Literarische Vorlieben und ihre Glaubwürdigkeit

Ich bin ein großer Freund jeglicher Art von Literatur und habe in den letzten drei Jahrzehnten etliche Bücher unterschiedlichster Couleur gelesen. In jüngster Vergangenheit (es scheint eine Alterserscheinung zu sein) gesellten sich immer mehr Autobiographien/Monographien dazu – meist handelt es sich um Musiker. Am liebsten lese ich jedoch Romane, zu meinen vielen Lieblingsautoren gehören (die Reihenfolge stellt dabei keine Präferenz dar) Dean Koontz, Eric van Lustbader, Douglas Preston und Lincoln Child (ich denke vor allem an die Pendergast-Reihe), Tom Sharpe, Alan Sillitoe und Stephen King.

In den meisten Fällen sind es einfach spannende Geschichten, die nicht selten einen Hauch des Übernatürlichen verströmen. Gerade Dean Koontz, Eric van Lustbader und Stephen King fallen mit den meisten ihrer Werke ziemlich genau in diese Kategorie. So sehr ich die Geschichten genieße, immer wieder stiehlt sich ein eigentümlicher Gedanke in mein Unterbewusstsein: „Warum liest du eigentlich so eine Schundliteratur?“ Der Gedanke stammt wohl noch aus meiner Kindheit, als meine Mutter gelegentlich diesen Begriff gebrauchte, um die damals schon mit Feuereifer von mir verschlungenen Romane zu brandmarken. Gerade Stephen King genießt als angeblicher „Horror-Autor“ bei vielen Menschen einen sehr zweifelhaften Ruf. In den letzten Jahren hat er meines Ermessens genügend Romane abseits dieses Genres abgeliefert, dass man dieses Etikett problemlos auch wieder entfernen könnte, aber ich bin eben nicht „man“.

Doch heute kann mich dieses Naserümpfen genauso wenig vom Lesen und Genießen dieser Bücher abhalten wie damals. Der Grund ist ein ganz einfacher: Mir gefallen die Geschichten — und sie sind oft hervorragend erzählt. Im letzten Jahr habe ich zwölf Geschichten (sehr unterschiedlicher Länge) von Stephen King gelesen, alle haben mir gefallen, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß:

  • „The Stand“ fand ich absolut faszinierend. Stephen King mag es zwar nicht, wenn Fans behaupten, es sei sein bestes Buch, denn das entwerte seiner Meinung nach alles, was danach kam, es gehört aber sicher zu seinen besten Werken, weil es durch die ungeheure Länge Zeit für die Entfaltung aller Charaktere hat.
  • „Die Arena“ (auch bekannt als „Under the Dome“) war fantastisch, eigentlich die Steigerung von „The Stand“ und auf jeden Fall viel besser als die davon inspirierte TV-Serie („Under the Dome“).
  • Drei der damals noch unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlichten Geschichten – „Sprengstoff“, „Menschenjagd“ (stark abgeändert verfilmt unter dem Titel „Running Man“) und „Todesmarsch“ – waren zwar etwas altbacken (man spürt überall ihre Entstehungszeit durch, die nun einmal mehrere Jahrzehnte zurückliegt), aber dennoch spannend und voll farbenfroher Charaktere.
  • Die zwei Kurzgeschichten „Im hohen Gras“ und „Raststätte Mile 81“ waren höchst eigentümlich (vor allem erstere) – und meiner Meinung nach auch viel zu kurz, denn King’s Qualitäten liegen eindeutig im Epischen, wenn er die Möglichkeit hat, jeden einzelnen Charakter allmählich mit der Tiefe zu erfüllen, die ihn lange in der Erinnerung des Leser festhält (wie eben bei „The Stand“ und „Die Arena“) – da ihm diese Möglichkeit hier nicht zur Verfügung stand, kam die charakterliche Seite der Geschichten hier für meinen Geschmack zu kurz.
  • „Duddits“ bzw. „Dreamcatcher“ ist um unglaubliche Längen besser als der Film (der trotz Morgan Freeman ein völliges Desaster geworden ist), dennoch sind einige Abschnitte des Buchs derart depressiv (geschrieben in der Rekonvaleszenz-Phase nach dem Autounfall Kings), dass das Lesevergnügen gelegentlich etwas getrübt wurde.
  • In der Novellensammlung „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ finden sich drei besonders gelungene Werke – „Die Verurteilten“, wunderbar verfilmt mit Tim Robbins und Morgan Freeman (hier ist der Film mindestens genauso gut wie die literarische Vorlage, mir als Musiker fällt natürlich auch noch der hervorragende Soundtrack ein), „Der Musterschüler“, „Die Leiche“ (gelungen verfilmt unter dem Titel „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“) – und eine etwas flachere Kurzgeschichte – „Atemtechnik“ –, die mir kaum im Gedächtnis hängen blieb.

Das waren mehrere tausend Seiten, die sich allerdings nicht danach anfühlten, denn die Geschichten vermochten es jedes einzelne Mal, mich in ihre eigene Welt zu entführen, mit den Charakteren zu fiebern — kurzum: sie erfüllten genau den Zweck, den man sich von einem Roman erhofft.

Im Programm „Zapped“ lässt sich Michael Mittermeier darüber aus, wie seine Freundin sich über die von ihm präferierten Action-Filme beschwert. Dabei fällt auch der Spruch: „Wie realistisch!“ Und genau das könnte man auch gegen alle Stephen King-Bücher sagen (und genauso gegen die von Dean Koontz, Preston & Child und all den anderen). Doch Realismus ist es ja gerade nicht, was ich in diesen Geschichten suche – sonst würde ich ja auch eher Sachbücher vorziehen. Und genau deswegen kann ich ganz entspannt fragen: „Wozu Realismus?“ Wenn die Geschichte so gut erzählt wird, dass sie mich fesselt und für ein paar Stunden entführt, warum muss sie dann auch gleich noch realistisch sein?

William Shakespeare lässt in seiner Komödie „Ein Sommernachtstraum“ auch Kobolde und Elfen auftreten, an einer Stelle wird sogar jemand verwandelt und erhält einen Eselskopf. Hat ihm (Shakespeare) jemals ein Literaturkritiker vorgeworfen, er schreibe nicht realistisch genug? Wohl kaum. Aber der „Sommernachtstraum“ wird immer und immer wieder gerne besucht, weil die Charaktere lebendig sind und die Geschichte den Zuschauer in diese Welt eintauchen lässt. So muss es sein, dann ist es gute Unterhaltung.

 

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