Die Crux mit der Demokratie

Vor ein paar Monaten fand an meiner Schule eine festliche Veranstaltung statt: Wir wurden eine mitarbeitende UNESCO-Schule. Mir geht es in diesem Blog-Eintrag nicht um den UNESCO-Anteil. Hängen geblieben ist mir von der Veranstaltung vor allem ein Satz aus der Festrede des Ehrengastes:

„Demokratie lernen heißt:

Lernen, sich der Mehrheit zu beugen,

auch wenn es einem nicht gefällt.“

Schöner hätte er es nicht formulieren können. Mir hat an der Formulierung gefallen, dass sie geradlinig den Kern der Sache trifft. Demokratie heißt eben nicht, nur zwischen den genehmen Optionen zu wählen oder sich die beste Möglichkeit herauszupicken. Ganz im Gegenteil: Demokratie kann auch heißen, das geringste Übel zu wählen. Oder noch unangenehmer: Man kann eine wohlfundierte Meinung haben und dennoch in der Minderheit sein –– und dementsprechend überstimmt werden. Aber: So funktioniert unsere Gesellschaft. Das muss man begreifen (lernen). Und dieser Prozess kann anstrengend sein.

Ein wunderbares Beispiel aus der Schule fällt mir dazu ein: Im letzten Schuljahr war ich Verbindungslehrer, somit war ich auch für die SMV (SchülerMitVerantwortung) verantwortlich. Dabei fiel mir auf, dass an unserer Schule die Oberstufenschüler einen sehr bestimmenden Einfluss in der SMV hatten. Gemeinsam mit meinem Stellvertreter regten wir daher einen strukturellen Wandel an: Aus jeder Stufe (5-7, 8-10, 11-12/13) sollten jeweils ein oder zwei Schüler als Vertreter für ihre jeweiligen Interessen gewählt werden. Denn die Bedürfnisse von Unter- und Mittelstufenschülern unterscheiden sich häufig von denen der Oberstufenschüler.

Wir arbeiteten das Konzept aus, bastelten ein Diagramm, das die geänderte Struktur verdeutlichte und stellten dies in einer SMV-Vollversammlung vor. Selbstverständlich gab es Gegenwind, das war zu erwarten und störte uns nicht. Demokratie heißt ja nun einmal, dass man sich über die Inhalte streitet, die gegenseitigen Positionen abklopft und nach Möglichkeiten sucht, sich auf einer gemeinsamen Ebene zu treffen. Die Abstimmung wurde auf zwei Wochen später terminiert, damit alle genug Zeit hätten, sich über unseren Vorschlag Gedanken zu machen, dann beendeten wir die Sitzung.

Ein Oberstufenschüler kam auf uns zu und war so richtig sauer. Er bezeichnete unsere Vorgehensweise als undemokratisch und grollte beim Hinausgehen noch, dass er „Schritte dagegen einleiten werde“. Wir Verbindungslehrer sahen uns etwas hilflos an, denn wesentlich demokratischer als einen Vorschlag einzubringen und den dann zwei Wochen später allen Beteiligten zur Abstimmung zu übergeben, ging es unserer Meinung nach nicht.

Um nun den Bogen zu schließen: Diesem Schüler war die Demokratie anscheinend als ein System erschienen, in dem man nur zwischen angenehmen Optionen wählen muss. Tatsächlich ging es hier aber um zwei Optionen: Es gab ja nur…

  • …das neue System, bei dem alle Altersstufen gleichmäßig repräsentiert wären, oder…
  • …das alte System, bei dem die Oberstufe „das Sagen“ hätte. Und das neue System hätte natürlich einen Statusverlust für die Oberstufenschüler bedeutet.

Aber es handelte sich nur um einen Vorschlag. Und den Ausgang konnten wir nicht bestimmen, denn die Schüler (und nur sie) hatten ja die Wahl. Klar hatten wir unsere Position verdeutlicht und die Unter- und Mittelstufenschüler ermutigt, das neue System als Chance zu verstehen. Aber die Wahl lag bei den Schülern.

Letztendlich geschah etwas ganz Passables: Das neue System wurde angenommen, aber weder ich noch mein Stellvertreter wurden wieder gewählt. Besonders gestört hat es mich nicht, allerdings wäre es durchaus schön gewesen, noch die ersten Schritte in das neue System hinein begleiten zu können. Sei’s drum – aus meiner Sicht haben wir unsere Mission erfüllt.

Und das auf demokratischem Wege.

 

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