alltagstauglicher Schuh, mit denen durch die Gegend….Sommers wie Winters, außer es hat Schneematsch. Sie sind dem Barfußlaufen nachempfunden…falls es die sind….sehe ja nur die rechte Seite 😊

      • solera1847 7. Juli 2015 / 16:09

        Ich kaufe immer im Herbst kurz vor Schulbeginn ein Paar, das hält dann bei Dauertragen genau ein Jahr, dann wird es ersetzt… Hat sich bewährt und spart meine Zeit (muss mich nie entscheiden, welche Schuhe ich morgens anziehen soll). 😉

      • Es Marinsche kocht 7. Juli 2015 / 16:11

        Geht mir genau so 😊

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