Archiv für den Monat Juni 2014

Leben mit dem Widerspruch

Heute habe ich beim morgendlichen Sport-Programm einen relativ langen Abschnitt eines meiner Lieblings-Hörbücher („Die Furcht des Weisen – Teil 1“ von Patrick Rothfuss) gehört. Über einen Zeitraum von ca. zehn bis 15 Minuten breitete der Autor (vertreten durch den nicht minder genialen Vorleser Stefan Kaminski) darin das aufregend verwirrende Erlebnis des Protagonisten Kvothe aus, der bei der Suche nach einer Information in der Bibliothek seiner Universität verschiedene sich komplett widersprechende Quellen findet.

Im Verlauf der Diskussion mit seinen Freunden über diesen eigenartigen Zustand, der so seiner Meinung nach eigentlich gar nicht existieren dürfte, erwächst eine große Sensibilisierung für die Fragilität von gedrucktem Wissen. Faszinierend.

An der Universität habe ich im Studium ein Seminar im Fach Musikwissenschaft (in diesem Fall ging es primär um Musikgeschichte) erlebt, das mir aus einem ganz ähnlichen Grund ebenfalls bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Das Seminar wurde von Professor Ulrich Konrad an der Universität Würzburg gegeben. Der Gegenstand war die Kompositionstechnik von Wolfgang Amadeus Mozart.

Um diese Kompositionstechnik ranken sich diverse Mythen, die bis heute von diversen Autoren musikhistorischer Werke weitergegeben werden, ohne jemals auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht zu werden. Prinzipiell hat Mozart — so der Mythos — alles im Kopf fertig komponiert, um es am Ende nur noch in einem Handstreich zu Papier zu bringen. Es ist relativ schwierig, einen Gegenbeweis zu führen, denn der gute Mann ist schon ein paar Jahre tot.

Noch dazu gibt es einen Briefwechsel zwischen Wolfgang und Leopold Mozart (dem Vater), der diesen Irrglauben seit Jahrzehnten (wenn nicht Jahrhunderten) auch noch massiv anheizt. In diesem Briefwechsel drängt der Vater seinen Sohn, sich ernsthaft seiner Arbeit zu widmen. Er fragt, wie weit die in Auftrag gegebene Oper schon sei. Wolfgang antwortet ganz salopp: „Komponiert ist schon alles, geschrieben noch nicht.“ Und schon ist es passiert: Mozart selbst bestätigt (denkt man) die Theorie mit seinen eigenen Worten. Doch weit gefehlt: Mozart unterschied beim Arbeiten zwei unterschiedliche Tätigkeiten:

  • Komponieren war der kreative Anteil der Arbeit. Dieser wurde während der wachen und besonders fitten Phasen des Tages erledigt. Hierbei notierte Mozart die Melodien und skizzierte die Harmonien, die sich nicht automatisch aus dem Melodieverlauf heraus ergaben. Er erzeugte also ein musikalisches Skelett. Dieses Skelett, das in z.T. extrem schnellem Tempo zu Papier gebracht wurde, genügte Mozart, um beispielsweise im Konzert das Werk (im Fall einer Klaviersonate) zu spielen, denn den Rest erschloss er sich wieselflink. Dank seiner überragenden pianistischen Fertigkeiten war es dann einfach, die Harmonien gleich in passende Begleitfiguren umzuwandeln.
  • Schreiben war der eher mechanische Teil des Ausnotierens aller Füllstimmen und der Begleitfiguren. Diese Arbeit erforderte kaum Kreativität, sie konnte auch von Schülern übernommen werden — oder zu nachtschlafender Zeit erledigt werden.

Und schon sieht das Zitat ganz anders aus. Mozart hatte keine Oper von zwei bis drei Stunden Dauer komplett im Kopf und musste nur noch in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alles zu Papier bringen. Nein! Er hatte ganz einfach alle Stücke im Skelett fertig und musste nun „nur“ noch ans Ausfüllen der Stimmen gehen (was eine unglaublich umfangreiche Arbeit ist).

Zurück zum eingangs erwähnten Widerspruch der Quellenlage: Professor Konrad wollte nun die Studenten zum eigenständigen Denken (also zu ihrem eigenen Glück) zwingen. Dazu mussten sie handschriftliche Quellen von Mozart am Computer transkribieren und die Ergebnisse mit den Endfassungen der Werke vergleichen. Auf diese Weise konnte der Beweis geführt werden, dass eben nicht alle Werke nur im Kopf komplett entstanden, denn in diesem Fall hätte es zwischen Skizze und Endfassung keine Änderungen geben dürfen. Die gab es aber, und nicht zu knapp. Und somit wurde auf elegante Weise der Nachweis geführt, dass der Mythos Mozart in dieser Hinsicht eben eher ein Mythos und weniger die Realität war.

Das tut dem Genie des Komponisten Mozart in meinen Augen keinen Abbruch. Es entzaubert auch die Musik nicht wirklich. Denn die Endfassung stammt ja trotzdem von ihm.

Warum habe ich das heute so lange und breit hier wiedergegeben? Es hat etwas mit der Einstellung vieler Schüler heute zu tun — und damit meine ich leider auch sehr viele Oberstufenschüler. Erst vor kurzer Zeit las ich in einem Artikel in der FAZ, wie wenig fähig (bzw. bereit) zu akademischem Denken viele Studenten sind. Vor allem der Abschnitt „Jeder sieht das anders“ (zweite Seite) ist sehr interessant. Darin steht z.B.:

Geltungsansprüche werden so lange anerkannt, wie sie der eigenen Erfahrung entsprechen. Das gilt sogar bei Studierenden der Geisteswissenschaften für wissenschaftliche Aussagen. Literaturinterpretation sei Ansichtssache, jeder könne alles in einem Text lesen; man sehe das halt anders. Auch in moralischen Fragen „sehe jeder das eben anders“. Moral sei, was die Gesellschaft dafür hält; das sei alles anerzogen. Es gebe „eh“ keine Wahrheit. Alles sei Ansichtssache.

Ich sehe das nicht als ein G8-/G9-Problem, denn die G9-Schüler von heute sind da sicher nicht anders. Ich sehe es jedoch als ein Einstellungsproblem der Schüler: Viele sind nicht mehr bereit, etwas zu leisten, um etwas zu erhalten. So auf die Art: „Wenn ich immer schön aufpasse und nicht störe, muss eine Eins doch drin sein, oder?“ Die Note Eins steht aber für exzellente und wirklich herausragende Leistungen. Ich habe vor einigen Wochen zwei Mädels aus der Mittelstufe nach einem meiner Meinung nach wirklich grottenschlechten Referat ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass es nicht den Qualitätskriterien für die Noten Eins, Zwei oder Drei entspräche. Über die nächsten Stunden hinweg wurde ich von ihnen geflissentlich ignoriert. Eine Mitschülerin informierte mich dann beim Hinausgehen, dass die beiden eine Entschuldigung von mir erwarteten.

Nochmals zurück zur widersprüchlichen Quellenlage: Hier muss man sich mühsam das Wissen aneignen, man muss die Widersprüche aushalten, die man aufgrund der Quellenlage vielleicht nie wird auflösen können. Wer sich so Wissen aneignet, hat den Wert der Bildung erkannt. Mit einem von der Wirtschaft oktroyierten Turbo-Abi (Stichwort: „Entschlackung der Lehrpläne“) und Schnell-Studium geht das immer mehr verloren. Bildungspolitik wird immer mehr zum Handlanger der wirtschaftlichen Interessen. Je schlechter die Bildung, desto gefügiger und billiger die Arbeitskraft. Ich möchte und werde das als Lehrer nicht mittragen. Meine Auffassung von Unterricht hat sich in den letzten Jahren zunehmend dahin entwickelt, dass es „ohne Fleiss keinen Preis“ gibt. Da muss man sich durch die Quellen durchackern und die Zähne zusammenbeißen, das Sitzfleisch trainieren — es ist anstrengender und zäher. Aber es hilft.

 

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Musik (nicht) nur, wenn sie laut ist

Normalerweise höre ich meine Musik nicht übermäßig laut, für die heftige Dauerbeschallung habe ich ja nun schon meine drei Kinder und die 16 Schulklassen, die ich in diesem Schuljahr unterrichte… Heute Nachmittag jedoch habe ich beim Salatschnipseln (das Abendessen kann man bei hungrigen Kindern nur bedingt aufschieben) das Album Moving Pictures der hier schon häufiger erwähnten Band Rush gehört. Und — ganz ungewohnt für mich und völlig aus einer Laune heraus — bei (für meine Verhältnisse) hoher Lautstärke. Und der Genuss war unglaublich groß!

Das Album an sich ist für mich ja schon ein Hammer, denn viele der bis heute bei so ziemlich jedem Konzert gespielten Klassiker der Band befinden sich in ihrer Originalversion auf diesem Album. Bei hoher Lautstärke kam der gerade 2013 für iTunes neu gemasterte Sound voll zur Geltung: Satte Bässe, ein ausgewogener Klang, der weder zu basslastig noch zu dünn ist, druckvoller Schlagzeugsound — und das alles kristallklar.

Wer das Album nicht kennt, sollte sich unbedingt mit den einzelnen Titeln auseinandersetzen. Man muss ja nicht gleich alles kaufen, bei YouTube gibt es haufenweise gute Konzertmitschnitte, z.B. sogar in HD-Qualität (vermutlich von DVD gerippt). Empfehlenswert sind meines Erachtens vor allem die folgenden Stücke (und genau von denen findet man fast alle ohne Probleme bei YouTube):

  • Tom Sawyer
  • Red Barchetta
  • YYZ (dazu gibt es auch ein cooles Video bei YouTube, in dem die Entstehung des Songs erläutert wird)
  • Limelight

An den anderen Songs ist nichts auszusetzen, aber diese vier hauen mich förmlich vom Hocker…

Das Plattencover ist ein kleiner Wortwitz in sich: Unter Moving Pictures versteht man ja eigentlich einen Film. Hier jedoch wird „moving“ wie „umziehen“ übersetzt — und genau das sieht man dann auch auf dem Cover.

 

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