Apps! 2 – Ulysses 3 & Daedalus Touch

Ulysses III & Daedalus Touch

Als ich 2005 meinen ersten Mac kaufte, war ich gefühlt der einzige in meinem näheren Umfeld, der mit einem Apple-Rechner arbeitete. Kurze Zeit darauf entdeckte ich an meiner damaligen Arbeitsstätte einen Schüler, der einen G5-iMac hatte. Wir kamen recht häufig ins Gespräch, da er in dieser Hinsicht wesentlich erfahrener – und auch ein ziemlicher Mac-Enthusiast – war (und vermutlich bis heute ist). Irgendwann fragte ich ihn, zu welchem Programm das gelbe U im Dock gehöre. Da lernte ich zum ersten Mal Ulysses (bei Twitter unter @ulyssesapp zu finden) kennen. Binnen weniger Stunden hatte ich das Programm direkt bei den Programmierern mittels EDU-Rabatt gekauft (damals gab es noch keinen MacAppStore). Es ist nicht mehr von meinen Rechnern verschwunden.

Ulysses hat einen faszinierenden Ansatz, der dem von Microsoft Office, Pages, OpenOffice oder LibreOffice diametral entgegensteht: Es soll nur um den Inhalt gehen. Die Formatierung, das Layout und der ganze Schnickschnack kommen erst später.

An dieser Stelle sei mir ein kleiner Exkurs erlaubt: Vor fünf oder sechs Jahren sah ich einmal einem Mädchen aus der gymnasialen Mittelstufe (ca. 8./9. Klasse) zu, das eine PowerPoint-Präsentation über ein asiatisches Land für den Geographie-Unterricht erstellen sollte. Statt sich erst ein Stück in den Inhalt einzulesen, um ein Bild vom Thema zu erhalten, begann sie gleich mit der Präsentation. Satte 20 Minuten hinweg suchte sie im Netz nach einem Bild für die Startfolie, die am Ende dann vermutlich gerade einmal für wenige Sekunden zu sehen sein würde. Weitere zehn Minuten gingen für die Formatierung dieser unwichtigen Startfolie drauf. Ich erinnerte sie mehrfach daran, doch endlich mal am Inhalt zu arbeiten. Völlig zwecklos. Nach 35 Minuten schaltete ich ihr den Computer ab und schickte sie in die Bibliothek, um anhand eines gedruckten Lexikons endlich einmal „handfestes“ Wissen über das Land zu erlangen, bevor sie weiter ihre Zeit verschwendete…

Dieser Exkurs zeigt, wie es vielen Leuten geht: Statt sich wirklich intensiv mit dem Inhalt, also der Hauptsache, auseinanderzusetzen, wird zu viel Zeit schon zu früh auf den optischen Schnickschnack verschwendet. Ständig wird umformatiert: ein Bildchen eingefügt, von links nach rechts (oder doch in die Mitte?) verschoben, eine neue Schriftart oder -größe ausprobiert und so weiter. Die wichtigere, anstrengendere, am Ende aber lohnendere Arbeit am Inhalt wird immer weiter ausgeklammert und so lange vor sich hergeschoben, bis am Ende (schon allein aus Zeitgründen) ein „perfekt gestyltes“, inhaltlich aber mangelhaftes Dokument herauskommt.

Ulysses eröffnet hier eine gänzlich andere Perspektive: der Schreiber arbeitet mit sog. Plain Text. Formatierungsmöglichkeiten? Eine Leiste mit den üblichen Symbolen für Fett- und Kursivdruck oder Unterstreichungen etc.? Fehlanzeige! (Ganz stimmt das nicht, aber ich möchte jetzt nicht alle technischen Details herunterleiern, die kann man auf der Homepage ulyssesapp.com unter „Feature Rundown“ in vollen Zügen genießen.) Da ist der Bildschirm. Nur der Bildschirm. Und er will gefüttert werden. Mit Text. Und da man nicht dran herumspielen kann (ja, einige Nerds werden davon sicher gleich wieder abgeschreckt… oder aber angezogen, hmmmm…), ist man mehr oder weniger gezwungen, sich dem Inhalt zu stellen. Und das ist ein herrliches Gefühl. Man kann regelrecht in dieser Arbeit versinken, die Produktivität schnellt nach oben. Das ist wirklich konzentriertes, effektives und am Ende außerordentlich befriedigendes Arbeiten.

Vor ein paar Wochen kam nun von Ulysses die Version 3 im MacAppStore heraus. Sofort als ich davon erfahren hatte, ging ich an den Rechner, kaufte und lud die neue Software. Und binnen weniger Tage hatte ich drei Klassenarbeiten, zwei neue Arbeitsblätter, fünf fertige Blog-Einträge (und noch mindestens zehn Entwürfe für neue) geschrieben (auch dieser ist auf diese Weise entstanden). Es gibt mittlerweile viele andere Programme, die das Prinzip des „einfach Schreibens“ zum Motto erkoren haben: iA Writer, Compostitions, Byword, Ommwriter (ich habe von fast allen sowohl die Mac OS X- als auch die iOS-Variante). Ulysses 3 hat meiner Meinung nach aber den eindeutig größten Sex-Appeal aller Apps dieser Sparte. Die aufgeräumte Oberfläche, die Möglichkeit, die Markdown-Leiste rechts einzublenden, die Trennung in Stapel und Blätter… Vom Feinsten!

Wie steht es nun mit einem iOS-Pendant? In der Überschrift habe ich ja noch einen Begriff untergebracht: Daedalus Touch (bei Twitter unter @daedalusapp zu finden) ist so etwas wie die iOS-Variante von Ulysses 3. Die Formulierung „so etwas“ ist beabsichtigt, denn die Funktionen sind nicht 1:1 gleich (die technischen Spezifikationen findet man wiederum auf der Homepage daedalusapp.com unter „TechSpecs“). Dennoch tauschen die beiden Apps über iCloud ohne weiteres Bemühen des Benutzers ihre Daten aus, was ich für sehr bequem halte. Das UI von Daedalus Touch arbeitet mit der Darstellung eines Papierstapels, was mir persönlich durchaus gefällt. Allerdings schreibe ich eher auf einer Seite einen langen Text, anstatt ihn auf viele einzelne Seiten zu verteilen. Gelegentlich habe ich die Möglichkeit, mit mehreren Seiten zu arbeiten, aber auch schon intensiv genutzt. Vor allem, wenn die einzelnen Textbausteine dann am Ende in eine andere Reihenfolge gebracht werden mussten, war das sehr hilfreich, denn die Blätter lassen sich natürlich einfach durchtauschen. Ansonsten gibt es auch hier glücklicherweise nur wenige Einstellungsmöglichkeiten. Die Arbeit am Text steht im Vordergrund.

Mittlerweile hat sich bei mir ein schöner Arbeitsablauf ergeben: Ich schreibe abwechselnd in Ulysses oder Daedalus an meinen Texten. Wenn sie dann endlich fertig sind, greife ich auf dem iPad darauf zu, markiere den kompletten fertigen Text (in Markdown), übergebe ihn mittels Launch Center Pro an Blogsy, füge noch das Titelbild ein, drücke „Veröffentlichen“. Fertig. Das nenne ich Produktivität.

 

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3 Gedanken zu „Apps! 2 – Ulysses 3 & Daedalus Touch

  1. Ominöser Ex-Schüler sagt:

    Gott hab den alten G5-iMac selig …
    Aber er kann halt doch nur verlieren gegen diesen nagelneuen iMac 27″, der meinen Schreibtisch schmückt, mit 32GB Ram und Fusion Drive und und und … lecker!
    Er hat es sogar geschafft, in meiner persönlichen Verliebtheitsskala mein Büro-Setup mit Msc Pro und 2 30″-Cinema-Displays zu überholen. Und das will was heißen.

    So viel dazu. Ulysses rockt!

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