Bewegend

Am 15. Dezember habe ich bei einem Konzert als Trompeter mitgewirkt. Früher war das wesentlich häufiger der Fall, doch in den letzten Jahren kam ich durch Beruf und Familie nicht mehr so häufig dazu — insofern genieße ich die verhältnismäßig selten gewordenen Anlässe besonders.

Bei besagtem Konzert gab es einen sehr bewegenden Moment für mich, der mich veranlasste, die folgenden Zeilen zu notieren.

Das Konzert fand in einer Kirche statt. Um die vielen Zuhörer unterzubringen, waren links und rechts neben den Kirchenbänken noch Stühle aufgestellt. Im Publikum befand sich auch eine augenscheinlich demente Frau von schätzungsweise (ich schätze aber — nur um das vorweg zu nehmen — fast immer völlig daneben) 70 oder 75 Jahren. Sie saß in ihrem Rollstuhl mit einer speziellen Kopflehne, über einige Strecken des Konzerts völlig weltvergessen.

Im aufgeführten Werk, der „Christvesper“ von Rudolf Mauersberger gab (und gibt) es viele bekannte Weihnachtslieder, bei denen dann strophenweise auch das Publikum bzw. die Gemeinde mitsingen darf.

Bei vielen dementen Menschen reduziert sich meiner Erfahrung nach die wahrgenommene Welt auf die Elemente, die in der frühen Kindheit oder zumindest innerhalb des ersten Lebensdrittels tief ins Gedächtnis geprägt wurden. Meine eigene Großmutter, die das letzte Jahrzehnt ihres Lebens unter einer schweren Form von Alzheimer litt, hatte über etliche Jahre in der „Alten Heeresstraße“ in Göllheim gewohnt. Direkt daneben steht bis heute die katholische Kirche. Innerhalb ihres letzten Lebensjahrzehnts war für sie klar: Neben der Kirche — egal, in welchem Ort — liegt die „Alte Heeresstraße“, da wohne ich. Und dort ging sie dann auch zielstrebig immer wieder hin (sie büchste wirklich regelmäßig aus).

Zurück zur Konzertsituation: Bei den unbekannten Abschnitten der Christvesper saß die alte Frau äußerlich völlig teilnahmslos in ihrem Rollstuhl. Wenn aber ein bekanntes Weihnachtslied angestimmt wurde, trat ein strahlender Glanz in ihre sonst neutral blickenden Augen. Ihr ganzes Gesicht verwandelte sich in ein verzücktes Lächeln — und sie sang Strophe für Strophe begeistert mit. Die Entfernung war zu groß für mich, um wirklich hören zu können, ob sie auch laut mitsang oder nur stumm mitsprach, dennoch: Sie wirkte in diesen Momenten von tiefer Zufriedenheit erfüllt. Ein wahrhaft bewegender Moment, der mir wieder einmal vor Augen führte, warum es ein Privileg ist, aktiv für andere Menschen zu musizieren.

An dieser Stelle wünsche ich allen interessierten Lesern einen guten Beschluss des Jahres 2013 und einen entspannten Reboot ins neue Jahr 2014.

 

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