Archiv für den Monat Februar 2014

Erinnert sich noch jemand…?

Erinnert sich noch jemand an die blaue Latein-Grammatik, die wir in Bayern am Gymnasium vor ca. 20 Jahren noch alle benutzen mussten? Ich meine dieses dicke Buch mit dem am Rand blau eingefärbten Mittelteil voller unregelmäßiger Verben, die man im Laufe einiger Gymnasialjahre allesamt auswendig lernen musste. Wer sich noch daran erinnert, musste vermutlich auch durch diese harte Schule. Und – hat uns das geschadet? Nein. Zugegeben, es war in gewisser Weise voll für die Katz, denn ich mache heute absolut gar nichts mehr mit Latein. Das heißt aber nicht, dass es mir nicht geholfen hat.

Ganz im Gegenteil. Dieses sture Auswendiglernen hat mir dabei geholfen, das Lernen zu lernen. Nicht in einem neumodischen Sinn, als Schulfach, bei dem einem ein Lehrer das methodische Vorgehen beim Lernen erklärt. Ich halte das –– ganz ehrlich –– für ziemlichen Humbug. Der Misserfolg beim Lernen, mit dem viele Schüler konfrontiert sind, kommt heutzutage meiner Einschätzung nach vor allem daher, dass:

  • in der Regel viel zu kurzfristig gelernt wird –– anstatt in einer Sprache jeden Tag ein bisschen zu lernen, quetschen die meisten Schüler ihr Lernpensum auf einen Tag zusammen, üblicherweise handelt es sich um den Nachmittag bzw. den (z.T. späten) Abend vor dem Tag, an dem man das Fach wieder hat. Im allerschlimmsten Fall steht am nächsten Tag die Prüfung an (dass das nichts werden kann, leuchtet allen Schülern bei Nachfrage ein, am Verhalten ändert dieses Wissen ganz offensichtlich nichts…)
  • mit Musik (oder sogar bei laufendem Fernseher) gelernt wird –– ich bin mir durchaus bewusst, dass es ganz selten Umstände gibt, bei denen die Musik einen förderlichen Einfluss auf den Lernerfolg haben kann. Im Normalfall halte ich aber jegliche Ablenkung parallel zum Lernvorgang für abträglich. Nicht ganz umsonst hat meine Generation regelmäßig mit Ohropax gelernt. Wie soll unser Gehirn sich denn auf einen Inhalt konzentrieren können, wenn permanent neue (und im Fall von Musik und Fernsehen viel verlockendere) Inhalte auf unsere Sinnesorgane einstürmen?
  • parallel Twitter und/oder Facebook (oder andere soziale Netze) offen sind. Wenn man ständig mit einem Auge auf die Timeline schielt, zieht man 20-30 Prozent der Aufmerksamkeit vom Lernen ab. Und genau diese Prozente fehlen dann bei der Reproduktion. Eine ganz einfache Rechnung. Ein „Like“ der Freunde bei Facebook entspricht zu keinem Zeitpunkt einem „Like“ des Lehrers unter der nächsten Mathearbeit.
  • es den Schülern schlicht und einfach an Sitzfleisch fehlt. Nicht im physiologischen Sinn. Ich meine das Sitzfleisch hier mental. Wer meint, dass nach zehn Minuten Vokabellernen doch schon das meiste der drei Din A4-Seiten sitzen müsste, weil man doch alles schon ein- oder zweimal durchgelesen habe, der glaubt vermutlich auch, dass das einmalige Durchlesen direkt vor der Prüfung genügt, um die volle Punktzahl zu erreichen.

Diese Liste könnte ich auch noch erweitern, möchte mich aber auf den Kern der Sache konzentrieren. Als Lehrer bin ich seit nunmehr elf Jahren tätig. Ich habe in dieser Zeit verschiedene Schulen, etliche Klassen, viele Einzelschicksale und mehrere Lehr-/Bildungsplanänderungen miterlebt. Auffällig ist dabei vor allem eines: Die früheren Nebensachen der Schule –– Klassenfahrten, Ausflüge, der zwangsläufige Eventcharakter jedes Aspekts des Schullebens, die mit viel Zeitaufwand gestaltete Verzierung der Hefteinträge sowie der Klassenzimmer etc. –– sind längst zur Hauptsache geworden. Die frühere Hauptsache –– das Lernen, die Struktur, die Zielstrebigkeit –– sind längst zu einem Nebenschauplatz degradiert worden. Kurz vor dem Abitur merken dann alle, dass es ja doch nicht so schlecht wäre, mal etwas zu tun. Entsprechend groß ist der Stress, übertroffen nur noch von der Jammerei über denselbigen.

Ich schreibe diese Zeilen ohne einen speziellen Schüler oder eine Gruppe von Schülern vor meinem geistigen Auge. Etliche Ausnahmen, die mir ebenfalls sofort einfallen, bestätigen aber eher diese Regel. Wer selbst noch die Schule besucht, kann ja einmal die Probe aufs Exempel machen: Mit einer Stoppuhr abzählen, wieviel Zeit Schüler (vor allem der unteren Klassen) auf die graphische Gestaltung eines Hefteintrags verwenden –– im Vergleich dazu, wieviel Zeit später auf das Wiederholen bzw. Lernen des gleichen Hefteintrags verwendet wird. Wenn ich eine Überschrift an der Tafel stehen habe und beginnen möchte, drei kompakte Lernsätze in die Hefte zu diktieren, muss ich meist noch eine Extra-Minute warten, bis auch die letzten die Überschrift unterstrichen und farbig hervorgehoben haben…

Das Schönschreiben (vor allem das leserliche Schreiben) ist eine nicht zu unterschätzende Tugend, wichtiger ist meiner Meinung nach aber eindeutig der Lernerfolg. Und der wird durch den massiven Zeitaufwand beim Ausmalen von Buchstaben nicht gesteigert (zumindest nicht in einem Maß, das diesen Aufwand rechtfertigen würde).

Mein Appell an alle Kollegen, Schüler, deren Eltern und Freunde: Konzentriert euch wieder auf das eigentlich zentrale Thema der Schule: Lernen. Dazu mag auch gehören, mal etwas auswendig zu lernen. Das kann dauern. Das fühlt sich möglicherweise unangenehm an. Aber es trainiert das Gehirn –– und das freut sich darüber, gebraucht zu werden.

Ich hasse es, wenn mir jemand den moralisch erhobenen Zeigefinger hinhält, aber das Motto „Ohne Fleiß kein Preis“ besteht nicht ganz ohne Grund. Amen.

 

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