Udo Jürgens und Griechenland 1995

Heute ist Udo Jürgens gestorben. Ich kann nicht von mir behaupten, viel von seiner Musik gekannt zu haben. Was ich kannte, hörte ich meist nur ein einziges Mal oder nahm es eher hin als mit. Eine sehr intensive Erinnerung verbinde ich jedoch mit Udo Jürgens, von der möchte ich hier erzählen.

Im Jahr 1995 machte ich mein Abitur, zur Bundeswehr oder zum Zivildienst musst ich nicht, da ich als dritter Bruder per Gesetz von diesem Zwang befreit war (die Peinlichkeit des Musterungsprozesses musste ich deswegen natürlich trotzdem über mich ergehen lassen, aber das ist noch eine ganz andere — und nicht erzählenswerte — Geschichte). Die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik war bestanden, ich war bereits eingeschrieben, als mich ein Anruf ereilte: Das Uni-Orchester unter der Leitung von Rudolf Dangel benötigte einen Trompeter für eine Tournee durch Griechenland. Der Termin lag zwar quer über die erste Woche meines Studiums, aber so eine Chance durfte ich mir einfach nicht entgehen lassen.

Also fand ich mich bereits kurze Zeit später in ein paar Proben wieder, alles kein Problem, das Programm war nicht allzu fordernd. Und dann ging es auch schon mit dem Bus ab nach Venedig, dort auf ein Schiff, zwei oder drei Tage später waren wir in Griechenland. Herrlich! Das erste Konzert wurde sogar im regionalen Fernsehen übertragen, die Stimmung war gut — kein Wunder, für die meisten der Musiker handelte es sich um einen regelrechten Ausnahmezustand. Das Uni-Orchester war kein Ensemble aus angehenden Profi-Musikern wie etwa das Hochschul-Orchester. Vielmehr fanden sich hier überwiegend Medizin- und Jurastudenten wieder. Obwohl ich in dieser Gruppe als einer der wenigen »ernsthaften« Musiker etwas aus der Reihe fiel, war die Stimmung super.

Und genau da kommt Udo Jürgens ins Spiel: Bei den teils langen Busfahrten (sechs bis acht Stunden waren keine Seltenheit) lief eine Kassette in Dauerschleife, die einige seiner größten Hits enthielt. Ich kann mich nur noch an zwei Titel erinnern: »Die Sonne und du« und »Mit 66 Jahren«. Je später der Tag, je mehr Wein/Bier/Raki oder sonst welche alkoholischen Getränke die Runde gemacht hatten, desto lauter und enthemmter wurde im Bus mitgesungen.

Damals hat mir das nicht getaugt, doch aus der zeitlichen Distanz betrachtet, war es schön. Es war entspannt, viele Menschen hatten einfach nur eine verdammt gute Zeit in einem der schönsten Länder der Welt (wir besichtigten beispielsweise Delphi an einem Tag mit gnadenlos fantastischem Wetter). Und ein Teil dieser guten Stimmung war Udo Jürgens. Diese Erinnerung an ihn werde ich behalten.

Bei der Zeit wurde heute noch einmal ein Interview mit Udo Jürgens verlinkt, das kurz vor seinem 80. Geburtstag im Herbst entstanden war. Ich habe es gelesen und war beeindruckt von der großen Offenheit, mit der er über seine Vergangenheit in der Hitlerjugend und dergleichen mehr Auskunft gibt, die andere Menschen sicher heruntergespielt und verschwiegen hätten — Hut ab!

 

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