Archiv für den Monat Juli 2013

Joggen und freilaufende Hunde

Ich bin ein recht tierlieber Mensch, als Kind hatten wir daheim Meerschweinchen, Hasen, Hamster, Vögel, Schildkröten, Fische und einen Hund (und vermutlich noch mehr, an die ich mich nur nicht mehr erinnere). Doch die Liebe zu den Tieren kennt eine definitive Grenze: freilaufende Hunde, wenn ich zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Fleck jogge.

Vorhin war ich wieder laufen, um den noch relativ kühlen Morgen zu nutzen. Es war auch vom Wetter her betrachtet sehr angenehm, doch mehr als einmal änderte ich meine Laufstrecke spontan ab, weil ich auf Entfernung schon riesige Hunde ohne Leine und einen Erwachsenen in geschätzt zwanzig bis fünfzig Meter Entfernung zu ihrem vierbeinigen Freund sah.

Hysterisch bin ich da sicher nicht, wirkliche Angst vor den Tieren habe ich auch nicht. Aber ich weiß, dass vor allem große Hunde, die ja meist als recht ausgeglichen gelten, durchaus ihre Launen haben können. Und ich möchte nicht derjenige sein, dem der Besitzer dann sein Mitleid ausdrückt, wenn die Wade in Fetzen hängt (hmm, schon ein wenig dramatisiert, gell?).

Heute war die Sache zum Glück ja unstressig, denn ich konnte in beiden Fällen einfach eine andere Abzweigung nehmen und so die Gegend noch ein bisschen besser kennen lernen — mein Schwiegervater, ein passionierter Radfahrer, sagt auch immer ganz passend: „Umwege erhöhen die Ortskenntnis.“ Dennoch: Was ist so schwer oder unbequem daran, das Tier an der Leine zu führen?

 

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Nike Fuelband (Vorfreude – Enttäuschung) – Jawbone Up

Ich bin aufgeregt. Und das auf eine positive Weise. Vor ein paar Wochen las ich zum ersten Mal etwas mehr über das Nike Fuelband, ein Armband, das anhand mehrerer Sensoren in der Lage ist, das Bewegungs- bzw. Aktivitätsniveau (genauer gesagt: die Menge der über den Tag verteilten Bewegung/Aktivität) zu bestimmen und zu protokollieren.

Mini-Exkurs: Vor über vier Jahren entdeckte ich zufällig das Nike+iPod-System. Dabei schließt man über den Dock-Connector an einen iPod einen kleinen Empfänger an, dessen Gegenpart im oder am Schuh befestigt wird. Wenn man nun läuft, sendet der Sensor am Schuh die Anzahl und Intensität der Schritte an den iPod. Anhand der Körpergröße und des vorher eingegebenen Gewichts können nun die Strecke und der Kalorienverbrauch ermittelt werden. Und das Teil funktioniert exzellent. Apple und Nike versprechen eine Batterieleistung von einem Jahr bzw. 1.000 Kilometern, je nachdem, was zuerst eintritt. Tja nun, ich benutze nach mehr als vier Jahren immer noch mein erstes Set, habe in der Zeit (mit langen Pausen dazwischen) ca. 2.000 Kilometer hinter mich gebracht. Und bislang rührt sich keine „Akku niedrig“-Anzeige. Dieser ganze Exkurs sollte nur zeigen, warum ich mich freue auf die Möglichkeit, binnen weniger Tage ein Nike Fuelband am Handgelenk zu tragen.

Zurück zum eigentlichen Thema: Das endgültige Ziel des Armbands ist es, dem Träger eine Rückmeldung darüber zu verschaffen, ob er oder sie sich im Verlauf eines Tages ausreichend bewegt. Keine schlechte Idee, bedenkt man, dass gerade Menschen in überwiegend sitzenden Berufen (und es gibt Tage als Lehrer, auf die diese Beschreibung perfekt zutrifft) meist viel zu wenig Bewegung haben.

Aufgeregt bin ich aber nicht wegen dieser Funktionen. Aufgeregt bin ich, weil ich mehrere solche Fuelband-Exemplare bei eBay entdeckt habe. Manche haben noch fast eine ganze Woche Zeit bis zum Ende des Auktionszeitrahmens, und noch sind die Preise niedrig. Das Gerät kostet im Neupreis bei Amazon zwischen 140 und 275 €, was in beiden Fällen sehr viel Geld darstellt — mal ganz ehrlich: Eigentlich müsste man es schon selbst wissen oder zumindest ahnen, ob man sich genug bewegt hat oder nicht. Früher hatten die Leute ja auch keine solchen technischen Spielereien…

Bei eBay gibt es Angebote ab 1,00 €, die zwar sicher noch ein ganzes Stück steigen werden, mir aber im Moment die Option eröffnen, guten Gewissens bis zu einem von mir als akzeptabel empfundenen Betrag mitzubieten. Darüber gehe ich nicht hinaus. Ich war nicht einer von diesen frühen eBay-Fans, die in feinster Goldsuchermanier jegliche Vorsicht vergaßen und dann teilweise mehr für gebrauchte Gegenstände zahlten als diese neu gekostet hätten. Ich habe das in den Medien verfolgt, im Bekanntenkreis meine Erfahrungen gesammelt — daher weiß ich: Den maximal akzeptablen Betrag lege ich vorher fest. Und über den gehe ich nicht hinaus, auch wenn es noch so verlockend erscheint.

Aber noch führe ich in mehreren Auktionen, zum Teil mit lächerlich geringen Beträgen — und das hätte ich nicht erwartet. Daher die positive Aufregung. Drückt mir die Daumen!

Nachtrag vom 30. Juli 2013:

Mittlerweile bin ich weit weniger von Vorfreude erfüllt. Bei eBay schnellten die Endpreise bei den Auktionen so hoch, dass man sich das Nike Fuelband eigentlich auch gleich neu kaufen kann. Für die meisten angebotenen Bänder endeten die Auktionen bei Preisen knapp über 120 €, dazu kam dann ja noch das Porto. Wenn man das mit den 139 € vergleicht, die das Band im NikeStore im Neuzustand kosten soll, stellt sich zumindest mir die Frage, ob sich die paar Euro mehr nicht lohnen würden. Immerhin hätte man dann noch die Gewährleistung/Garantie des Herstellers.

Ich war tatsächlich schon soweit, dass ich im NikeStore auf die Suche ging. Doch dann die große Überraschung: Nike, einer der größten internationalen Sportartikelhersteller, sicherlich kein Anfänger auf seinem Gebiet, ist nicht in der Lage, das Fuelband auf seiner Homepage anzubieten.

Es gibt etliche Hinweise auf das Band: Seiten über NikeFuel an sich, Seiten zum Einstellen des Nike FuelBands, Seiten über die verschiedenen Bewegungssensoren/-tracker — aber die Suche im NikeStore nach „Fuelband“ ein auch nach „fuel band“ endet ergebnislos.

Schon irgendwie enttäuschend. Nun, es gibt ja Alternativen. Mittlerweile habe ich zwei Alternativen entdeckt. Am meisten spricht mich der Jawbone Up an, kostet zehn Euro weniger (129 €), wäre sogar über den AppleStore zu haben, ist auch in vielen Varianten bei Amazon oder der Herstellerseite als Neugerät zu kaufen… Alles ganz komfortabel und ohne große Umwege. Aber ultimativ peinlich für Nike.

 

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1 und 1 ist nicht zwingend 2

Eine kurze Vorwarnung: Das Thema dieses Blog-Eintrags ist schwer zu fassen und ändert sich auch mehrfach. Daher habe ich einen kryptischeren Titel gewählt, vielleicht liest es ja doch jemand durch…

Als Teenager träumt wohl jeder einmal davon, prominent zu sein und im Rampenlicht zu stehen. Mir ging es da eindeutig nicht anders. Zu dem Zeitpunkt war ich ein leidenschaftlicher und sehr fleißiger E-Gitarrist, also war eine meiner Lieblingsfantasien ein Auftritt vor einem begeisterten Publikum, das mir ob meiner spielerischen Fähigkeiten zujubelt… Tja, das waren noch Zeiten.

Heute, mit ein bisschen mehr Wissen über die „Wege der Welt“, in der wir so leben, erscheint das Berühmtsein plötzlich alles andere als attraktiv. Vor allem in den letzten Jahren hat der von der Presse praktizierte Brutal-Voyeurismus jegliche Lust darauf, mehr als nötig bekannt zu sein, gründlich gedämpft.

Gerade beim Mittagessen vor ein paar Tagen gingen mir diese Gedanken mehrfach in verschiedenen Varianten durch den Kopf: Ich könnte mich mit dem Zustand, ständig unter (zumindest potenzieller) Beobachtung zu stehen, nun wirklich gar nicht anfreunden. Wenn auch noch jedes geäußerte Wort sofort auf die Goldwaage gelegt und noch monatelang in jeder möglichen Weise interpretiert würde… Schon da ist für mich absolut klar, dass das nichts für mich sein kann.

Vor einigen Jahren (es sind mindestens schon zehn) sah ich eine Dokumentation über die TV-Serie „Eine schrecklich nette Familie“. Die hatten anscheinend gerade ihre letzten Folgen gedreht und waren in den USA bereits abgesetzt, in Deutschland liefen die letzten Folgen gerade. In dem Zug gab es ein Bundy-Special — heute würde ich mir das nicht mehr ansehen, damals… —, bei dem dann auch die Schauspieler interviewt wurden. David Faustino, der in der Serie den Bud Bundy darstellte, sagte darin (aus meiner Erinnerung, ich habe keine Chance, den genauen Wortlaut zu rekonstruieren): „Viele Leute denken, wir wären überbezahlt. Aber es ist doch so, dass wir auch noch in Jahren auf der Straße von wildfremden Leuten als die Person, die wir in der Serie spielten, angesprochen werden. Das (viele) Geld ist eine Kompensation für diese zusätzliche Belastung.“

Aha! Wenn man also davon ausgehen kann, dass man selbst Jahre später immer noch auf der Straße als „Bud Bundy“ angesprochen und vermutlich seltsam angesehen wird (ganz abgesehen von diversen Shitstorms auf Facebook oder anderen sozialen Netzen), wenn man nicht gleich „total enthusiastisch“ und superfreundlich darauf reagiert, dann relativiert sich das mit dem Geld natürlich sofort.

Eine Analogie dazu kenne ich ja direkt aus meinem eigenen Erfahrungsschatz aus dem Bereich der Musik. Wenn man für ein Konzert engagiert wird, erhält man für die dort geleistete Arbeit relativ zum Zeitaufwand ein vermeintlich königliches Entgelt. Eine Probe und ein Konzert: 150, 200, 300 Euro oder mehr, je nach Schwierigkeit und Aufwand. Klingt nach sehr viel Geld, oder? Ein mir oft entgegen gebrachter Gedankengang: 300 Euro für einen Nachmittag Arbeit? Wenn man das nun jeden Tag macht, kommt man ja ganz gut durch den Monat… (Selbst im kurzen Monat Februar und bei nur 200 Euro pro Konzert/Abend käme man dann ja schon auf satte 5,600 Euro — kein schlechtes monatliches Einkommen!)

Aber so verhält sich das ja nun einmal nicht. Und zwar gar nicht. Einerseits habe ich noch nie einen Monat erlebt, in dem ich jeden Abend ein derart gut bezahltes Engagement gehabt hätte. Selbst als Musik-Student, und damals hatte ich verhältnismäßig viele Auftritte, war das zu keinem Zeitpunkt der Fall. Wenn ich in einem Monat mehr als fünf oder sechs bezahlte (am Ende vielleicht sogar „gut bezahlte“) Auftritte hatte, war das schon außergewöhnlich. Somit schrumpft das gerade eben noch so schön prognostizierte monatliche Einkommen doch gleich gewaltig.

Andererseits wird aus dem Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Entgelt hier mal eben das tägliche Üben am Instrument heraus gerechnet (bzw. es wird schlicht ignoriert). Das wäre ungefähr so, als würde man bei einer Bürofachkraft die Zeit, die zum Erstellen einer komplexen Abrechnung benötigt wird, völlig ignorieren und nur den Moment der Übergabe der fertigen Abrechnung an den Chef als die Arbeitszeit ansetzen. Dann wäre auch eine Bürofachkraft plötzlich sehr exquisit bezahlt. Denn die stundenlangen Berechnungen der Arbeitszeiten, des Materialverbrauchs, der Fahrtkosten, die ja die eigentliche Arbeit ausmachen, fallen dann plötzlich unter den Tisch. Ein Musiker, der nicht jeden Tag regelmäßig und konzentriert übt, kann viele der Anforderungen, die ein gut bezahltes Konzert an die Musiker stellt, gar nicht erfüllen. Wenn man jetzt aber täglich eine moderate Dauer von zwei Stunden ansetzt (und bei Profis kommt fast immer mehr zusammen), so sieht die Rechnung nochmals ganz anders aus.

Apropos Fahrtkosten: Dass das fürstlich bezahlte Konzert im eigenen Wohnzimmer stattfindet, stellt auch eher den niemals eintretenden Fall dar. Zu jedem einzelnen Konzert muss man sich hinbewegen, manchmal auch mehrere hundert Kilometer weit. Und recht häufig gibt es kein separates Fahrtgeld. Wenn ich also als Student an der Würzburger Musikhochschule ein Konzert in Fulda oder Kassel hatte (kam beides vor), dann standen den 200 Mark (ja, solange ist das schon her), die ich für einen Tag Anfahrt, Proben und Konzert bekam, noch die Fahrtkosten für mehrere hundert Kilometer mit dem Auto gegenüber. Und das Auto muss man ja auch erst einmal haben und unterhalten.

Noch ein ganz anderer Aspekt, der das soziale Leben von Musikern deutlich beeinflusst: Musiker üben, während Nicht-Musiker arbeiten gehen (Vormittag & Nachmittag), treten aber auf, wenn Nicht-Musiker Feierabend haben. Das erschwert das Aufrechterhalten sozialer Kontakte unter Umständen sehr. Das nicht ganz ungewöhnliche Beispiel eines Theater-Musikers:

  • Am Morgen spielt man sich ein und übt auf dem Instrument,
  • im Verlauf des Vormittags wird im Theater mit dem ganzen Orchester und den Sängern geprobt,
  • Mittag und Nachmittag sind meist frei, die Zeit benötigt man auch, um sich auszuruhen, denn:
  • am Abend ist dann die Aufführung (wenn eine Opernaufführung um 19:00 h beginnt, dauert sie locker drei bis vier Stunden, da ja in der Mitte auch noch eine Pause ist). Vor 22:30 h kommt der Musiker also kaum aus dem Theater (das erklärt die Notwendigkeit des Ausruhens am Nachmittag).

Wer also nach wie vor denkt, dass Musiker viel Geld verdienen und ein schönes Leben haben, sollte seine Wahrnehmung vielleicht einmal auf ihren Realitätsgehalt hin überprüfen.

Herrje, jetzt bin ich thematisch aber ganz schön „abgeschwiffen“ (wie Urban Priol sagen würde). Hoffentlich war's trotzdem lesenswert!

 

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Lehrerpraktika

Fragezeichen

Im Moment wird mal wieder „eine Sau durchs Dorf getrieben“: Lehrer sollen während der Ferien Praktika in Betrieben machen, um aus den dabei gewonnenen Einsichten ihren Unterricht mehr auf die Berufspraxis ausrichten und den Schülern bessere Hilfestellungen bei der Berufswahl geben zu können. Ich habe mir das nicht ausgedacht, die Diskussion ist auch schon in vollem Gange, Quellen sind hier, hier und hier zu finden.

Zwei Lager

Die Diskussion erzeugt sofort zwei Lager, die sich in perfekter „Alles oder nichts“-Manier gegenüberstehen. Mir erscheint eine differenziertere Betrachtung wesentlich sinnvoller, denn die Idee von Herrn Stoch, dem baden-württembergischen Bildungsminister, hat positive und negative Aspekte.

Schwäche als Ausgangsposition

Bevor ich mich auf die einzelnen Aspekte stürze, muss ich jedoch kurz meinem Unmut über die bei Politikern immer häufiger genutzte Methode Luft machen, unfertige Ideen publikumswirksam in die Presse zu geben, um dann das weitere Prozedere danach auszurichten, wie gut oder schlecht die Idee in der sich anschließenden öffentlich ausgetragenen Diskussion bewertet wird.

Ein bisschen mehr Mut und tatsächlich auch Entscheidungsfreude würde ich mir von einem Bildungspolitiker (eigentlich von allen) wünschen: Entweder ich will eine Sache, dann mache ich Nägel mit Köpfen, bringe einen möglichst gut vorbereiteten Gesetzesentwurf ein, lege mich zur Not mit den politischen Gegnern in der Sache an und verteidige mein „Baby“ mit allem, was ich habe — kurzum: Ich mache es zu meiner Angelegenheit. Oder halt nicht.

Aber dieses Lavieren im Halbgaren, dieses Austesten — „Finde ich für diese Idee eher Befürworter oder Gegner? Mal abwarten…“ — das behagt mir überhaupt nicht. Denn letzten Endes offenbart es Führungsschwäche. Jemand, der nicht weiß, wo er hin will, befragt auf diese Weise die (hier gerne anonym bleibende) Masse, was sie denn lieber hätte. Valide Methoden wie ein Bürgerentscheid oder ein solider Gesetzentwurf werden — wenn überhaupt — auf später vertagt. Es könnte ja Arbeit sein, die sich am Ende nicht direkt auszahlt. Enttäuschend.

Zurück zum eigentlichen Thema.

Unausgegoren

Eigentlich kann man im Moment bei der definitiven Faktenlage noch gar keine echte Meinung entwickeln. Es fehlen einfach zu viele handfeste Informationen, die die Perspektive auf diese „Vision“ letztlich unmöglich machen. Dazu gehören auch:

  • Wie viele Praktika sollen die Lehrer denn absolvieren? — Ein einziges? Eines jedes Jahr? Eines alle drei, fünf, zehn Jahre? Ohne das Wissen über diese Zahl kann man sich ja auch überhaupt keine Vorstellungen machen, welche zusätzliche Belastung auf einen Lehrer damit zukommt. Handelt es sich um ein einziges Praktikum, so ist der dauerhafte Lerneffekt für die Lehrer vermutlich auch gering. Noch dazu schnuppern sie dann in einen einzigen Bereich hinein (s.u.). Müssen alle Lehrer jedes Jahr ein Praktikum absolvieren: Wo finden sich denn die unzähligen Betriebe, die Personal dafür bereitstellen, die ganzen Lehrer einzuarbeiten und dann zu betreuen. Das kostet unglaublich viel Geld, denn die Arbeitszeit dieser meist erfahreneren Arbeitskräfte (und nur solche wären es ja wert, einen gestandenen Oberstudienrat wie mich einzuweisen) geht ja während der Anlernzeit der Lehrer stark zurück, eventuell sogar ganz verloren!
  • Beschleunigt das den Burn-Out bei Lehrern? — Nun, ich möchte nicht zu tief in die Klischee-Kiste greifen. Doch selbst bei einem Lehrer „in seinen besten Jahren“ wie mir (ich bin etwas mehr als zehn Jahre „dabei“ und aktuell 37 Jahre alt) markiert der Beginn der Sommerferien einen dringend nötigen Einschnitt in ein langes und arbeitsreiches Jahr. Die körperliche und mentale Erholung, die durch die Sommerpause möglich wird, ist unersetzlich und wichtig. Fällt sie weg, beginnt das folgende Schuljahr schon aus einer geschwächten Verfassung heraus. Daher stellt sich mir die Frage: Wie werde ich mich in zehn Jahren fühlen? Wie in 20, 25 oder 30? Das ist keine künstliche Übertreibung, denn nach aktueller Lage habe ich noch mindestens 30 Berufsjahre vor mir, was ich nicht als schlimm empfinde, denn ich mag meinen Beruf — aber ich denke gerade an den zunehmenden körperlichen Verfall.
  • Wer legt fest, in welchem Bereich das Praktikum stattfindet? — Ein Beispiel aus eigener Perspektive: Als Student habe ich vier Wochen bei Audi in Ingolstadt gearbeitet. Das hat mir einige interessante und dauerhafte Einblicke in eine aus meiner damaligen und heutigen Sicht ganz andere Welt gewährt, die ich tatsächlich für vorteilhaft erachte — bis heute, obwohl das noch in den späten 1990er Jahren war! So etwas als Praktikum würde mich als Musiklehrer sicher bereichern. Ich hätte aber auch einen Ferienjob in einem Musikladen oder bei einer Musikschule annehmen können. Da wäre der Hinzulerneffekt vermutlich wesentlich geringer gewesen, denn mit einem solchen Praktikum hätte ich die Sphäre meines Alltagswissens kaum verlassen müssen. Ich habe keine genaueren Informationen zu diesem Punkt gefunden, vermutlich gibt es da auch noch gar nichts.
  • Wie werden die Ergebnisse ausgewertet/überprüft? — Auch wenn ich selbst kein allzu glühender Verfechter von Evaluationen bin (aus dem Studium weiß ich noch sehr gut, dass gerade die statistische Arbeitsweise letztlich beinahe jede gewünschte Interpretation zulässt, wenn man es geschickt darauf anlegt), so ist mir doch klar, dass man auch möglichst zeitnah nach dem Anlaufen eines solchen Projekts überprüfen sollte, ob die anvisierten Ziele überhaupt erreicht werden. Eventuell könnte es ja auch passieren, dass einige Lehrer feststellen, dass es ihnen in einem anderen Berufsfeld ja gleich viel besser gefällt — ungeahnte Spätfolgen sind ergo nicht auszuschließen…

Anhand dieser drei ganz einfachen Punkte kann man das Ausmaß der Unausgegorenheit der gerade diskutierten Idee ermessen. Leider — und dieser Eindruck drängt sich mir tatsächlich auf — ist es in den letzten Jahren wirklich Usus geworden, diese Art der mediengestützten Meinungsmache zum Grundstein der politischen Entscheidung zu machen. Das kann und darf nicht sein. Denn dann gewinnen auf Dauer nur noch populistische Ansätze. Gerade die Lehrer, die seit Jahren als „Sündenböcke für (fast) alles“ herhalten müssen, können sich ausrechnen, was ihnen der Rest der Bevölkerung verordnen wird. Ob es sinnvoll ist oder nicht, spielt dabei doch keine Rolle.

Fazit

Ein erstes Fazit an dieser Stelle. Aktuell kann man sich aufgrund der vagen und vorläufigen Natur der „Vision“ kaum ein sinnvolles Urteil bilden. Die Befürchtungen sind meiner Meinung nach durchaus berechtigt, dass es sich um eine weitgehend sinnfreie Erhöhung der Arbeitszeit für uns Lehrer (mit kaum kalkulierbaren Folgen für die beteiligten Betriebe) handelt. Dennoch kann ich aufgrund meiner eigenen (guten) Erfahrungen der unausgegorenen Idee schon etwas abgewinnen, denn mir leuchtet es immer ein, dass ein Dazulernen auf allen möglichen Gebieten auch positive „Nebenwirkungen“ in anderen Bereichen hervorbringen kann.

 

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