Ungehörig

In der Schule, genauer gesagt am Schwarzen Brett im Lehrerzimmer, versteckt und halb verdeckt von Vertretungsplänen, Fortbildungsangeboten und sonstigem Krimskrams, habe ich heute durch Zufall einen ganz exquisiten Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 18. Mai 2013 gefunden: Lob der Lehrer von Matthias Hohnecker. Und dieser Artikel trifft auf amüsante, charmant formulierte Weise doch den Kern der Sache: „Was Eltern verbocken, müssen Lehrer richten. Das gelingt nicht immer. Aber oft.“

Der Lehrer als Sündenbock („Schon mal in der Telefonkette über den dauernden Unterrichtsausfall von Frau Soundso gedreckschleudert?“), Faulenzer („Und natürlich weiß ein jeder, dass Lehrer vormittags recht und nachmittags frei haben.“) und Lachnummer der Nation („Was ist der Unterschied zwischen Lehrern und Gott? — Gott weiß alles, Lehrer wissen alles besser.“), ein wahrhaft altbekanntes, fast schon ausgelatschtes Thema. Umso schöner, dass sich mal ein Journalist die Mühe macht bzw. die Blöße gibt, öffentlich zu den Lehrern und ihrer geleisteten Arbeit zu stehen.

Einen kleinen Einblick in die Lehrersichtweise kann man als interessierter Leser an dieser Stelle gewinnen:

Denn jeder Nichtlehrer, den man fragt, ob er gerne Lehrer wäre, sagt: „UM GOTTES WILLEN! Diese Rotzlöffel unterrichten? Niemals!“ Und wir UM-GOTTES-WILLEN-Nichtlehrer haben ja nur die Erfahrungen von sehr, sehr befristeten Kindergeburtstagsfesten.

Das ist genau der Punkt: Jeder war (früher) einmal in der Schule, meint auch, sich deswegen das Recht herausnehmen zu dürfen, über den gesamten Berufsstand zu urteilen. Selbst ergreifen möchte kaum mehr jemand diesen Job.

Nun habe ich wirklich das Glück, in den letzten Jahren nur ganz, ganz selten auf undankbare Eltern getroffen zu sein. Auch waren mir gegenüber alle sehr höflich und zuvorkommend. Noch dazu kann ich mich in der glücklichen Lage schätzen, gute Arbeitsbedingungen und nette Kollegen (ist leider keineswegs selbstverständlich) zu haben und viele wohlerzogene und nette, begeisterungsfähige und im genau richtigen Maße lustige, hin und wieder auch frech überdrehte Schüler zu unterrichten. Ich darf also überhaupt nicht maulen.

Gleichzeitig kenne ich Lehrerinnen und Lehrer, die sich Tag für Tag immer wieder neu in die Schule zwingen müssen, weil sie sich dort — aus den unterschiedlichsten Gründen — nicht mehr ganz (teils überhaupt nicht mehr) an ihrem Platz fühlen. Diese Kollegen leisten dennoch eine ungeheuer wichtige und meist hochqualitative Arbeit. Sie suchen die Schuld für das Unwohlsein im Unterricht zuerst bei sich selbst, werden didaktisch-methodisch aktiv und bemühen sich, an allen möglichen „Schrauben“ des eigenen Lehrerverhaltens zu drehen — immer im Bemühen, noch professioneller, noch besser zu werden.

Nicht immer gelingt es, nicht immer wird man Dank und Zufriedenheit ernten. Insofern tat dieser Artikel verdammt gut. Und deshalb möchte auch ich mich der Ungehörigkeit des Herrn Hohnecker anschließen und ihm herzlich für den warmen Lichtblick an diesem — glücklicherweise endlich einmal wieder sonnig gewordenen — Dienstag danken!

 

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