Wahre Kunst

Seit ca. 20 Jahren habe ich eine CD im Schrank stehen, die ich — wenngleich heute meist in digitalisierter Form über meinen wundervollen iPod Classic — immer und immer wieder anhöre. Das Album gehört für mich zu den Klassikern, ich habe mehr Jahre mit dieser Musik verbracht als ohne. Einzelne Stücke kenne ich so gut, ich habe letztens eines davon am Klavier auf Anhieb fast fehlerfrei nachspielen können (und wer meine pianistischen Fähigkeiten kennt, weiß, was das bedeutet…).

Es handelt sich um eine Filmmusik. Komponiert hat sie Mark Isham, ein weiterhin sehr aktiver, aktuell aber anscheinend nicht mehr ganz so im öffentlichen Blickfeld stehender Komponist (fast ausschließlich Filmmusik) und Musiker, genauer gesagt Trompeter (als solcher hat er mit etlichen Rock-/Pop-Größen gespielt). Der Titel des Albums: „A River Runs Through It“ (der Film heißt im Deutschen „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“).

Der Titel entstammt einem stark autobiographisch geprägten Buch von Norman Maclean, in dem er im hohen Alter (jenseits des 70. Lebensjahres) erstmalig als Schriftsteller in Erscheinung trat. Bis heute haben sich diese Memoiren, für die Maclean zuerst keinen Verleger finden konnte, als wahrer Schatz für viele Menschen erwiesen. Die romantisch eingefärbten Beschreibungen der Landschaft und des Fliegenfischens sorgen bis heute für einen wahren Touristenstrom nach Montana.

Ich habe das Buch mehrmals im englischen Original gelesen, auch mich fasziniert die Geschichte jedes Mal aufs Neue, allerdings nicht aufgrund des Fischens, denn das interessiert mich nur marginal. Mich fasziniert die Schilderung eines Lebens im Spannungsfeld zwischen strenger Ordnung und künstlerischer Freiheit. Norman und sein Bruder Paul wuchsen als Kinder eines presbyterianischen Pastors im ländlichen Montana auf. Er erzog seine Kinder innerhalb eines sehr stabilen (also streng geordneten) Regelsystems. Diese Systematik bezog sich auch auf den Vorgang des Angelwerfens, denn das lernten die beiden Brüder zum Schlag eines Metronoms. Die künstlerische Ader wurde dadurch ganz offensichtlich nicht unterdrückt, denn beide Brüder wandten sich einem Beruf zu, der schriftstellerische Tätigkeitsfelder umfasste: Norman wurde Professor für englische Literatur am Dartmouth College, Paul wurde Journalist bei der Lokalzeitung in seiner Heimatstadt.

Nun bin ich ein wenig vom Thema abgewichen, denn eigentlich geht es ja um die Musik. Um meine Begeisterung für diese Filmmusik verstehen zu können, war der Exkurs aber notwendig. Gerade das Hauptthema der Filmmusik, das sich wie ein roter Faden durch alles zieht, ist von einer schlichten Schönheit, wie man es von einer Geschichte erwarten darf, die von den Söhnen eines Pastors im ländlichen Montana erzählt.

Passend zum einsamen Fliegenfischer, der im Halbdunkel des Canyons steht und seine Rute schwingt, beginnt das Thema ganz allein auf einer Violine in einer recht tiefen Lage. Genau diese tiefe Lage ist typisch für eher folkloristische Musik, denn hier hat man es ja oft mit nicht professionellen Musikern zu tun. Vielmehr sind es Farmer, Pastoren, Waldarbeiter (und so weiter), die in ihrer Freizeit aus Liebe zur Musik ein Instrument spielen.

Notenbeispiel

Das Thema aus »A River Runs Through It«

Wenn dann die Begleitinstrumente einsetzen, bewegt sich das Thema in den Nachsatz, es handelt sich um eine Harfe und weitere Streichinstrumente (in noch tieferer Begleitlage).

Dann setzt eine ganz neue Begleitfigur ein, die an einen ländlichen Tanz erinnert. Und wieder einmal sind die Instrumente sehr passend ausgewählt, denn zu den Streichern und der Harfe steigen noch vereinzelte Holzbläser ein, die gleichzeitig mehr Kante in den jeweiligen Tonbeginn bringen, der Musik aber auch zu noch mehr „Atem“ verhelfen. Kaum hat sich diese Begleitfigur voll etabliert, springt der Komponist auch schon wieder in das Thema mit der weichen und warmen Begleitung zurück. Meisterlich!

Das Album besteht aus insgesamt 31 Stücken sehr unterschiedlicher Stilrichtungen. Mehrfach wird das oben vorgestellte Hauptthema wieder aufgegriffen, meist in Kombination mit später eingeführten Nebenthemen. Dazwischen sind aber auch einige Jazz-Stücke im (sehr „weißen“) Dixieland-/Chicago-Stil, die zum Musikgeschmack der Zeit passen, in der die Geschichte spielt.

Wer durch meine Ausführungen auf den Geschmack gekommen ist oder Interesse an dieser Musik entwickelt hat, kann meiner Einschätzung nach unbesehen zugreifen. Abgesehen von Leuten, denen diese Art von Musik prinzipiell nicht taugt (dann fühlen sie sich aber vermutlich auch nicht von meinen Schwärmereien angesprochen), sollte etwas für jeden Liebhaber gut gemachter und sehr passend gesetzter Musik dabei sein.

 

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