Üben hilft leider

Klaviatur

An diesem Instrument hätte ich noch mehr Zeit verbringen sollen...

Jeder Musiker, der weiter als die ersten Schnupperstunden gekommen ist, kennt das Dilemma: Ein neues Stück wird vom Lehrer aufgegeben oder selbst gewählt (oder steht im Orchester/Ensemble an) – auf jeden Fall handelt es sich um ein noch nicht eingeübtes Stück. Alles daran fühlt sich ungewohnt, unsicher und dadurch anstrengend an, denn erst einmal müssen im Gehirn die entsprechenden Verknüpfungen angelegt und durchlässig gemacht werden. Das dauert. Und es funktioniert nur mit einem gewissen Grad an Verbissenheit und Konsequenz.

Live daheim

Unser Großer spielt seit ca. anderthalb Jahren Gitarre, wobei er sich unserer Einschätzung nach ziemlich gut anstellt. Er hat sowohl das richtige „Händchen dafür“ als auch ein musikalisches Gespür, das ihm erlaubt, nicht nur richtig sondern schön zu spielen. Wenn er ein Stück mal kann und mag, dann wird es oft zu ganz ungewohnten Augenblicken wieder hervorgeholt und einfach so gespielt. Gerne auch mit Verzerrung und Echo-Effekt auf der E-Gitarre. Das freut uns als Eltern immer sehr, denn es beweist, dass er auch Spaß an der Sache hat.

Bekommt er aber im Unterricht ein neues Stück (oder gar mehrere) auf, dann gibt es erst einmal tagelang Gejammer: „Ich kann das nicht, das macht keinen Spaß, mein Lehrer ist gemein…“ – die volle Pallette! Und dabei ist es nur einfach noch nicht im Kopf und den Fingern angekommen.

Aber als erfahrene Musiker wissen wir nun einmal: „Üben hilft leider.“ Wäre dem nicht so, könnte man alles auf Talent, Tagesform und Lehrer schieben. So aber muss sich unser Sohn Tag für Tag aufs Neue triezen lassen. Wir tun das ja auch. Meine Frau geht dabei mit einer Engelsgeduld vor. Ich hätte die wahrscheinlich nicht, zumindest nicht mit einer Person, die nicht ich bin.

Selbstverstärkung durch Erfolg

Aber: Üben funktioniert nicht nur leider, es funktioniert auch immer wieder. Und dann wird es immer besser! Wenn man einmal die magische psychologische Schallgrenze durchbrochen hat, hinter der das Üben so richtig effektiv wird, dann verstärken sich die einzelnen Übemaßnahmen gegenseitig. Und dann motiviert Üben einfach durch das hohe Ausmaß an Effektivität und den spürbaren Zugewinn an neuen Fertigkeiten immer wieder und immer mehr zum häufigeren Üben. Dann setzt man von selbst mehr daran, besser und effizienter zu üben und die eigenen Fertigkeiten konsequent auszubauen.

Beim Üben

Hier ist sie beim Üben.

Ein wunderbares Beispiel hierfür ist unsere mittlere Tochter. Sie spielt seit drei Jahren Geige, ist sieben Jahre alt und kann sich absolut hören lassen. Das Üben mit ihr ist öfter mal ein richtiger Kampf, denn neue Stücke stressen sie sehr. Aber immer und immer wieder versucht sie ihr Bestes, mittlerweile sticht sie sogar schon wesentlich ältere Geiger aus. So gut ist sie! Und das sage ich nicht nur als stolzer Vater, sondern als ein Musiker, der Tag für Tag Schüler auf ihren Instrumenten vorspielen hört.

Die magischen 10.000 Stunden

In der Expertise-Forschung wird immer wieder die magische Zahl von 10.000 Stunden genannt, die man geübt haben muss, um auf ein professionelles Leistungsniveau zu kommen. Ich will ehrlich zugeben, dass ich bei mir noch nie nachgerechnet habe, aber nun möchte ich das selbst etwas genauer wissen…

Im Studium habe ich pro Tag (im Normalfall) bis zu acht Stunden geübt. Das war nicht immer der Fall, häufig war es auch deutlich weniger, ich schätze, im Schnitt kam ich in den ersten zwei Studienjahren auf etwa dreieinhalb bis vier Stunden am Tag. Machen wir mal hierfür eine kleine Rechnung auf:

  • 2 Jahre, 365 Tage im Jahr, jeden Tag 210 Minuten geübt: 2 x 365 x 210 = 153.300 Minuten = 2.555 Stunden
  • Davor habe ich aber auch schon drei Jahre lang sehr viel geübt, schätzungsweise zweieinhalb bis drei Stunden pro Tag im Durchschnitt (oft mehr, aber es geht um den Durchschnitt): 3 x 365 x 150 = 164.250 Minuten = 2.737,5 Stunden
  • Danach habe ich etwas weniger geübt, denn die Tage waren einfach voller (Doppelstudium und bis zu 36 Wochenstunden Unterricht/Vorlesungen/Seminare). Daher gehe ich für die verbleibenden fünf Studienjahre (ja, ich weiß, das waren viele Semester, aber es sind auch drei Studienabschlüsse geworden) von einem Tagesschnitt von anderthalb bis zwei Stunden aus: 5 x 365 x 90 = 109.500 Minuten = 1.825 Stunden

Summa summarum komme ich bis zu diesem Zeitpunkt auf gute 7.117,5 Stunden. Vor Beginn des Studiums (und den drei Jahren, die ich schon eingerechnet habe) standen ja auch noch einmal sieben Jahre des Übens — und nach dem Studium (meinen letzten Abschluss habe ich 2002 errungen) habe ich trotz des alten Musikerwitzes auch noch etliche Stunden geübt.

Ich denke, die 10.000 Stunden habe ich voll bekommen, aber nur knapp. Um mich wirklich als „Vollprofi“ bezeichnen zu können, müsste ich auch jetzt noch mindestens ein bis zwei Stunden täglich üben. Das ist aber mit Beruf, Familie, Sportprogramm und weiteren Verpflichtungen (wie dem Hinzufügen neuer Beiträge zu diesem Blog) schlicht und ergreifend nicht mehr machbar.

Ich spiele gerne auf meinem Instrument, ich übe sogar gerne, denn danach fühlt sich mein Körper wohl, und mein Geist ist frei von Ablenkungen. In diesem zentrierten Gefühl könnte ich mich stundenlang aufhalten, aber es rufen halt immer auch noch andere Pflichten.

Der alte Musikerwitz

Ja, wenn man es oben anreißt, muss man es unten auch einhalten, daher nun der erwähnte Musikerwitz:

Fragt eine Dame einen Musiker: „Sagen Sie mal, Sie haben doch Musik studiert. Warum üben Sie dann noch?“

Der ist gut, gell? Klar, da lachen nur die Musiker. Aber ich kenne einen, der gefällt den meisten Nicht-Musikern genauso:

In New York steht ein Musiker etwas hilfesuchend am Straßenrand. Eine alte Dame kommt vorbei, er fragt sie: „Entschuldigen Sie, werte Dame! Könnten Sie mir verraten, wie ich in die Carnegie-Hall komme?“ Die Dame sieht ihn einmal von Kopf bis Fuß an und sagt: „Üben, üben, üben!“

Brüller.

Die Kehrseite

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Kehrseite des Übens! Wenn man es unterlässt oder nur ungeschickt anstellt, verhindert man ein weiteres Vorankommen. Und zwar meist völlig. Die Problematik dabei liegt in unserem Gehirn, denn dieses lernt nur durch häufige Wiederholung!

Ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte: Schüler A hat immer am Montag Unterricht, er übt nur am Sonntag, dafür aber eine ganze Stunde lang. Sein Gehirn hat somit nur eine sehr geringe Anzahl von Wiederholungen erlebt, daher wird das Stück, das er geübt hat, am Montag unter Garantie nicht gut sitzen.

Ein Beispiel, wie man es machen sollte: Schüler B hat auch am Montag Unterricht, er übt am Dienstag 10 Minuten, am Mittwoch 10 Minuten, am Donnerstag 10 Minuten, am Freitag 10 Minuten, am Samstag 10 Minuten und am Sonntag nochmals 10 Minuten.

Umgerechnet auf die gesamte Woche haben Schüler A und B gleich viel geübt: eine Stunde. Während Schüler A seinem Gehirn aber gar keine Zeit zum Verarbeiten lässt und keine Wiederholungen nachschiebt, da er nur an einem einzigen Tag übt, merkt er sich vom Geübten wesentlich weniger. Schüler B dagegen hat seinem Gehirn ausreichend Verarbeitungszeit gegönnt, an sechs aufeinanderfolgenden Tagen das gleiche Stück immer wieder geübt, wodurch sich eine hohe Wiederholungszahl ergibt, sein Gehirn hatte viele Möglichkeiten zur weiteren Verarbeitung und wiederholten Speicherung, er wird sich das Stück wesentlich besser gemerkt haben. Dazu kommt noch, dass Schüler B jeden Tag nur 10 Minuten investieren muss, um auf ein besseres Gesamtergebnis zu kommen. Schüler A dagegen schleppt die gesamte Woche ein schlechtes Gewissen mit sich herum, übt am Sonntag unter furchtbarem Stress, und bekommt es am Montag im Unterricht wahrscheinlich vom Lehrer noch mehr oder pädagogisch „reingedrückt“, dass er das Stück immer noch nicht kann.

Quizfrage: Wer von den beiden hat wohl mehr Spaß am Üben?

Probe

Einmal pro Woche reicht nicht.

Fazit

Nach diesem kleinen Exkurs sollte klar geworden sein, dass Üben ein unverzichtbarer Bestandteil eines Musikerlebens ist. Den wahren Sinn des Übens begreift man meist erst spät — und selbst danach kann einem der innere Schweinehund gelegentlich noch einen Strich durch die Rechnung machen. Aber wenn man es — unter Verwendung intelligenter Herangehensweisen — mal geschafft hat, sich durch die harten Lehrjahre hindurch zu beißen, dann belohnt man sich selbst mit Üben, man muss sich dazu nicht mehr zwingen. Und man fühlt sich einfach prächtig dabei!

 

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3 Gedanken zu „Üben hilft leider

  1. PRBC sagt:

    Übung muss sein 😳😩😀

  2. Konfuzius sagt: Üben macht nur Spaß, wenn man es nicht Üben nennt. 😀

  3. Dann kommt es aber auch noch darauf an, wie man das Erlernen eines Instrumentes nahegebracht bekommt. Unsere Tochter hat vor Jahren von sich aus den Wunsch geäußert, Klavier zu lernen. Erste Schnupperstunde bei einer älteren Dame… Plingplangplongplingplangplong, und dann plongplangplingplongplangpling…. Und als Hausaufgabe sämtliche Pling und Plong-Folgen üben. Fazit Tochter (damals 8jäjrig): „Bäh, lahm. Keine Lust!“
    Neuer Versuch ein paar Monate später. Ich hatte eine Anzeige gefunden, „Klavierunterricht nach russischem Modell“. Neugierig eine Schnupperstunde vereinbart und eine Offenbarung erlebt. Nach 45 Minuten spielte meine Tochter ihr erstes Stück. „Juhu, das war toll, hier will ich wieder hin!“ Daheim enthusiastisch geübt, und so ist es bis heute geblieben.
    Sie hat solche Freude daran, dass sie mich jedes mal damit ansteckt und ich am liebsten auch eine Stunde nehmen würde, aus reiner Neugierde. 😁

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