Archiv für den Monat Dezember 2013

Bewegend

Am 15. Dezember habe ich bei einem Konzert als Trompeter mitgewirkt. Früher war das wesentlich häufiger der Fall, doch in den letzten Jahren kam ich durch Beruf und Familie nicht mehr so häufig dazu — insofern genieße ich die verhältnismäßig selten gewordenen Anlässe besonders.

Bei besagtem Konzert gab es einen sehr bewegenden Moment für mich, der mich veranlasste, die folgenden Zeilen zu notieren.

Das Konzert fand in einer Kirche statt. Um die vielen Zuhörer unterzubringen, waren links und rechts neben den Kirchenbänken noch Stühle aufgestellt. Im Publikum befand sich auch eine augenscheinlich demente Frau von schätzungsweise (ich schätze aber — nur um das vorweg zu nehmen — fast immer völlig daneben) 70 oder 75 Jahren. Sie saß in ihrem Rollstuhl mit einer speziellen Kopflehne, über einige Strecken des Konzerts völlig weltvergessen.

Im aufgeführten Werk, der „Christvesper“ von Rudolf Mauersberger gab (und gibt) es viele bekannte Weihnachtslieder, bei denen dann strophenweise auch das Publikum bzw. die Gemeinde mitsingen darf.

Bei vielen dementen Menschen reduziert sich meiner Erfahrung nach die wahrgenommene Welt auf die Elemente, die in der frühen Kindheit oder zumindest innerhalb des ersten Lebensdrittels tief ins Gedächtnis geprägt wurden. Meine eigene Großmutter, die das letzte Jahrzehnt ihres Lebens unter einer schweren Form von Alzheimer litt, hatte über etliche Jahre in der „Alten Heeresstraße“ in Göllheim gewohnt. Direkt daneben steht bis heute die katholische Kirche. Innerhalb ihres letzten Lebensjahrzehnts war für sie klar: Neben der Kirche — egal, in welchem Ort — liegt die „Alte Heeresstraße“, da wohne ich. Und dort ging sie dann auch zielstrebig immer wieder hin (sie büchste wirklich regelmäßig aus).

Zurück zur Konzertsituation: Bei den unbekannten Abschnitten der Christvesper saß die alte Frau äußerlich völlig teilnahmslos in ihrem Rollstuhl. Wenn aber ein bekanntes Weihnachtslied angestimmt wurde, trat ein strahlender Glanz in ihre sonst neutral blickenden Augen. Ihr ganzes Gesicht verwandelte sich in ein verzücktes Lächeln — und sie sang Strophe für Strophe begeistert mit. Die Entfernung war zu groß für mich, um wirklich hören zu können, ob sie auch laut mitsang oder nur stumm mitsprach, dennoch: Sie wirkte in diesen Momenten von tiefer Zufriedenheit erfüllt. Ein wahrhaft bewegender Moment, der mir wieder einmal vor Augen führte, warum es ein Privileg ist, aktiv für andere Menschen zu musizieren.

An dieser Stelle wünsche ich allen interessierten Lesern einen guten Beschluss des Jahres 2013 und einen entspannten Reboot ins neue Jahr 2014.

 

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Harte Worte von einem schlechten Verlierer

Vor kurzem hörte ich zwei Grundschülern zu. Sie spielten. Der eine von beiden war offensichtlich daran gewöhnt, immer und überall der BESTE zu sein. Er ließ das so richtig heraushängen — zum Beispiel bei der Frage, ob er sich auf die Weihnachtsferien freue, denn da antwortete er (sinngemäß): „Eigentlich nicht. Denn wenn man in der Schule immer der beste ist, dann geht man ja auch gern dorthin.“ Der Typ ist acht Jahre alt. Doch so eine geballte Ladung Arroganz habe ich selbst bei Erwachsenen nur selten zu hören bekommen.

Zurück zum Spiel der beiden Kinder: Die ersten paar Runden hatte er locker und mit weitem Abstand gewonnen. Dann aber kam er in einer Runde nicht so gut in die Gänge. Er verlor um Nasenlänge — und dann packte er so richtig aus, was er alles auf dem Kasten hatte: Sein Mitspieler hätte geschummelt. Komisch, der hatte nichts anderes gemacht als die paar Durchgänge vorher, er war vielleicht nur erst jetzt mit diesem Spiel „warm geworden“. Als ihm verständlicherweise niemand zustimmte, legte er nach: „Wenn wir wieder in der Schule sind, lache ich dich jeden Tag aus!“

Nur selten habe ich einen so klaren Fall von Mobbing mitbekommen wie diesen. Und wie kam es dazu? Weil ein Junge nicht verlieren kann. Nicht einmal zur Abwechslung, weil er doch sonst immer gewinnt…

Mit dem möchte ich nicht „Mensch ärgere dich nicht!“ spielen. Wirklich nicht.

 

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Schnapszahlen und dergleichen

Heute war es soweit: Am 11.12.13 um 14:15 Uhr und 16 Sekunden passierte…

…ääääähm: nichts. Zumindest nichts besonderes.

Es gibt ja viele Schnapszahl-Fanatiker, die am 12.12.12 (am besten noch um 12:12 Uhr und 12 Sekunden) heiraten mussten. (Ich spiele mal Advocatus diaboli: Gab es eigentlich auch Leute, die sich zu einem derartigen Wunschtermin scheiden ließen?).

Hat man etwas davon? Klar: Man kann sich –– hoffentlich zumindest –– das Datum besser merken und vergisst es dann in den Folgejahren womöglich nicht ganz so häufig. Aber ansonsten? Wohl eher Fehlanzeige. (Ich habe mit dem Tippen dieser Zeilen übrigens um 14:41 Uhr angefangen, zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nicht auf die Sekunden geachtet habe…)

Anders herum wird eher ein Schuh draus: Es soll ja allen Ernstes Leute geben, die sich von einem derartigen Termin eher zu einer möglicherweise verfrühten Eheschließung verleiten lassen. Sie sind sich noch nicht wirklich sicher, ob oder ob nicht –– aber der „tolle Termin“ könnte ja ungenutzt verstreichen. Das kann und darf nicht sein! Das ist so ähnlich wie die Beziehung zwischen Schwaben und Schnäppchen… Ein Angebot verstreichen lassen! „Vade retro, Satane!“

Bevor mich gleich alle für die letzte Äußerung steinigen: Ja, ich lebe hier auch im wunderschönen Schwabenland und fühle mich selbst unter den An-der-Norma-Kasse-über-den-Preis-Verhandlern wohl. Ein kleiner Scherz über die legendäre Sparsamkeit muss möglich sein…

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Die Freuden der Kirchenmusik

Heute Abend ist das Adventskonzert meiner Schule. Wie es sich – nicht nur aus meiner Sicht – gehört, findet es in einer Kirche statt. Der Kirchenraum war heute nicht beheizt, also fanden die Proben der Ensembles (Blasorchester, Big Band, gemischter Chor, Projektchor mit Kammerensemble, Blechbläser, Pop-Chor etc.) bei „sportlichen“ Temperaturen statt (auf jeden Fall unterhalb der 10-Grad-Grenze).

Es ist für keinen der anwesenden Lehrer erstaunlich, dass sich viele Schüler über die Kälte aufregen. Noch dazu hört sich alles anders als in der Schule an. Die (allgemeine) Verunsicherung (Wortwitz für die älteren Leser…) ist vielen meiner Sänger und Instrumentalisten ins Gesicht geschrieben.

Ein Stück hat es für mich besonders in sich: das „Weihnachtskonzert von Johann Vierdanck, einem Zeitgenossen Johann Sebastian Bachs, der in der für die Barockzeit üblichen Manier ein polyphones Werk geschrieben hat. Polyphones Singen, also das Singen mit mehreren voneinander unabhängigen Stimmen, ist heute nicht mehr ganz so weit verbreitet, denn es strengt viel mehr an, weil man die eigene Stimme gegen eine andere behaupten muss. Damit das klappt, muss die eigene Stimme richtig gut sitzen. Und das kostet einige Mühe. Vor allem bei der barocken Rhythmik mit einigen Synkopen, gelegentlich ungewohnten Überbindungen und vielen anderen Kleinigkeiten, die schon beim einstimmigen Singen anstrengend wären.

Doch seit Juni/Juli übe ich mit meinen Klassen an diesem Werk herum, im Herbst habe ich noch zwei fünfte Klassen als Ergänzung dazu genommen. Begleitet werden wir von einem Kammerensemble: 150 Sänger, davor sieben Streicher und ein E-Piano. Es ist laut, unruhig und die Nerven – vor allem meine – liegen binnen kurzer Zeit blank. Allein das Hinstellen dauert fast zehn Minuten. Der Weg zurück auf den Platz ist offensichtlich eine Herausforderung, erschwert noch durch die Tatsache, dass ich als Dirigent mir dabei Ruhe erbitte.

Rein auf der rationalen Ebene muss man sich schon fragen: Wofür all die Mühe? Wieso tue ich mir das an? Ginge das nicht auch leichter? Versucht bin ich schon, gleich einmal einen Schlussstrich unter solche Veranstaltungen zu setzen, so etwas nie wieder zu machen. Aber andererseits bin ich viel zu stur, um mich von derlei Widrigkeiten aus dem Konzept bringen zu lassen. Und andererseits muss man sich ja einmal eingestehen, dass die Schüler mit dieser Art von Musik sonst zum großen Teil ja überhaupt nicht mehr in Kontakt kämen.

Das aktive Singen, das langwierige Einstudieren, das Aushalten der Spannung zwischen den zwei unabhängigen Stimmen, die Rücksichtnahme auf die Mitmusizierenden, das Hinarbeiten auf ein gemeinsames Ziel – all diese Dinge sind wichtig und formen die Schüler, lassen sie zum Teil mehr lernen als im Musikunterricht eines halben Jahres. Nicht alles davon könnte man in einer theoretischen Form überprüfen (sorry, kein PISA-Test in Musik), aber der Unterschied zwischen vorher und danach ist für alle Beteiligten feststellbar.

Ich freue mich schon auf heute Abend, wenn mein riesiger Trupp Sänger und Musiker im Altarraum der Kirche aufgestellt ist und sie mir alle ein herzerfrischendes „Ich verkündige euch große Freude…“ entgegen schmettern. Und es wird allen gut tun, egal ob es gut läuft oder hier und da hörbare Patzer auftreten. Einfach nur, weil die wochen-, nein monatelange Arbeit in diesem Auftritt kulminiert. Es kann super werden, es kann der Reinfall des Abends werden –– mir ist das egal. Ich werde den Moment genießen und damit ist es für mich gut.

 

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