Für ein schwierigeres Abitur

So, gleich mit dem ersten neuen Artikel möchte ich mich etwas unbeliebt machen: Ich fordere ein deutlich schwierigeres Abitur. In der Folge werden zwangsläufig weniger Schüler das Abitur schaffen. Diejenigen, die es schaffen, werden aber mit einer gehörigen Portion Stolz auf „ihr Abitur“ verweisen.

Meine Forderung entspricht nicht dem politischen Willen der Jetzt-Zeit — und auch nicht dem der letzten 15 Jahre. Denn was in diesen letzten Jahren mit dem Abitur angestellt wurde, ist eindeutig politisch gewollt, sorgt aber nur für eine stetige Entwertung dieses einst exklusiven Schulabschlusses. Viele Gymnasiallehrer beklagen seit Jahren, dass der politisch durchgesetzte Wille, mehr Schüler zum Abitur zu führen, nicht etwa durch eine Bildungsintensivierung herbeigeführt wird. Es geht immer nur über eine Vereinfachung der Bedingungen.

Ein Beispiel: Ich bin nun seit zehn Jahren Lehrer (ich bin großzügig und zähle mein Referendariat, das im Februar 2003 begann, einfach mit dazu). In dieser Zeit wurde die Zahl der möglichen Kurse mit Unterpunktung (also einer Semesterleistung von weniger als fünf Punkten) heraufgesetzt. Früher hieß es: Fünf Kurse unter fünf Punkten: Kein Abitur mehr möglich. Vielen Dank für's Mitspielen. Tschüss! Heute heißt es: Na ja, sehen wir mal, ob der Kollege nicht noch einen Punkt springen lässt (live gehört im Lehrerzimmer). Noch dazu ist die Zahl ja schon auf acht erweitert worden. Noch ein paar Jahre und es sind zehn. Noch ein paar Jahre und man kann unbegrenzt unterpunkten. Wen kümmert's, Hauptsache ist doch, man bekommt (irgend) ein Abitur, um die Statistik zu erfüllen. Deutschland muss mehr Abiturienten hervorbringen. Das ist die politische Absicht.

Früher ging mit den scharfen Abiturregeln eine gewisse (und nicht zu unterschätzende) Exklusivität einher, die hieß: Wer ein Abitur hat, ist allgemein gebildet. Er (natürlich ist damit auch „sie“ gemeint) hat in allen belegten Fächern seine Leistungen erbringen müssen. Maximal fünf einzelne Halbjahresleistungen wurden als ausreichend (oder schlechter), keine einzige mit ungenügend bewertet.

Das schaffte damals (und schafft auch heute) nicht jeder. Deshalb war das Abitur wertvoll, exklusiv, angesehen.

Seit ein paar Jahren wird nun versucht, den Prozentsatz der Abiturienten zu steigern. Es geht nur um den Prozentsatz, mit dem sich Deutschland international brüsten will (das meinte ich oben mit der Statistik). Das anvisierte Ziel ist ehrgeizig, eigentlich kaum zu schaffen. Um den Weg dahin nicht auf die „harte Tour“ — also mit einer heftigen (und sehr teuren) Leistungsoffensive in der gesamten Bildungslandschaft — machen zu müssen, geht man den Weg des geringsten Widerstandes: Man macht einfach das Abitur leichter. So lässt sich das Ziel („mehr Abiturienten“) leichter und schneller erreichen. Gleichzeitig aber ist das erleichterte Abitur (im Volksmund auch „Turbo-Abi“ genannt) aber auch weniger wert.

Ich bin ja nun kein rückwärts gewandter Mensch, für den „früher alles besser“ war. Aber in diesem Fall muss ich sagen, dass ich eine eindeutige Fehlentwicklung sehe. Das Abitur muss meiner Ansicht nach dringend wieder schwieriger werden. Denn nur so kann es wieder zu einem Alleinstellungsmerkmal werden.

Die Suche nach einem Weg, der insgesamt auf „gesunde Weise“ mehr Abiturienten hervorbringen kann, ist eigentlich abgeschlossen. Aber er braucht Zeit, zwölf oder dreizehn Jahre mindestens. Zu viel für Politiker, die in Legislaturperioden denken. Außerdem wird so ein Konzept teuer. Denn das Erfolgsrezept sind die folgenden Eckpunkte: kleine Klassen, gut ausgebildete Lehrer, gute Ausstattung in den Schulen. Das gibt's halt nicht für nichts. Und deswegen wird immer der leichte Weg gegangen. Und deswegen wird es dann halt auch nichts. Schade auch.

 

3 Gedanken zu “Für ein schwierigeres Abitur

  1. Karl Kolumno 12. Januar 2013 / 12:29

    Ich halte es für wünschenswert, wenn möglichst viele Menschen eine möglichst breite Bildung erhalten können. Eine gut gelehrte Mischung aus Natur- und Kulturwissenschaften erfährt leider nicht jeder. So wie ich zum Beispiel: Ab der 7. Klasse fand der Musikunterricht in meiner Realschule einfach nicht mehr statt. Eigentlich ein Skandal. Und mit ein Grund für die heutige Entwicklung: Real- und Hauptschullehre und Abschluss taugt einfach nichts. Also wollen alle Eltern ihre Kinder „mindestens“ auf dem Gymnasium sehen. Das äußert sich in einem verwaschenen Abschluss und den unterschiedlichsten Formen diesen zu erlangen. Auf der Hochschule fragt man sich dann wer da alles immatrikuliert wurde. Man darf nicht vergessen: Ein durchlässiges Abitur führt auch zu Qualitätsverlusten im Studium. Ich kenne viele Studenten die sich darüber beklagen.

    Dennoch: Eine Verschärfung des Abiturs um der Schwere willens ist nicht wünschenswert. Es muss mit einer Aufwertung der niedrigeren Schulformen einher gehen. Solange man mit einem Realschulabschluss Schwierigkeiten hat Kaufmannsgehilfe zu werden brauchen wir auch durchlässige Gymnasien. Es wäre wünschenswert wenn auch in Real- und Hauptschulen mehr produziert wird als Arbeiter.

    • solera1847 12. Januar 2013 / 13:25

      Da kann ich nur zustimmen. Mir geht es nicht darum, das Abitur einfach nur schwerer zu machen. Es soll einen (eigenen) Sinn machen in der Bildungslandschaft.

      Die Aufwertung aller anderen Schulformen steckt letztlich in der — selbstverständlich rein hypothetischen — Überlegung, mit kleineren Klassen, gut ausgebildeten Lehrern und einer guten schulischen Infrastruktur (und damit meine ich keine digitalen Tafeln und solchen Schnickschnack) mehr erreichen zu können. Wenn diese Bedingungen eine ganze Schulkarriere begleiten, dann kann sich da auch eine insgesamt gesteigerte Qualität ergeben.

      Und ich wage noch eine Prognose: Alle Beteiligten würden sich dabei auch noch viel wohler fühlen.

  2. Lorenz 12. Januar 2013 / 17:54

    Ich stimme dir zu, und bei manchen meiner Kommilitonen frage ich mich auch, wo die ihr Abi herhaben… Absolute Katastrophe was da teilweise an Allgemeinbildung fehlt.

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