Marathon

Nein, nein, nein – dies ist kein Blog-Eintrag über einen bei mir anstehenden oder gerade von mir durchgeführten Marathon-Lauf. Ich habe in meinem Leben gerade einmal zwei Halbmarathons gelaufen — alle ohne Wettbewerb außen herum. Und alle beide extrem langsam. Einen eher aus der Verlegenheit, sowohl den Hin- als auch den wiederum anderen Heimweg suchen zu müssen, sodass am Ende die entsprechende Kilometerzahl erreicht war. Aber ich weiche schon wieder vom eigentlichen Thema ab, ts-ts-ts.

Der Begriff „Marathon“ wird im Deutschen ja oft so ähnlich wie der Begriff „Binge“ im Englischen gebraucht, um etwas als in seiner Geballtheit Massives darzustellen. Beispiele wären das sog. „Binge-Drinking“ (bei uns „Komasaufen“) oder Binge-Watching (das ist dann gegeben, wenn man eine komplette Staffel einer Fernsehserie von Anfang bis Ende am Stück durchguckt).

Neun Klassenarbeiten

Neun komplette Sätze Klassenarbeiten — mittlerweile zum Glück fertig korrigiert.

In diesen gerade auslaufenden zwei Wochen der Pfingstferien hatte ich einen wahren Marathon zu absolvieren: Neun komplette Sätze von Klassenarbeiten mussten korrigiert werden. „Binge Proof Reading“ also (ja, ihr Englischlehrer dürft mich dafür hauen…). Und ich hab’s geschafft.

Aber es hat mich einiges gekostet, mit geradezu verheerenden Konsequenzen für meine persönliche Fitness. Denn Korrigieren ist eine Tätigkeit, die fast ausschließlich im Sitzen ausgeführt wird. Allein die Tatsache, dass es sich immer um eine fürchterliche Zettelwirtschaft handelt, macht eine Tätigkeit, die sich bequem im Stehen oder gar in Bewegung ausführen ließe, komplett unmöglich.

Negatives

Korrekturarbeit macht schlicht und einfach keinen Spaß – klar, hier kann ich als Lehrer in gewissem Umfang „Macht“ ausüben, doch der reflektierte Umgang mit dieser Macht ist eben nichts, was man einfach so nebenher tun sollte. Besonders lästig sind am Korrigieren für mich die folgenden Elemente/Aspekte:

  • Korrekturarbeit ist monoton, denn man muss ja im Schnitt 25-30 Mal die gleiche Antwort auf ein und die selbe Aufgabenstellung lesen. Bei Parallelklassen kann das unter Umständen noch deutlich häufiger sein. Und leider treffen die Schüler nur ganz selten genau die gewünschte Lösung.
  • Das bringt mich auch gleich zum zweiten negativen Aspekt: Jede Antwort, die nicht dem Erwartungshorizont entspricht (95-99%), muss sorgfältig abgewogen werden. Schlimm ist es, wenn die Antwort gut gemeint ist, aber hoffnungslos am Ziel vorbei geht, denn da kann man dann auch mit gutem Willen nichts mehr machen.
  • Man muss sich gerade angesichts der oben erwähnten Monotonie völlig konzentrieren, sonst gibt man dem Schüler A einen Punkt auf die Information X und dem Schüler B nicht. Kaum hat man die Arbeit herausgegeben, wird verglichen — ZACK! Innerhalb von fünf Minuten stehen drei Schüler vor mir und verlangen, auch einen Punkt zu bekommen, weil „der da“ ihn ja auch für die gleiche Information bekommen hat. Klar, wenn der Rest der Antwort außen herum nicht stimmt, muss ich den Punkt zwar noch lange nicht geben – das ist der pädagogische Spielraum –, aber das Argumentieren ist halt einfach mühselig und lästig. Wenn ich es mir ersparen kann, bin ich jedes mal heilfroh.
  • Die gerade erwähnte Konzentration macht hungrig, auch wenn man körperlich fast untätig ist. Noch dazu steigt das Bedürfnis nach Belohnungen, wenn man endlich eine Arbeit oder deren Hälfte oder die ersten zehn (fünf, drei) Arbeiten geschafft hat… Fatale Geschichte für die Figur! Innerhalb der ersten sechs Klassenarbeiten (komplette Sätze, also insgesamt 150-170 Arbeiten) habe ich anderthalb Kilo zugenommen. Aua, aua, aua!
  • Korrekturarbeit ist nicht kreativ, man erschafft nichts, tauscht sich nur bedingt mit anderen aus. Kurz: Es ist eine stupide Tätigkeit, auch wenn man das Hirn dabei benutzen muss. Das macht es doppelt anstrengend.

Positives

Leider gibt es hier im Normalfall nicht so viel zu berichten, denn Korrigieren ist immer eine unangenehme Tätigkeit, die niemals hätte erfunden werden dürfen. Aber in diesen zwei Wochen entdeckte ich erstmalig auch ein paar ganz angenehme Dinge:

  • Abiturienten, die ihre letzte Klausur schreiben, können sich tatsächlich kurz fassen. Vor allem wenn sie die Note nicht mehr einbringen müssen. Manch einer von denen hat mir vorher jahrelang ellenlange Arbeiten abgeliefert, deren Durchlesen einer Herkulesaufgabe glich. Dieses Jahr dagegen begnügten sich einige (es ist ein großer Kurs mit 28 Teilnehmern) mit einem einzigen Blatt, und nicht einmal das wurde von allen komplett gefüllt. Luxus! (Also: für mich…)
  • Wenn man dann mal die ersten fünf Arbeiten am Stück durch hat, gerät man in eine Art Korrigiermodus im Gehirn. Die Art und Weise, wie man an die Sache herangeht, wird immer stromlinienförmiger, es gibt immer weniger Ablenkung, selbst wenn die Kinder im gleichen Zimmer sitzen und auf dem iPad die „Maus-App“ machen müssen. Alles egal, nur noch das Abhaken der nächsten und der nächsten und der nächsten Arbeit zählt. Und dabei schärft sich tatsächlich der Blick. Bei den ersten paar Arbeiten ist es oft noch ein Abwägen: „Zähl’ ich das noch als ganzen Punkt, kann ich einen halben geben, oder muss ich das einfach als „falsch“ anstreichen und unbepunktet lassen?“ Denn leider schafft es so gut wie kein Schüler, meinen Erwartungshorizont vollständig zu erfüllen (s.o.). Aber im Lauf der dauernden Korrekturarbeiten wird der Blick immer schärfer, was man noch zählen darf und was nicht. Und das erleichtert und beschleunigt die Arbeit. Bei der neunten Klassenarbeit war ich dann tatsächlich deutlich flinker als bei den ersten drei oder vier.
  • Meine Gewichtszunahme motivierte mich, mal wieder ein paar andere Muskelgruppen ins tägliche Sportprogramm aufzunehmen, so ging ich statt in den Keller zum Seilspringen einfach raus und absolvierte ein paar angenehme Läufe (immer so zwischen 12 und 14 Kilometer). Gestern sogar einen mit meiner Frau – zum ersten Mal seit Jahren (und es war wirklich sehr angenehm).

So, genug gejammert. Letztlich habe ich mir den Ballen Arbeiten selbst eingebrockt (die Verteilung aller Arbeiten unterhalb der Oberstufe obliegt dem jeweiligen Kollegen). Aber so ist es mit einem großen Batzen Arbeit auf einmal geschafft und zieht sich nicht über Wochen und Monate immer wieder einmal hin.

Guten Abend!

 

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8 Gedanken zu „Marathon

  1. PRBC sagt:

    Lehrer wär nix für mich 😁😐😫

    • solera1847 sagt:

      Augen auf bei der Berufswahl!

      Spaß beiseite: Als Musiklehrer habe ich es ja noch richtig gut. Als Deutschlehrer muss man in Korrekturen förmlich »ertrinken«. DAS wäre nichts für mich!

  2. Es Marinsche kocht sagt:

    Interessante Sichtweisen 😊 danke für’s dran teilhaben lassen!

  3. Zeilenende sagt:

    Herzlichen Glückwunsch. 🙂 Herr Zeilenende Sr. quält sich noch mit Leidensmiene durch einen Biologie-GK, wenn ich das richtig gesehen habe, und ich bin nach der Lektürge glatt froh, dass (derzeit) nicht als ernsthafte Perspektive zu haben.

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