Alt genug für…

Es gibt Dinge — und das wird mir mit zunehmendem Alter immer klarer —, in die man erst hineinreifen bzw. –altern muss. Gerade in dieser Woche habe ich zwei davon am eigenen Leibe erlebt.

Das erste war ein Konzertmitschnitt von Max Raabe und seinem Palastorchester mit dem Titel »Eine Nacht in Berlin«. Als Max Raabe in den 1990er Jahren seine ersten großen Erfolge hatte (»Kein Schwein ruft mich an«), wäre das absolut keine Musik für mich gewesen. Einerseits der gesamte Stil der Musik, dieses hochgradig artifizielle, gekünstelte und — jetzt kann ich es in dieser Eigenschaft schätzen — augenzwinkernd selbstironische Getue (z.B. der für einen Mann zum Teil viel zu hohe Gesang im Kopfstimmenregister), andererseits die deutschen Texte. Damals hat es mich nicht angesprochen, und hätte jemand versucht, mir diese Musik nähr zu bringen, wäre ich eher noch ablehnender als aufgeschlossener geworden. Heute sehe immer die ca. 45 Minuten an und möchte danach gleich noch einmal von vorne beginnen.

Womöglich sind die letzten zehn Jahre, in denen ich immer und immer wieder für diverse Schülerensembles Musik arrangiert, zum Teil auch komponiert habe, nicht spurlos an mir vorüber gegangen. Die ausgezeichneten Max Raabe-Arrangements voller Witz und Esprit, dargeboten mit einer kontrolliert überschwänglichen Spielfreude seines »Palast-Orchesters« — schlichtweg fantastisch! Aber eben eine Sache, die ich erst in vollem Umfang wertschätzen konnte, nachdem ich in das richtige Alter vorgestoßen war.

Die zweite Sache, bei der sich mein dezent fortgeschrittenes Alter positiv auf die Wahrnehmung auswirkte, war der Film »Das Böse unter der Sonne« mit Peter Ustinov. Vor ein paar Tagen kam er auf Arte oder 3Sat, ich habe ihn aufgenommen und mit meiner Frau vorhin angesehen.

Als Kind, Jugendlicher und vielleicht sogar Student wäre mir der Film zu langatmig und aufgesetzt erschienen. Als ich ihn nun vorhin erstmalig sah, genoss ich seine pompöse Art, denn dahinter versteckt sich die Lust der Schauspieler, diese schillernden Facetten ihrer jeweils dargestellten Persönlichkeit voll auszukosten. Noch vor ein paar Jahren hätte ich damit nicht viel, eher gar nichts anfangen können. Heute Abend habe ich mich herrlich amüsiert.

Und wieder einmal mehr zeigt sich, dass der ewige Jugendwahn, der in Teilen der sog. ersten Welt seit einigen Jahrzehnten um sich greift, nichts anderes ist als die Tarnung für ein schrecklich unerfülltes, sinnfreies Leben. Wer nur als (vermeintlich) jugendliches Geschöpf bestehen kann, hat irgendetwas falsch gemacht, denn ich altere mit viel Genuss (soll heißen: solange sich noch keine ernstzunehmenden körperlichen Verfallserscheinungen zeigen, dann könnte sich dieser Standpunkt schnell wieder ändern…). Der Genuss besteht darin, immer mehr über diese Welt bereits erfahren zu haben und Vergleiche mit dem anstellen zu können, was neu auf mich eintrudelt. So wie diese Woche mit den zwei überraschend angenehmen kulturellen Darbietungen.

 

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