Lehrerpraktika

Fragezeichen

Im Moment wird mal wieder „eine Sau durchs Dorf getrieben“: Lehrer sollen während der Ferien Praktika in Betrieben machen, um aus den dabei gewonnenen Einsichten ihren Unterricht mehr auf die Berufspraxis ausrichten und den Schülern bessere Hilfestellungen bei der Berufswahl geben zu können. Ich habe mir das nicht ausgedacht, die Diskussion ist auch schon in vollem Gange, Quellen sind hier, hier und hier zu finden.

Zwei Lager

Die Diskussion erzeugt sofort zwei Lager, die sich in perfekter „Alles oder nichts“-Manier gegenüberstehen. Mir erscheint eine differenziertere Betrachtung wesentlich sinnvoller, denn die Idee von Herrn Stoch, dem baden-württembergischen Bildungsminister, hat positive und negative Aspekte.

Schwäche als Ausgangsposition

Bevor ich mich auf die einzelnen Aspekte stürze, muss ich jedoch kurz meinem Unmut über die bei Politikern immer häufiger genutzte Methode Luft machen, unfertige Ideen publikumswirksam in die Presse zu geben, um dann das weitere Prozedere danach auszurichten, wie gut oder schlecht die Idee in der sich anschließenden öffentlich ausgetragenen Diskussion bewertet wird.

Ein bisschen mehr Mut und tatsächlich auch Entscheidungsfreude würde ich mir von einem Bildungspolitiker (eigentlich von allen) wünschen: Entweder ich will eine Sache, dann mache ich Nägel mit Köpfen, bringe einen möglichst gut vorbereiteten Gesetzesentwurf ein, lege mich zur Not mit den politischen Gegnern in der Sache an und verteidige mein „Baby“ mit allem, was ich habe — kurzum: Ich mache es zu meiner Angelegenheit. Oder halt nicht.

Aber dieses Lavieren im Halbgaren, dieses Austesten — „Finde ich für diese Idee eher Befürworter oder Gegner? Mal abwarten…“ — das behagt mir überhaupt nicht. Denn letzten Endes offenbart es Führungsschwäche. Jemand, der nicht weiß, wo er hin will, befragt auf diese Weise die (hier gerne anonym bleibende) Masse, was sie denn lieber hätte. Valide Methoden wie ein Bürgerentscheid oder ein solider Gesetzentwurf werden — wenn überhaupt — auf später vertagt. Es könnte ja Arbeit sein, die sich am Ende nicht direkt auszahlt. Enttäuschend.

Zurück zum eigentlichen Thema.

Unausgegoren

Eigentlich kann man im Moment bei der definitiven Faktenlage noch gar keine echte Meinung entwickeln. Es fehlen einfach zu viele handfeste Informationen, die die Perspektive auf diese „Vision“ letztlich unmöglich machen. Dazu gehören auch:

  • Wie viele Praktika sollen die Lehrer denn absolvieren? — Ein einziges? Eines jedes Jahr? Eines alle drei, fünf, zehn Jahre? Ohne das Wissen über diese Zahl kann man sich ja auch überhaupt keine Vorstellungen machen, welche zusätzliche Belastung auf einen Lehrer damit zukommt. Handelt es sich um ein einziges Praktikum, so ist der dauerhafte Lerneffekt für die Lehrer vermutlich auch gering. Noch dazu schnuppern sie dann in einen einzigen Bereich hinein (s.u.). Müssen alle Lehrer jedes Jahr ein Praktikum absolvieren: Wo finden sich denn die unzähligen Betriebe, die Personal dafür bereitstellen, die ganzen Lehrer einzuarbeiten und dann zu betreuen. Das kostet unglaublich viel Geld, denn die Arbeitszeit dieser meist erfahreneren Arbeitskräfte (und nur solche wären es ja wert, einen gestandenen Oberstudienrat wie mich einzuweisen) geht ja während der Anlernzeit der Lehrer stark zurück, eventuell sogar ganz verloren!
  • Beschleunigt das den Burn-Out bei Lehrern? — Nun, ich möchte nicht zu tief in die Klischee-Kiste greifen. Doch selbst bei einem Lehrer „in seinen besten Jahren“ wie mir (ich bin etwas mehr als zehn Jahre „dabei“ und aktuell 37 Jahre alt) markiert der Beginn der Sommerferien einen dringend nötigen Einschnitt in ein langes und arbeitsreiches Jahr. Die körperliche und mentale Erholung, die durch die Sommerpause möglich wird, ist unersetzlich und wichtig. Fällt sie weg, beginnt das folgende Schuljahr schon aus einer geschwächten Verfassung heraus. Daher stellt sich mir die Frage: Wie werde ich mich in zehn Jahren fühlen? Wie in 20, 25 oder 30? Das ist keine künstliche Übertreibung, denn nach aktueller Lage habe ich noch mindestens 30 Berufsjahre vor mir, was ich nicht als schlimm empfinde, denn ich mag meinen Beruf — aber ich denke gerade an den zunehmenden körperlichen Verfall.
  • Wer legt fest, in welchem Bereich das Praktikum stattfindet? — Ein Beispiel aus eigener Perspektive: Als Student habe ich vier Wochen bei Audi in Ingolstadt gearbeitet. Das hat mir einige interessante und dauerhafte Einblicke in eine aus meiner damaligen und heutigen Sicht ganz andere Welt gewährt, die ich tatsächlich für vorteilhaft erachte — bis heute, obwohl das noch in den späten 1990er Jahren war! So etwas als Praktikum würde mich als Musiklehrer sicher bereichern. Ich hätte aber auch einen Ferienjob in einem Musikladen oder bei einer Musikschule annehmen können. Da wäre der Hinzulerneffekt vermutlich wesentlich geringer gewesen, denn mit einem solchen Praktikum hätte ich die Sphäre meines Alltagswissens kaum verlassen müssen. Ich habe keine genaueren Informationen zu diesem Punkt gefunden, vermutlich gibt es da auch noch gar nichts.
  • Wie werden die Ergebnisse ausgewertet/überprüft? — Auch wenn ich selbst kein allzu glühender Verfechter von Evaluationen bin (aus dem Studium weiß ich noch sehr gut, dass gerade die statistische Arbeitsweise letztlich beinahe jede gewünschte Interpretation zulässt, wenn man es geschickt darauf anlegt), so ist mir doch klar, dass man auch möglichst zeitnah nach dem Anlaufen eines solchen Projekts überprüfen sollte, ob die anvisierten Ziele überhaupt erreicht werden. Eventuell könnte es ja auch passieren, dass einige Lehrer feststellen, dass es ihnen in einem anderen Berufsfeld ja gleich viel besser gefällt — ungeahnte Spätfolgen sind ergo nicht auszuschließen…

Anhand dieser drei ganz einfachen Punkte kann man das Ausmaß der Unausgegorenheit der gerade diskutierten Idee ermessen. Leider — und dieser Eindruck drängt sich mir tatsächlich auf — ist es in den letzten Jahren wirklich Usus geworden, diese Art der mediengestützten Meinungsmache zum Grundstein der politischen Entscheidung zu machen. Das kann und darf nicht sein. Denn dann gewinnen auf Dauer nur noch populistische Ansätze. Gerade die Lehrer, die seit Jahren als „Sündenböcke für (fast) alles“ herhalten müssen, können sich ausrechnen, was ihnen der Rest der Bevölkerung verordnen wird. Ob es sinnvoll ist oder nicht, spielt dabei doch keine Rolle.

Fazit

Ein erstes Fazit an dieser Stelle. Aktuell kann man sich aufgrund der vagen und vorläufigen Natur der „Vision“ kaum ein sinnvolles Urteil bilden. Die Befürchtungen sind meiner Meinung nach durchaus berechtigt, dass es sich um eine weitgehend sinnfreie Erhöhung der Arbeitszeit für uns Lehrer (mit kaum kalkulierbaren Folgen für die beteiligten Betriebe) handelt. Dennoch kann ich aufgrund meiner eigenen (guten) Erfahrungen der unausgegorenen Idee schon etwas abgewinnen, denn mir leuchtet es immer ein, dass ein Dazulernen auf allen möglichen Gebieten auch positive „Nebenwirkungen“ in anderen Bereichen hervorbringen kann.

 

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