1 und 1 ist nicht zwingend 2

Eine kurze Vorwarnung: Das Thema dieses Blog-Eintrags ist schwer zu fassen und ändert sich auch mehrfach. Daher habe ich einen kryptischeren Titel gewählt, vielleicht liest es ja doch jemand durch…

Als Teenager träumt wohl jeder einmal davon, prominent zu sein und im Rampenlicht zu stehen. Mir ging es da eindeutig nicht anders. Zu dem Zeitpunkt war ich ein leidenschaftlicher und sehr fleißiger E-Gitarrist, also war eine meiner Lieblingsfantasien ein Auftritt vor einem begeisterten Publikum, das mir ob meiner spielerischen Fähigkeiten zujubelt… Tja, das waren noch Zeiten.

Heute, mit ein bisschen mehr Wissen über die „Wege der Welt“, in der wir so leben, erscheint das Berühmtsein plötzlich alles andere als attraktiv. Vor allem in den letzten Jahren hat der von der Presse praktizierte Brutal-Voyeurismus jegliche Lust darauf, mehr als nötig bekannt zu sein, gründlich gedämpft.

Gerade beim Mittagessen vor ein paar Tagen gingen mir diese Gedanken mehrfach in verschiedenen Varianten durch den Kopf: Ich könnte mich mit dem Zustand, ständig unter (zumindest potenzieller) Beobachtung zu stehen, nun wirklich gar nicht anfreunden. Wenn auch noch jedes geäußerte Wort sofort auf die Goldwaage gelegt und noch monatelang in jeder möglichen Weise interpretiert würde… Schon da ist für mich absolut klar, dass das nichts für mich sein kann.

Vor einigen Jahren (es sind mindestens schon zehn) sah ich eine Dokumentation über die TV-Serie „Eine schrecklich nette Familie“. Die hatten anscheinend gerade ihre letzten Folgen gedreht und waren in den USA bereits abgesetzt, in Deutschland liefen die letzten Folgen gerade. In dem Zug gab es ein Bundy-Special — heute würde ich mir das nicht mehr ansehen, damals… —, bei dem dann auch die Schauspieler interviewt wurden. David Faustino, der in der Serie den Bud Bundy darstellte, sagte darin (aus meiner Erinnerung, ich habe keine Chance, den genauen Wortlaut zu rekonstruieren): „Viele Leute denken, wir wären überbezahlt. Aber es ist doch so, dass wir auch noch in Jahren auf der Straße von wildfremden Leuten als die Person, die wir in der Serie spielten, angesprochen werden. Das (viele) Geld ist eine Kompensation für diese zusätzliche Belastung.“

Aha! Wenn man also davon ausgehen kann, dass man selbst Jahre später immer noch auf der Straße als „Bud Bundy“ angesprochen und vermutlich seltsam angesehen wird (ganz abgesehen von diversen Shitstorms auf Facebook oder anderen sozialen Netzen), wenn man nicht gleich „total enthusiastisch“ und superfreundlich darauf reagiert, dann relativiert sich das mit dem Geld natürlich sofort.

Eine Analogie dazu kenne ich ja direkt aus meinem eigenen Erfahrungsschatz aus dem Bereich der Musik. Wenn man für ein Konzert engagiert wird, erhält man für die dort geleistete Arbeit relativ zum Zeitaufwand ein vermeintlich königliches Entgelt. Eine Probe und ein Konzert: 150, 200, 300 Euro oder mehr, je nach Schwierigkeit und Aufwand. Klingt nach sehr viel Geld, oder? Ein mir oft entgegen gebrachter Gedankengang: 300 Euro für einen Nachmittag Arbeit? Wenn man das nun jeden Tag macht, kommt man ja ganz gut durch den Monat… (Selbst im kurzen Monat Februar und bei nur 200 Euro pro Konzert/Abend käme man dann ja schon auf satte 5,600 Euro — kein schlechtes monatliches Einkommen!)

Aber so verhält sich das ja nun einmal nicht. Und zwar gar nicht. Einerseits habe ich noch nie einen Monat erlebt, in dem ich jeden Abend ein derart gut bezahltes Engagement gehabt hätte. Selbst als Musik-Student, und damals hatte ich verhältnismäßig viele Auftritte, war das zu keinem Zeitpunkt der Fall. Wenn ich in einem Monat mehr als fünf oder sechs bezahlte (am Ende vielleicht sogar „gut bezahlte“) Auftritte hatte, war das schon außergewöhnlich. Somit schrumpft das gerade eben noch so schön prognostizierte monatliche Einkommen doch gleich gewaltig.

Andererseits wird aus dem Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Entgelt hier mal eben das tägliche Üben am Instrument heraus gerechnet (bzw. es wird schlicht ignoriert). Das wäre ungefähr so, als würde man bei einer Bürofachkraft die Zeit, die zum Erstellen einer komplexen Abrechnung benötigt wird, völlig ignorieren und nur den Moment der Übergabe der fertigen Abrechnung an den Chef als die Arbeitszeit ansetzen. Dann wäre auch eine Bürofachkraft plötzlich sehr exquisit bezahlt. Denn die stundenlangen Berechnungen der Arbeitszeiten, des Materialverbrauchs, der Fahrtkosten, die ja die eigentliche Arbeit ausmachen, fallen dann plötzlich unter den Tisch. Ein Musiker, der nicht jeden Tag regelmäßig und konzentriert übt, kann viele der Anforderungen, die ein gut bezahltes Konzert an die Musiker stellt, gar nicht erfüllen. Wenn man jetzt aber täglich eine moderate Dauer von zwei Stunden ansetzt (und bei Profis kommt fast immer mehr zusammen), so sieht die Rechnung nochmals ganz anders aus.

Apropos Fahrtkosten: Dass das fürstlich bezahlte Konzert im eigenen Wohnzimmer stattfindet, stellt auch eher den niemals eintretenden Fall dar. Zu jedem einzelnen Konzert muss man sich hinbewegen, manchmal auch mehrere hundert Kilometer weit. Und recht häufig gibt es kein separates Fahrtgeld. Wenn ich also als Student an der Würzburger Musikhochschule ein Konzert in Fulda oder Kassel hatte (kam beides vor), dann standen den 200 Mark (ja, solange ist das schon her), die ich für einen Tag Anfahrt, Proben und Konzert bekam, noch die Fahrtkosten für mehrere hundert Kilometer mit dem Auto gegenüber. Und das Auto muss man ja auch erst einmal haben und unterhalten.

Noch ein ganz anderer Aspekt, der das soziale Leben von Musikern deutlich beeinflusst: Musiker üben, während Nicht-Musiker arbeiten gehen (Vormittag & Nachmittag), treten aber auf, wenn Nicht-Musiker Feierabend haben. Das erschwert das Aufrechterhalten sozialer Kontakte unter Umständen sehr. Das nicht ganz ungewöhnliche Beispiel eines Theater-Musikers:

  • Am Morgen spielt man sich ein und übt auf dem Instrument,
  • im Verlauf des Vormittags wird im Theater mit dem ganzen Orchester und den Sängern geprobt,
  • Mittag und Nachmittag sind meist frei, die Zeit benötigt man auch, um sich auszuruhen, denn:
  • am Abend ist dann die Aufführung (wenn eine Opernaufführung um 19:00 h beginnt, dauert sie locker drei bis vier Stunden, da ja in der Mitte auch noch eine Pause ist). Vor 22:30 h kommt der Musiker also kaum aus dem Theater (das erklärt die Notwendigkeit des Ausruhens am Nachmittag).

Wer also nach wie vor denkt, dass Musiker viel Geld verdienen und ein schönes Leben haben, sollte seine Wahrnehmung vielleicht einmal auf ihren Realitätsgehalt hin überprüfen.

Herrje, jetzt bin ich thematisch aber ganz schön „abgeschwiffen“ (wie Urban Priol sagen würde). Hoffentlich war's trotzdem lesenswert!

 

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