Archiv für den Monat Juni 2013

20 Seiten „f“

Kennen Sie 20 Seiten „f“? Nein? Keine Ahnung, wovon ich spreche? Na ja, dann arbeiten Sie mal ganz müde am Computer oder iPad! Irgendwann kommt — zumindest bei mir — der Punkt, an dem mir der Kopf nach vorne sinkt. Und wenn man müde genug ist, die Tastatur direkt vor einem steht und sich der Kopf ausreichend schwer anfühlt, kann es 20 Seiten „f“ geben…

Zum Glück kam es in letzter Zeit nicht mehr so oft dazu, im Studium und Referendariat gab es das aber häufiger…

 

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Teurer Spaß

In diesem Schuljahr sind bei vielen meiner Schüler die Pilot Frixion-Stifte sehr beliebt. Kein Wunder, man kann sehr gut mit ihnen schreiben und — das ist das große Alleinstellungsmerkmal — im Falle eines Fehlers die Tinte einfach wieder wegradieren. Ein stimmiges Konzept, noch dazu liegen die Dinger wirklich verdammt gut in der Hand.

Nun gut, irgendwann habe ich dann für mich selbst einen roten Pilot Frixion-Stift gekauft, für meine Frau auch gleich einen, mein Sohn wollte lieber einen blauen. An der Kasse kam dann die erste Überraschung: Jeder einzelne Stift kostet 2,69 €. Das klingt vielleicht nicht besonders viel, ist es aber, denn — und das hat mich daran im Nachhinein am meisten geärgert — die Tinte hält nicht lange vor.

Ich habe mir den roten Frixion-Stift zum Korrigieren der unzähligen Klassenarbeiten zugelegt (pro Jahr muss ich nach aktuellem Stand mindestens 800 bis 850 Arbeiten korrigieren: zwei Arbeiten pro Klasse, 17 Klassen, jeweils im Schnitt um die 25 Schüler in einer Klasse, also 2x17x25 Arbeiten — geilomat!). Und ich war sehr zufrieden, denn gerade bei der sich nachmittags und abends bei mir gnadenlos breit machenden Müdigkeit kommt es zwangsläufig zu Unachtsamkeitsfehlern, Verwechselungen und „Einschlafpunkten“ (kleine rote Punkte an x-beliebigen Stellen der Klassenarbeiten, an denen der Stift „einfach so“ auf dem Blatt stehen geblieben ist, als ich in der Parallelwelt des Sekundenschlafs weilte). Die nun einfach wieder aus der Welt schaffen zu können, ist schon ein Luxus.

Doch das Wort Luxus enthält ja durchaus auch den Aspekt des „über das Nötige Hinausgehenden“. Und genau so verhält es sich meiner Erfahrung und Einschätzung nach mit den Frixion-Stiften. Sie liegen gut in der Hand, das Schriftbild ist gut, ich kann Fehler einfach wieder ausradieren… Alles super! Aber die Tinte ist nach spätestens zwei Sätzen an Klassenarbeiten alle!

Ich bin Musik-, nicht Deutschlehrer. Bei den meisten Arbeiten setze ich nur Häkchen für die korrekten Elemente innerhalb der Lösungen, schreibe die jeweils pro Aufgabe erzielte Punktzahl an den Rand, die Gesamtsumme aller Punkte ans Ende des Blattes, dazu noch die erreichten Prozente, ein Signum und auf der Frontseite die Note — das war's. Nur selten schreibe ich mehr als zwei oder drei Sätze in eine Klassenarbeit — meist schreibe ich die auch nur, wenn es sich um eine sehr problematische (meist auch entsprechend mager bewertete) Arbeit geht. Meine Aufgabenstellungen geben das viele zusätzliche Schreiben meist auch gar nicht her. Meine verfügbare Zeit letztlich auch nicht.

Aber gerade angesichts der nicht allzu intensiven Schreibarbeit finde ich die Kosten zu hoch. 2,69 € für den Stift, 1,99 € für die Nachfüllpatronen mit der ausradierbaren Tinte. Das ist mir zu teuer, denn mit einem ganz normalen Stabilo-Fineliner in Rot halte ich dreimal so lange durch und zahle deutlich weniger dafür (auf den kleinen Anteil an Coolheit, den ich dadurch verliere, kann ich getrost verzichten). Einen blauen Frixion-Stift habe ich im Mäppchen, den benutze ich gerne bei den seltenen Anlässen, dass ich am Schreibtisch tatsächlich mal etwas per Hand schreiben muss… Ansonsten bin ich für die Korrekturen wieder auf die seit Jahren bewährten Fineliner und andere Rotstifte umgestiegen — das funktioniert auch gut und ist viel billiger!

 

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Ein neues Sting-Album

Piano

Vor ein paar Tagen wurde über Twitter verbreitet, dass im September ein neues Sting-Album mit dem Titel „The Last Ship“ erscheinen werde. Kurz darauf twitterten auch schon die Abbey Road-Studios in London, dass Sting gerade beim Aufnehmen sei (dazu gehörte auch ein Link zur Homepage).

Interessant ist, dass es die eigene Musik zu einem eigenen Theaterstück von Sting ist. Offensichtlich wird darin — einmal mehr (siehe das „The Soul Cages“-Album aus den 1990er Jahren) — sein eigener biografischer Hintergrund verarbeitet. Ich bin kein großer Theaterfreund und fürchte, dass Sting hierbei auch fürchterlich dick aufträgt. Gleichzeitig freue ich mich auf die Musik. Ehrlich gesagt, kann ich es kaum erwarten!

Freut sich noch jemand?

 

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Ein bisschen Nostalgie

Herbert Grönemeyer als Wachsfigur

Als 1975er-Jahrgang begann die prägende Phase meiner musikalischen Sozialisation in den 1980er Jahren und setzte sich massiv in den frühen 1990er Jahren fort — und gerade die Anfangszeit prägt mich bis heute. Zu den musikalischen Ikonen meiner Kindheit gehören Nik Kershaw, Simply Red, Sting (ich habe das „Nothing But The Sun“-Album beim Austragen von Werbezetteln bestimmt hundertfünfzig Mal komplett durchgehört), Bryan Adams, Bruce Springsteen, Scorpions (mein erstes Stück auf der E-Gitarre war „Passion Rules The Game“ — ich kann es bis heute spielen), Iron Maiden, Huey Lewis & The News, Whitesnake, Van Halen, Bon Jovi („Runaway“ war auf der E-Gitarre auch ein ziemlicher Hit), Glenn Frey, Duran Duran, Alphaville, Herbert Grönemeyer, Falco („Amadeus“ ist bis heute unschlagbar, vor allem das seltsam hysterische Geröchel/Gestöhne in den letzten 30-40 Sekunden…), Limahl (von dem zwar nur ein einziges Stück, „Neverending Story“, aber immerhin), Harold Faltermeyer und Depeche Mode — um nur ein paar der bekannteren Namen zu nennen.

Ich gebe zu, dass die Liste ein ziemlich wilder Stilmix ist, aber so ist das in jungen Jahren: Was gefällt, wird angehört, ohne Rücksicht auf (Coolness-)Verluste. Und ich stehe voll dazu. Herbert Grönemeyer ist so ein klassischer Fall, der vermutlich die eine oder andere hochgezogene Augenbraue hervorzurufen im Stande ist. Macht mir aber nichts, ich höre bis heute hin und wieder einige gute Lieder an und genieße sie (vor allem das „Luxus“-Album ist meiner Meinung nach von vorne bis hinten fantastisch).

Zurück zum Thema „Nostalgie“: Revivals sind seit ein paar Jahren wieder mächtig in Mode gekommen, nicht alle davon sind lohnenswert. Manche Musiker/Bands haben (zum Teil still und heimlich) die ganze Zeit weitergemacht (die Scorpions sind vermutlich auf ihrer vorletzten Abschiedstournee), andere sind im wahrsten Sinn des Wortes schon „ausgestorben“. Doch Revivals erscheinen mir oft wie ein letzter (und meist verzweifelter) Versuch, aus dem längst vergangenen Ruhm noch ein wenig finanziellen Gewinn zu ziehen. Es sei ihnen gegönnt, aber größtenteils findet das dann ohne mich statt.

Vor ein paar Monaten kam nun aber das Album „Ei8ht“ von Nik Kershaw heraus. Nik Kershaw feiert dieses Jahr seinen 55. Geburtstag und gehört somit eher in die Liga der Pop-Opas. Das hält ihn aber nicht eine einzige Sekunde lang davon ab, als Gitarrist und Songschreiber zu brillieren. Und „Ei8ht“ stellt da keine Ausnahme dar: Ein ganzes Album nagelneuer Songs, von denen alle noch den melodisch-rhythmischen Geist der 1980er Jahre atmen (und das ist in diesem Fall absolut als Lob zu verstehen), aber komplett in an die heutige Zeit angepasste Gewänder gekleidet sind. Der Sound ist fantastisch, die Songs sind von schlichter Eleganz, mit viel Gespür für Melodie und strahlen die Ruhe aus, die nur Stücke von Musikern ausstrahlen können, die niemandem (außer sich selbst) mehr etwas beweisen müssen.

Jedes Mal, wenn ich mir dieses Album anhöre, überfällt mich also dieses angenehm nostalgische Gefühl aus meinen jungen (und unschuldigen) Zeiten — und ich genieße es. Alle, die nun auf den Geschmack gekommen sind, sollten sich seine stilvolle Homepage ansehen und die vermutlich lustigste Biographie aller Zeiten durchlesen. Musik gibt's dort natürlich auch zu hören.

Welche Musik hören meine geschätzten Leser wohl? Wer sich in dieser Hinsicht eine Blöße geben mag (ich habe die Hosen ja nun schon kilometerweit heruntergelassen), der darf das gerne in den Kommentaren tun. Ich freue mich schon auf ein paar lustige Details…

 

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Es ist Wahlkampf

Vorhin erschreckte mich mein iPhone mit einer Push-Mitteilung. Ich war mir keines anstehenden Termins bewusst, daher entstand bis zum Nachsehen auf dem alltäglichen Begleiter ein kurzer Moment der Verwirrtheit und Überraschung. Und was steckte dahinter? Die Tagesschau-App mit der Meldung:„Bund und Länder beschließen acht Milliarden Euro für den Fluthilfe-Fonds“.

Ich will nicht falsch verstanden werden: Das Geld wird sicher gebraucht, die Leute, denen es hilft, werden zu Recht dankbar dafür sein – aber es ist eindeutig feststellbar, dass wir uns im Wahlkampf befinden.

Nachdem Gerhard Schröder damals Edmund Stoiber (ich könnte mich heute noch über sein verfrühtes „Wir haben die Wahl gewonnen…“ am Wahlabend kaputt lachen) über seine intensive mediale Präsenz bei der damaligen Flutkatastrophe in den neuen Bundesländern bei der Bundestagswahl ausgestochen hatte, kann ja heute kaum noch ein Politiker nicht dort aufkreuzen.

Na klar, „Hätte, hätte, Fahrradkette“-Kandidat Peer Steinbrück nicht. Der hat ein Händchen für so etwas, er hat ein Dauerabonnement für Fettnäpfchen. Aber Angela Merkel ist dort. Und sie ist nicht allein dort, denn ohne Presse würde sie sich vermutlich noch nicht aus dem Kanzleramt begeben. Und wenn sie nur eine Kinderschaufel voll Sand von ihrer linken auf ihre rechte Seite schaufeln würde, ich bin mir sicher: Genau dieser Augenblick würde publikumsträchtig medial kommuniziert werden.

Und nun die acht Milliarden Euro. Wie schon gesagt, das Geld wird sicher benötigt, die Flutkatastrophe ist ein Desaster und bedroht etliche Existenzen. Aber ein Jahr früher oder später wäre der Betrag aller Wahrscheinlichkeit nach viel geringer ausgefallen. Noch dazu schaufelt Angela Merkel in bester Wahlkampfmanier waschkörbeweise Geld zum Fenster hinaus.

Allen europäischen Nachbarn, die in den letzten Monaten oder Jahren in finanzielle Engpässe geraten sind, wurde ein rigider Sparkurs diktiert – maßgeblich von unserer Bundeskanzlerin. Und wer steht angesichts einer anstehenden Bundestagswahl offensichtlich über diesen für alle geltenden Regeln?

Ich spar es mir…

 

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Die große Abfuhr

Gestern war die mit enormer Spannung erwartete Keynote von Apple in San Francisco. Ich habe sie mir — natürlich — angesehen. In Anbetracht der Tatsache, dass fast die gesamte Fachpresse seit Monaten auf Apple eingedroschen hat, ständig die Behauptung irgendwo zu lesen war, Apple habe seine Visions- und Innovationskraft eingebüßt und könne nun nichts wirklich Neues mehr auf den Markt bringen, war dieser Abend die reinste Abfuhr. Es war so ein klassischer „Ach, ihr könnt uns alle mal kräftig…“-Moment, gedacht für jene Schreiber, die vorher nicht müde geworden waren, kein gutes Haar an Apple zu lassen.

Gleich zu Beginn, noch bevor irgend jemand auf die Bühne trat, wurde der Saal verdunkelt. Ein kurzes Video wurde abgespielt, und — man kann es nicht anders sagen — es war eine unverhohlene Harke gegen Samsung, die im Mordstempo ein neues Gerät (mit geringem Innovationsaufwand) nach dem anderen auf den Markt werfen, und gegen jene Analysten, die ständig marktschreierisch mit Forderungen um sich werfen wie „Apple muss sofort ein xyz herausbringen, sonst wird es in der technologischen Entwicklung ein für alle Mal abgehängt…“.

Unter Designed by Apple kann man sich das Video noch einmal ansehen — sehr empfehlenswert. Der dort unterlegte Text lautet:

If everyone is busy making everything, how can anyone perfect anything?

We start to confuse convenience with joy, abundance with choice. Designing something requires focus.

The first thing we ask is: what do we want people to feel? Delight. Surprise. Love. Connection. Then we begin to craft around our intention. It takes time…

There are a thousand no’s for every yes. We simplify. We perfect. We start over.

Until everything we touch enhances each life it touches.

Only then do we sign our work.

Fantastisch! Apples Philosophie auf den Punkt gebracht. Nicht „und noch eins und noch eins und noch eins, irgend jemand wird's schon brauchen können“ sondern: „Eins, aber das ordentlich! Und wir lassen alles weg, was mehr stört als zu helfen.“

Ein wundervoller Moment war der Bühnenauftritt von Phil Shiller, der zuerst neue MacBook Air-Modelle vorstellte, dann überging zu einer kurzen Produktvorschau auf den kommenden Mac Pro. Und Hölle, was für eine Maschine! Mitten in seinen Ausführungen, als der Saal ohnehin schon am Kochen war, dann der Spruch für alle die Nein-Sager des vergangenen Jahres: „Can't innovate anymore, MY ASS!“ — Ich wäre vor Lachen fast vom Stuhl gefallen!

 

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Ungehörig

In der Schule, genauer gesagt am Schwarzen Brett im Lehrerzimmer, versteckt und halb verdeckt von Vertretungsplänen, Fortbildungsangeboten und sonstigem Krimskrams, habe ich heute durch Zufall einen ganz exquisiten Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 18. Mai 2013 gefunden: Lob der Lehrer von Matthias Hohnecker. Und dieser Artikel trifft auf amüsante, charmant formulierte Weise doch den Kern der Sache: „Was Eltern verbocken, müssen Lehrer richten. Das gelingt nicht immer. Aber oft.“

Der Lehrer als Sündenbock („Schon mal in der Telefonkette über den dauernden Unterrichtsausfall von Frau Soundso gedreckschleudert?“), Faulenzer („Und natürlich weiß ein jeder, dass Lehrer vormittags recht und nachmittags frei haben.“) und Lachnummer der Nation („Was ist der Unterschied zwischen Lehrern und Gott? — Gott weiß alles, Lehrer wissen alles besser.“), ein wahrhaft altbekanntes, fast schon ausgelatschtes Thema. Umso schöner, dass sich mal ein Journalist die Mühe macht bzw. die Blöße gibt, öffentlich zu den Lehrern und ihrer geleisteten Arbeit zu stehen.

Einen kleinen Einblick in die Lehrersichtweise kann man als interessierter Leser an dieser Stelle gewinnen:

Denn jeder Nichtlehrer, den man fragt, ob er gerne Lehrer wäre, sagt: „UM GOTTES WILLEN! Diese Rotzlöffel unterrichten? Niemals!“ Und wir UM-GOTTES-WILLEN-Nichtlehrer haben ja nur die Erfahrungen von sehr, sehr befristeten Kindergeburtstagsfesten.

Das ist genau der Punkt: Jeder war (früher) einmal in der Schule, meint auch, sich deswegen das Recht herausnehmen zu dürfen, über den gesamten Berufsstand zu urteilen. Selbst ergreifen möchte kaum mehr jemand diesen Job.

Nun habe ich wirklich das Glück, in den letzten Jahren nur ganz, ganz selten auf undankbare Eltern getroffen zu sein. Auch waren mir gegenüber alle sehr höflich und zuvorkommend. Noch dazu kann ich mich in der glücklichen Lage schätzen, gute Arbeitsbedingungen und nette Kollegen (ist leider keineswegs selbstverständlich) zu haben und viele wohlerzogene und nette, begeisterungsfähige und im genau richtigen Maße lustige, hin und wieder auch frech überdrehte Schüler zu unterrichten. Ich darf also überhaupt nicht maulen.

Gleichzeitig kenne ich Lehrerinnen und Lehrer, die sich Tag für Tag immer wieder neu in die Schule zwingen müssen, weil sie sich dort — aus den unterschiedlichsten Gründen — nicht mehr ganz (teils überhaupt nicht mehr) an ihrem Platz fühlen. Diese Kollegen leisten dennoch eine ungeheuer wichtige und meist hochqualitative Arbeit. Sie suchen die Schuld für das Unwohlsein im Unterricht zuerst bei sich selbst, werden didaktisch-methodisch aktiv und bemühen sich, an allen möglichen „Schrauben“ des eigenen Lehrerverhaltens zu drehen — immer im Bemühen, noch professioneller, noch besser zu werden.

Nicht immer gelingt es, nicht immer wird man Dank und Zufriedenheit ernten. Insofern tat dieser Artikel verdammt gut. Und deshalb möchte auch ich mich der Ungehörigkeit des Herrn Hohnecker anschließen und ihm herzlich für den warmen Lichtblick an diesem — glücklicherweise endlich einmal wieder sonnig gewordenen — Dienstag danken!

 

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Whistlers Mutter

Vor ein paar Tagen haben wir uns als ganze Familie „Bean — Der ultimative Katastrophenfilm“ auf dem Apple TV angesehen. Er hat einige sehr lustige Stellen, vor allem am Anfang, schlafft dann aber (meiner Meinung nach) ziemlich ab (ich persönlich finde, Mr. Bean sollte nonverbal seine Komödie betreiben, da ist er wesentlich besser, als wenn er etwas sagt…). Dennoch brachte mich der Film auf eine interessante Idee, denn ich habe mich schon häufiger gefragt: Warum ist es heutzutage kaum möglich, als Erwachsener offen und ehrlich über ein (Kunst)Werk zu sagen: „Es gefällt mir nicht.“?

Das muss doch möglich sein! Ist das eine fälschlich angewandte political correctness nach dem Motto „Bloß nichts schlechtes über XY sagen!“? Ich erlebe es zumindest nie, dass ein Erwachsener direkt zum Ausdruck bringt, dass ihm etwas aus dem Bereich der Kunst/Kultur nicht gefällt. Und es wird zunehmend unwahrscheinlicher, dass jemand Kritik an einem Werk äußert, je bekannter und „gesetzter“ Künstler und Werk sind.

Jugendliche gehen damit noch relativ unverkrampft um: Einerseits benötigen sie die öffentliche Ablehnung zumindest eines Teils der elterlichen bzw. erwachsenen Welt zur individuellen Abgrenzung, andererseits haben sie oft noch nicht so ausgeprägte kulturelle Scheuklappen an, die sie daran hindern, offen und ehrlich auszusprechen, was sie denken. Schade eigentlich, dass diese Eigenschaft einem so abgewöhnt wird. (Als Lehrer finde ich es zum Teil auch nicht ganz so schade, wenn das recht ordinäre „Ey, des klingt voll scheiße!“ denn Jugendlichen wieder abgewöhnt wird, aber das steht wiederum auf einem anderen Blatt…)

Am schlimmsten finde ich es aber, Musiker im Gespräch zu erleben. Meistens ist es ein ziemlich ermüdendes „Kennst du den XY?“-Spiel, bei dem man sich aber tunlichst unterstehen muss, sich negativ über wen auch immer zu äußern. Immer muss man großen Respekt vor der Leistung des anderen haben. Immer muss man denjenigen toll finden. Ganz oft habe ich mir schon gedacht: „Wenn die Etikette ohnehin vorgibt, dass man jeden, nach dem man gefragt wird, gut finden muss, warum wird man dann überhaupt gefragt?“ Wird da nur noch getestet, ob sich auch ja jeder an die Etikette hält?

Was sollte uns dann aber leiten? Wie sollte unser kultureller Kompass aussehen? — Diese Fragen kann und muss jeder Mensch letztlich für sich selbst klären, dennoch schweben mir ein paar ganz einfache Grundgedanken vor:

  1. Wenn mir persönlich ein Werk nicht gefällt, setze ich mich dem einfach nicht aus. Auch wenn der Künstler noch so berühmt sein mag. Basta.
  2. Wenn mir im Umkehrschluss etwas gefällt, von dem aber viele Meinungsmacher sagen, dass das ein (Achtung: Neudeutsch!) „No-go“ sei, dann gönne ich mir das trotzdem — und genieße es. Nochmals Basta!
  3. Ich vertraue meinem Bauchgefühl! Wenn man sich beim Genuss eines Kunstwerks wohl fühlt, kann es so schlecht nicht sein. Da darf das Hirn auch ruhig mal außen vor bleiben. Mir geht's damit gut.
  4. Ich vertraue auch meinem Verstand, denn zu manchen Werken kann man ein vertrauensvolles Verhältnis eher über die kognitive/technische Faszination aufbauen. Gerade bei avantgardistischen Werken kann das die Brücke sein, die einem das Bauchgefühl ansonsten möglicherweise verweigert.

Diese Auflistung wird sicher nicht jedem liegen. Ich verstehe auch viele Argumente, die für die etablierten Kunstwerke sprechen. Gleichzeitig sehe ich es nicht ein, einem Werk Respekt zu zollen, den es nicht zwingend verdient hat.

Eine perfekt passende Anekdote in dieser Hinsicht ist das „Hurz!“-Experiment von Hape Kerkeling. Gemeinsam mit seinem Pianisten Achim Hagemann bot er ein avantgardistisch klingendes, aber letztlich frei improvisiertes Nonsens-Stück dar, das auf dem überraschenden Ausruf „Hurz!“ endete. Im Anschluss diskutierte er mit dem Publikum, das natürlich nicht bemerkt hatte, dass sich die Interpreten über die Zuhörer lustig gemacht hatten. Nur eine einzige Person im Auditorium sagte offen und ehrlich, dass ihr das Stück „nichts gesagt habe“.

Ha! Da ist es wieder! Vermutlich saßen (mindestens) 99% der Zuhörer da und ertrugen das Stück nur mit Mühe, sagten bei der Diskussion danach aber entweder nichts oder nur Positives über diese Art der Ohrenquälerei. Ist es denn so schwer bzw. macht man sich so angreifbar, wenn man einfach sagt: „Nein, es hat mir nicht gefallen?“

Mir selbst geht es auch viel zu oft so, dass ich dem Interpreten nicht ins Gesicht sagen möchte, dass die Darbietung einfach nur grottenschlecht war, dass mir weder das Stück noch seine Interpretation gefallen haben. Und doch empfinde ich es als unhöflich. Also lasse ich es viel zu oft. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Hat jemand Vorschläge? Her damit, die Kommentarfunktion ist freigeschaltet…

(Quellenangabe: Das Bild stammt aus der App „Art Authority“ auf meinem iPad.)

 

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