Abgelenkt ohne Ende

Vor ein paar Wochen hatte ich zwei Unterstufen-Klassen hintereinander, jeweils eine Doppelstunde lang. Dabei sind mir ein paar Dinge aufgefallen, und das mit einer erschreckenden Deutlichkeit, die mich unter anderen an der Effektivität der Grundschulausbildung, vorrangig aber auch an der Erziehung im jeweiligen Elternhaus zweifeln lassen.

Kurz zur Situation, die mich so ins erneute Nachdenken über diese schon häufiger im Kopf gewälzte Situation versetzte: Insgesamt muss ich einem überwiegenden Teil der aktuellen Unterstufenschüler leider eine weitgehende Unfähigkeit dahingehend attestieren, eine angebrachte Prioritätensetzung für die Unterrichtssituation vorzunehmen.

Was meine ich damit? Ganz einfach: Wenn mir in meiner Schulzeit (1982-1995, vor allem aber während der gymnasialen Jahre von 1986-1995) ein Lehrer den Auftrag gab, beispielsweise beim folgenden Musikbeispiel ganz genau auf ein bestimmtes Element, z.B. den Einsatz einer gerade besprochenen Spieltechnik bei einem Instrument, zu achten, dann bedeutete dies implizit für mich auch: „Stelle während des Hörens alle anderen Aktivitäten ein, konzentriere dich auf diese eine Sache, nur sie ist für die nächsten Minuten wichtig.“

Implizit deswegen, weil uns das kaum jemals ein Lehrer sagen musste. Und wenn wir gegen diese weitgehend unausgesprochenen, aber dennoch gültigen Regeln verstießen, gab es auch richtigen Ärger in Form von unmissverständlicher, sehr deutlicher und zum Teil auch harscher Lehrerschelte. Das war alles andere als angenehm, steckte aber einen glasklaren Orientierungsrahmen für uns Kinder. Und der ist wichtig.

Zurück zur Situation in den beiden Doppelstunden, die mich dazu brachten, diesen Blogeintrag zu schreiben: Zuerst einmal sind die meisten Kinder mit einem halben Schreibwarengeschäft ausgestattet. Ein derartiges Aufgebot an Farben und unterschiedlichen Arten von Stiften sowie anderem Handwerkszeug kannten wir damals nicht. Nun könnte man ja meinen, dass besonders gut ausgestattete Schüler auch besonders gut arbeiten können. Genau das Gegenteil ist meiner aktuellen Einschätzung nach der Fall, denn je mehr Equipment mit sich geführt wird, desto heftiger steigt die Wahrscheinlichkeit, dass permanent daran herumgeräumt oder -gebastelt wird. Wie oft ich manche Schüler (beiderlei Geschlechts) schon dabei beobachtet habe, wie sie innerhalb einer einzigen Doppelstunde ihre Stifte herausziehen, in einer anderen Reihenfolge wieder einsortieren, sie dann wieder herausnehmen, um sie nochmals anders einzusortieren — es ist absolut absurd!

Noch entscheidender: Es erfüllt überhaupt keinen Zweck. Es ist eine reine Beschäftigungstherapie für die Finger.

Die Aufmerksamkeit der Kinder wird dadurch ständig geteilt zwischen der eigentlichen Hauptsache, dem Unterricht (also dem Vermitteln und Erlangen von Wissen und Kompetenzen), und dem mehr als mächtigen Spieltrieb. Und es bedarf absolut keines Genies, um herauszufinden, wer hierbei üblicherweise den Kürzeren zieht. Wie sollen auch schulische Inhalte gegenüber bunten und luxuriösen Stiften (=Spielsachen) in der Aufmerksamkeit bestehen können? Das meinte ich mit der eingangs genannten „nicht erfolgten Prioritätensetzung“.

Meiner Meinung nach ist es die Aufgabe der Grundschule, im Verlauf der Klassen 3 und 4 den Kindern eine konzentrierte Arbeitshaltung beizubringen. Doch das findet anscheinend immer weniger statt. Ich sehe meine Äußerungen hier nicht in erster Linie als Kritik an den Grundschullehrern, denen in den letzten Jahren immer mehr grundlegende Erziehungsaufgaben zugeschustert wurden, die eigentlich die Eltern/Familien zu übernehmen hätten. Dennoch gehört das Fit-Machen für die weiterführenden Schulen in den Aufgabenbereich der Grundschulen. Und dieser Aufgabe werden sie — ob entschuldigbar oder nicht — einfach nicht mehr in vollem Ausmaß gerecht. Wenn ich mich an meinem Gymnasium im Lehrerzimmer umhöre, teile ich diese Meinung ganz offensichtlich mit einer sehr großen Anzahl von Kolleginnen und Kollegen.

Zurück zur konkreten Unterrichtssituation: An besagtem Tag vor ein paar Wochen gab es tatsächlich ein kurzes Hörbeispiel, dem konzentriert gelauscht werden sollte, um danach konkrete Aussagen über mehrere vorher von mir bestimmte Charakteristika tätigen zu können. Während dieses kurzen Hörbeispiels fielen gefühlt fünf Scheren und zehn Stifte an unterschiedlichen Punkten im Klassenzimmer herunter.

Wie bitte konnte das passieren? (Ja, die Schwerkraft, ich weiß. Schlauberger sitzen bei mir übrigens gleich in der letzten Reihe und werden aus Prinzip nicht aufgerufen. Basta!)

Die Frage ist aber wirklich ernst gemeint. Denn bei einem derart konkreten Hörauftrag gab es eigentlich für niemanden in der Klasse einen Anlass, die Schere herauszuholen, noch viel weniger einen, damit herumzuspielen, und noch einmal weniger einen, so fahrlässig damit zu hantieren, dass das Teil auch noch herunterfällt. Gleiches gilt für die Stifte, denn ich hatte vorher speziell darauf hingewiesen, dass es unnötig sei, sich Notizen zu machen, weil das Ergebnis am Ende ohnehin an der Tafel für alle notiert würde und dann abgeschrieben werden müsste.

Und dennoch taten es offensichtlich eine ganze Reihe von Schülern. Problematisch ist die Sache für mich deswegen, weil ich, um dieses nervige Verhalten abzustellen, jeglichen Unterrichtsfluss aufgeben müsste. Konsequent wäre es, ein paar Stunden lang jeden Schüler, der so etwas bringt, einen ein- oder zweiseitigen Aufsatz schreiben zu lassen, warum dieses Verhalten nicht angebracht ist. Eventuell käme dann eine gewisse Einsicht in die Köpfe. Andererseits ist das schlicht und einfach nicht realistisch, denn am Ende bekäme ich von der Mehrzahl aller Unterstufenschüler über kurz oder lang mindestens einen solchen Aufsatz (und es fühlt sich an, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen).

In der Stunde bei einer Parallelklasse, achtete ich von Anfang an darauf, dass dieses ständige Herumspielen nicht gleich wieder einriss, aber als ein einziger Lehrer befand ich mich gegenüber ca. 30 vom Spieltrieb erfassten Frühpubertierenden auf einem recht schwachen Posten.

Noch etwas war anders: Ich zeigte den Kindern einen Filmausschnitt, in dem es um die Aufgaben eines Dirigenten beim Proben mit einem Orchester ging. Es gab eine konkrete Aufgabenstellung, um Ruhe und Konzentration hatte ich gebeten. Mit wenigen Ausnahmen (klar, wenn Musik gespielt wird, muss man doch mit zwei Stiften bei voller Lautstärke im Rhythmus gegen die Tischkante schlagen, oder? Oder?) wurde diese auch eingehalten.

Doch dann passierten drei Dinge, die mir schlagartig die Lust auf ein weiteres Ansehen von Dokumentationen in dieser Klasse dämpften:

  1. Zuerst klatschte die ganze Klasse beim Anfangs-Applaus im Film mit. Wozu? Es handelte sich schließlich um einen Film (noch dazu eine Dokumentation), kein Live-Konzert. Geht der Herdentrieb bei den Gymnasiasten mittlerweile soweit, dass man stupide solche Aktionen ausführen muss, ob es nun passend ist oder nicht?
  2. Dann legte ein Mädel aus der letzten Reihe beide Beine (Schuhe natürlich noch an den Füßen) auf ihren Tisch, rutschte mit ihrem Gesäß vor zur Stuhlkante und benahm sich wie in ihrem eigenen Wohnzimmer. Ich wies sie zurecht, sie folgte widerwillig. Aber: So etwas erzeugt Unruhe, stört alle anderen im Raum — und ist völlig unnötig, da von vornherein jedem Schüler hätte klar sein müssen, dass dieses Verhalten inakzeptabel und unangemessen ist. („Hätte, hätte, Fahrradkette…“)
  3. Dann fragte sie mich mehrfach innerhalb eines maximal fünf Minuten dauernden Zeitfensters, wann denn der Film „endlich“ vorbei sei. Und erboste sich lautstark, als ihr am Ende auffiel, dass ich mich beim ersten Schätzen (warum ich ihr überhaupt eine Antwort gegeben habe, ist mir jetzt schleierhaft) um ca. eine Minute verschätzt hatte… Da fehlen mir schon fast die Worte.

Aber nur fast, deswegen könnt ihr gerade diese Zeilen lesen. Ich will nicht über Gebühr lamentieren, es gibt genügend Klassen, in denen Unterricht „ganz normal“ funktioniert, manchmal geht das sogar bei diesen Klassen. Gleichzeitig fühlt man sich als Gymnasiallehrer immer häufiger in die Rolle eines Dompteurs versetzt: Sind die Kunststückchen toll, macht die Klasse gut mit, sind sie nicht ganz so aufregend, verliert man sofort den Kampf gegen die Buntstifte und andere Spielsachen (von Handys und Smartphones fange ich gar nicht erst an). Über die Benotung kann man das regeln, es hinterlässt aber immer einen schalen Geschmack — und hält bei den wenigsten lange vor. Andererseits müssen alle Schüler lernen, sich bei einer konkreten Aufgabenstellung auf diese (und nichts anderes) zu konzentrieren. Und ich werde sie immer weiter triezen, dies zu tun. Basta!

 

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4 Gedanken zu „Abgelenkt ohne Ende

  1. Zeilenende sagt:

    Teilweise würde ich sagen, liegt es an einer Schwerpunktverlagerung. Die Grundschulen operieren heute meiner Erfahrung nach alle reformpädagogisch und legen sehr viel Wert darauf, die Kinder frei lernen zu lassen, selbst Prioritäten zu setzen (oder sie gaukeln das zumindest effektiv vor) und die Meta-Ebene „Das ist wichtig, weil …“ mitzuführen. Das ist schön und gut (keine Ironie, ich bin ein Fan offenen Unterrichts), vernachlässigt aber die Fähigkeiten, die du nun im Unterricht vermisst und die es auch braucht. Die Spielerei scheint mir oft eine unbewusste Trotzreaktion zu sein, weil das einzelne Kind nicht Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ist, wie zuvor in der GS und oft daheim. Narzisstische Kränkung, weil sie in einen Verband eingeschlossen sind und alle gleichzeitig das Gleiche tun sollen. Wie ätzend.
    Ich glaube, ich würde Mäppchen auf dem Tisch verbieten. Pro Kind genau zwei Stifte und ein Heft, alles Andere muss runter vom Tisch. Aber andererseits auch ziemlich albern, oder? Wenn man es durchsetzen will, tauscht man Autorität durch persönliche Glaubwürdigkeit gegen eine rein institutionell dominante Rolle ein.

    • solera1847 sagt:

      Ich bin kein großer Freund offener Unterrichtsformen, da diese zugunsten eines erhöhten Spaßfaktors sehr an Verbindlichkeit einbüßen. In den Klassenarbeiten verlangen wir Lehrer Verbindlichkeit, dann müssen wir diese vorher aber auch einüben. Mit mehr oder weniger Erfolg — grummel…

      Das mit nur zwei Stifte auf der Bank wäre ja ok. Aber selbst die würden dauernd hin und her bewegt. Da stimme ich deiner Einschätzung (Trotzreaktion) absolut zu.

      Es ist ein permanentes Wandeln auf der Grenze zwischen blankem »Ich setze jetzt meinen Willen durch!« und »Schaut her, ich hab einiges anzubieten…«.

      A-N-S-T-R-E-N-G-E-N-D. 😁

  2. Es Marinsche kocht sagt:

    Generation „Null Bock auf gar nix“…sieht man sich die gesellschaftliche Wandlung an sollte man sich eigentlich nicht wundern….und doch tut man es 😉 ist doch der Mensch heutzutage soooo vielen Reizen von außen ausgeliefert…

    …und das fängt schon im kleinen an wenn man bedenkt was auf so ein kleines Menschlein im Buggy einströmt, wenn es so durch die Straßen befördert wird….

    …und selbst der Erwachsene steht vor einem Wald voller Möglichkeiten, die nicht immer nur positives bedeuten…die Freiheit des wählen könnens wird ganz schnell mal zur Überforderung…auch das fängt im kleinen an wenn man überlegt wieviel ‚zig Ausführungen von Marmeladen es gibt und man Stunden vor so einem Regal zubringen könnte…und setzt sich in großen Entscheidungen fort….

    Da fällt das Fokussieren schwer…

    Dazu, um wieder auf die Schulsituation zurück zu kommen, mangelnde Bewegung….die sich dann im rumhantieren ausdrückt…und auffälliges Verhalten, was wohl letztendlich eher als Zeichen der Unsicherheit zu werten ist…wenn es schwer fällt sich zu konzentrieren und man bemerkt es ist es unangenehm….und wer hat Schuld? Rischtisch….der Lehrer 😜

    Wie sollen die Kiddies es anders machen wenn Erwachsene es vorleben…

    Heutzutage Lehrer sein ist wahrlich nicht einfach…aber ich denke wenn man authentisch vor den Kids steht…und Autorität im positiven darstellt…ihnen wohlwollend-konsequent Grenzen setzt…und dabei trotzdem noch Freiräume zum ent-falten lässt…ist schonmal viel gewonnen….

    Ein Beispiel aus der Waldorfpädagogik ist da für mich immer wieder vor Augen: besonders „schwierigen“ Schülern schenkt man innerlich, nach dem Schultag, besondere Aufmerksamkeit….im liebevollen, möglichst nicht-bewertenden, Tagesrückblick entlastet man sich selbst, aber auch das Verhältnis zum Schüler…und im besten Falle gewinnt man so ein Gespür für die „wirklichen“ Nöte des Kindes…entwickelt wieder mehr empathisches „Mitgehen“, was wiederum ohne es zu thematisieren ein entspannteres Verhältnis mit sich bringt…l

    Chapeau!

  3. PRBC sagt:

    Krass 😳 das gabs bei uns nicht. Null Respekt.

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